Sinti-Kinder von Mulfingen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gedenktafel unter einem Fenster der Josefspflege

Die Sinti-Kinder von Mulfingen waren Kinder aus Sinti-Familien, die bis 1944 im katholischen Kinderheim St. Josefspflege in Mulfingen lebten und dann fast alle nach Auschwitz deportiert wurden.

Von Mulfingen nach Auschwitz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schulpflichtige Sinti-Kinder aus Württemberg, bei denen Heimerziehung angeordnet worden war oder deren Eltern bereits aufgrund des Zigeuner-Erlasses in Konzentrationslager deportiert worden waren, wurden seit 1938 in der St. Josefspflege in Mulfingen erzogen. Als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ dienten sie 1943 Eva Justin als Probanden für ihre Doktorarbeit über die „Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen“. Dadurch blieben sie bis zum Frühjahr 1944 vor dem Abtransport in ein Konzentrationslager verschont. Eva Justin kam in ihrer Dissertation zu dem Schluss, dass eine Unfruchtbarmachung derartiger Kinder angezeigt sei: „Erziehen wir einen Zigeuner, […] so bleibt er infolge seiner mangelhaften Anpassungsfähigkeit in der Regel doch mehr oder weniger asozial. Alle Erziehungsmaßnahmen für Zigeuner und Zigeunermischlinge einschließlich jeder Form der Fürsorgeerziehung sollten daher aufhören […] Alle deutscherzogene [sic!] Zigeuner und Zigeunermischlinge 1. Grades […] sollen daher in der Regel unfruchtbar gemacht werden.“[1]

Eingangstür der Josefspflege

Nachdem Justin ihre Doktorarbeit beendet und eingereicht hatte, wurden die Sinti-Kinder aus den Kinderheimen in Mulfingen, Hürbel und Baindt[2] für die Aufnahme im „Zigeunerlager Auschwitz“ in Auschwitz-Birkenau erfasst. Einigen Kindern wurde noch die Notkommunion verabreicht, ehe sie abtransportiert wurden. Am 9. Mai 1944 wurden die meisten dieser Kinder unter dem Vorwand, es gehe auf einen Ausflug, in einem Bus zunächst nach Künzelsau gefahren; schon vorher hatte der für das Heim zuständige Pfarrer Volz beim Caritasverband um rasche Zuweisung neuer Kinder für seine nach dem Abtransport der Sinti-Kinder unterbelegte Institution gebeten.[3]

Da den älteren Mädchen und Jungen durch das Erscheinen der begleitenden Polizisten bereits klar geworden war, wohin die Fahrt ging, brach schon auf dem Hof der Josefspflege beim Einsteigen in den Bus eine Panik aus, woraufhin zur Beruhigung der Kinder die Lehrerin Johanna Nägele und die Schwester-Oberin Eytichia auf dem ersten Teil der Strecke mitfuhren. Auf dem Bahnhof von Künzelsau mussten die Kinder zunächst längere Zeit, von den Polizisten bewacht, auf den Waggon warten, in den sie dann verladen wurden. Sie erhielten die Anweisung, sich an den Bahnhöfen von den Fenstern des Wagens fernzuhalten. In Crailsheim wurde der Transport von Waffen-SS-Männern übernommen und der Wagen mit den Kindern an einen Zug nach Auschwitz angekuppelt. Dort stieß auch Adolf Scheufele, der Leiter der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ bei der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart, der die „Deportation“ der Kinder unter sich hatte, dazu, und eine Kriminalassistentin begleitete die Kinder hinfort zusammen mit der Wachmannschaft.[2][4] Die Fahrt, die öfters von Luftangriffen unterbrochen wurde, dauerte drei Tage; in Dresden stand der Wagen während eines Bombenangriffs ungeschützt auf einem Abstellgleis.

Am 12. Mai 1944, zur Zeit des bereits in Auflösung stehenden Zigeuner – Familienlager Auschwitz kam der Transport an. Dieses lag im Lagerabschnitt B II e. Dort trafen die Kinder weitere Sinti-Kinder wieder, die ebenfalls in Mulfingen gelebt hatten, aber schon früher deportiert worden waren. Die Kinder kamen zunächst in den Block 16, blieben dort nur ungefähr 14 Tage zusammen, danach kamen die unter Vierzehnjährigen in den „Kinderblock“ bzw. „Waisenblock“.[2] Bei einer Selektion in Auschwitz wurden nur vier ältere Kinder als Arbeitskräfte aussortiert, drei Mädchen und ein Junge (Amalie Schaich, geb. Reinhardt, Luise Würges, geb. Mai, Rosa Georges und Andreas Reinhardt). Sie kamen in die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück. Die übrigen Mulfinger Sinti-Kinder wurden zum Teil noch von Josef Mengele für medizinische Experimente missbraucht[5] und dann in der Nacht zum 3. August 1944 vergast.

