Sonderpädagogik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Sonderpädagogik ist ein Teilbereich der Allgemeinen Pädagogik. Sie beschäftigt sich mit Menschen, für die ein „besonderer Förderbedarf“ festgestellt wurde. Die Sonderpädagogik unterstützt und begleitet die Menschen mit „besonderem Förderbedarf“ durch individuelle Hilfen, um für diese ein möglichst großes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbstständiger Lebensgestaltung zu erlangen. Ihr Ziel liegt außerdem in der Erforschung und Verbesserung von Maßnahmen für die Betroffenen.

Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

Geschichtliche Begriffsentwicklung[Bearbeiten]

Historische Stufen schulischer Integration

Während Begriffe wie Heilmittel oder Heilende Erziehung im pädagogischen Zusammenhang schon früh verwendet wurden, ist der Begriff Heilpädagogik erst Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt worden. Die Heil- oder Sonderpädagogik wurde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eher als medizinische und weniger als pädagogische Disziplin betrachtet. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sie sich als eindeutig pädagogische Disziplin durch. Im Allgemeinen war anfangs das Verständnis für Menschen mit Behinderung jedoch sehr gering. So sahen Lehrer und Pädagogen es nicht als ihre Aufgabe an, behinderten Menschen durch Schaffung spezieller sonderpädagogischer Einrichtungen zu helfen. Die Gründung erster spezieller Einrichtungen für Kinder mit Behinderung, die meist in großer Armut lebten, ist also nicht primär auf die Arbeit von Pädagogen zurückzuführen, sondern eher Elterninitiativen, Armendirektoren oder Geistlichen zu verdanken.

Seit den 1980er Jahren sind verstärkte Bestrebungen im Gang, das Sonderschulwesen, das Menschen mit Behinderung weitgehend von den Menschen ohne Behinderung isoliert und damit zu ihrer Ausgrenzung aus der Gesellschaft beiträgt, umzustrukturieren. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellte in den meisten Bundesländern die Umbenennung von „Sonderschulen“ in „Förderschulen“ dar. Neben die sonderpädagogische Betreuung in speziellen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung soll ein gemeinsamer Unterricht in so genannten Integrationsklassen treten, damit Kinder mit und ohne Behinderung frühzeitig den Umgang miteinander lernen und voneinander im sozialen und lerntechnischen Bereich profitieren. Für Kindertagesstätten gibt es die gleichen Bestrebungen zur Integration.

Die Pädagogik hat in Deutschland vier Entwicklungsstufen durchgemacht. Diese Stufen sind die Exklusion, die Separation (heute vorherrschend), aus der die Sonderpädagogik hervorging, Integration (teilw. realisiert) und Inklusion (vereinzelt in Ansätzen vorhanden). Die Übergänge zwischen diesen Entwicklungsstufen sind jedoch fließend. Insbesondere die letzte Stufe, die Inklusion, ist auch bei Pädagogen bezüglich ihrer realen Umsetzung umstritten.

Eine zeitgemäße Sonderpädagogik definiert sich nicht über eine irgendwie als besonders auszuweisende Klientel, sondern über spezifische Wissens- und Könnensbestände zu krisenhaften Lern- und Entwicklungsprozessen. Sie folgt dem Motto: „Die Experten zu den Kindern und nicht die Kinder zu den Experten!“.[1]

„Das Bremer Schulgesetz von 2009 formuliert in § 3 Absatz 4 als erstes Schulgesetz in Deutschland den Auftrag, dass sich alle Schulen zu inklusiven Schulen entwickeln sollen.”[2]

Sonderpädagogik als Wissenschaft[Bearbeiten]

Sonderpädagogik ist eine Wissenschaft, die man an einer Universität studieren kann. Sie beschäftigt sich mit der schulischen und außerschulischen Erziehung und Förderung von Menschen mit Behinderung im Sinne einer Hinführung zur Selbständigkeit oder aber der Erhaltung von Fähigkeiten und Funktionen.

Sonderpädagoge nennen sich Diplom-Pädagogen mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik im Hauptstudium, Magister mit dem Hauptfach Sonderpädagogik, Master of Arts im Fach Sonderpädagogik, Master of Education im Fach Sonderpädagogik, Sonderschullehrer und Absolventen der Pädagogischen Akademien (mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik), die sich mit der Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung befassen.

