Sluggish cognitive tempo

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Sluggish cognitive tempo (SCT, „Träges kognitives Tempo“) ist ein Symptommuster, das Überlappungen mit ADHS aufweist. Typisch dafür sind auffällige Verträumtheit, häufige Lethargie und Energielosigkeit sowie langsames Arbeitstempo. Aktuell wird diskutiert, ob SCT wirklich zu ADHS gehört oder besser als eigenständige Störung verstanden werden sollte.[1]

SCT ist nicht einfach dasselbe wie der unaufmerksame ADHS-Subtyp. In dieser Gruppe ist es zwar am häufigsten, aber SCT trifft dort nicht auf alle zu. Umgekehrt haben auch manche mit dem kombinierten Subtyp zusätzlich die SCT-Symptomatik. Momentan werden diese Symptome jedoch bei der Diagnostik nicht berücksichtigt.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

SCT-Betroffene verhalten sich von Kindheit an meist gegenteilig zu typischen ADHSlern: Statt als hyperaktiv, extrovertiert, störend und risikofreudig aufzufallen, sind sie eher hypoaktiv, träge und zurückhaltend, in Gedanken versunken und mehr in sich gekehrt. Kinder und Erwachsene mit SCT fühlen sich oft geistig „nicht ganz da“ und permanent „wie hinter einer Nebelwand“. In angeregtem Zustand können sie aber durchaus aufgedreht sein: Trotz Introvertiertheit suchen sie manchmal stark stimulierende Situationen auf, um so ihr niedriges Arousal-Level zu erhöhen.[2][3]

Folgende Tabelle zeigt die Unterschiede in den Symptomen:[4]

Sluggish cognitive tempo (SCT) Unaufmerksamkeit (ADHS) Hyperaktivität-lmpulsivität (ADHS)
  • Verträumt oder geistig „benebelt“
  • Starrt geistesabwesend ins Leere
  • Lethargisch, träge oder müde
  • Hypoaktiv, reagiert verzögert
  • langsames Arbeitstempo
  • Leicht durcheinander zu bringen
  • verliert den gedanklichen Faden
  • Probleme, sich rasch zu orientieren
  • Mühe, Umgebung wachsam wahrzunehmen
  • Beachtet Einzelheiten nicht
  • Kann kaum länger aufmerksam sein
  • Hört nicht zu, wenn angesprochen
  • Führt Arbeiten unvollständig aus
  • Schwierigkeiten, sich zu organisieren
  • Vermeidet längere geistige Anstrengung
  • Verliert Gegenstände
  • Leicht ablenkbar durch äußere Reize
  • Vergesslich bei Alltagstätigkeiten
  • Zappelt, rutscht auf Stuhl herum
  • Steht auf, wenn Sitzenbleiben soll
  • Läuft herum, wenn unpassend
  • Probleme, sich ruhig zu beschäftigen
  • „Auf dem Sprung“, ist wie „getrieben“
  • Redet übermäßig viel
  • Antwortet, bevor Frage fertig
  • Kann schwer warten, bis an der Reihe
  • Unterbricht oder stört andere

Auch die Unaufmerksamkeit ist anders: Bei klassischem ADHS kann die Aufmerksamkeit zwar rasch auf etwas gerichtet werden. Dann lässt sie aber bald nach und springt unruhig hin und her, was einen nervösen Eindruck macht. Hier ist die geringe Ausdauer der Aufmerksamkeit und die leichte Ablenkbarkeit durch die verminderte Impulshemmung das entscheidende Problem: ADHS-Betroffene sind „hyper-reaktiv“ und reagieren zuviel auf wahrgenommene Reize.

Bei SCT wirkt der Wahrnehmungsstil dagegen eher zäh und schwerfällig. Das macht es schon schwierig, sich überhaupt erst einer Sache aufmerksam zuzuwenden. Auch Verarbeitungsgeschwindigkeit und Reaktionszeit sind trotz normaler Intelligenz langsamer. Kinder mit SCT haben mehr Probleme mit der selektiven Fokussierung der Aufmerksamkeit, also damit, Informationen genau wahrzunehmen, wenn schnell Wichtiges von Unwichtigem getrennt werden muss. Sie machen deshalb bei Schularbeiten mehr Fehler. Diese Unaufmerksamkeit betrifft also die Filterung von Wahrnehmungsreizen.[5][6]

