Solowezki-Inseln

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Solowezki-Inseln
Das Solowezki-Kloster (2004)
Das Solowezki-Kloster (2004)
Gewässer Weißes Meer
Geographische Lage 65° 4′ N, 35° 44′ OKoordinaten: 65° 4′ N, 35° 44′ O
Solowezki-Inseln (Russland)
Solowezki-Inseln
Anzahl der Inseln 6
Hauptinsel Solowezki
Gesamte Landfläche 313 km²
Einwohner 968 (2002)
Karte des Weißen Meeres mit den Solowezki-Inseln
Karte des Weißen Meeres mit den Solowezki-Inseln

Die Solowezki-Inseln (russisch Соловецкие острова / Solowezkije ostrowa), auch Solowki-Inseln oder einfach Solowki genannt, sind eine aus sechs größeren bewohnten und mehreren kleineren unbewohnten Inseln bestehende russische Inselgruppe im Weißen Meer. Die Inseln gehören verwaltungstechnisch zur Oblast Archangelsk. Als Alexander Solschenizyn den Begriff Archipel Gulag prägte, dachte er auch an den Archipel Solowki. Das Lager Solowki war Russlands erstes großes Häftlingslager, das Modell des sowjetischen Lagersystems.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Inseln liegen im Weißen Meer etwa 530 Kilometer nördlich von St. Petersburg und 160 Kilometer südlich des Polarkreises. Die Halbinsel Kola befindet sich gut 150 Kilometer weiter nördlich. Kommend vom russischen Festland, aus der kleinen Stadt Kem, ist das erste, was man von den Solowki erblickt, ein Umriss in weiter Ferne mit vielen kleinen vorgelagerten Inseln. Je näher das Boot den Inseln kommt, umso größer wird der aus der Ferne bereits sichtbare Kreml. Das Solowezki-Kloster wurde im Jahre 1429 auf der Hauptinsel von den Mönchen Sawwati, German und Sossima gegründet und stellte eines der wichtigsten wirtschaftlichen, politischen, kulturellen sowie militärischen Zentren der Gegend dar.

Inseln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Archipel besteht aus den folgenden sechs größeren sowie einer Anzahl kleinerer Inseln:

  • Anserski (47 km²)
  • Bolschoi Solowezki (Groß-Solowezki) (246 km²)
  • Bolschaja Muksalma (17 km²)
  • Malaja Muksalma (0,57 km²)
  • Bolschoi Sajazki (1,25 km²)
  • Maly Sajazki (1,02 km²)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 13. Jahrhundert siedelten sich Mönche auf den Inseln an und errichteten ein Kloster. Dieses wurde im 18. Jahrhundert von den russischen Zaren zu einer Festung und einem Staatsgefängnis ausgebaut, in dem über gut zweieinhalb Jahrhunderte überwiegend politische Gefangene inhaftiert wurden.

Straflager des Gulag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 20. Jahrhundert wurden die Solowezki-Inseln zu einem Symbol der russischen Geschichte, zum Inbegriff des Roten Terrors in Sowjetrussland und nachfolgend des Großen Terrors. Lenin ließ bald nach Gründung der Sowjetunion hier ein Arbeitslager einrichten, in welchem 1923 über 3.000 Häftlinge untergebracht waren. Das Solowezki-Lager zur besonderen Verwendung bildete die Keimzelle für den berüchtigten Gulag und beherbergte auf dem Höhepunkt 1931 um 71.800 Häftlinge.[1]

Maxim Gorki (vierter von rechts) besichtigt mit Gleb Boki (links von Gorki) und Funktionären der Geheimpolizei OGPU die Solowezki-Inseln (1929)