Ausbildung von Sonderpädagogen[Bearbeiten]

Die Ausbildung von Sonderpädagogen erfolgt an Universitäten und pädagogischen Hochschulen

  • im Studienfach Diplom-Pädagogik/Erziehungswissenschaft mit Sonderpädagogik als Schwerpunkt im Hauptstudium.
  • mit dem angestrebten Abschluss „Erstes Staatsexamen” mit dem Berufsziel Sonderschullehrerin/Sonderschullehrer mit je nach Bundesland ein bis zwei sonderpädagogischen Fachrichtungen
  • Magister Artium (M.A.) mit dem Hauptfach Sonderpädagogik, meist auch in Form von ein oder mehreren Fachrichtungen
  • Master of Arts (M.A.) oder Master of Education (M.Ed.), mit im Gegensatz zum Magister Artium ggf. einer mit dem Master-Abschluss verbundenen Qualifizierung zum Lehramt an Sonderschulen

Als Fachrichtungen gibt es derzeit je nach Angebot der Hochschulen:

Dabei verändert sich teilweise die Terminologie der Fachrichtungen, um Paradigmenwechseln im Fach zu signalisieren, der Adressatenkreis bleibt jedoch derselbe.

Zu den zu vermittelnden Kenntnissen gehören Ursachen und Symptome der verschiedenen Behinderungen, spezielle Förderprogramme und Förderdiagnostik sowie spezielle pädagogische Fragestellungen mit Praxisbezug wie etwa Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung, die Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen, Sprachtherapie, Sexualität, Familiensituation u.a.). Aber auch die ethische Positionierung zu gesellschaftspolitischen Fragen wie beispielsweise die Sterilisation geistig behinderter Frauen beispielsweise während der Nazizeit, bzw. Fragen der Verhütung bei geistig behinderten Menschen sind Themen der Ausbildung.

Des Weiteren können spezifische Fragestellungen (z.B. Frühförderung bei Kindern mit kognitiver Behinderung, Sprachtherapie etc.) behandelt werden. Aufgrund der fast immer vorliegenden Mehrfachbehinderungen ist das isolierte Studium eines einzigen Faches nicht zu empfehlen. Im Rahmen von integrativen Kindergärten anstelle des Sonderkindergartens (z.B. für Sprachbehinderte) werden Sonderpädagogen nicht mehr nur mit spezifischen Behinderungen konfrontiert. Ähnliche Entwicklungen sind für den Wohn- und Arbeitsbereich festzustellen.

Die Studieninhalte beziehen sich auch auf Kenntnisse aus dem Bereich der Allgemeinen Sonderpädagogik:

  • Ethische Fragen
  • Geschichte der Disziplin und des Klientels
  • Institutionen der Sonderpädagogik
  • Interkulturelle Sonderpädagogik
  • Methoden der Sonderpädagogik
  • Theorien der Sonderpädagogik

Diese Kenntnisse sind notwendige Bedingungen zur Bestimmung eines eigenen Standortes und damit zur Fähigkeit der kritischen Reflexion bestehender Berufspraxis, vor allem der Praktika. Spezielle Förderprogramme oder diagnostische Aufgaben müssen kritisch hinterfragt werden. Gesellschaftsbezogene Aufgaben der Sonderpädagogik (Integration, Ethik, Normalisierung, Selbstbestimmtes Leben) lassen sich nur lösen durch Reflexion des jeweiligen Standpunktes (z.B. Dialogische versus Interaktionistische oder Materialistische Heilpädagogik). Lernerfordernis ist hier die Reflexionsfähigkeit.

In ostdeutschen Hochschulen sind die Studieninhalte und Abschlüsse sowie die Arbeitsfelder und Tätigkeiten die gleichen. Dort heißt es teilweise Rehabilitationspädagogik/Integrationspädagogik.