Mit SCT sind häufig internalisierende Probleme wie Angststörungen und Depressionen verbunden. In sozialen Situationen wird das oft schüchterne Auftreten manchmal als Distanziertheit oder Desinteresse fehlgedeutet. In Gruppen werden Menschen mit SCT daher teilweise nicht beachtet. Bei Kindern mit ADHS ist wahrscheinlicher, dass sie aktiv wegen aufdringlichem oder aggressivem Verhalten zurückgewiesen werden. Sie haben außerdem mehr externalisierende Probleme, z. B. Drogenmissbrauch und oppositionelles Trotzverhalten. Das ist bei SCT seltener: Diese Kinder sind im Kontakt mit Gleichaltrigen passiver, weniger dominant und neigen zu sozialem Rückzug.[7][8]

Forschungsergebnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Forschungen zeigten, dass sich alle SCT-Symptome auf zwei grundlegende Dimensionen reduzieren lassen: eine verträumt-benebelte und eine träge-lethargische. Die erste Dimension eignete sich am besten, um SCT von ADHS zu trennen. Auch laut der ersten Untersuchung bei Erwachsenen ist SCT vermutlich kein Subtyp von ADHS. Dennoch können in bis zu 30-50 % der Fälle beide Störungen gleichzeitig vorliegen. Das legt anstelle verschiedener ADHS-Formen eher eine Komorbidität zwischen zwei verwandten Aufmerksamkeitsstörungen nahe.

ADHS wird heute als Störung der exekutiven Funktionen (EF) verstanden. Diese machen Selbstregulation, Umsetzungskompetenz und Belohnungsaufschub erst möglich und sind unverzichtbar für eine eigenständige Lebensführung. Darum wurden EF und Selbstregulationsfähigkeit auch bei SCT untersucht: Obwohl SCT allgemein schwächer mit exekutiven Defiziten verbunden war als ADHS, wirkte es sich auf einen Bereich (Planen, Organisation u. Problemlösen) noch stärker aus. ADHS wirkt sich also umfassend auf alle exekutiven Funktionen aus, SCT dagegen nur auf bestimmte EF. Bei ADHS waren auch die meisten Lebensbereichen stärker betroffen. Aber auch SCT alleine senkt die Lebensqualität.

Bei der Kombination von SCT und ADHS addieren sich die Belastungen dramatisch: Die Gruppe mit beidem zeigte die ausgeprägtesten exekutiven Defizite und Alltagsbeinträchtigungen von allen. Das ist ein wichtiges Argument dafür, dass SCT und ADHS getrennte Konstrukte sind. Ursprünglich wurde vermutet, dass SCT nur auf den unaufmerksamen Typus beschränkt ist. Das hat sich jedoch als falsch erwiesen. Denn es zeigte sich, dass es ebenfalls beim Mischtypus von ADHS zu beobachten ist. Das könnte bedeuten, dass SCT tatsächlich eine eigene Problematik ist, die alleine oder zusammen mit allen ADHS-Subtypen vorkommt.[7]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zu ADHS sind die allgemeinen Ursachen von SCT unbekannt. Eine erste Zwillingsstudie zeigte, dass es einen gewissen genetischen Einfluss gibt.[9] Eine fMRT-Untersuchung (2015) deutet darauf hin, dass bei starken SCT-Symptomen der linke Lobulus parietalis superior unteraktiviert ist.[10] Es gibt auch Hinweise, dass beim unaufmerksamen Subtyp besonders Noradrenalin eine Rolle spielen könnte und der Adrenalinstoffwechsel im Nebennierenmark und die Stressachse verändert reagieren.[11]

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung von SCT wurde noch nicht genauer untersucht. Erste Studien gibt es nur zu Methylphenidat (Ritalin®), wo die meisten Kinder mit dem ADHS-Mischtyp gut auf mittlere bis hohe Dosierungen ansprachen. Einem größeren Anteil von Kindern mit ADS ohne Hyperaktivität nützte Methylphenidat jedoch kaum. Wenn sie doch profitierten, lag die optimale Dosis bei ihnen viel niedriger.[7] Andererseits konnte eine spätere Untersuchung keine Beziehung zwischen SCT-Symptomen und der Reaktion auf Methylphenidat finden.[12]

