Sonderforschungsbereich 600 „Fremdheit und Armut“

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Der Sonderforschungsbereich (SFB) 600Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“ war eine zentrale Forschungseinrichtung der Universität Trier und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie dem Land Rheinland-Pfalz und der Universität finanziert. Der Forschungsverbund war auf zehn Jahre (2002 bis 2012) angelegt und untersuchte in 27 Teilprojekten aus interdisziplinärer Perspektive, wie unterschiedliche Gesellschaften Fremden und Armen begegnen. Neben dem Fach Geschichte beteiligten sich die Germanistik, Kunstgeschichte, Medienwissenschaft, Politikwissenschaft, Rechtsgeschichte, Soziologie, Ethnologie und Katholische Theologie. Insgesamt wurden Drittmittel in Höhe von 18 Millionen Euro eingeworben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Forschungsverbund, der dem Forschungszentrum Europa (FZE) angehörte, nahm seine Arbeit am 1. Januar 2002 auf. Sprecher des SFB 600 war bis Ende 2004 Andreas Gestrich. Die Begehung für die 2. Förderphase, in der das Sprecheramt an Lutz Raphael überging, fand im Oktober 2004 statt. Die dritte Förderperiode (2009–2012) wurde im November 2008 von der DFG bewilligt und mit 9,2 Millionen Euro gefördert.[1] Die Funktion des Sprechers übernahm 2009 Herbert Uerlings. Mit einer Armutsausstellung und einer didaktischen DVD-Produktion für den Schulunterricht realisierte der SFB zwei große Öffentlichkeitsprojekte. Ein weiteres Novum in der dritten Phase war das EDV-Serviceprojekt „Forschungsnetzwerk- und Datenbanksystem (FuD)“, das den gesamten Forschungsprozess abbildet und dadurch die Zusammenarbeit im Projektverbund vereinfachte. FuD zählt in den Geisteswissenschaften zu den ersten Softwarelösungen dieser Art. Zur Unterstützung und Förderung von jüngeren Wissenschaftlern hatte der SFB 600 ein integriertes Graduiertenkolleg.

Forschungsprogramm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Forschungsinteresse ging von der Frage aus, welche Formen des Umgangs mit Fremden und Armen in Gesellschaften unterschiedlichen Typs von der Antike bis in die Gegenwart ausgebildet wurden. Mit der Analyse des Wandels von Inklusions- und Exklusionsformen sollten die Grundlagen für eine sozial- und kulturgeschichtliche Beschreibung europäischer und mediterraner Gesellschaften geschaffen werden, die insbesondere die mit der Organisation gesellschaftlicher Solidarität und ihrer Begrenzung verbundenen Probleme in den Blick nimmt. Der weite zeitliche und räumliche Horizont sollte dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie Brüche und Kontinuitäten freilegen. Im Zentrum der theoretischen Perspektive stand das Konzept Inklusion/Exklusion: Es bezeichnet jene gesellschaftlichen Verfahren, die die Grenzen der Zugehörigkeit und Teilhabe markieren. Weiterführend sind dabei vor allem die Untersuchungen zu den ambivalenten Formen der „inkludierenden Exklusion“ bzw. „exkludierenden Inklusion“.[2] Es wurde versucht, das ursprünglich soziologische Konzept der Inklusion/Exklusion als kulturwissenschaftliche Theorie zu operationalisieren. Dazu wurden systemtheoretische, aber auch devianz- und ungleichheitstheoretische Ansätze herangezogen und auf eine kulturwissenschaftliche Synthese hin diskutiert.[3]

Projektbereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Forschungsverbund war in vier Projektbereiche untergliedert:

Projektbereich A: Fremdheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der gemeinsamen Arbeit des Projektbereichs wurden in der Perspektive langer Dauer grundlegende Muster der Inklusion und Exklusion erforscht, die seit der Antike Definition, Bewertung und konkret den Status von Fremdheit geprägt haben.

Projektbereich B: Armut und Armenfürsorge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Feld historischer und sozialwissenschaftlicher Armutsforschung fragte der SFB 600 nach Kontinuität und Wandel des christlich-jüdischen Deutungsmusters von Armut seit der Spätantike, nach Praktiken und Organisationsformen der Armenhilfe und Armenpolitik sowie nach religiösen, philosophischen und politischen Redeweisen über Armut.

