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Sofi Oksanen

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Sofi Oksanen bei der Buch Wien 2022
Sofi Oksanen bei der Buch Wien (2022)

Sofi Oksanen (* 7. Januar 1977 in Jyväskylä, Finnland) ist eine finnisch-estnische Schriftstellerin und Dramaturgin. Ihr Roman Fegefeuer wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet.

Sofi Oksanen wurde im mittelfinnischen Jyväskylä geboren und wuchs dort auf. Ihr Vater ist ein finnischer Elektriker, ihre Mutter eine estnische Diplom-Ingenieurin. Oksanen hat an den Universitäten von Jyväskylä und Helsinki Literaturwissenschaft und später an der Theaterhochschule Dramaturgie studiert. Die Geschichte ihrer estnischen Familie ist von den sowjetischen Deportationen geprägt; so wurde etwa ein Onkel 1949 als Vierzehnjähriger aus Estland nach Sibirien verschleppt, wo er Hunger, harte Arbeit und das lebenslange Stigma eines als „Volksfeind“ gebrandmarkten Rückkehrers erlebte.[1]

Oksanen schreibt auf Finnisch, lernte von ihrer Mutter jedoch Estnisch und liest auch estnische Literatur im Original. Oksanen beteiligt sich aktiv am öffentlichen Diskurs in Finnland und kommentiert aktuelle Themen in ihren Kolumnen und in verschiedenen Talkshows. Sie ist Feministin.

Literarische Entwicklung

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In Oksanens Debütroman Stalinin lehmät (wörtlich: Stalins Kühe, auf Finnisch 2003) ist das Schicksal der Protagonistin Anna, deren Leben stark von ihrer Bulimarexie bestimmt wird, in einer komplexen Geschichte mit dem Leben ihrer Familie in der sowjetischen Zeit in Estland und dem Stalinismus, zwischen Finnland und Estland in den 1960er/1970er Jahren und der Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion mit der Unabhängigkeit Estlands verwoben. Anna und ihre Mutter versuchen, ihre estnische Herkunft zu verschleiern, um nicht mit den in ihrer Wahrnehmung in Finnland herrschenden Vorurteilen gegenüber estnischen Frauen konfrontiert zu werden: Esten würden in Finnland als „Russen“ angesehen und estnische Frauen als „Prostituierte“ verunglimpft. Annas Beziehungen sind geprägt von der Distanzierung und Ablehnung ihrer estnischen Identität und der Sehnsucht nach eben dieser Identität und ihrer estnischen Heimat. In ihren Büchern und Essays ordnet Oksanen die von ihr beschriebenen Schicksale immer wieder in die Tradition sowjetischer Deportationen in Osteuropa ein und hebt hervor, dass sie dabei sowohl auf die Erfahrungen ihrer eigenen Familie als auch auf historische Forschung zurückgreift.[1]

Der Debütroman Oksanens wurde als Kandidat für den Runeberg-Preis und für den Debütromanpreis der überregionalen Tageszeitung Helsingin Sanomat nominiert.

Sofi Oksanen auf der Frankfurter Buchmesse 2012

In ihrem zweiten Roman Baby Jane (auf Finnisch 2005) behandelt Sofi Oksanen Panikattacken und wie sie auf die Mitmenschen wirken sowie Gewalt in Frauenbeziehungen. Im Gegensatz zu ihrem Debütroman spielt Baby Jane in Finnland (im Helsinki der 1990er Jahre).

Mit ihrem ersten Theaterstück, Fegefeuer (Originaltitel: Puhdistus), gelang Oksanen 2007 der Durchbruch auf nationaler Ebene, mit ihrem gleichnamigen Roman ein Jahr später auch international (siehe auch Kritik, unten). Der Roman wurde bislang in 38 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen, auch bedeutenden Preisen honoriert; sein Erfolg wirkt auf das Stück zurück, das 2011/12 in mehreren Ländern Premiere hat(te). Die deutschsprachige Erstaufführung fand am 15. Oktober 2011 am Theater Osnabrück statt.[2][3] Thematisch knüpft Oksanen an ihren ersten Roman Stalinin lehmät an und kehrt ins benachbarte Estland zurück. Indem sie die wenige Tage dauernde Handlung im Jahr 1992 (also kurz nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands) spielen lässt, rückt sie der Jetztzeit näher, geht aber andererseits noch weiter in die Geschichte dieses Landes zurück. Mit solchen Spannungspolen wird auch die Begegnung der zwei Protagonistinnen aufgeladen: Alt gegen Jung, Estin gegen Russin, Alteingesessene gegen Eindringling. Doch mit Ausnahme des ersten Gegensatzes bleibt keiner bestehen; Gemeinsames wird wichtiger als Trennendes und führt dennoch weder im Drama noch im Roman zu einem Ende, das man als „Happyend“ bezeichnen kann.