Die geografische Lage des Archipels Solowezki sowie die Tatsache, dass sich in dem Kloster bereits ein Gefängnis befand, spielten eine wichtige Rolle für die Entstehung der Lager. Alle klösterlichen Einrichtungen und Einsiedeleien auf der Insel wurden durch die sowjetischen Behörden in Lagereinrichtungen umfunktioniert. Bereits im Mai 1920 entstand im Kloster ein Arbeitslager, welches ab 1923 der Verwaltung der Nördlichen Lager unterstellt wurde. Im Oktober 1923 entstand das „Solowezki-Lager zur besonderen Verwendung“ (SLON) sowie USLON, die „Verwaltung der Solowezki-Lager zur besonderen Verwendung“ mit den ersten 130 Insassen.[2] Beide unterstanden der OGPU in Moskau. Eine „Spezialabteilung“ innerhalb der OGPU hatte die Zuständigkeit über die Lager inne. Die Verwaltung befand sich in Archangelsk, bis sie 1923 nach Moskau verlegt wurde. Die eigentlichen Machtbefugnisse allerdings besaß der Lagerkommandant, welcher von SLON gestellt wurde. Von 1923 bis 1925 war Alexander Nogtew (1892–1947) der erste Lagerkommandant, danach bis 1929 Fjodor Eichmans (1897–1938), anschließend von 1929 bis 1930 wieder Nogtew. Eine wesentliche Rolle als Organisator des Solowezki-Straflagers zu einem Modell für den ganzen Gulag spielte Naftali Frenkel (1883–1960). Das Motto über dem Eingangstor des Lagers lautete: „Laßt uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben.“[2]

Die besondere Bestimmung der Lager bestand in der Isolierung von politischen Gegnern des neuen Systems sowie in der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft. Zu diesen zählten politische Oppositionelle, Angehörige unliebsamer bürgerlicher Volksschichten (sogenannte „Klassenfeinde“, Priester, Mönche, Weißgardisten, Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Anarchisten). In den Wäldern der Insel wurden mehrere 10.000 Menschen ermordet, unter ihnen der Meteorologe Alexei Wangenheim (1881–1937).[3] Das Lager war gekennzeichnet durch schlechte medizinische Versorgung, Misshandlungen bis zur Anwendung von Folter sowie unzureichende Nahrung für die Häftlinge. Viele der Inhaftierten litten unter starken Depressionen aufgrund der kurzen Sommermonate und der Kälte des nicht enden wollenden Winters. Besonders verheerend war die schlechte medizinische Versorgung. Bei einer Epidemie im Sommer 1925/26 starb etwa ein Drittel der 6.000 Häftlinge an Typhus.

Heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luftbild des Solowezki-Klosters (2017)

Inzwischen werden die Klosteranlagen wieder von russisch-orthodoxen Mönchen bewohnt; ein Gefängnis befindet sich nicht mehr auf den Inseln. Die wichtigsten Gebäude stehen seit 1992 als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. Die Inseln und ihre geschichtlichen Bauwerke können von Touristen im Rahmen geführter Ausflugstouren besucht werden.

Mahnmale in Moskau, St. Petersburg[4] und Archangelsk bestehen aus Steinen, welche von den Inseln stammen. Der Sozialhistoriker Gabor T. Rittersporn wies – ohne den gemeinten Präsidenten Wladimir Putin namentlich zu nennen – darauf hin, dass die offizielle russische Erinnerung die christliche Tradition für das „Heilige Russland“ betone und über die kaum dokumentierte Geschichte des Solowezker Lagers zu Zeiten des Roten und Großen Terrors nicht nachdenke.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joel Kotek, Pierre Rigoulot: Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung. Propyläen, Berlin 2001, ISBN 3-549-07143-4 (Originalausgabe: Le siècle des camps. Détention, concentration, extermination. Cent ans de mal radical. Éditions Lattès, Paris 2000, ISBN 2-7096-1884-2).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Solowezki-Inseln – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sergei Kriwenko: Solowezki-Lager besonderer Verwendung. Memorial.de, abgerufen am 4. November 2019.
  2. a b Karl Schlögel: Solowki – Laboratorium der Extreme (abgerufen am 17. Juni 2015)
  3. Olivier Rolin: Der Meteorologe. Roman. Übersetzung Holger Fock und Sabine Müller. München: Liebeskind, 2015, ISBN 978-3-95438-049-7. (zuerst französisch 2014)
  4. „Solowezki-Stein“ Denkmal auf der St. Petersburger Enzyklopädie
  5. Gabor T. Rittersporn: Die undokumentierte Geschichte des Solovecker Lagers