In Schleswig-Holstein gibt es Studiengänge für Lernbehindertenpädagogik und für Förderpädagogik, die in den ersten Semestern gemeinsame Inhalte haben, weil so viele Übereinstimmungen bestehen:

  • Lernbehinderung als pädagogisches Problem vor dem Hintergrund von Entwicklungsverzögerung
  • Sonderpädagogische Qualifikation und Professionalisierung sollen vor allem in folgenden Bereichen angestrebt werden: Lehrerpersönlichkeit, Erziehung, Unterricht, Diagnostik und konzeptgebundene Förderung, Beratung, Teamkompetenz, Zusammenarbeit mit Institutionen
  • Vermittlung von Förderkompetenzen im Bereich des mathematischen Denkens und des Mathematik-Unterrichts
  • Vermittlung von Förderkompetenzen in den Bereichen Sprache und Schriftsprache
  • Vermittlung von Sachverhalten aus Sachfächern unter erschwerten Bedingungen

Berufsfeld von Sonderpädagogen[Bearbeiten]

Berufsmöglichkeiten ergeben sich für Sonderschullehrer in erster Linie an Schulen für Behinderte (Förderschulen) oder an Schulen mit Integrationsklassen. Diplom-Pädagogen finden in öffentlichen Schulen aus formalrechtlichen Gründen oft keine Anstellung. Sie finden Berufsmöglichkeiten in der Arbeit mit Menschen aller Altersstufen und aller Behinderungen (kognitive Behinderung (geistige Behinderung), Lernbehinderung, Verhaltens-Beeinträchtigung, Sprachbehinderung, Körperbehinderung, Hör- oder Sehbehinderung). Diagnose (Ermittlung von Ort und Umfang sonderpädagogischer Maßnahmen) und Beratung der Betroffenen oder deren Angehörigen sind wesentliche sonderpädagogische Aufgaben.

Für das Kindes- und Jugendalter sind Sonderpädagogen im Bereich der Frühförderung, von Diensten zur Familienentlastung, in integrativen und Sonder- Kindergärten, in der Sonderschulsozialarbeit, in der Freizeitpädagogik und in Heimen tätig.

Für das Erwachsenenalter liegen die Tätigkeitsfelder im Wohnbereich (Heim, betreutes Wohnen), stationäre und ambulante Begleitung, im Arbeitsbereich (Werkstätten, Arbeitsassistenz, Berufsbildungs- und Berufsförderwerke), in der Erwachsenenbildung (speziell Erwachsenenbildung für Menschen mit kognitiver Behinderung) und in so genannten Familienprojekten.

Die in der Berufspraxis zu bewältigenden Probleme sind so zahlreich wie die Arbeitsfelder. Neben der Anwendung medizinischer, entwicklungspsychologischer und diagnostischer Kenntnisse müssen Sonderpädagogen in der Lage sein, Beziehungen zu Kindern und deren Familien herzustellen. Sonderpädagogik bewegt sich hier im Grenzbereich zur Therapie und erfordert hohe Ethik, Ausgeglichenheit und Liebenkönnen. Die Arbeit mit den Problemen der Familien und den Verhaltensproblemen der Kinder verlangt ein hohes Maß an Selbstreflexion und Beziehungsfähigkeit (im Sinne einer dialogischen Heilpädagogik, welche das medizinische Paradigma in der Sonderpädagogik abgelöst hat). Die Forderungen nach Integration behinderter und nichtbehinderter Kinder sollen langfristig zur Arbeit von Sonderpädagogen in fast allen Regeleinrichtungen führen. Die Förderung von integrativen Prozessen, die nicht naturwüchsig verlaufen, wird dabei eine wichtige Rolle spielen, sowie die Zusammenarbeit mit den Pädagogen ohne sonderpädagogische Qualifikation.

Im Erwachsenenalter werden sich durch das Normalisierungsprinzip neue institutionelle Erfordernisse ergeben. Selbstbestimmtes Leben und die Integration in die „normale” Lebenswelt sind Ziele, denen die sonderpädagogische Praxis nachkommen muss. Im Wohn- und Arbeitsbereich gibt es bereits Modellprojekte, die zukunftsweisend sind. Sonderpädagogen werden zu Wohn- und Arbeitsassistenten. Rechtliche Kenntnisse zur Ausschöpfung der bestehenden Unterstützungen und der Realisierung von Projekten sind hier unumgänglich. Der Bereich Erwachsenenbildung nimmt zunehmend größeren Stellenwert ein, da er die notwendigen Voraussetzungen für lebenslanges Lernen und Selbständigkeit von Menschen mit Behinderungen im Erwachsenenalter schafft.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieter Katzenbach / Joachim Schroeder: „Ohne Angst verschieden sein können“. Über Inklusion und ihre Machbarkeit. Zeitschrift für Inklusion. Ausgabe 1. 2007
  2. http://www.bildung.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen117.c.24554.de#2, abgerufen am 21. April 2010

