Sirhan Sirhan

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Sirhan Bishara Sirhan (arabisch سرحان بشارة سرحان, DMG Sirḥān Bišāra Sirḥān; * 19. März 1944 in Jerusalem) ist ein Palästinenser, der wegen des Attentats auf US-Senator Robert F. Kennedy vom 5. Juni 1968 als Mörder verurteilt wurde. Er verbüßt seitdem in Kalifornien eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Frühes Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sirhan wuchs in einer christlichen Familie griechisch-orthodoxer Konfession auf, zunächst im gemeinsam von Juden und Arabern bewohnten Jerusalemer Stadtviertel Musrara. Sein Vater Bishara Sirhan arbeitete für die bis 1948 regierende britische Mandatsverwaltung. Als Kind erlebte Sirhan Sirhan im unmittelbaren Umfeld zahlreiche gewaltsame Auseinandersetzungen, die mit dem Palästinakrieg ihren Höhepunkt fanden. Besonders traumatisierend waren für ihn nach Aussage seiner Mutter Mary Sirhan ein Bombenanschlag zionistischer Terroristen auf arabische Zivilisten am Damaskustor, dem Sirhan Sirhan nur knapp entkam, der Tod eines Soldaten, der vor seinen Augen von einer Bombe zerfetzt wurde, sowie vor allem der Tod seines älteren Bruders, als dieser in seiner Gegenwart von einem unter Beschuss geratenen Militärlastwagen erfasst wurde.[1][2] Im Mai 1948 musste die Familie ihr zuvor von zionistischen Truppen besetztes Haus mit dem gesamten Eigentum zurücklassen und in den arabischen Ostsektor der durch den Krieg geteilten Stadt fliehen. Die nächsten acht Jahre verbrachte die zu Flüchtlingen gewordenen Sirhans ohne regelmäßige Einkünfte unter prekären Lebensbedingungen. Die Erfahrungen der Nakba und des israelisch-palästinensischen Konflikts waren für den jungen Sirhan prägend. Das palästinensische Nationalbewusstsein und der Widerstandsgedanke gegen Israel wurde auch von den patriotisch gesinnten Lehrern seiner Schulzeit gepflegt.[1]

1956 konnten die Sirhans dank einer Patenschaft befreundeter US-Bürger aus Pasadena im Rahmen eines Einreiseprogramms für palästinensische Flüchtlinge nach Kalifornien auswandern.[1] Sirhans Eltern trennten sich kurz darauf und der Vater ließ den Rest der Familie allein zurück und übersiedelte in seine ursprüngliche Heimatstadt Taybeh im inzwischen von Jordanien verwalteten palästinensischen Westjordanland. Die ihre Kinder von nun an allein erziehende Mary Sirhan übernahm eine Arbeit als Hilfslehrerin an einer Schwesternschule in Pasadena. Sirhan Sirhan nahm nach mit guten Noten absolvierter Oberschule ein College-Studium am selben Ort auf, das er jedoch abbrach. Er strebte nun den Beruf des Jockey an, wofür er zunächst Stalljunge wurde und Rennpferde einritt. Im September 1966 erlitt er beim Reiten einen schweren Sturz mit Kopfverletzungen, der seine Ambitionen wenige Monate später beendete. Nach Aussagen seiner Familie änderte sich in der Folge auch sein Charakter, insofern als er zunehmend launischer wurde.[3] Nach einjähriger Arbeitslosigkeit übernahm er im September 1967 eine einfache Arbeit als Lagerarbeiter und Bote in einem Reformhaus und lebte später auch vom Schmerzensgeld der beruflichen Unfallversicherung aufgrund des Sturzes, das ihm nach einer Klage schließlich Anfang 1968 zugesprochen wurde.[4] Seit seiner Entlassung im März 1968, der zahlreiche Auseinandersetzungen mit seinem Arbeitgeber vorausgegangen waren, war Sirhan erneut arbeitslos.[5][6]