Personen mit ADS ohne Hyperaktivität reagieren oft günstiger auf Amphetamine wie z. B. Adderall®. Obwohl Methylphenidat und Amphetamin einige ähnliche Effekte haben (z. B. die Blockade des Dopamintransporters), fördern jedoch nur Amphetamine auch die Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin. Daher wurde argumentiert, dass Amphetamin besser geeignet sein könnte, um hypoaktives ADS und SCT zu behandeln; falls die Trägheit und Verträumtheit dort auf einer zu geringen Neurotransmitterausschüttung beruhen.[3] Darüber hinaus wurden Modafinil und Atomoxetin zur Behandlung vorgeschlagen. In den USA existiert ein verhaltenstherapeutisches Programm, das speziell auf Kinder mit SCT-Symptomatik zugeschnitten ist.[7]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Guck-in-die-Luft ist ein verträumter Junge, der seine Umgebung kaum wahrnimmt.

Unaufmerksame oder ungewöhnlich verträumte Kinder wurden bereits früh beschrieben. Das bekannteste Beispiel ist die Geschichte vom „Hans Guck-in-die-Luft“ aus dem Struwwelpeter. Der kanadische Kinderarzt Guy Falardeau berichtete ebenfalls von sehr träumerischen, ruhigen und stillen Kindern, die er „enfants lunatiques“ nannte.[13]

Die Wissenschaft konzentrierte sich aber lange auf Hyperaktivität. Deshalb wurde ADHS im DSM damals als Hyperkinetische Reaktion des Kindesalters bezeichnet. Erst ab 1970 beschäftigte man sich mit den Aufmerksamkeitsproblemen und erkannte, wie wichtig sie waren. So kam es 1980 zur Umbenennung in Aufmerksamkeitsdefizitstörung.

DSM-III (1980): Neue Subtypen

Dort tauchten erstmals zwei Subtypen auf: Eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit Hyperaktivität (ADS + H) und eine ohne Hyperaktivität (ADS – H). Das berücksichtigte die Beobachtung, dass es auch Aufmerksamkeitsstörungen ohne Hyperaktivität gab. ADS + H stimmte ziemlich mit der alten Definition überein. ADS – H war dagegen etwas ganz Neues.

Vergleiche der Subtypen ergaben ein gemischtes Bild: Einige fanden Unterschiede, andere jedoch nicht. Dann fiel auf, dass einige Kinder mit ADS – H qualitativ andere Symptome zeigten als jene mit ADS + H: Intensive Tagträumerei, leichte Benommenheit und „Benebelung“, Hypoaktivität, Trägheit und Lethargie. Um darüber mehr zu erfahren, wurden diese Symptome mathematisch analysiert. Dabei bildeten sie einen eigenen Symptomkomplex, der unabhängig von den anderen ADS-Symptomen war. Für ihn entstand die Bezeichnung „Sluggish cognitive tempo“.

DSM-III-R (1987): Keine Subtypen

Der Subtyp ohne Hyperaktivität blieb trotzdem sehr umstritten und wurde schon 1987 wieder entfernt. Unter dem Namen „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“ gab es nun für alle ADHS-Fälle ein einheitliches Diagnoseschema.

DSM-IV (1994): Erneut Subtypen

Das war aber unvereinbar mit Ergebnissen, welche die Subtypen doch unterstützten. Daraufhin führte man sie 1994 erneut ein. Für die Diagnose des vorwiegend unaufmerksamen Subtyps wurden auch SCT-Items getestet: Wieder zeigte sich, dass nur ein Teil der Betroffenen dieser Gruppe solche Symptome hatte. Darum kamen sie nur in der Restkategorie „Nicht Näher Bezeichnete ADHS“ vor.