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Bach u.a. (Hrsg.): Handbuch der Sonderpädagogik. (12 Bände), Berlin 1985-1991
  • Markus Dederich: Behinderung, Medizin, Ethik. Behindertenpädagogische Reflexionen zu Grenzsituationen am Anfang und Ende des Lebens. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2000
  • Stephan Ellinger, Roland Stein (Hg.), Grundstudium Sonderpädagogik, Oberhausen: ATHENA-Verlag, 2. überarb. u. erw. Auflage 2006, ISBN 978-3-89896-267-4
  • Urs Haeberlin: Heilpädagogik als wertgeleitete Wissenschaft - Ein propädeutisches Einführungsbuch in Grundfragen einer Pädagogik für Benachteiligte und Ausgegrenzte. Verlag Paul Haupt, Bern
  • U. Hensle, M. Vernooji u.a.: Einführung in die Arbeit mit behinderten Menschen. Bd. 1, Theoretische Grundlagen, Wiebelsheim 2000
  • Jürg Jegge: Dummheit ist lernbar, Erfahrungen mit <Schulversagern>, Zytglogge Verlag, Bern 1976, ISBN 3-7296-0058-3
  • E.J. Kiphard: Psychomotorische Entwicklungsförderung. Motopädagogik Bd. 1, Dortmund 1998
  • Emil E. Kobi: Grundfragen der Heilpädagogik - Eine Einführung in heilpädagogisches Denken. 6., bearb. und erg. Aufl. BHP-Verl. Berlin 2004.
  • Andreas Möckel, Geschichte der Heilpädagogik oder: Macht und Ohnmacht der Erziehung, Stuttgart: Klett-Cotta, 2. Auflage 2007, ISBN 978-3-608-94489-1
  • Günther Opp, Franz Peterander (Hrsg.): Focus Heilpädagogik. Projekt Zukunft. Festschrift für Otto Speck. Reinhardt, München und Basel 1996, ISBN 3-497-01391-9 (Volltext im Format PDF)
  • Eckhard Rohrmann: Mythen und Realitäten des Anders-Seins. Gesellschaftliche Konstruktionen seit der frühen Neuzeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
  • S. Solarova (Hrg.): Geschichte der Sonderpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer 1983
  • Herbert Wagner: Segregation und Stigmatisierung im Bildungssektor. Sonderschüler und Regelschüler im strukturellen Vergleich. Raum und Stigma Bd. 4. FISB - Verlag. Bad Bentheim 1986.
  • Herbert Wagner: Bildungsbiographien Lernbehinderter. Eine regionale Längsschnittuntersuchung zu den Bedingungen und Ergebnissen schulischer Sozialisation. Raum und Stigma Bde. 5 u. 6. FISB - Verlag. Bad Bentheim 1997.
  • Otto Speck: Menschen mit geistiger Behinderung. Ein Lehrbuch zur Erziehung und Bildung. München 2012
  • G. Theunissen, W. Plaute: Handbuch Empowerment und Heilpädagogik. Freiburg 2002
  • Vera Moser: Konstruktion und Kritik. Sonderpädagogik als Disziplin. Verlag Leske + Budrich. Opladen 2003, ISBN 3-8100-3794-X
  • Leitner, Karl: „Sehnsucht nach Sicherheit” - Problemverhalten bei Menschen mit Behinderung, verlag selbstbestimmtes leben, 2007 ISBN 978-3-910095-68-7
  • Ulrich Bleidick, Sieglind L. Ellger-Rüttgardt: Behindertenpädagogik - eine Bilanz. Bildungspolitik und Theorieentwicklung von 1950 bis zur Gegenwart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-020532-1.

Weblinks[Bearbeiten]