Sofi Oksanens Buch Putins Krieg gegen die Frauen (2024) analysiert den Zusammenhang zwischen Russlands Antifeminismus und dem Krieg in der Ukraine, wobei sie betont, dass der Kreml Frauen systematisch von der Macht fernzuhalten versucht und Gewalt gegen sie sowohl als Kriegsinstrument als auch zur Festigung seiner autokratischen Herrschaft einsetzt.[4] Oksanen verbindet persönliche Erfahrungen und historische Kontexte, um aufzuzeigen, wie sexuelle Gewalt als Teil von Russlands imperialer Strategie und dessen innerer Machtzentralisierung dient, während sie gleichzeitig für eine stärkere Anerkennung dieser Verbrechen als systematischen Teil kriegerischer Auseinandersetzungen plädiert.[4] In späteren Essays knüpft sie an diese Argumentation an und beschreibt die Deportation ukrainischer Kinder nach Russland als weiteres Element der von ihr kritisierten imperialen Gewaltpolitik und Identitätspolitik des Landes.[1]

Oksanen erzählt, dass sie Autofiktion schreibt, d. h., sie kombiniert autobiografische Geschichten und reale Ereignisse mit Erfundenem.[5]

Die Werke von Sofi Oksanen wurden bis 2010 vom Verlagshaus WSOY herausgegeben. Im Juni 2010 gab WSOY jedoch in einer Pressemitteilung bekannt, die Zusammenarbeit mit Sofi Oksanen mit sofortiger Wirkung zu beenden. Begründet wurde der Schritt mit der öffentlichen Kritik, die Oksanen an ihrem Verlag äußerte. Sie hatte sich vor allem über die ihrer Meinung nach ungenügende Marketingpolitik von WSOY beschwert.[6] Ihr vierter Roman Als die Tauben verschwanden erschien im Original als Kun kyyhkyset katosivat beim Verlag Like.[7] Er zeichnet am Beispiel der drei Hauptpersonen ein Panorama Estlands von den 1930er Jahren bis 1966, also auch die erste Besetzung Estlands durch die Sowjetunion und die zweite Besetzung Estlands durch die Sowjetunion.[8]

Zum Roman Fegefeuer:

  • Man muss kein Experte Estlands oder Finnlands sein, um sich mit Gewinn in die Lektüre dieses Romans stürzen zu können. Wer aber die Literatur Nord-Europas mag, wird das Buch umso mehr mögen[9].
  • Die Sprache lässt uns minutiös teilhaben an ihren Gedanken und baut dabei eine ungeheure Spannung auf, die uns bis zum Ende mitreißt: Ein großer historischer Roman, der Frauenschicksale ohne Klischees erzählt.[10]

Andere Aktivitäten

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Sofi Oksanen hat auch Kolumnen für die finnische Zeitschrift Sihteeri&Assistentti und für die finnischen Zeitungen Sunnuntaisuomalainen, Metro und Aamulehti geschrieben. Die Kolumnen behandeln unter anderem multinationale Identität, die Zensur im Internet, Menschenrechte und Redefreiheit. Weitere Themen bei Oksanen sind die Geschichtslosigkeit und die doppelte Identität im Leben der estnischen Frauen.

