Sonnar

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Linsenschnitte früher Sonnar-Objektive[1]
1) Sonnar 1 : 2 f = 5 cm (DR 1932)[2]
2) Sonnar 1 : 1,5 f = 5 cm (1932)[3]
Vorgänger Ernemann Anastigmat „Ernostar“ 1 : 1,8 f = 10,5 cm, der am Weitesten entwickelte Typ (1924)[4]
Sonnar 1 : 2 f = 5 cm, Contax II; nach 1940: Objektiv-„T“-Vergütung[5]
Sonnar 1 : 1,5 f = 5 cm,[3] Contax IIa

„Sonnar“ charakterisiert als Name oder Bezeichnung[1] lange und erfolgreich produzierte Serien von fotografischen Aufnahmeobjektiven, erstmals populär geworden durch ein für Zeiss Ikon 1931 patentiertes und von Carl Zeiss Jena hergestelltes lichtstarkes 50-mm-Normalobjektiv für die Contax-Messsucherkamera. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Name „Sonnar“ bis 1990[6] von VEB Carl Zeiss Jena in der DDR sowie von 1954 bis 1994 als geschützte Marke[7] durch den westdeutschen Rechtsnachfolger Carl Zeiss – seit 1947 in Oberkochen und von diesem überwiegend aus Marketing-Gründen bis heute – weiter verwendet.

Nachdem 1945 der Patentschutz durch den Zweiten Weltkrieg verloren ging, wurden Sonnar-Objektive von anderen Herstellern nachgebaut und modifiziert, insbesondere in der UdSSR (Jupiter,[8] diverse Fälschungen[9]) und in Japan (Zunow,[10] Takumar,[11] Nikkor,[12] Serenar/Canon[12] und andere).

Aufgrund des großen Anwendungsbereichs und der hohen optischen Leistungen der verschiedenen Typen wurden Sonnare millionenfach verkauft. Namhafte Kamerahersteller wie Pentacon, Hasselblad, Rollei, Linhof, Sinar oder Sony waren oder sind Anbieter von Objektiven mit der Bezeichnung „Sonnar“.

Ursprung des Namens „Sonnar“

Die Idee für die Namensgebung geht auf das Sonnensymbol im Wappen der Stadt Sontheim am Neckar zurück. Das ehemals ortsansässige Nettel Camerawerk[13], 1919 mit den Contessa-Camerawerke des Konstrukteurs und Firmen-Mitinhabers August Nagel in Stuttgart zur Contessa-Nettel AG[14] fusioniert, verwendete Anfang der 1920er Jahre den Namen als Warenzeichen für ein relativ unbekannt gebliebenes, dem Tessar ähnliches Objektiv. Erst nach der Übernahme von Contessa-Nettel in die Zeiss Ikon AG im Jahr 1926 sollte die Bezeichnung „Sonnar“ alsbald ihre prominente Bedeutung erhalten.

Spitzenobjektive für die „Contax“-Kleinbildkamera

Das strahlende Sonnensymbol stand fortan Pate für die große Frontlinse bzw. Öffnung eines damals neuen Typs von Foto-Objektiven spektakulär hoher Lichtstärke, den Ludwig Bertele als Zeiss-Optikkonstrukteur im selben Jahr mit der Patenteinreichung durch Zeiss Ikon für deren Contax[15] – dem Konkurrenzprodukt zur damaligen Leica – errechnete. Die Contax war mit der Normalbrennweite Tessar 1 : 2,8 f = 5 cm Carl Zeiss Jena[16] gegenüber dem ebenfalls als Tessar-Typ konzipierten Leitz Elmar 1 : 3,5 f = 5 cm[17] der Leica bereits lichtstärker ausgestattet, was bei den vorherrschenden extrem niedrigen Filmempfindlichkeiten von umgerechnet ISO 10, maximal ISO 15 ein gewisses Verkaufsargument bedeutete; rückblickend betrachtet waren besonders hohe Lichtstärken jedoch mehr dem Prestige geschuldet, als dem tatsächlichen Nutzen der damals bescheidenen Leistung nicht abgeblendeter, voll geöffneter Objektive.