Das Attentat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einer Veranstaltung im Ambassador Hotel in Los Angeles in der Nacht vom 4. Juni zum 5. Juni 1968, bei der Robert F. Kennedy den am selben Tag errungenen Sieg bei den kalifornischen Vorwahlen für die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei feierte, verließ Kennedy nach seiner Ansprache den Saal durch den angrenzenden Anrichteraum der Hotelküche. Hier wartete nach der Darstellung des Gerichts Sirhan mit einem .22-kalibrigen achtschüssigen Iver-Johnson-Revolver. Aus etwa zwei Metern Abstand feuerte Sirhan auf Kennedy und dessen Begleiter. Drei Kugeln trafen Robert Kennedy und streckten ihn sofort zu Boden; ein weiteres Geschoss streifte ihn und verwundete den Wahlkampfhelfer Paul Schrade. Die restliche Munition feuerte Sirhan auf weitere Mitarbeiter Kennedys. Robert Kennedy erlag 26 Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus seinen Verletzungen. Er war der jüngere Bruder des 1963 ebenfalls ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Laut Zeugenaussagen rief Sirhan unmittelbar nach der Tat: „Ich habe es für mein Land getan!“[7]

Der Strafprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Strafverfahren sollte zunächst mit einer Verständigung vermieden werden, nach der Sirhan im Ausgleich für ein Schuldeingeständnis eine lebenslange Haftstrafe erhalten sollte, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. Entgegen der Bereitschaft der Staatsanwaltschaft lehnte der vorsitzende Richter solche oder ähnliche Vereinbarungen jedoch ab. Das Verfahren wegen Mordes wurde schließlich am 7. Januar 1969 vor einem Geschworenengericht eröffnet und dauerte bis zum 14. April. Innerhalb von 14 Wochen sagten insgesamt 90 Zeugen aus. Am vierten Tag ihrer Beratung erklärten die Geschworenen Sirhan für des Mordes schuldig.[8]

Sirhan wurde vom Richter am 23. April 1969 zum Tod in der Gaskammer verurteilt. Nachdem der Oberste Gerichtshof Kaliforniens die Todesstrafe 1972 als verfassungswidrig aussetzte, war damit die Umwandlung der Strafen von Sirhan und 106 weiterer Verurteilter zu lebenslanger Freiheitsstrafe verbunden.[9]

Sirhans Darstellung der Ereignisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sirhan machte im Laufe der Jahre seit der Tat widersprüchliche Angaben zu seiner Rolle. Während des Prozesses gab er an, dass er sich an den Tatablauf selbst nicht erinnern konnte. Er sagte vor Gericht aus, dass er erst bei seiner Festnahme wenige Minuten nach dem Attentat wieder zu Bewusstsein gekommen sei. In Sirhans Hotelzimmer wurde ein Tagebuch gefunden, in dem der Satz „RFK must die“ in ungewöhnlich repetitiver Weise wieder und wieder notiert war. Sirhan wurde in seinem Prozess zunächst als „geistesgestörter, religiöser Fanatiker“ skizziert.

In einer Begnadigungsanhörung 2011 legten seine Anwälte in seinem Namen die These vor, dass er unter Hypnose gestanden habe, so dass sein Verstand und die Hemmschwelle, einen Mordanschlag zu begehen sowie jegliches Erinnerungsvermögen komplett ausgeschaltet worden seien. Sirhan gab dazu an, dass er unter dem Einfluss einer jungen Frau stand, die ihn in die Küche lockte. Sein Anwalt führte mit ihm Befragungen unter Hypnose durch und darin gab er an, dass eine geheimnisvolle Frau ihn berührt habe, bevor er schoss und dann glauben machte er sei auf einem Schießstand. Unter Hypnose gab Sirhan auch an, dass er gesehen habe, dass eine zweite Waffe abgefeuert wurde, eine Aussage, die er ohne Hypnose jedoch nicht bestätigen konnte, da er sich nicht erinnern könne, wie er sagte.[10][11]

Sirhan gab 2016 in seiner 15. Begnadigungsanhörung an, dass er sich an das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht erinnern könne. Er könne sich daran erinnern, dass er im Hotel gewesen sei und dass er zu seinem Wagen gegangen sei und dass er zurückkehrte als er feststellte, dass er zu viel Alkohol getrunken habe. Seine Verurteilung führte er auf seinen schlechten Anwalt zurück, der ihn habe glauben lassen, dass er schuldig sei. Er sagte, dass er keine Reue an dem Verbrechen eingestehen könne, da er es nicht begangen habe.[12]

Haft und Bemühungen um Freilassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sirhan ist, nach Jahrzehnten im Hochsicherheitstrakt der Strafvollzugsanstalt Corcoran, seit November 2009 im Pleasant Valley State Prison in Coalinga (Kalifornien) inhaftiert.[13]

Er versucht seit vielen Jahren, unterstützt unter anderem durch den bei dem Attentat selbst verletzten Wahlhelfer Kennedys, Paul Schrade, einen neuen Prozess zu erwirken, der seine Unschuld feststellen soll.[14]