Gemeinsam mit der estnischen Journalistin und Filmregisseurin Imbi Paju hat Sofi Oksanen 2009 die finnischsprachige Artikelsammlung Kaiken takana oli pelko (wörtlich: Hinter alledem stand Angst) herausgegeben, die die estnische Geschichte während der sowjetischen Okkupation beschreibt. In der Einleitung des Buches begründet Oksanen die Herausgabe damit, dass das kommunistische Gesellschaftssystem eines der "verderbenbringendsten" der Weltgeschichte ist, im Gegensatz zum Nationalsozialismus bislang jedoch nicht oft thematisiert worden sei. In einem 2025 in der taz veröffentlichten Essay über die Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland kritisiert Oksanen die aus ihrer Sicht unzureichende Reaktion westlicher Staaten auf diese Deportationen und verknüpft sie mit früheren sowjetischen Deportationswellen in der Ukraine und den baltischen Staaten.[1] Sie beschreibt die systematische Entführung, Umerziehung und Einbürgerung ukrainischer Kinder als Fortsetzung einer imperialen demografischen Politik Russlands, die auf die Zerstörung nationaler Identitäten zielt und daher genozidale Züge trage.[1] Oksanen argumentiert, dass die Missachtung der einschlägigen Bestimmungen der Genfer Konventionen durch Russland das humanitäre Völkerrecht untergrabe und einen gefährlichen Präzedenzfall schaffe, dem andere Staaten folgen könnten.[1] Sie führt die schwache Reaktion im Westen unter anderem auf die ihrer Meinung nach unzureichende Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltgeschichte im Vergleich zur intensiven Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus zurück und plädiert dafür, Erfahrungen osteuropäischer Gesellschaften mit sowjetischem Terror stärker in Literatur, Medien und politische Bildung einzubeziehen.[1] Nach ihrer Auffassung verfolgt der Kreml mit der Entführung ukrainischer Kinder nicht nur das Ziel, den Widerstand der Ukraine zu brechen, sondern auch, eine neue Generation von Bürgerinnen, Bürgern und Soldaten für Russland heranzuziehen, die im Sinne einer kolonialen Assimilierungspolitik gegen den Westen eingesetzt werden könnten.[1]

Prosa

  • Als die Tauben verschwanden (Kun kyyhkyset katosivat, 2012), Roman, deutsch von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, ISBN 978-3-462-04661-8
  • Die Sache mit Norma (Norma,2015), Roman, deutsch von Stefan Moster, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, ISBN 978-3-462-04963-3
  • Putins Krieg gegen die Frauen (Samaan virtaan, 2023), Essay, deutsch von Angela Plöger und Maximilian Murmann, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024, ISBN 978-3-462-00691-9

Theaterstück

  • Fegefeuer, 2007, deutsch von Angela Plöger 2011

Opernlibretto

Film

Folgende nationale und internationale Literaturpreise wurden Oksanen für Fegefeuer zuerkannt:

Fegefeuer ist bisher das einzige Werk, das in Finnland sowohl mit dem Finlandia- als auch mit dem Runeberg-Preis ausgezeichnet wurde. Oksanen ist außerdem die jüngste Autorin, die einen dieser beiden Preise gewonnen hat. Schließlich ist sie auch die erste ausländische Autorin, der der Prix du Roman fnac zugesprochen wurde.[2]

Commons: Sofi Oksanen – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. a b c d e f g h Sofi Oksanen: Sofi Oksanen über Kindesentführungen: Vor den Augen der Welt. In: taz.de. 9. Dezember 2025, abgerufen am 9. Dezember 2025.
  2. a b Sofi Oksanen: Offizielle Website
  3. Website von „schaefersphilippen“, dem Verlag, der die Rechte der deutschsprachigen Ausgabe des Dramas „Fegefeuer“ innehat
  4. a b Jens Uthoff: Autorin Oksanen zu Putins Antifeminismus: „Es geht gegen Gleichberechtigung“. In: taz.de. 19. März 2024, abgerufen am 20. März 2024.
  5. Marie-Luise Knot: Sofi Oksanens Roman "Fegefeuer" - Unter Schmeißfliegen. Der Tagesspiegel, 21. Oktober 2010
  6. WSOY beendet Zusammenarbeit mit Sofi Oksanen (Memento vom 21. November 2011 im Internet Archive). In: Helsingin Sanomat, 15. Juni 2010. Abgerufen am 28. Juli 2022.
  7. Bibliographische Angaben zur deutschen Taschenbuchausgabe
  8. Boris Motzki: Sonnenhoffnung hinterm Horizont. Politisch langsam auf Augenhöhe, theatral noch immer im Abseits: Das Baltikum hat einen reichen Dramenkosmos, der hierzulande nahezu unbekannt ist. Ein Grabungsversuch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. August 2025, S. 13.
  9. Norbert Kühne, Marler Zeitung, Marl, 13. April 2011
  10. Recklinghäuser Zeitung vom 6. Mai 2011
  11. deutschlandfunkkultur.de: Sofi Oksanen: „Baby Jane“ - Liebe ohne Miteinander. Abgerufen am 22. April 2024.
  12. Sofi Oksanen bekommt Usedomer Literaturpreis 2023 | - Kultur. In: ndr.de. 7. Februar 2023, abgerufen am 12. März 2024.