Normalbrennweiten

Um den Qualitätsanspruch gegenüber der Konkurrenz zu behaupten, erhielt Bertele den Auftrag, sein 1924 für die Krupp-Ernemann Kinoapparate AG gerechnete Schema des richtungsweisenden Ernemann Anastigmat „Ernostar“ 1 : 1,8 f = 10,5 cm[4] unter Verwendung neuartiger niedrig (anomal) dispergierender[18] Glassorten der Firma Jenaer Glaswerk Schott & Gen. für das 24×36-mm-Kleinbildformat der Contax weiterzuentwickeln. Das Ernostar der Mittelformatkamera Ernemann Ermanox[19] war zu dieser Zeit die berühmteste lichtstärkste Fotooptik des Weltmarks; die hoch innovativen Ernemann-Objektive bedeuteten für Zeiss eine ernsthafte Konkurrenz, die man als führendes Optikunternehmen nicht zu dulden gedachte: mit Hilfe von Insiderwissen der Deutschen Bank und Absprachen mit dem Mehrheitsbesitzer Krupp wurde der Firmengründer Heinrich Ernemann heimlich finanziell unterwandert und die Firma 1926 durch eine feindliche Übernahme in den Zeiss’schen Konzern eingegliedert.[20]

Im Ergebnis bestanden Berteles 50-mm-Sonnare[21][22] mit den Öffnungen 1 : 2[2] und 1 : 1,5[3] von 1932 aus 6 bzw. 7 Linsen/Gliedern in 3 Gruppen, deren verkittete Flächen in vorteilhafter Weise weniger Licht reflektierten als freistehende Linsen. Die Umsetzung dieses Grundgedankens war von erheblicher Bedeutung, da die Vergütung zur Unterdrückung von Linsenreflektionen bei gleichzeitiger Erhöhung der Lichtdurchlässigkeit noch nicht erfunden war.[23] Beispielsweise besaß ein unvergütetes 6-linsiges 1 : 2-Ernostar[19] mit 8 Glas-Luft-Flächen einen 48 %igen Lichtverlust, der die effektive, tatsächlich wirksame Öffnung um knapp -1 Blendenstufen auf 1 : 2,8 verringerte (gleichbedeutend mit der nötigen Berücksichtigung einer doppelten Belichtungszeit).

Die in den Handel gekommenen Carl Zeiss Jena 50-mm-Sonnare – sowie die zur selben Zeit bzw. wenige Jahre später herausgebrachten Sonnare längerer Brennweiten – galten den Foto-Objektiven ihrer Zeit als überlegen, da sie gegenüber anderen Entwürfen gleichzeitig lichtstärker, kontrastreicher und höher auflösend (siehe auch: Schärfe) waren. Diese Führungsposition konnte bis nach 1945 über zwei Jahrzehnte hinweg behauptet werden, nicht zuletzt durch Leistungsverbesserungen durch die seit Anfang der 1940er Jahre verwendete T-Vergütung[5][23] und weiterer Optimierungen[24] Berteles auf der Grundlage neuer optischer Gläser.

Historische Machbarkeitsstudie

Patent für ein 50-mm-Sonnar mit einer Öffnung von 1 : 1,4 (1941)[25]

Die Zielsetzung, die optische Leistung des Sonnars bei weiter gesteigerter Lichtstärke unter Beibehaltung von 6 Glas-Luft-Flächen zu verbessern, veranlasste Bertele im Übrigen zu aufwändigen Entwürfen, die jedoch aus technischen und ökonomischen Gründen nicht in marktfähige Produkte umgesetzt wurden – unter dem 1941 veröffentlichten US-Patent 2254511 A ist ein aus dem Sonnar 1 : 1,5 f = 5 cm von 1932 abgeleitetes Objektiv mit der Öffnung 1 : 1,4 belegt, dessen hintere Gruppe (außerordentlich komplex) aus 4 verkitteten Gliedern besteht.[25] Der Entwurf nimmt bereits die Erkenntnis der Notwendigkeit von mindestens 7 bis 8 Linsen späterer ≤ ƒ/1,2-Hochleistungsobjektive vorweg,[26] obschon die Sonnare nicht über deren Möglichkeiten zur Fehlerkorrektur verfügten: 5 verkittete Flächen bedeutete den Verzicht auf die erhebliche Anzahl von 10 individuellen Linsenradien bzw. exponentiell wachsender Freiheitsgrade in der optischen Rechnung;[27] daran gemessen belegt der Entwurf eindrucksvoll die hohen Fähigkeiten Berteles, mit dem Sonnar unter den gebotenen Kompromisslösungen jener Zeit eine maximal leistungsfähige Optik zu erschaffen.

