Sion-Schatz

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Der Sion-Schatz, der aufgrund seines Fundortes auch Kumluca-Schatz genannt wird, wurde im Jahr 1963 in Kumluca in der Türkei (dem antiken Korydalla in Lykien) gefunden. Er ist neben dem Schatz von Kaper Koraon der größte frühbyzantinische Silberschatzfund. Der Schatzfund besteht aus 53 bis 58 Objekten, sowie 22 Abdeckungen und diversen Nägeln, Ketten, als auch einer Küpfermünze. Heute befinden sich die Objekte teilweise in der Dumbarton Oaks Collection in Washington D.C. und teilweise im Archäologischen Museum in Antalya.

Fundgeschichte

Karte Lykiens. Rot markiert sind die Städte Kumluca (Fundort) und Myra (eventueller Aufbewahrungsort des Schatzes)

Die Fundgeschichte ist nicht exakt zu rekonstruieren ist. Sicher ist, dass er 1963 von Anwohnern Kumlucas entdeckt wurde und Teile des Schatzes durch die Hände des Antikenhändlers Georges Zacos über einige Umwege ihren Weg in den Besitz des Kurators von Dumbarton Oaks, John Seymour Thacher, fanden. Die Neuigkeit des Schatzfundes zog nach und nach seine Kreise durch das Gebiet um Kumluca und erreichte schließlich auch Zacos, der den Schatz begutachtete und in die frühbyzantinische Epoche einordnete. Nach dieser ersten Einschätzung wandte er sich an das Dumbarton Oaks Institut und verkaufte 38 Objekte des Sion-Schatzes für eine hohe Summe (angeblich 1 Mio. US$) an ebendieses. Zur gleichen Zeit führten türkische Archäologen Grabungen in dem Gebiet durch und förderten weitere Silberobjekte zu Tage. Dabei handelte es sich um 13-18 Objekte, die sich mittlerweile in der Sammlung des Archäologischen Museums Antalya befinden. Aufgrund erster Publikationen der Objekte aus der Dumbarton Oaks Collection wurde das Archäologische Museum Antalya auf diese aufmerksam und erkannte den Zusammenhang zwischen den 38 Objekten in Washington und den 13-18 Objekten in türkischem Besitz. Daraufhin kam es zu einem bis heute andauernden Rechtsstreit zwischen den beiden Museen über den Besitzanspruch des Schatzes. Wegen jenes Rechtsstreites ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob sich nun 13 oder 18 Objekte in türkischem Besitz befinden, da keine Publikationen aus Antalya bekannt sind.

Neben der bereits geschilderten Fundgeschichte findet sich noch eine weitere Variante des Geschehens. Im Interview mit Karl E. Meyer berichtet Zacos selbst, unter dem Pseudonym Gregory Omega, die Fundumstände wie folgt: Eine junge Anwohnerin Kumlucas soll in einem Traum einen größeren Silberschatz unter einem Baum auf einem Hügel gefunden haben. Um diesem Traum nachzugehen, fanden sie und ihre Familie sich an besagtem Baum ein und fanden dort tatsächlich einige Silberobjekte, die, wie sich später herausstellte, Teile des Sion-Schatzes waren. Diese Variante der Fundgeschichte ist wissenschaftlich natürlich nicht tragbar, allerdings ist sie die Einzige, auf die sich Zacos stützt.

Als gesichert gilt, dass sich zwei Objekte in Privatbesitz in England und der Schweiz befinden, ob es sich dabei um die einzigen Objekte in Privatbesitz handelt, ist unklar.

Objektübersicht

Der Umfang des Sion-Schatzes beläuft sich auf rund 53 bis 58 Objekte, zuzüglich 22 Abdeckungen, sowie einiger Nägel, Ketten und einer Kupfermünze. Bis auf die Münze sind alle Teile aus Silber gearbeitet, beziehungsweise waren mit Silber überzogen.