Gedenkstätten und Gedenkkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gedenktafel in Mulfingen

An der St. Josefspflege in Mulfingen befindet sich seit 1984 eine Gedenktafel, die an die Sinti-Kinder aus dem Heim erinnert. Sie trägt den Text:

Erinnerung an Anton Köhler im Rahmen des „Denk Orts“ in Nürtingen

Aus der Gemeinschaft dieses Heimes wurden
am 9. Mai 1944 die hier lebenden 39 Sinti-Kinder
herausgerissen und in das KZ Auschwitz deportiert – nur vier Kinder überlebten

Zur Erinnerung an die Opfer

Rudi Delis * Maria Delis * Rudolf Eckstein * Fritz
Eckstein * Martin (Markus) Eckstein * Amandus
Eckstein * Patrizka Georges * Wilhelm Georges *
Sofie Georges * Ferdinand Georges * Johanna
Köhler * Franz Köhler * Anton Köhler * Olga
Köhler * Anton Köhler * Elise Köhler * Johann
Köhler * Josef Köhler * Sonja Kurz * Otto Kurz *
Thomas Kurz * Martha Mai * Sofie Mai * Karl
Mai * Elisabeth Mai * Johanna Reinhard * Klara
Reinhard * Scholastika Reinhard * Adolf
Reinhard * Siegfried Schneck * Luana Schneck *
Karl Weiss * Maria Winter * Rosina Winter *
Josef Winter[6]

Ein Denkmal für die Mulfinger Kinder schuf Wolfram Isele; es befindet sich seit 2000 im Foyer des Jugendamts[7] in der Wilhelmstraße 3 in Stuttgart. Das Denkmal zeigt 39 Aktenordner, die die Schicksale der 39 deportierten Kinder symbolisieren sollen.[8] Für die Geschwister Kurz aus Bad Cannstatt wurden Stolpersteine vor deren ehemaliger Wohnstatt in der Badergasse verlegt.[9]

Anton Köhler, Sinto, geboren 1932 in Nürtingen, ermordet 1944 in Auschwitz-Birkenau, Bildhauer: Robert Koenig, Projekt Odyssey

In Nürtingen wurde am 26. Juli 2015 eine Holzskulptur zur Erinnerung an den in Nürtingen geborenen Anton Köhler feierlich enthüllt. Darüber hinaus steht die Holzfigur als „Wächter der Erinnerung“ stellvertretend für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen. Die überlebensgroße Holzskulptur des britischen Bildhauers Robert Koenig, die im Rahmen des Projektes Odyssey entstand, zeigt Anton Köhler im fiktiven Alter von 21 Jahren. Anton Köhler selber wurde im Alter von 12 Jahren in Auschwitz-Birkenau ermordet.[10][11][12] Auch im Nürtinger „Denk Ort“ wird – abwechselnd mit Kurzbiografien anderer Opfern und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung – das Schicksal Anton Köhlers präsentiert. Verweise leiten dort auf breitere Darstellungen auf der Webseite der Nürtinger Gedenkinitiative.[13][14][15][16] Robert Reinhardt textete zum Schicksal von Anton Köhler und den anderen Sintikindern und Romakindern, die in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden, das Lied Miro Si rowela auf Sinti-Romanes und Deutsch und sang es ein. Dieses Lied wurde anlässlich einer Ehrung im Nürtinger Rathaus erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.[17][18][19]

Überlebende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außer den vier Kindern, die in Auschwitz zum Arbeitseinsatz aussortiert wurden, überlebten noch einige ältere Geschwister der Mulfinger Heimkinder den Porajmos, so etwa Waltraud Köhler – eine ältere Schwester des oben erwähnten Anton Köhler, Alois Winter, Emil Reinhardt und Wilhelm Eckstein.[20] Nach der Schulentlassung pflegten sich die Landwirte der Umgebung unter den Heimkindern der Josefspflege ihre künftigen Mägde und Knechte auszuwählen. Ehemalige Pfleglinge des Kinderheims entkamen so dem Schicksal der Deportation, weil sie nicht mehr auf den Listen der Josefspflege geführt wurden. Emil Reinhardt etwa arbeitete bereits als Knecht. Als er seinen jüngeren Geschwistern in der Josefspflege Lebensmittel bringen wollte, wurde er von der Polizei abgefangen und so brutal geohrfeigt, dass er dadurch sein Gehör verlor. Emil Reinhardt versteckte sich bis zum Ende des Dritten Reichs und konnte so überleben.[21]

