Sindschar

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Sindschar
Lage
Sindschar (Irak)
Sindschar
Sindschar
Koordinaten 36° 19′ N, 41° 52′ OKoordinaten: 36° 19′ N, 41° 52′ O
Staat Irak
Gouvernement Ninawa
Basisdaten
Höhe 520 m
Einwohner 39.875 (2006)

Sindschar (kurdisch شنگال Şingal, arabisch سنجار, DMG Sinǧār, aramäisch  ܫܝܓܳܪ Shiggor) ist eine irakische Stadt in der Provinz Ninawa mit 39.875 Einwohnern (Stand 2006). Gleichzeitig ist Sindschar auch Hauptstadt eines gleichnamigen Distriktes. Die Stadt liegt südlich des Dschabal Sindschar.

Die Bewohner Sindschars sprechen hauptsächlich Shengali, welches ein Dialekt der kurdischen Sprache Kurmandschi ist, und gehören der ethno-religiösen Minderheit der Jesiden an. Die Stadt wird von der irakischen Zentralregierung verwaltet. Der Status der Stadt ist nicht geklärt. Laut Artikel 140 der irakischen Verfassung soll eine Volksabstimmung entscheiden, ob sie weiterhin von der Zentralregierung oder der Autonomen Region Kurdistan verwaltet werden soll.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Antike wurde der Ort Singara genannt. Gelegen am Fuße des Berges Sindschar, hatte es eine große strategische Bedeutung. In römischer Zeit wurde Singara schwer befestigt und Legionsstandort (so etwa für die Legio I Parthica). In der Spätantike war die Stadt dann wiederholt das Ziel von Angriffen der Sassaniden. 344 fand hier eine große Schlacht statt, in welcher der römische Kaiser Constantius II. fast schon gewonnen hatte, als ihn das undisziplinierte Verhalten seiner Truppen doch noch den Sieg kostete. Im Frieden von 363 wurde die Stadt dem Sassanidenkönig Schapur II. zugesprochen. Aus römischer Zeit sind heute noch einige Überreste vorhanden. Der Ort ist wohl auch mit dem Schinar der Bibel gleichzusetzen; wenigstens ist der Name davon abgeleitet.

In Singara muss es auch eine größere christliche Gemeinde gegeben haben, aus der unter anderem Gabriel von Schiggar stammte, der im 7. Jahrhundert Leibarzt König Chosraus II. war.

Ein Tempel der Jesiden in der Region, 2004

Kämpfe 2014–2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Monaten Juli und August 2014 flohen Tausende von in Sindschar lebenden Jesiden vor den sunnitischen IS-Kämpfern vor allem in den Höhenzug des Dschabal Sindschar, zum Teil auch in die Türkei oder in die Autonome Region Kurdistan.[1][2] Sie wurden dabei von der kurdischen Armee (YPG, Peschmerga) militärisch unterstützt. US-amerikanische Kampfbomber griffen militärisches Gerät (Lastwagen, Artillerie, Panzer) des IS an. US-amerikanische und kurdische Transportflugzeuge versorgten die Flüchtlinge auf dem Sindschar-Gebirge mit Lebensmitteln. YPG-Kämpfern gelang es, einen Korridor nach Syrien freizukämpfen und zu halten, wodurch den Eingeschlossenen die Flucht aus dem Gebirge ermöglicht wurde.

Mitte Oktober 2014 traten die IS-Milizen wieder zu einer Offensive an und konnten den Kessel bis zum Fuß des Gebirges zusammenziehen; es wurden etwa 7.000 Zivilisten im Gebirge eingeschlossen. Nur der Ort Scharaf ad-Din konnte in der Schlacht um Sherfedîn von den in der Zwischenzeit gebildeten jesidischen Bürgerwehren Hêza Parastina Şingal (HPS) und Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBS) gehalten werden. Die verbliebenen Ortschaften mussten in Rückzugsgefechten aufgegeben werden.

Am 1. November 2014 wurde bekannt, dass die Peschmerga eine Offensive zur Befreiung der Stadt gestartet hatten.[3][4] Im Dezember 2014 waren bereits Teile der Stadt in kurdischer Hand. In Hardan, einem jesidischen Dorf nahe Sindschar, fand man Massengräber.[5]

2015 war Sindschar immer noch umkämpft. Auf kurdischer Seite beteiligen sich mehrere unterschiedliche Milizen, die untereinander zerstritten sind. Masud Barzani kündigte am 3. August 2015 an, die Region Sindschar solle Teil der autonomen kurdischen Region werden.[6] Nach einer neuen Großoffensive (Operation Free Shingal) im Herbst 2015 teilten Kreise der kurdischen Autonomieregierung am 13. November 2015 mit, es seien Peschmerga von allen Seiten nach Sindschar eingedrungen und dass es gelungen sei, zentrale Gebäude zu besetzen.[7] Noch im Laufe des Tages wurde die Stadt, mit Ausnahme einiger Bereiche im Süden, aus der Hand des IS befreit. Neben den Peschmerga, die sich ihrerseits zum großen Teil aus jesidischen Kämpfern zusammensetzten, waren an der Aktion auch Mitglieder von YBS, HPS, YPG und PKK beteiligt.[8] Der Verlust Sindschars ist für den IS ein empfindlicher Rückschlag, da die beiden wichtigsten Orte der IS Ar-Raqqa (Syrien) und Mossul (Irak) über den Highway am Dschabal Sindschar entlang verbunden sind.

Nach der Rückeroberung fand man ein Massengrab mit den Leichen von 78 jesidischen Frauen.[9] Der Bürgermeister Sindschars äußerte, von etwa 10.000 Bewohnern fehle jede Spur; man nehme an, dass die meisten ermordet wurden.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Loveday Morris: Islamic State seizes town of Sinjar, pushing out Kurds and sending Yazidis fleeing. Washington Post, 3. August 2014, abgerufen am 23. Oktober 2014 (englisch).
  2. Bangen um Angehörige: Jesiden in Deutschland gehen auf die Straße. Handelsblatt.de, 8. August 2014, abgerufen am 23. Oktober 2014.
  3. dpa: Kurden schlugen erneuten IS-Angriff auf Kobane zurück. Der Standard, 1. November 2014, abgerufen am 1. November 2014.
  4. spiegel.de 20. Dezember 2014: Terrorgruppe: IS-Miliz soll mehr als hundert "Deserteure" hingerichtet haben
  5. Newsobserver.com: Grisly finds in Iraqi Yazidi village wrested from militants, 24. Dezember 2014, abgerufen am 1. Februar 2015.
  6. http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2015/08/kurdistan-yazidis-armed-forces-influence-sinjar.html#
  7. Kurden erobern Sindschar von IS zurück, Artikel der Zeit vom 13. November 2015
  8. Thomas Pany: Kurden erobern Sindschar zurück. Telepolis, 13. November 2015, abgerufen am gleichen Tage
  9. spiegel.de 15. November 2015
  10. spiegel.de 29. Dezember 2015