Neben 46 Inschriften, die sich in Fürbitten, Schwüre und Formeln gruppieren lassen, finden sich auch 12 Monogramme. Es werden 16 - 18 Personen genannt, darunter neun Stifter. Aufgrund der Anzahl ihrer Stiftungen lassen sich fünf Hauptstifter ausmachen: drei Bischöfe, ein Priester, ein Kleriker und zwei Diakone. Die größte Stiftung ging von einem der Bischöfe (Eutychianos) aus, der mit 29 Objekte die größte Stiftung darbrachte. Die Inschriften sind in fünf Techniken ausgeführt. Man unterscheidet in jene mit Nielloeinlagerungen, sowie jene in à-jour-,Treib- und Ziselierarbeit, sowie jene mit Gravur.

Im Schatz befinden sich, laut Susan A. Boyd:

Objektart Anzahl Dekoration technische Daten Erhaltungszustand
Patenen 6 3 x Christogramm;3 x Kreuz ø 58-77,5 cm gut bis leicht beschädigt
Asterisk 1 - ø 50,5 cm;Höhe 28,7 cm nicht bekannt
Kelche 6 Inschriften, Schmuckbänder, Kreuze ø 14,5-22,5 cm;Höhe: 9-16 cm stark beschädigt; z.T. nur fragmentiert erhalten
Amphoren 3 Henkel in Widderhornoptik, Inschriften nicht bekannt 2 x gut; 1 x fragmentiert
Kanne 1 vergoldetes Schmuckband Höhe ca. 36 cm beschädigt
Weihrauchgefäße 2 Inschriften, Medaillons mit Heiligenporträts, Marienzyklus ø 17-20,2 cm; Höhe: 9,8-15,2 cm stark beschädigt
Buchdeckelpaare 3 Kreuz, Christus zwischen Aposteln 23,8x25 cm; 30x37 cm 2 x gut; 1 x fragmentiert
Polykandelaber 12 Delphine, Kreuz, Kleeblatt, Kreise, floral 3 x rund: ca. ø 56 cm; 3 x kreuzförmig: ca. 56x56 bis 59x59 cm; 6 x rechteckig: ca. 20x30 cm gut
Lampen 13 Kreuz, Arkanthusblatt, Herz, Dreieck, Inschrift Höhe: 3,3-18,5 cm; ø 8,3-21,4 cm z.T. eingerollt und flachgewalzt
Weitere kleine Objekte 5 (Bronze), Münze (Kupfer, zeigt Leo I oder Zeno); Ringe (nicht bekannt); Schmuckbänder Zange: 13,8 cm; Münze: 0,85 g; Ringe: ø 2 cm fragmentiert bis gut
Abdeckungen 22 Inschriften, Arkanthusblatt Höhe: 7,9-100 cm; ø 2-11,2cm; Länge: 64-116 cm fragmentiert bis gut

Außerdem zu nennen sind noch diverse Nägel und Ketten.

Neben den Stifterinschriften treten ebenfalls Ortsbezeichnungen auf. Häufig wird auf 'Hagios Sion', einmalig auf 'Tessai' verwiesen. Die Bedeutung jener Bezeichnungen kann leider nicht eindeutig geklärt werden. Trotzdem kann durch die häufige Erwähnung 'Hagios Sion' ein Zusammenhang zwischen den Objekten, bereits vor dem Zeitpunkt der Vergrabung, hergestellt werden. Die Inschriften sind in fünf Techniken ausgeführt, man unterscheidet in jene mit Nielloeinlagerungen sowie jene in à-jour-,Treib- und Ziselierarbeit, außerdem jene mit Gravur.

Durch Größe, Anzahl der Inschriften, als auch Dekoration der Objekte hebt sich der Sion-Schatz von weiteren Silberschätzen der frühbyzantinischen Epoche ab.

Vorstellung einzelner Objekte

Im Folgenden wird eine Auswahl einzelner Objekte genauer beleuchtet.

Buchdeckel

Im Sion-Schatz finden sich insgesamt drei Buchdeckelpaare, von denen allerdings eines nur noch fragmentiert erhalten ist, das das Motiv Christi flankiert von Aposteln zeigt. Dieses Motiv findet sich ebenfalls auf einem der erhaltenen Buchdeckelpaare wieder.