Seit Ablauf der in Kalifornien in seinem Fall gesetzlich geltenden Mindesthaftdauer von sieben Jahren hat Sirhan regelmäßig die Möglichkeit genutzt, eine vorzeitige Entlassung zu beantragen. Im Februar 2016 wurde Sirhans 15. Begnadigungsgesuch abgelehnt. Nach weiteren fünf Jahren kann er erneut einen Entlassungsantrag stellen.[12]

In den 1970er Jahren versuchten die militanten palästinensischen Organisationen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und Schwarzer September bei mehreren Geiselnahmen erfolglos, Sirhan als einen von mehreren wegen Gewalttaten im israelisch-palästinensischen Konflikt inhaftierten Palästinensern freizupressen – so bei der Entführung von vier Verkehrsflugzeugen in die jordanische Wüste im September 1970,[15] der Entführung einer Boeing 747 der Lufthansa von Neu-Delhi nach Aden im Februar 1972[16] und beim Überfall auf die saudische Botschaft in Khartum im März 1973.[17]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Basierend auf dem Verdacht, dass Sirhan unter dem Einfluss von Hypnose gestanden habe, stellte Derren Brown die Möglichkeit, einen Menschen mittels Hypnose zu einem Attentat zu bringen, in einer Fernsehsendung auf Channel 4 nach.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mel Ayton: The Forgotten Terrorist: Sirhan Sirhan and the Assassination of Robert F. Kennedy, Potomac Books, Washington DC 2007, ISBN 978-1-5979-7459-2 (englisch).
  • William Klaber, Philip H. Melanson: Shadow Play: The Murder of Robert F. Kennedy, the Trial of Sirhan Sirhan, and the Failure of American Justice, St. Martin's, New York NY 1997, ISBN 0-312-15398-8, (englisch).
  • Shane O'Sullivan: Who killed Bobby? The unsolved Murder of Robert F. Kennedy, Union Square Press, New York NY 2008, ISBN 978-1-4027-5444-9, (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Cynthia Gorney: Sirhan, in: The Washington Post vom 20. August 1979, abgerufen am 31. Januar 2017 (englisch)
  2. Stephen Kinzer: Shot heard round the world, in: The Guardian vom 13. Juni 2008, abgerufen am 31. Januar 2017 (englisch)
  3. Mel Ayton: The Forgotten Terrorist. S. 64
  4. Ayton: The Forgotten Terrorist. S. 64f
  5. Ayton: The Forgotten Terrorist. S. 68–70
  6. Dietrich Strothmann: Der Mörder ohne Gesicht, in: Die Zeit vom 14. Juni 1968, abgerufen am 31. Januar 2017
  7. Dieter E. Zimmer: Aus dem Nichts in die Nachwelt: Mord als Politisierung des privaten Elends, in: Die Zeit vom 22. Mai 1981, abgerufen am 31. Januar 2017
  8. Ayton: The Forgotten Terrorist. S. 91–93
  9. The History of Capital Punishment in California, offizielle Webseite der kalifornischen Justizvollzugsbehörde, abgerufen am 31. Januar 2017 (englisch)
  10. Under hypnosis, RFK assassin says girl manipulated him​. In: New Haven Register, 29. April 2011 (englisch).
  11. Michael Martinez: Convicted RFK assassin Sirhan Sirhan seeks prison release. CNN International, 27. November 2011, abgerufen am 28. Januar 2012 (englisch).
  12. a b Robert F Kennedy's killer loses 15th parole bid as witness says: 'It's my fault' in: The Guardian, 11. Februar 2016, abgerufen am 11. Februar 2016
  13. Michael Rothfeld: Sirhan Sirhan moved to Coalinga prison. In: Los Angeles Times, 2. November 2009 (englisch).
  14. Michael Martinez, Brad Johnson: Attorneys for RFK convicted killer Sirhan push 'second gunman' argument. In: CNN International, 13. März 2012 (englisch).
  15. Mark Ensalaco: Middle Eastern Terrorism: From Black September to September 11. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2012, S. 23 (englisch)
  16. Ensalaco: Middle Eastern Terrorism. S. 32
  17. On This Day 1973: Palestinian gunmen hold diplomats in Sudan, in: BBC, abgerufen am 1. Februar 2017 (englisch)
  18. Derren Brown: The Experiments. In: Channel 4. Abgerufen am 28. Januar 2012 (englisch).