Slobodan Praljak

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Slobodan Praljak (2013)

Slobodan Praljak (* 2. Januar 1945 in Čapljina, Herzegowina; † 29. November 2017 in Den Haag, Niederlande) war ein kroatischer Regisseur und Militärangehöriger. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) legte ihm die Beteiligung an mehreren Kriegsverbrechen während seiner Zeit als General der bosnisch-kroatischen Armee (HVO) zur Last.[1] 2004 stellte er sich dem Gericht und wurde 2013 als Kriegsverbrecher[2] in erster Instanz zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Kriegsausbruch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Praljak besuchte die Universität Zagreb und schloss zwischen 1970 und 1972 Studiengänge in Elektrotechnik, Philosophie und Theaterwissenschaft ab. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er auf Baustellen in Deutschland.[3]

Bis in die 1980er-Jahre hatte er Lehrtätigkeiten inne, war als Regisseur und Theaterintendant an verschiedenen Häusern tätig[4] und produzierte mehrere Fernsehfilme.[5]

Kroatien- und Bosnienkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Ausbruch des Kroatienkrieges schloss er sich 1991 der kroatischen Armee (HV) an. Ab 1992 nahm er dort mehrere Funktionen wahr:

1992 begann der Bosnienkrieg. 1993 trat Praljak auf eigenen Wunsch zum Kroatischen Verteidigungsrat (HVO) über, der militärischen Dachorganisation der bosnischen Kroaten. Die Truppen des HVO kommandierte er für mehrere Monate als Generalstabschef.[6]

Im Kroatisch-bosniakischen Krieg kam es zu den Ereignissen, für die sich Praljak später vor Gericht verantworten musste. So traten am 23. Oktober 1993 nach einem Angriff der bosnischen ARBiH auf die kroatische Enklave im Raum um Vareš HVO-Verbände zu einer Gegenoffensive an. Praljak hatte sich nach Zeugenaussagen mit seinem Stellvertreter General Milivoj Petković und dem Präsidenten der HR HB, Mate Boban, beraten und die Entsendung der Einheit von Ivica Rajić beschlossen.[7] Praljak hatte die Truppen angewiesen, die Situation in Vareš zu klären und „keine Gnade gegenüber irgendjemandem zu zeigen“.[8] Die HVO-Truppen töteten im Zuge der Offensive einige ARBiH-Kämpfer und Bewohner des Dorfes Stupni Do bei Vareš.[9]

Ein weiteres Thema waren vor Gericht die Zustände und Vorkommnisse in drei Gefangenenlagern, darunter die Lager Dretelj und Gabela, in denen auch viele ehemalige bosnische HVO-Kämpfer von ihren bosnisch-kroatischen Kameraden inhaftiert wurden, nachdem das Bündnis beider Seiten nach dem gemeinsamen Kampf gegen die Serben zerbrochen war. Das Lager Dretelj unterstand im September 1993 Praljaks Zuständigkeit.[10] Praljak sagte aus, er übernehme die Verantwortung für die Entwaffnung und Verhaftung der bosnischen Kämpfer, habe aber angewiesen, sie gut zu behandeln. Für die Zustände in den Lagern schäme sich jeder Kroate.[11] Dennoch sah es das Gericht als erwiesen an, dass Praljak von den Zuständen gewusst haben müsse und die Verbrechen dort hingenommen habe.[12]

Des Weiteren wurde Praljak die Verantwortung für die Zerstörung von Kulturgut zur Last gelegt. Am 9. November 1993 war die Brücke Stari most in Mostar zusammengebrochen, nachdem HVO-Soldaten sie mit einem Panzer den 8. November über beschossen hatten.[13] Die Brücke sei zwar von gegnerischen ARBiH-Truppen benutzt worden und damit ein militärisches Ziel, jedoch habe ihre Zerstörung der muslimischen Zivilbevölkerung von Mostar nach Ansicht der Ankläger des ICTY unverhältnismäßig viel Schaden zugefügt.[14]

Praljak bestritt die Verantwortung für die Zerstörung der Brücke, da er am 9. November 1993 das Kommando an Ante Roso abgegeben habe. Da sich Praljak aber am Vortag in Mostar aufgehalten hatte und HVO-Truppen zu diesem Zeitpunkt schon begonnen hatten, die Brücke zu beschießen, sah es das Tribunal als erwiesen an, dass Praljak zumindest Kenntnis von dem Angriff gehabt haben musste und es versäumt hatte, sich die entsprechenden Informationen zu beschaffen und einzugreifen.[13][15]

Verurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2004 hatte sich Praljak dem UN-Gericht gestellt.[2] Er wurde mit fünf weiteren Personen vor dem ICTY wegen zahlreicher Kriegsverbrechen wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerer Verstöße gegen die Genfer Konventionen sowie das Kriegsvölkerrecht angeklagt.[1][14]

Das Tribunal stellte fest, dass es Praljak versäumt habe einzugreifen, als ihn 1993 Berichte über kroatische Soldaten erreichten, die in Prozor Muslime zusammengetrieben hatten. Des Weiteren habe er nicht gehandelt, als er von Planungen zu Ermordungen und Übergriffen auf internationale Helfer erfuhr.[6] Er war 13 Jahre im ICTY-Gefängnis in Scheveningen inhaftiert und schrieb in dieser Zeit 18 Bücher, die als Rechtfertigungs- und Exkulpationsliteratur angesehen werden.[2]

Suizid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Slobodan Praljak bereits 13 Jahre in Untersuchungshaft verbracht hatte,[16] bestätigte der Strafgerichtshof am 29. November 2017 in Den Haag die vorherige Verurteilung zu 20 Jahren Haft. Nach dem Richterspruch sagte Praljak in kroatischer Sprache:

Suci, Slobodan Praljak nije ratni zločinac, s prijezirom odbacujem vašu presudu!
„Richter, Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher, mit Verachtung weise ich Ihr Urteil zurück.“

Anschließend trank er etwas aus einem kleinen Behälter und informierte das Gericht auf Kroatisch:

To je otrov koji sam popio.
„Das ist Gift, das ich getrunken habe.“

Daraufhin wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er starb.[17] Die niederländische Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, um zu klären, wie Praljak an das Gift gekommen war. Sie stellte fest, dass er an Herzversagen, ausgelöst durch Zyankali, starb.[18] Es konnte nicht geklärt werden, wie Praljak in den Besitz des Zyankalis gelangt war.[19]

Reaktionen auf den Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković kondolierte der Familie Praljaks und nannte das Urteil „inakzeptabel“.[4] Auch andere kroatische Politiker kritisierten das Gericht.[20][21] Dragan Čović, kroatisches Mitglied im Staatspräsidium von Bosnien und Herzegowina, nannte Praljaks Suizid „höchst ehrenwert“.[22] Das kroatische Parlament forderte in einer Erklärung die Regierung auf, das Urteil mit allen rechtlichen und politischen Mitteln anzufechten.[4]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Slobodan Praljak – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Anklage der ICTY. In: icty.org. Abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  2. a b c Keno Verseck: Nach Suizid von Ex-General Praljak: Kroatien trauert – um einen Kriegsverbrecher. In: spiegel.de. 30. November 2017, abgerufen am 1. Dezember 2017.
  3. Zoran Krešić: Nepoznati Slobodan Praljak – Obiteljsku kuću dao je mladoj obitelji bez stana. In: vecernji.hr. Styria Media Group, 1. Dezember 2017, abgerufen am 2. Dezember 2012 (kroatisch).
  4. a b c Stephan Löwenstein, Michael Stabenow: Freitod im Gerichtssaal: Wie kam Slobodan Praljak an das Gift? In: faz.net. 30. November 2017, abgerufen am 1. Dezember 2017.
  5. Slobodan Praljak in der Internet Movie Database (englisch)Vorlage:IMDb/Wartung/„importiert aus“ fehlt
  6. a b Praljak: Bosnian Croat war criminal dies after taking poison in court. In: BBC.com. 29. November 2017, abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  7. The International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia 2001. In: André Klip, Göran Sluiter (Hrsg.): Annotated Leading Cases of International Criminal Tribunals. 1. Auflage. Band 7. Intersentia, 2012, ISBN 978-90-5095-375-7, S. 424 (englisch).
  8. Baron Serge Brammertz, Michelle Jarvis: Prosecuting Conflict-Related Sexual Violence at the ICTY. Oxford University Press, 2016, ISBN 978-0198768579, S. 320 (englisch).
  9. Case Information Sheet “STUPNI DO” (IT-95-12) – Ivica Rajić. (PDF; 219 KB) In: icty.org. Abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  10. Ed Vulliamy: The day I came face to face with General Slobodan Praljak in The Hague. In: theguardian.com. 29. November 2017, abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  11. ITCY-Befragung vom 3. September 2009. In: icty.org. Abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  12. Emina Dizdarevic: Courtroom Suicide Overshadows Slobodan Praljak’s Crimes. In: balkaninsight.com. Balkan Investigative Reporting Network (BIRN), 30. November 2017, abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  13. a b Jadranka Petrovic: The Old Bridge of Mostar and Increasing Respect for Cultural Property in Armed Conflict. In: International Humanitarian Law Series. Band 40. Martinus Nijhoff Publishers, Leiden 2012, ISBN 978-90-04-21028-8, S. 235 ff. (englisch).
  14. a b Six Senior Herceg-Bosna Officials Convicted. Pressemitteilung. In: icty.org. 29. Mai 2013, abgerufen am 3. Dezember 2017 (englisch).
  15. Rachel Irwin: Guilty Sentences for Six Bosnian Croat Leaders. In: iwpr.net. IWPR, 13. Mai 2013, abgerufen am 30. November 2017 (englisch).
  16. Nach Schuldspruch in Den Haag: Der Tod eines Generals. In: zeit.de. 30. November 2017, abgerufen am 2. Dezember 2017.
  17. Verurteilter General Praljak ist tot. In: n-tv.de. 29. November 2017, abgerufen am 29. November 2017.
  18. Justiz: Gifttod in Den Haag durch Zyankali. In: orf.at. ORF, 1. Dezember 2017, abgerufen am 2. Dezember 2017.
  19. Gifttod vor Gericht bleibt unaufgeklärt. In: tagesschau.de. 2. November 2018, abgerufen am 2. November 2018.
  20. Clemens Verenkotte: Kroatien nach Praljak-Urteil – Vereint in der Empörung über das UN-Tribunal. In: tagesschau.de. 30. November 2017, archiviert vom Original am 30. November 2017; abgerufen am 25. September 2019.
  21. Predsjednica o Praljku: Njegov čin duboko je pogodio u srce hrvatski narod. In: vecernji.hr. Styria Media Group, 30. November 2017, abgerufen am 30. November 2017 (kroatisch).
  22. Marlise Simons: Croatian War Criminal Dies After Swallowing Poison in Court. In: nytimes.com. 29. November 2017, abgerufen am 30. November 2017 (englisch).