Das andere gut erhaltenen Buchdeckelpaar, weist auf einem rechteckigen Grund (30 x 37 cm) ein zentrales Kreuzmotiv auf, welches von einem mäandrierten Band gerahmt wird in dessen Ecken je ein florales Motiv erkennbar ist. Das lateinische Kreuz mit ausschweifenden Armen, wird zur rechten und linken Seite von je einem vergoldeten Pflanzenmotiv sowie einer Säule flankiert. Die Säulen enden in einem korinthischen Kapitell, auf dem ein das Kreuz überspannender Bogen ruht. Zur Rechten und Linken des Bogens sind je vier vergoldete Palmwedel dargestellt. Der innere Bereich des Bogens ist oberhalb des Kreuzes von einer Muschel ausgefüllt. Vorder- und Rückseite weisen identische Motive auf silbernem Grund mit vergoldeten Partien auf. Die Motivteile sind einheitlich in Triebarbeit geformt und werden zum Teil durch einen ziselierter Perlrand gesäumt.

Kombiniert man die ikonographischen Attribute des Buchdeckels entsteht der Eindruck einer Lebensbaumikonographie des Kreuzes, die seit dem 5. Jahrhundert besteht.

runder und kreuzförmiger Polykandelaber

Kreisrunder Polykandelaber in ajour-Arbeit. Teil des Sion-Schatzes.

Ein großer Teil der Stiftungen des Schatzes stellen Leuchtelemente dar. Zu diesen zählen unter anderem die Polykandelaber von denen an dieser Stelle zwei exemplarisch vorgestellt werden.

Einer der drei runden, silbernen Polykandelaber ist in a-jour-Technik gearbeitet und hat einen Durchmesser von 55,8 cm. Das Zentrum bildet ein kreuzförmiges Element in einem offenen Kreis. Die vier Kreuzarme enden in je einem Kreismotiv, das jeweils von zwei Delphinen flankiert wird. Oberhalb der vier kreisrunden Aussparungen findet sich je ein Monogramm (2 von Eutychianos, 2 von weiteren Bischöfen), das zum zentralen Kreuzmotiv hin durch ein floralen Zierelement vom Kreismotiv getrennt wird. Es folgt ein kreisrundes, nielliertes Band mit einer griechischen Inschrift, das das innere Motiv des Polykandelabers vom äußeren trennt. Das äußere Motiv wird abermals von kreisrunden Aussparungen, kreuzförmigen Motiven sowie herzförmigen Elementen geziert.

Eine weitere Gruppe bilden die kreuzförmigen Polykandelaber. Diese sind, wie alle Polykandelaber des Fundes, flach aus Silber gefertigt und haben die Form eines griechischen Kreuzes. Einer jener kreuzförmigen Polykandelaber stellt das materialstärkste Objekt des Fundes dar, mit einer Stärke von 2,1 bis 3,8 mm. Jeder enthält ein zentral gelegenes Monogramm, welches in Durchbrucharbeit gefertigt ist und als "Eutychianos, Bischof" aufzulösen ist. Umgeben ist das Monogramm von einem umlaufenden Band mit einer niellierten Inschrift, die um die Hilfe des dreiheiligen Herrn bittet. An der Basis jedes Kreuzarmes ist ein Paar Delphine zu erkennen, welche jeweils zu einem offenen Kreis überleiten. Flankiert werden die Kreise von floralen Ornamenten, deren grobe Form in der à-jour-Technik herausgearbeitet wurde. Die feinen Innenzeichnungen sind eingraviert. Über die äußere Kontur der Blätter weiten sich die Kreuzarme nach außen hin auf und enden in je zwei offenen Kreisen pro Arm. Die drei kreuzförmigen Polykandelaber weisen alle die gleiche Formel auf und sind annähernd identisch gearbeitet. Auffälligerweise tragen sie verschiedene Monogramme desselben Bischofs.

Die Delphinmotivik, die auf allen Polykandelabern zu finden ist, "könnte" als christliches Symbol aufgefasst werden. Allgemein gilt der Delphin als Symbol für Sicherheit, Rettung und Geborgenheit. Im christlichen Verständnis steht er für Christus selbst, der als 'Seelenretter' fungiert. Im Rahmen dieser Interpretation ist die Verbindung mit einem Leuchtelement durchaus nachvollziehbar, "kann" das Licht doch als Symbol des Lebens selbst bzw. des ewigen Lebens interpretiert werden. Nicht zu vernachlässigen ist jedoch der Fakt, dass jeder Silberschmied ein gewisses Formenrepertoire besaß, welches nicht zwingend symbolischen, sondern rein ästhetischen Charakter haben konnte.