Projektbereich C: Kollektive Repräsentationen und die historische Semantik von Armut und Fremdheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Projektbereich beschäftigte sich mit Repräsentationen bzw. Semantiken, welche die Einbeziehung bzw. Ausgrenzung von Fremden und Armen erzeugten oder begleiteten. Es ging in erster Linie um die Fragen, welche Rolle tradierte Bilder, Texte und Vorstellungen für die Dynamik sozialer Beziehungen spielen, welche Funktionen unterschiedliche Medien übernehmen und in welchem Maße sich Inklusion/Exklusion von Armen und Fremden in Zeichensysteme dieser Medien einschreiben. Darüber hinaus wurde nach der politischen Dimension der medialen Sichtbarmachung und institutionellen Vertretung der Interessen von Fremden und Armen gefragt.

Wissenstransfer in die Öffentlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgewählte Forschungsergebnisse stellte der SFB 600 der großen Öffentlichkeit vor. Neben Rundfunkbeiträgen und Artikeln in Printmedien geschah dies mittels Formaten wie der Aktion ‚Geistesblitze‘ (2007)[4], dem Kultursommer des Landes Rheinland-Pfalz (‚Straße der Wissenschaft‘, 2005), Inszenierungen mit der Laterna Magica, Beiträgen zur Kinderuniversität, Veranstaltungen zur Lehrerfortbildung und Beteiligungen an regionalen Wissenschaftsmessen wie der ‚Nacht der Wissenschaft‘ in Trier. In der dritten Förderperiode (2009–2012) wurden zwei große Vorhaben realisiert: eine Ausstellung zum Thema „Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“ sowie die Produktion einer didaktischen DVD für den Schulunterricht zum Thema „Ägypten in der Antike. Eine Bevölkerung – viele Kulturen“.

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom 10. April bis zum 31. Juli 2011 zeigten das Stadtmuseum Simeonstift und das Rheinische Landesmuseum Trier die vom SFB 600 konzipierte Sonderausstellung „Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“.[5] Gezeigt wurde anhand von 250 Exponaten, u.a. von Jörg Immendorff, Käthe Kollwitz, Picasso und Rembrandt, wie sich die Kunst mit dem Thema auseinandergesetzt hat und selbst Teil der Debatten um Zugehörigkeit und Ausschluss von Schwachen war und ist. Die Ausstellung bot somit einen Überblick über 2500 Jahre Armutsgeschichte in Europa, allerdings nicht chronologisch, sondern quer dazu aus unterschiedlichen Perspektiven: dokumentarisch, appellativ, idealisierend, stigmatisierend und reformerisch/revolutionär. In reduzierter Form war die Ausstellung von September bis November 2011 im Museum der Brotkultur in Ulm zu sehen. Zur Eröffnung in Trier sprach u.a. der Präsident der DFG, Matthias Kleiner, zur Eröffnung in Ulm die Schirmherrin, Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Die Ausstellung zählte in Trier rund 60.000 Besucher.[6] Für Schulen konzipierte der SFB 600 ein didaktisches Themenheft mit Lehrerbegleitmaterial für die Fächer Geschichte, Sozialkunde, Deutsch, Religion, Ethik und Kunst.[7] Die Ausstellung fand ein Echo im regionalen und überregionalen Feuilleton (z.B. Trierischer Volksfreund[8], Süddeutsche Zeitung[9], Die Zeit[10]) sowie in Radio und Fernsehen (z.B. Deutschlandfunk[11], WDR 3[12], SWR2[13], SR[14]). Auch in den Nachbarländern Frankreich[15], Luxemburg[16] und Belgien[17] wurde berichtet. Der von Herbert Uerlings, Nina Trauth und Lukas Clemens herausgegebene Begleitband „Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“ (Primus, Trier 2011) wurde bis Ausstellungsende rund 1.600 Mal verkauft. Die Süddeutsche Zeitung sprach von einem „Meilenstein in der Armutsforschung“,[9] in WerkstattGeschichte wurde die „fundierte, umfassende und differenzierte Darstellung des Themas Armut“ gelobt.[18]

Didaktische DVD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen des Teilprojektes Ö 2 „Hellenen und Römer, Juden und Ägypter in der multikulturellen Gesellschaft Ägyptens in der Antike“ wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) und dem Multimedia Kontor Hamburg eine didaktische DVD für den Schulunterricht produziert. Die 23 Filmclips und drei Bildergalerien geben durch Originalaufnahmen, Schaubilder und Experteninterviews Einblicke in die Geschichte und Gesellschaft Ägyptens im Wandel der Zeit.