Mittlere Brennweiten – die erfolgreichsten Sonnare

Sonnar-Familie von Teleobjektiv-
Brennweiten (Kleinbildformat)
1) Sonnar 1 : 4 / 135 (1932)[28]
2) Sonnar 1 : 2 / 85 (1932)[29]
3) Sonnar 1 : 2,8 / 180 (1936,
bekannt als „Olympia-Sonnar“)[30]
MC Sonnar 3,5 / 135 Carl Zeiss Jena DDR für Kleinbildformat; spätere lichtstärkere Version (1980er Jahre)[31]
Schema des Sonnar 1 : 4 / 135: Schneider-Kreuznach Tele-Xenar 1 : 3,5 / 90 für Kleinbildformat (Westdeutschland 1957)
Sonnar 1 : 4 f = 30 cm (zweites „Olympia-Sonnar“ 1. Version) für Kleinbild (1938)

Ungefähr zeitgleich mit den 50-mm-Sonnaren brachte Zeiss 1932 eine von Bertele im Jahr zuvor gerechnete längere Brennweite in einer überarbeiteten Version auf den Markt,[32] deren Erfolgsgeschichte sich – vor allem nach 1945 in der Sowjetunion und Japan mit millionenfach direkt oder in abgewandelter Form nachgebauter und in Westdeutschland zusätzlich und erfolgreich zum Mittelformat konvertierter Modelle – bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts erstreckte.

Das besondere und typische Konstruktionsmerkmal des Sonnar 1 : 4 f = 13,5 cm Carl Zeiss Jena bestand grob skizziert in einem Doppelglied aus einer bikonvexen Fluorit/Flussspat-Linse (Fluor-Kronglas) mit hohem Brechungsindex und niedriger Dispersion[33] und einer ungewöhnlich voluminösen, bikonkaven dicken Linse[34] (Blei-Flintglas) mit hohem Brechungsindex und hoher Dispersion insgesamt negativer Brechkraft (Brechwert) zur Bildfeldebnung und Korrektur von chromatischer- und sphärischer Aberration bei gleichzeitiger Reduzierung der Fokuslänge. Die Fluorit-Linse besaß dabei eine kollektive Funktion zur Beseitigung der Dispersion durch chromatische Unterkorrektion im Zusammenspiel mit der vorderen, als Meniskus ausgeführte Sammellinse sowie dito Überkorrektion mit der dicken Flintglas-Linse. Ein zweiter Meniskus mit positivem Brechwert und minimaler sphärischen Aberration korrigierte als hintere Gruppe Komafehler und gegenläufig die restliche Dispersion der vorderen Gruppen.[35] In der Summe führten die Methoden zur Beseitigung des Astigmatismus und der Koma[36] sowie der Farbfehler[37] und der Bildfeldwölbung[38] zu hervorragenden Auflösungs- und Kontrastwerten bei bereits offener Blende. Solchermaßen aus nur 4 Linsen und 6 Luft-Glas-Flächen bestehend, verkörperte das 135-mm-Sonnar im Prinzip eine eigenständige optische Konstruktion einer verkürzten „Tele“-Brennweite.[39]

Nach dem Zweiten Weltkrieg im optischen Aufbau unverändert[28] sowie ab etwa 1965 mit leicht erhöhter Lichtstärke herausgebracht,[31] erreichte die Jenaer Produktion des 135-mm-Sonnars bis zum Auslaufen um 1990 insgesamt beachtliche Stückzahlen; auch heute noch zählen beide Versionen zu den beliebten Objektiven, die gebraucht gehandelt werden, wenn auch nur in einem vergleichsweise geringem Umfang.