Patene mit Christogramm und Kreuzmotiv

Silberne Patene mit vergoldeten Elementen sowie Inschrift aus dem Sion-Schatz.

Auf die Patene mit Christogramm wird im Folgenden näher eingegangen. Mit einem Durchmesser von 60,5 cm ist die Patene verhältnismäßig groß; sie ist aus Silber gearbeitet und zum Teil vergoldet. Mittig und als zentrales Symbol ist ein vergoldetes Christogramm zu sehen, das eine doppelte Außenlinie trägt. Es ist umgeben von zwei dünnen, vergoldeten Bändern, die eine eingravierte Inschrift begrenzen. Jene Inschrift enthält Nielloeinlagerungen und besagt, dass die Patene zur Zeit des Eutychianos gestiftet wurde. Der leicht erhöhte Rand ist in 24 'Zungen' eingeteilt, die wiederum vergoldete Medaillons in Repousse-Technik aufweisen. Innerhalb der Medaillons sind florale Muster abgebildet. Als abschließendes Motiv sind Blätter zu erkennen, die ebenso wie die 'Zungen' in Repousse-Technik gestaltet und vergoldet sind. Es handelt sich hierbei um abwechselnd auftretende Palmetten und Akanthusblätter. Die Patene steht auf einem flachen, erhaltenen Standring. Stempel sind nicht nachweisbar. Der Inschrift muss in diesem Fall durchaus Beachtung geschenkt werden: "Dies wurde gestiftet in der Zeit unseres heiligsten und gesegneten Bischofs Eutychianos." Diese Formel tritt innerhalb des Schatzes zweimal auf, und man kann mit relativer Sicherheit sagen, dass diese bereits während des 4.-7. Jahrhunderts zur Datierung verwendet wurde. In diesem Fall jedoch steht man vor einem Problem, da der genannte Bischof Eutychianos historisch nicht greifbar ist.

Aus der anderen Patenengruppe, jener mit Kreuzmotivik, stammt eine Patene mit einem minimal kleineren Durchmesser von 58,5 cm. Diese ist, wie die anderen Stücke, aus Silber gearbeitet und teilvergoldet. Als zentrales Element ist ein lateinisches Kreuz mit ausschweifenden Armen eingraviert. Das Kreuz wird umgeben von zwei vergoldeten, schmucklosen Bändern, die eine Inschrift tragen, die auf die Erinnerung an einen Johannes und dessen Tochter Procle verweist. Der Rand ist auch hier in 'Zungen' eingeteilt, von denen jede zweite vergoldet ist. Die 'Zungen' sind in Treibarbeit entstanden. Diese Patene bildet ein Paar mit einer zweiten, die annähernd identisch ist und sich nur im Durchmesser um 0,5 cm unterscheidet. Augenfällig wird im Laufe des 6. Jahrhunderts das einfache lateinische Kreuz und eine generell eher unauffällige und sparsame Dekoration üblich, wie andere Beispiele aus dieser Zeit belegen. Über die Kreuzform als solches lässt sich verallgemeinernd nur wenig für das 6. Jahrhundert sagen, da verschiedene Formen nebeneinander existierten. Häufig anzutreffen sind jedoch die ausschwingenden Kreuzarme und deren tropfenförmige Enden. Dieses Phänomen lässt sich auch im Rahmen des Christogramms nachvollziehen. Die Patenen wurden wahrscheinlich von einem Familienangehörigen der Genannten gespendet, um für das Seelenheil und die Erinnerung der Verstorbenen zu bitten.

Datierung

Die Datierung erfolgt in erster Linie über die Stempel auf den Objekten, nur sekundär über stilistische und epigraphische Vergleiche. Zuletzt kann auch die bei dem Schatz gefundene Münze zu Rate gezogen werden, doch ist diese wenig aufschlussreich da sie auf ein sehr viel früheres Datum verweist als die übrigen Datierungsfaktoren. Somit kann sie bezüglich der Datierung vernachlässigt werden oder in einer absoluten Chronologie als terminus post quem für den Sion-Schatz gewertet werden. Stilistisch und epigraphisch betrachtet gibt es eine Vielzahl von Vergleichsstücken wie beispielsweise die Patenen des Kaper Koraon- und des Beth Misona-Schatzes. Diese verweisen auf eine Datierung ins 6. Jahrhundert n. Chr.