IT-Infrastruktur für die Geisteswissenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Vernetzung der Forschungsmaterialien und -ergebnisse entwickelte der SFB 600 im Rahmen des EDV-Serviceprojekts INF in Verbindung mit dem Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften das internetgestützte „Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem (FuD)“. Die integrierte Arbeits-, Publikations- und Informationsplattform wird von verschiedenen Projekten an Akademien, Universitäten und Forschungsinstituten eingesetzt und kann für die Geschichtswissenschaften Modellcharakter beanspruchen.[19]

Ergebnispublikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Ergebnisse der Forschungsarbeit werden in der vom Verlag Peter Lang betreuten Schriftenreihe „Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart“ publiziert[20]. Darüber hinaus erscheinen zahlreiche weitere Veröffentlichungen in anderen Verlagen. Eine vollständige Forschungsbibliographie ist auf der Publikationsplattform des SFB 600 zu finden.[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Informationsdienst Wissenschaft.
  2. Vortrag von Franz-Xaver Kaufmann: „Was kann die Sozialstaatstheorie vom Sonderforschungsbereich 600 lernen?“ anlässlich der Eröffnung der dritten Förderperiode am 23. April 2009 (online, zuletzt abgerufen am 2. April 2012).
  3. Beschreibung des Arbeitskreises, zuletzt abgerufen am 30. März 2012.
  4. Projektseite Geistesblitze, abgerufen am 29. März 2012.
  5. Homepage der Ausstellung, Bericht im Unijournal der Universität Trier, PDF, abgerufen am 30. März 2012.
  6. Artikel im Trierischen Volksfreund, zuletzt abgerufen am 2. April 2012.
  7. Didaktische Materialien, abgerufen am 29. März 2012.
  8. Dieter Lintz: Ein Mix aus Kunst, Wissenschaft und Politik. In: Trierischer Volksfreund, 8. April 2011 (online), abgerufen am 29. März 2012.
  9. a b Rudolf Neumaier: Bürger, Bauer, Bettelmann. In: sueddeutsche.de, 8. Juni 2011 (online), abgerufen am 29. März 2012.
  10. Susanne Mayer: Geschichte der Armut. Das Stigma der Not – Eine beeindruckende Ausstellung in Trier zeigt die Geschichte der Armen. In: Zeit Online, 20. April 2011 (online), abgerufen am 29. März 2012.
  11. Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur. Studiozeit – Aus Kultur und Sozialwissenschaften. „Die vielen Gesichter der Armut“. Eine Ausstellung des Sonderforschungsbereichs „Fremdheit und Armut“ in Trier. Sendung von Peter Leusch, 14. April 2011 (online), abgerufen am 29. März 2012
  12. WDR 3 Resonanzen vom 19. April 2012 (online), abgerufen am 10. April 2012
  13. Journal Am Abend. Ausstellung „Armut“ in Trier – Wie gehen wir mit den Schwachen um? Bericht von Marion Dilg, Sendung vom 8. April 2011 von Tatjana Wagner (online), abgerufen am 29. März 2012.
  14. SR Fernsehen, Kulturspiegel vom 13. April 2011 (online), abgerufen am 10. April 2012.
  15. Emmanuel Bouard: Actu Decalee Art Et Pauvrete. In: France 3, gesendet am 14. Juni 2011.
  16. Marcus Stölb: Bereichernde Blickwinkel. In: Letzebuerger Journal, 23. April 2011 (online), abgerufen am 18. April 2012.
  17. Große Armutsausstellung über Armut in Trier. In: Belgischer Rundfunk, 8. April 2011 (online), abgerufen am 18. April 2012.
  18. Franz Zimmer: Expokritik „Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“. In: WerkstattGeschichte. Bd. 58, 2012, Heft 3, S. 99.
  19. “The Trier FuD system can be seen as a model for a local research environment, providing collaborative services for the complete Humanities research process: data collection and analysis; preparation of publications; and publishing and archiving.” European Science Foundation (2011): Science Policy Briefing. Research Infrastructures in the Digital Humanities, S. 20 (research_areas/HUM/Strategic_activities/RIs_in_the_Humanities/SPB42_44p-5oct_FINAL.pdf online, PDF, Stand 11. Januar 2012).
  20. Verlagswebsite, abgerufen am 3. April 2012.
  21. Publikationsplattform.