Um 2000 erschienen dann Untersuchungen, die gezielt und direkt Teilnehmer nach den SCT-Kriterien auswählten; anstatt einfach die DSM-IV-Subtypen zu vergleichen. Dieses Vorgehen erwies sich als erfolgreicher, um ein verlässlicheres Muster an Unterschieden in Aufmerksamkeit, Begleiterkrankungen und sozialem Verhalten aufzudecken.[14]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helga Simchen: ADS. Unkonzentriert, verträumt, zu langsam und viele Fehler im Diktat - Diagnostik, Therapie und Hilfen für das hypoaktive Kind. 8. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-17-022540-4.
  • Keith McBurnett, Linda Pfiffner: Attention Deficit Hyperactivity Disorder - Concepts, Controversies, New Directions. Kapitel 1, 16 und 32. 1. Auflage. Informa Healthcare, New York 2007, ISBN 978-0-8247-2927-1.
  • Russell Barkley: Der Unterschied zwischen der ADHS und der ADS In: Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Verlag Hans Huber, Bern 2011, 3. Auflage, S. 209f.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Barkley, RA (2013). "Distinguishing sluggish cognitive tempo from ADHD in children and adolescents: executive functioning, impairment, and comorbidity.". Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology. 42 (2): 161–173. doi:10.1080/15374416.2012.734259.
  2. Russell A. Barkley: Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS. Verlag Hans Huber, Bern 2012, 1. Auflage, S. 49f.
  3. a b A. Diamond: Attention-deficit disorder (attention-deficit/hyperactivity disorder without hyperactivity): A neurobiologically and behaviorally distinct disorder from attention-deficit/hyperactivity disorder (with hyperactivity). In: Development and psychopathology, 17(3), 2005, S. 807–825, PMC 1474811 (freier Volltext), doi:10.1017/S0954579405050388.
  4. S. Becker: The Internal, External, and Diagnostic Validity of Sluggish Cognitive Tempo: A Meta-Analysis and Critical Review (2016). In: Journal of the AACAP. doi:10.1016/j.jaac.2015.12.006.
  5. Karen J. Derefinko et al.: Response Style Differences in the Inattentive and Combined Subtypes of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. In: Journal of Abnormal Child Psychology, 36, 2008, S. 745–758, doi:10.1007/s10802-007-9207-3.
  6. Ramsay, J. Russell, Anthony L. Rostain: Cognitive-behavioral therapy for adult ADHD: An integrative psychosocial and medical approach., 2nd, Routledge, 2014, S. 11–12: „The classic presentation of ADHD involves features of high distractibility and poor attention vigilance, which can be considered as examples of attention and sustained concentration being engaged but then punctuated or interrupted. In contrast, SCT/CDD is characterized by difficulties orienting and engaging attention, effort, and alertness in the first place.“
  7. a b c d Russell A. Barkley: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment. 4. Auflage. Guilford Press, New York 2014, ISBN 1-4625-1772-2, Concentration Deficit Disorder (Sluggish Cognitive Tempo), S. 435–455 (Kapitelauszug [PDF]).
  8. M. V. Solanto et al.: Social functioning in predominantly inattentive and combined subtypes of children with ADHD. In: Journal of Attention Disorders, 13, 2009, S. 27–35, doi:10.1177/1087054708320403.
  9. Sara Moruzzi, Fruhlling Rijsdijk, Marco Battaglia: A Twin Study of the Relationships among Inattention, Hyperactivity/Impulsivity and Sluggish Cognitive Tempo Problems. (PDF) In: Journal of Abnormal Child Psychology. doi:10.1007/s10802-013-9725-0.
  10. Fassbender C., Krafft C. E., Schweitzer J. B.: Differentiating SCT and inattentive symptoms in ADHD using fMRI measures of cognitive control. In: Neuroimage: Clinical. 8, 2015, S. 390–397. doi:10.1016/j.nicl.2015.05.007. PMC 4474281 (freier Volltext).
  11. Dirk West, Stephan Claes, Dirk Deboutte: Differences in hypothalamic-pituitary-adrenal axis functioning among children with ADHD predominantly inattentive and combined types. (Memento vom 1. Februar 2014 im Internet Archive) (PDF) In: European Child & Adolescent Psychiatry. 2009; 18: 543-553 doi:10.1007/s00787-009-0011-1.
  12. H. T. Ludwig, B. Matte, B. Katz, L. A. Rohde: Do Sluggish Cognitive Tempo Symptoms Predict Response to Methylphenidate in Patients with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder–Inattentive Type? In: Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology, 19(4), 2009, S. 461–465.
  13. Doris Ryffel, Meinrad Ryffel: Ein Leben lang zerstreut: «Hans Guck-in-die-Luft» und «Zappelphilipp» werden erwachsen. In: Primary Care, 4 (8), 2004
  14. Stephen P. Becker et al.: Sluggish Cognitive Tempo in Abnormal Child Psychology: An Historical Overview and Introduction to the Special Section. In: Journal of Abnormal Child Psychology. Band 42, Nr. 1, 2014, S. 1–6, doi:10.1007/s10802-013-9825-x.
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