Den wichtigsten Hinweis auf die Datierung geben in diesem Fall die Stempel. Allein das Vorhandensein von Stempeln an sich, deren Gebrauch in der Zeit des Anastasios I. (491-518) aufkam, ist ein Indiz für die Datierung des Schatzes ab dem späten 5. Jahrhundert. Außerdem sind kreuzförmige Stempel erkennbar, die erst ab der Zeit Justinians I. (527-565) auftreten. Das Monogramm innerhalb der Stempel wirft jedoch Schwierigkeiten auf, da sich das Monogramm Justinians von dem Justins II. nur minimal unterscheidet und in diesem Fall nicht eindeutig zu differieren ist. Auf den übrigen Stempeln sind die Namen von drei verschiedenen sogenannten Comes sacrarum largitionum (Verwalter des Finanzwesens) erkennbar. Diese sind historisch jedoch nicht fassbar, sie geben jedoch einen Hinweis, da durch die Existenz von drei verschiedenen Finanzverwaltern ein Zeitraum von ca. 15 Jahren für die Herstellung angenommen werden kann. Daher werden die Stücke in die späte Regierungszeit Justinians oder die frühe Regierungszeit Justins II datiert. Aufgrund dessen ist der Schatzfund im 6. Jahrhundert anzusiedeln.

Alles in allem kann der Schatz mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeitspanne von 550 bis 575 datiert werden. Dieser Zeitraum sagt jedoch weder etwas über den Zeitpunkt der Dekoration, noch über den Zeitpunkt der Vergrabung aus, sondern ausschließlich über den Herstellungszeitraum.

Problematik

Eine gewisse Problematik entsteht durch die Pluralität der Erhaltungszustände der Objekte, die von sehr gut bis hin zu fragmentiert bzw. gefaltet, gerollt reicht. Vor allem die flachen Objekte sind auffällig gut erhalten, wohingegen voluminöse Objekte, wie Kelche etc. entweder fragmentiert, gerollt oder gefaltet aufgefunden wurden. Die Frage, die sich hier stellt ist, ob dies bloß aus 'Platzmangel' geschah oder aber, ob es sich hier um sogenanntes Hacksilber handelt. Die Problematik wird dadurch verstärkt, dass sowohl der Grund, als auch der Zeitpunkt der Vergrabung nicht rekonstruierbar sind.

Zudem birgt die Zuordnung zu einer bestimmten Kirche einige Schwierigkeiten. Der häufig in den Inschriften vorkommende Verweis auf „Hagios Sion“ legt die Vermutung nahe, dass das Silber aus einer Sion-Kirche stammt. Archäologisch ist im lykischen Raum tatsächlich ein Sionkloster nachweisbar, dieses befindet sich allerdings knapp 40 km vom Fundort entfernt in der Hafenstadt Myra. Nun stellt sich die Frage, ob der Silberschatz zu ebendiesem Kloster zuzuordnen ist, da die Entfernung vom möglichen Aufbewahrungsort und dem Fundort beträchtlich und nicht erklärbar ist. Des Weiteren verstärkt das in einer Inschrift angeführte ‚Thessai‘ die Zweifel an der ‚Sion-Kloster-Hypothese‘. ‚Tessai‘ ist jedoch nicht genau identifizierbar, es ist nicht klar, ob es sich dabei um eine Stadt oder eventuell um eine Kirche mit Toponym handelt.