Ab etwa 1964 konnte man bei Carl Zeiss in Oberkochen für die Contarex und gut 10 Jahre später (1975) für die Nachkriegs-Contax die Lichtstärke des 135-mm-Sonnars in verschiedenen Versionen deutlich auf 1 : 2,8 steigern, indem zur Erhöhung der Korrekturmöglichkeiten beispielsweise alle 4 Linsen – vergleichbar dem frühen 1 : 2 f = 10 cm-Ernostar[19] – einzeln stehend ausgelegt oder das vordere Doppelglied in Einzellinsen aufgelöst und der Meniskus der hinteren Gruppe durch ein Doppelglied ersetzt wurde (5 Linsen).[40] Die Produktion des Carl Zeiss Sonnar 2,8 / 135 T* wie auch das nach dem gleichen Schema konzipierte Sonnar 2,8 / 85 T*[41] mit dem Contax/Yashica-Bajonett erfolgte nach ersten Anfängen in Oberkochen in Japan durch die Firma Yashica.

Zumindest dem Namen nach hat das vorstehend genannte Porträtobjektiv Sonnar 2,8 / 85 T* einen berühmten Ahnen in Form des lichtstarken Sonnar 1 : 2 f = 8,5 cm Carl Zeiss Jena. Es handelt sich dabei um die kürzeste, der von Bertele gerechneten Teleobjektiv-Brennweiten, die in Serie produziert wurden und die alle einen legendären Ruf erlangten. Der Linsenschnitt der 1932 entstandenen 85-mm-Brennweite visualisiert die zeitlich parallel verlaufende Entstehung bzw. direkte Verwandtschaft mit den 50-mm-Sonnaren aus dem selben Jahr; bezüglich Verwandtschaft traf dies im Übrigen auch für die ersten Nachkriegsserien des 85-mm-Sonnars aus westdeutscher Fertigung zu.[29]

Lange Brennweiten – die „Olympia-Sonnare“

Im Anschluss an die beiden 135- und 85-mm-Sonnare ersann Bertele 1936 nahe am Linsenschema des Sonnar 1 : 2 f = 5 cm ein ebenfalls wegweisendes Zeiss-Objektiv längerer Brennweite. Im 5-linsigen Teleobjektiv Sonnar 1 : 2,8 18 cm Carl Zeiss Jena – heutzutage auch „Olympia-Sonnar“[30][42] genannt – ersetzt dabei eine Sammellinse das rückwärtige 3-fach-Kittglied und verdeutlicht damit wiederum den Zusammenhang mit dem fortschrittlichen Ernostar 1 : 1,8 f = 10,5 cm als unmittelbarem Vorgänger des Sonnar 1 : 2 f = 5 cm.

Dem außergewöhnlichen Schema des Sonnar 1 : 4 13,5 cm von 1932 folgend, errechnete Bertele hauptsächlich durch die an die Brennweite angepasste vordere zweite und dritte Linse sowie durch eine Umwandlung des rückwärtigen Meniskus in ein entsprechend ausgeführtes achromatisches Doppelglied das erstmals 1938 oder (je nach Quelle) 1940 herausgebrachte Sonnar 1 : 4 f = 30 cm Carl Zeiss Jena (auch: „2. Olympia-Sonnar“). Das 5-linsige Objektiv war insofern eine Besonderheit, als nur wenige Exemplare hergestellt wurden und es sich de fakto um eine Machbarkeitsstudie für weitergehende, vermutlich militärische Zwecke handelte, da eine normale Verwendung an der Contax ohne spezielle Fokussiereinrichtung praktisch nicht möglich war. In einer Neurechnung von 1940 wurde es erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Form des Sonnar 1 : 4 f = 30 cm T Carl Zeiss Jena in Serie produziert;[43] als mit Abstand teuerstes Objektiv war dessen Erfolg in Bezug auf Stückzahlen eher gering.