Einen Sonderfall stellte ein 1934 geborenes Mädchen namens Angela dar, das in den Listen des Heims unter dem Namen seiner leiblichen Mutter, Schwarz, geführt wurde, bei den Behörden aber unter dem Namen seines Vaters, Reinhardt. Dadurch erschien es nicht auf der Liste der Kinder, die im Mai 1944 abtransportiert werden sollten. Die Zehnjährige wurde wohl auch durch die Ohrfeige einer Ordensschwester der St. Josefspflege gerettet, die sie nach oben schickte und so verhinderte, dass das Mädchen mit in den Bus einstieg und den „Ausflug“ mitmachte. Angela Reinhardt wurde später zur Hauptperson der dokumentarischen Erzählung Auf Wiedersehen im Himmel von Michail Krausnick. Unter dem gleichen Titel wurde auch ein Film über die Mulfinger Sinti-Kinder produziert, in dem Eva Justins Originalaufnahmen aus Mulfingen sowie Interviews mit Überlebenden zu sehen sind.[22]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eva Justin, Dr. Rolf Ritter und Kimininalsekretär Adolf Scheufele „setzen ihre Karrieren nach der NS-Zeit fort, teils waren sie wieder für so genannte ‚Zigeunerfragen‘ zuständig, Adolf Scheufele sogar wieder bei der Kripo Stuttgart.“[2] In dem auf Romanes gesungenen Lied Miro Si rowela prangert Robert Reinhardt in einem Sprechtext auf Deutsch namentlich „Schuldige an diesem Massenmord“ an und beklagt, dass sie „nie zur Rechenschaft gezogen“ wurden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michail Krausnick: Auf Wiedersehen im Himmel. Die Geschichte der Angela Reinhardt. 2. Auflage. Arena-Verlag, Würzburg 2009, ISBN 978-3-401-02721-0.
  • Johannes Meister: Die „Zigeunerkinder“ von der St. Josefspflege in Mulfingen. (PDF; 677 kB) In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. 2 (1987), S. 14–51.
  • Manuel Werner: Wer hat schon um diese Kinder geweint? In: Nürtinger Zeitung, 15. Juni 2013; Reportage.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ausstellung Plakat Frankfurt Auschwitz. Abgerufen am 30. März 2016.
  2. a b c d Manuel Werner: In Nürtingen geboren – in Auschwitz ermordet: Anton Köhler, in: Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen, abgerufen am: 6. Oktober 2013.
  3. Die katholischen Bischöfe und die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau. Abgerufen am 30. März 2016.
  4. Uwe Renz: „Der schwärzeste Tag“. Historiker Janker klärt Deportation von Sinti-Kindern aus Mulfingen auf. drs.de; abgerufen am 10. April 2013
  5. Sendungsinhalt: Auf Wiedersehen im Himmel – Die Sinti-Kinder von der St. Josefspflege. Abgerufen am 30. März 2016.
  6. Laut einem Dokument der Kriminalpolizeistelle Stuttgart vom 14. Juni 1944 waren die Geschwister Delis und Schneck nicht am 9. Mai 1944 mit den anderen Mulfinger Sinti-Kindern abtransportiert worden, sondern schon am 21. April 1944 in das „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau eingeliefert worden. Die Schreibung des Namens Reinhard(t) entspricht den Listen des Heims.
  7. "informationen" Nr. 55, Juni 2002. Archiviert vom Original am 5. Oktober 2007, abgerufen am 30. März 2016.
  8. Wolfram Isele: Denkmal für die Mulfinger Kinder. Abgerufen am 30. März 2016.
  9. Vier Cannstatter Sinti-Kinder. Abgerufen am 30. März 2016.
  10. Wächter der Erinnerung, in: Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen, abgerufen am: 30. Juli 2015.
  11. Odyssey, in: Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen, abgerufen am: 30. Juli 2015.
  12. Enthüllung der „Nürtinger“ Odyssey-Figur, in: Nürtinger Zeitung vom 30. Juli 2015
  13. Unser Denk Ort. Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen; abgerufen am 30. Juli 2015.
  14. Manuel Werner: In Nürtingen geboren – in Auschwitz ermordet: Anton Köhler. Nürtinger Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Website der Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen; abgerufen am: 26. Februar 2016.
  15. Manuel Werner: Das Geschrei verhallt in der Nacht. In: Nürtinger Zeitung, 9. Februar 2016
  16. Thomas Schorradt: Das zweite Leben des Anton Köhler. In: Stuttgarter Zeitung, 13. Dezember 2016
  17. Philipp Braitinger: Er gibt Menschen ihre Würde zurück. In: Stuttgarter Zeitung, 12. Februar 2016
  18. Thomas Schorradt: Das zweite Leben des Anton Köhler. In: Stuttgarter Zeitung, 13. Dezember 2016
  19. Manuel Werner: Die Erinnerung braucht uns, und die Zukunft auch! (PDF) In: Nürtinger STATTzeitung; Rede bei der Übergabe des „Eis der Heckschnärre“.
  20. Michail Krausnick: Auf Wiedersehen im Himmel. Die Geschichte der Angela Reinhardt. 2. Auflage. Würzburg 2009, ISBN 978-3-401-02721-0, S. 139
  21. Biografien zur Sendung „Auf Wiedersehen im Himmel – Die Sinti-Kinder von der St. Josefspflege“. Abgerufen am 30. März 2016.
  22. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. Abgerufen am 30. März 2016.