Fazit

Der Sion-Schatz zeichnet sich durch verschiedene Aspekte aus: Hier sind in erster Linie die Anzahl der gut erhaltenen Stücke sowie die außergewöhnlich großen Maße einiger Objekte zu nennen. Ebenfalls zu erwähnen ist die Tatsache, dass bei einigen wenigen Stücken zu den üblichen fünf Stempel ein sechster hinzutritt. Obwohl sämtliche Stücke Teil desselben Schatzfundes sind, demnach vermutlich auch gemeinsam vergraben wurden, weisen sie völlig differierende Erhaltungszustände auf. Die Pluralität der Erhaltungszustände lässt sich nicht zweifelsohne klären. Die aktuelle Forschung bietet zwei Erklärungsansätze: Zum einen wird angenommen, dass der Grund für die Vergrabung eine zu diesem Zeitpunkt akute Bedrohung oder Gefahr darstellte. In einer solchen Situation hätte die Vergrabung und damit die Rettung des Silbers in höchster Eile vonstattengehen müssen. In dieser Hektik wäre kein Platz für die sorgsame Behandlung der Silberobjekte geblieben, so die Meinung vieler Forscher. Jener Ansatz beinhaltet jedoch auch den Aspekt der Rettung des Schatzes, wahrscheinlich mit dem Ziel, diesen an einem anderen Ort oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufbahren zu können. Um dies in angemessenem Rahmen zu gewährleisten, ist die Zerstörung aber eigentlich zu enorm. Zu viele Objekte sind fragmentiert, ineinandergerollt oder annähernd vollkommen zerstört. An diesen Punkt setzt der andere Erklärungsansatz an.

Die Zerstörung und Fragmentierung vieler Objekte wäre problemlos erklärbar, wäre die Wiederverwendung der Stücke kein Ziel gewesen, sondern hätte die Vergrabung einen anderen Sinn gehabt. Viele Forscher gehen davon aus, dass es sich bei dem gefundenen Schatz um Hacksilber handelt. Dies würde bedeuten, dass sämtliche Stücke für den Schmelztiegel bestimmt waren und somit auf jeden Fall zerstört würden. Wäre dies der Fall müsste jedoch eine Kriegssituation vorgelegen haben, was man nicht mit Bestimmtheit sagen kann. Die eigentliche Problematik besteht also darin, dass man nicht nachvollziehen kann, aus welchem Grund und zu welchem Zeitpunkt die Objekte vergraben wurden. Aus diesem Grund sind wohl beide Annahmen denkbar, im Rahmen des heutigen Forschungsstandes sind jedoch beide nicht eindeutig und belegen oder auszuschließen.

Viele der Objekte sind mit den üblichen fünf Stempeln versehen, was auf eine hauptstädtische Produktion hindeutet und für die Datierung von enormem Nutzen ist. Bei einigen Stücken ist jedoch ein sechster Stempel erkennbar. Dieses Phänomen ist einzigartig und man kennt in der Epoche keine Vergleichswerke. Ist ein sechster Stempel vorhanden, handelt es sich bei diesem in jedem Fall um einen bereits verwendeten Stempel, also um eine Wiederholung einer der fünf übrigen Stempel und nicht um einen neuen, andersartigen Stempel. Bei den sechsfachgestempelten Stücken handelt es sich jedoch durchgängig um Stücke bei denen ein 'angesetztes Teil' angenommen wird, wie beispielsweise ein Standfuß. Die gängige Meinung besagt daher, dass der sechste Stempel sich auf den angesetzten Teil bezieht und auch dessen hauptstädtische Produktion belegen will. Obwohl das Vorhandensein von Stempeln stets auf eine hauptstädtische Produktion verweist, darf man an dieser Stelle die Produktion nicht mit der Dekoration gleichsetzen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Stücke zwar in einer konstantinopler Werkstatt hergestellt und gestempelt wurden, sie aber mehr oder minder als Rohlinge angekauft und in einer lokalen Werkstatt dekoriert wurden. Im Fall des Sion-Schatzes ist dies sogar anzunehmen, da mehrere Objekte paarweise vorhanden sind, also zwei annähernd identische Stücke zu finden sind, wobei nur eines der beiden gestempelt wurde. Die enormen Ähnlichkeiten in der Dekoration und insbesondere der Dekorationstechnik sowie die Gestaltung der Inschriften legt die Entstehung in derselben Werkstatt nahe, bloß die Herstellung des Silberobjektes als solches unterscheidet sich.

Die Frage, ob es sich um einen Kirchenschatz handelt, wie sie sich bei den meisten Silberschatzfunden des 6. Jahrhunderts stellt, ist hier verhältnismäßig eindeutig zu beantworten. Es sind Patenen und Kelche (Diskopoteron) vorhanden, die für die Verteilung der eucharistischen Gaben benötigt werden. Des Weiteren sprechen die Dekoration und Inschriften für die Zugehörigkeit zu einer Kirche: Die Porträts von Christus, Petrus und Paulus sind eindeutig zu identifizieren, zudem häuft sich die Motivik des Kreuzes und Christogramms, obwohl dies alleine als Argument für einen Kirchenschatz nicht ausreicht. Die häufige Erwähnung von Stiftern jedoch ist ein Merkmal, welches für den liturgischen Rahmen spricht. Im 6. Jahrhundert waren Stiftungen an Kirchen für das Seelenheil einzelner Personen durchaus üblich und laut einiger Quellen sogar von ähnlicher Bedeutung wie die Caritas. In diesem Fall ist es also weniger die Frage, ob es sich um einen Kirchenschatz handelt, sondern viel mehr, welcher Kirche er entstammt. Häufig wird ein 'Hagios Sion' erwähnt, was durchaus auf eine Sion-Kirche hinweisen kann. In der Gegend um Kumluca ist tatsächlich ein Sion-Kloster nachweisbar, allerdings liegt dieses in Myra, circa 40 km vom Fundort entfernt.

Wieso also hätte man den Schatz nicht an einem nähergelegenen Ort vergraben können, sondern hätte ihn noch 40 km weiter tragen sollen?

Zudem stellt sich die Frage, wie ein kleines Provinzkloster im Gebirge einen solchen Silberschatz hätte horten können. Zur Auflösung der Frage nach dem Ursprung des Schatzes gibt es zwei weitere Ansätze: Zum einen wird angenommen, dass es eine weitere Kirche gab, welche ebenfalls dem Berg Zion geweiht war, die sich jedoch näher am Fundort befand. Das Problem bei dieser Hypothese ist, dass eine solche Kirche archäologisch nicht nachweisbar ist. Zum anderen wird die Meinung vertreten, dass sich die Formulierung 'Hagios Sion' nicht auf eine Kirche oder Kloster bezieht, sondern tatsächlich auf den Berg in Jerusalem. Für diese Annahme spricht, dass innerhalb der Inschriften keine konkrete Kirche genannt wird, sondern bloß die Formulierung 'Hagios Sion'. Außerdem gibt es Verweise auf einen Ort mit Namen Tessai, der leider nicht genau zuzuordnen ist. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es sich dabei um den Standort einer Kirche mit Toponym handelt. Wäre dies der Fall, müsste man lediglich annehmen, dass eine größere Gruppe von Stiftern einen besonderen Bezug zum Berg Zion hatte und sich jene Hilfe von diesem heiligen Ort erhoffte.

Literatur

  • Church Treasure, in: Handbook of the Byzantine Collection, Dumbarton Oaks, Washington D.C. 1967, 18-20.
  • Ernst Kitzinger: A Pair of Silver Book Covers in the Sion Treasure, in: Gatherings in Honor of Dorothy E. Miner. Baltimore 1974. S. 3-18 (erneut in Ernst Kitzinger: Studies in Late Antique Byzantine and Medieval Western Art Bd. 1 (London 2002) 279-296).
  • Arne Effenberger (Hrsg.): Spätantike und frühbyzantinische Silbergefäße aus der staatlichen Ermitage Leningrad (Berlin 1978) 24-25, 33, 46, 49, 54, 56, 58, 61, 71.
  • Ihor Ševčenko: The Sion Treasure: The Evidence of the Inscriptions; Erica Cruikshank Dodd, The Question of Workshop. Evidence of the Stamps in the Sion Treasure; R. Newman, The Technical Examination and Conservation of Objects in the Sion Treasure; Susan Boyd, A „Metropolitan“ Treasure from a Church in the Provinces. An Introduction to the Study of the Sion Treasure, in: Susan Boyd (Hrsg.): Ecclesiastical Silver Plate in Sixth-Century Byzantium. Papers of the Symposium held May 16–18, 1986 at the Walters Art Gallery, Baltimore and Dumbarton Oaks, Washington, D.C. (Washington 1986) 5-33, 39-63, 76-89.
  • M. Rose, Ö. Acar: Turkey‘s War on the Illicit Antiquities Tade, In: Archaeology 48, 1995, 45-56.
  • Ruth E. Leader-Newby: Silver and Society in Late Antiquity. Functions and Meanings of Silver Plate in the Fourth to Seventh Centuries (Aldershot 2004) 82-97.