Weiterentwicklung zum Mittelformat

Angänglich für die optischen Anforderungen (hinsichtlich Auflösungsvermögen, Kontrast und Lichtstärke) des Kleinbildformats entwickelt, erschlossen die optischen Prinzipien Berteles längerbrennweitiger Sonnare Brennweitenbereiche bis 300 mm, deren weitere Entwicklung Anfang der 1950er Jahre den Einsatz als Fachobjektiv für Mittelformatkameras bis hin zum Format 9 × 12 cm (4 × 5 ") ermöglichte. Eine direkte Ableitung des hochgeschätzten Sonnar 1 : 4 13,5 cm von 1932 sind die ab den 1950er Jahren von Carl Zeiss Oberkochen für die weltbekannten und mittlerweile klassischen 6×6-Kameras der Firma Hasselblad gebauten Objektive Sonnar T* 1 : 4 f = 150 mm, 1 : 4 f = 180 mm und 1 : 5,6 f = 250 mm.[44]

Für die Mittelformatkameras Praktisix und später Pentacon Six kam 1959 das Sonnar 2,8 / 180 Carl Zeiss Jena DDR[45] auf den Markt und übernahm als neu gerechnetes Mittelformat- sowie als adaptierbares Kleinbild-Objektiv fortan die Rolle seines berühmten (Kleinbild-)Vorgängers. Des Weiteren erfuhr das bereits genannte 30-cm-Kleinbild-Sonnar 1963 ebenfalls eine Weiterentwicklung zum Mittelformat in Form einer 6-linsigen, dem ursprünglichen Sonnar-Typ gleichenden und vergüteten MC-Version, die über eine nicht überzeugende Übergangsvariante 1974 durch einen verbesserten 5-linsigen Typ ersetzt wurde.[46][42] Die Konstruktion dieses späten 300-mm-Sonnars verfolgte jedoch – in erheblichem Ausmaß als Resultat der Mangelwirtschaft in der DDR (Einsparung teurer Glassorten, Verlagerung von Prioritäten) – eine deutlich vom Sonnar-Typ abweichende optische Auslegung; gegenüber dem auch wirtschaftlich erfolgreichen westdeutschen 250-mm-Sonnar der Hasselblad (bzw. dessen Vorbild von 1932) befand sich weder die Fertigungs- noch die Abbildungsqualität (insbesondere bezüglich chromatischer Korrektur) auf einem vergleichbar hohen Niveau.

„Weitwinkel-Sonnar“ unter der Bezeichnung „Biogon“

Aus dem 50-mm-Sonnar abgeleitetes Biogon 1 : 2,8 f = 3,5 cm (1936; Schnittmodell[47])

Mit den 50-, 85-, 135- und 180-mm-Sonnaren standen 1936 vier elementare Brennweiten dieses neuen Typs von Objektiven für die Contax zur Verfügung, was fehlte, waren ebenbürtige Weitwinkelobjektive. Deren Konstruktion war vor allem hinsichtlich der Bewältigung der Optischen Vignettierung schwierig. Ludwig Berteles Weg zur Lösung des Problems bestand im Wesentlichen darin, die rückwärtige Gruppe der 50-mm-Sonnare aufzulösen und diese zu einem Doppelglied und einer rückwärtigen Linse ungewöhnlich großen Durchmessers (Austrittspupille > Eintrittspupille) umzuwandeln, die einen Bildwinkel von 65° mit nur geringer Vignettierung auszeichnen konnte. Seine Rechnung mündete in ein frühes Versuchsobjektiv mit der bezeichnenden Gravur Muster Sonnar 1 : 2,8 f = 3,5 cm (6 Linsen, 8 unvergütete Luft-Glas-Flächen)[48] sowie 1936 in einer überarbeiteten Version im Carl Zeiss Jena Biogon 1 : 2,8 f = 3,5 cm[47][49] und markierte damit den Bezugspunkt für einen weiteren außerordentlich erfolgreichen Objektiv-Typ.

Neurechnungen unter historischem Namen

modernes Sonnar 1 : 2,8 40 mm (Rollei 35 S, Kleinbildformat)
Sonnar 2,8 / 40 Rollei-HFT der Rollei 35 S (in der Vergrößerung wird die Anordnung der Blenden- und Verschlusslamellen sichtbar)

Der optischen Leistung des Sonnars stand eine aufwändige und teure Fertigung gegenüber, die sich aus den hohen Anforderungen der Herstellung und Zentrierung[50] der verkitteten Dreifachglieder mit starker Krümmung (lange Kreisbögen kleiner Radien) und der Qualitätssicherung homogener fehlerfreier Gläser, insbesondere großvolumiger Linsen, ergaben. Die Vergütung kostengünstig zu fertigender, schmaler und weniger stark gekrümmter Einzellinsen aus hoch brechenden metalloxydhaltigen optischen Gläsern, von Rohglasherstellern[51] mit einer großen Auswahl unterschiedlichster Eigenschaften von Brechungsindex und Dispersion angeboten, erlaubte seit den 1950er Jahren Neuentwicklungen mit 3 bis 4 einzeln stehenden Linsen und maximal einem Doppelglied. So vermittelt beispielsweise das Sonnar 2,8 / 40 Rollei-HFT der Rollei 35 S von 1974 oder das verbilligte 4-linsige Carl Zeiss Sonnar 2,8 / 85[41] von 1970 (für das Rollei-QBM-Bajonett)[52] im Linsenschema den Eindruck einer Rückbesinnung auf Ludwig Berteles frühe 1 : 2 f = 10 cm-Variante[19] des Ernostar-Typs von 1923.

Die vorstehend genannten Methoden zur Kostenreduzierung sowie die Notwendigkeit längerer Schnittweiten für die Verwendung an Spiegelreflexkameras (siehe auch: Retrofokus, vornehmlich bei Normalbrennweiten und Weitwinkelobjektiven) führten schließlich anfangs der 1960er Jahre zur Ablösung des Sonnar-Typs zugunsten moderner unsymmetrischer Varianten des Gaußschen Doppelobjektivs.[21] Auch die Neuauflage des Carl Zeiss Jena Sonnar 1 : 1,5 f = 5 cm von 1932 in Form des seit Mitte 2000 von Cosina in Kleinserie produzierten Carl Zeiss 50 mm f/1.5 C Sonnar T* ZM[53] ähnelt durch die Auflösung des Dreifachglieds vor der Blende in diesem Detail den modernen Varianten des Planar-Objektivs.[54] Beständig weiterentwickelte Konstruktions- und Fertigungsmethoden ermöglichen unter Einsatz asphärischer Linsen zudem komplex[55] gebaute längere Festbrennweiten hoher Lichtstärke, so dass insgesamt sämtliche – heute als historisch geltende – „klassische“ Sonnar-Typen praktisch nicht mehr hergestellt werden.

Unter dem Namen Vario-Sonnar hat Carl Zeiss Oberkochen eine breite Palette von Zoomobjektiven[56] seines früheren japanischen Kooperationspartners Yashica (später Kyocera) vermarktet – bzw. dito aktuell mit Firmen wie Cosina[57], Sony[58] und Phase One[59] –, deren Gemeinsamkeiten mit Berteles Sonnaren indes nur noch im berühmten Namen bestehen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Kursiv geschriebene Objektivbezeichnungen im Artikel orientieren sich an der historischen Schreibweise der jeweiligen Gravur
  2. a b unvergütetes Sonnar 1 : 2 f = 5 cm Carl Zeiss Jenadirectupload.net (Quelle)
    dito, Beispiel eines geänderten optischen Aufbaus (unbekanntes Datum) – directupload.net (Quelle)
  3. a b c Objective US 1975678 A – directupload.net (Quelle)
  4. a b Ernostar 1 : 1,8 10,5 cm – directupload.net (Quelle: fotomutori.com);
    Photographic objective US 1708863 A – google.com/patents;
    History of photographic lens design – en.m.wikipedia.org, im Abschnitt: The Ernostar and the Sonnar
  5. a b Zeiss T-Vergütung: „T“ wie Tarn-Belag für kriegswichtige Optiken, später in Transparenz- oder T-Belag umgedeutet, auch: Blauvergütung aufgrund der bläulichen Lichtreflexe der einschichtigen Beläge; Hartvergütung aus Magnesiumfluorid für die Außenflächen der vorderen (und teilweise hinteren) Linsen, Kryolith für Linsenbeschichtungen innerhalb des Objektivs
  6. in: 20 Jahre Wiedervereinigung bei Carl Zeiss – www.zeiss.de, PDF
  7. Markenregister – register.dpma.de, Patente und Gebrauchsmuster
  8. