Skeptikerbewegung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Skeptikerbewegung ist ein internationales Netzwerk[1] von Vereinigungen und Einzelpersonen mit dem Anspruch einer kritischen Auseinandersetzung mit Pseudo- und Parawissenschaftlichen Themen, die unter anderem in den Bereich des Aberglaubens oder der Alternativmedizin fallen. Im Sinne einer sozialen Bewegung wird der Begriff auch als Eigenbezeichnung verwendet.[2] Die Bewegung beruft sich auf wissenschaftliche Methodik und naturalistische Erklärungen. Anders als im klassischen Skeptizismus halten Mitglieder der Bewegung den Gewinn von zuverlässigen Erkenntnissen prinzipiell für möglich.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1947 wurde in Belgien das Comité pour l’Investigation Scientifique des Phénomènes Réputés Paranormaux kurz Comité Para gegründet, das sich der Auseinandersetzung mit Hellsehern, Astrologen und Wünschelrutengängern verschrieb, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versprachen, bei der Suche nach Kriegsvermissten zu helfen. Eine frühe Publikation, die zu den Ursprüngen der Skeptikerbewegung gerechnet werden kann, ist Martin Gardners 1957 erschienenes Buch Fads and Fallacies in the Name of Science.

Nach einem von 186 Wissenschaftlern unterzeichneten Manifest gegen astrologische Erklärungen[3] und nach der Auseinandersetzung mit Michel Gauquelins Mars-Effekt[4] gründete Paul Kurtz im Jahr 1976 das Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP), das heutige Committee for Skeptical Inquiry.

Gründungsmitglied war auch der Soziologe Marcello Truzzi, der ein Magazin namens The Zetetic herausgab, das unter interessierten Akademikern zirkulierte und 1975 erweitert wurde zu einer Informationsplattform über paranormale Erklärungen und deren Kritik. Nach dem Rücktritt Truzzis von der Herausgeberschaft wurde daraus die Verbandszeitschrift des CSICOP unter dem Titel Skeptical Inquirer und der Herausgeberschaft Kendrick Fraziers (zuvor Herausgeber von Science News).[5] Neben seiner Tätigkeit im Skeptikerverband war Kurtz auch Vorsitzender des atheistischen Council for Secular Humanism und Geschäftsführer des Verlages Prometheus Books.

Die Skeptics Society, ist neben Committee for Skeptical Inquiry eine große Gruppierung in den USA und wurde 1991 von Michael Shermer und Pat Linse gegründet.[6]

Charakteristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richard Dawkins, Biologe
Carl Sagan, Astronom und Gründungsmitglied von CSICOP
James Randi, Zauberkünstler

Vertreter der Skeptikerbewegung sehen eine Behauptung nur dann als Faktum an, wenn sie durch wissenschaftliche Belege gestützt und nicht experimentell widerlegt ist.[7] Im Gegensatz zu den traditionellen, philosophischen Skeptikern stellen sie nicht die Möglichkeit einer Erkenntnis über die Wirklichkeit grundsätzlich in Frage, sondern akzeptieren methodologische Kriterien, anhand deren Wissensbehauptungen überprüft werden können. Dies können experimentelle Tests oder logische Schlussfolgerungen sein.[8] Häufige behandelte Themen sind Homöopathie und andere alternative Behandlungsmethoden, Wünschelrutengehen, Astrologie, Parapsychologie, außersinnliche Wahrnehmungen, Entführungen durch Außerirdische, aber auch religiöse Ideen wie bspw. Kreationismus und Reinkarnation. Außerdem kritisieren sie Verschwörungstheorien, wie solche in Bezug auf die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 oder die Klimawandelleugnung.[9][10]

Einige bekannte Vertreter der Bewegung sind prominente Wissenschaftler, wie etwa Carl Sagan, Richard Dawkins oder Stephen Jay Gould.[11] Andere Mitglieder sind prominente Zauberkünstler wie James Randi oder Journalisten wie Martin Gardner.

Vereinigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skeptikervereinigungen sind auf europäischer Ebene im European Council of Skeptical Organisations (ECSO), einer 1995 gegründeten Dachorganisation, organisiert.

Im deutschsprachigen Raum ist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) die bekannteste Skeptikerorganisation.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ansicht von Carl Sagan übt die Skeptikerorganisation CSICOP, der er von Anfang an angehörte, eine wichtige soziale Funktion aus. Sie sei eine Art Gegengewicht zur „pseudowissenschaftlichen Leichtgläubigkeit“ vieler Medien. Gleichwohl sah er die Hauptschwäche der Skeptikerbewegung in ihrer Polarisierung. Die Vorstellung, ein Monopol auf die Wahrheit zu besitzen und die anderen Menschen als unvernünftige Schwachköpfe zu betrachten, sei nicht konstruktiv. Dieses Verhalten verurteile die Skeptiker zu einem permanenten Minderheitenstatus. Auf größere Akzeptanz stoßen könne demnach „ein einfühlsamer Umgang miteinander, der von Anfang an das Menschliche an der Pseudowissenschaft und am Aberglauben akzeptiert“.[12]

Das CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi, das die Organisation aufgrund inhaltlicher Differenzen verließ, definiert einen „wirklichen Skeptiker“ als jemanden, der eine agnostische Position einnimmt und selbst keine Behauptungen aufstellt. Eine These könne nicht „widerlegt“, sondern nur „nicht bewiesen“ sein. „Skeptiker“, die die Ansicht vertreten, es gebe Belege gegen eine Behauptung, bezeichnet Truzzi als „Pseudo-Skeptiker“, die dann ihrerseits die Beleglast zu tragen hätten. Solche Negativ-Behauptungen seien jedoch zuweilen ziemlich außergewöhnlich und oft eher auf Plausibilitätserklärungen gestützt, statt auf empirische Belege. Als Beispiel führt Truzzi einen PSI-Test an, bei dem der Proband die Möglichkeit hat, zu betrügen. Dies reduziere den Belegwert des Experiments zwar erheblich, reiche jedoch nicht aus, die untersuchte Behauptung zu widerlegen. Wissenschaft könne zwar statuieren, was empirisch unwahrscheinlich, nicht jedoch, was empirisch unmöglich ist.[13]

Im Zuge einer vereinsinternen Auseinandersetzung innerhalb der GWUP verließ 1999 der Mitbegründer und damalige Redaktionsleiter von deren Publikationsorgan Skeptiker Edgar Wunder die Skeptiker-Organisation. Nach Wunder ist ein strukturelles Merkmal der Skeptikerbewegung eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So würden etwa viele GWUP-Mitglieder einen Weltanschauungskampf ohne hinreichende fachliche Kenntnis führen und selektiv und unsachlich argumentieren. An wissenschaftlichen Untersuchungen von Parawissenschaften seien sie höchstens insofern interessiert, „als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten.“[14] Die GWUP hat 2008 zu der Kritik Stellung bezogen [15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jerome Clark, J. Gordon Melton: The Crusade Against the Paranormal, Fate 32/9 (1979): 70–76 und 32/10 (1979), 87–94.
  • Kendrick Frazier: Science and the Parascience Cults, in: Science News 109/22 (1976), 346–350
  • George P. Hansen: CSICOP and the Skeptics: An Overview, Journal of the American Society for Psychical Research 84 (1990), 25–80 / Journal of the American Society for Psychical Research 86 (1992), 20–63
  • D. J. Hess: Science and the New Age: The Paranormal, Its Defenders and Debunkers, and American Culture, University of Wisconsin Press, Madison 1993
  • Paul Kurtz: Neuer Skeptizismus, in: Kern, G., Traynor, L.: Die esoterische Verführung – Angriffe auf Vernunft und Freiheit, Alibri Verlag, Aschaffenburg 1995, 67–78.
  • Jan Pilgenröder: Skeptiker-Organisationen: Eine gesellschaftstheoretische Analyse, Sandhausen 2004.
  • Theodore Rockwell, Robert Rockwell, W. Teed Rockwell: Irrational Rationalists: A Critique of the Humanists’ Crusade Against Parapsychology, Journal of the American Society for Psychical Research 72 (1971), 23–34.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1.  Peter Lamont: Extraordinary Beliefs: A Historical Approach to a Psychological Problem. Cambridge University Press, 2013, S. 229, 238.
  2. Skeptiker-Organisationen, Inge Hüsgen, Amardeo Sarma auf GWUP.de vom 13. Dezember 2010
  3. Vgl. Bok, B.J., Jerome / L.E., Kurtz, P.: Objections to Astrology: A Statement by 186 Leading Scientists, The Humanist 35 (1975), 4–6
  4. vgl. Michel Gauquelin: Is There Really a Mars Effect?
  5. Vgl. Collins/Pinch 1984 und die dortigen Quellenbelege
  6. Vgl. s.v. in Melton 2001
  7. A Skeptical Manifesto. Michael Shermer, The Skeptics Society
  8. Paul Kurtz: Der neue Skeptizismus. In:  Gero von Randow (Hrsg.): Der Fremdling im Glas und weitere Anlässe zur Skepsis, entdeckt im «Skeptical Inquirer». Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 105.
  9. GWUP - Themen nach Gebiet
  10. http://www.skeptic.com/eskeptic/06-09-11/
  11. M. P. Normand: Science, skepticism, and applied behavior analysis. In: Behavior analysis in practice. Band 1, Nummer 2, 2008, S. 42–49, PMID 22477687, PMC 2846586 (freier Volltext).
  12.  Carl Sagan: Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven. Droemer Knaur, 2000, ISBN 3426774747. S. 363 f.
  13. Marcello Truzzi: Über den Pseudo-Skeptizismus
  14. Edgar Wunder: Das Skeptiker-Syndrom
  15. http://www.gwup.org/inhalte/113-themen/skeptikerorganisationen/164-skeptiker-pro-und-contra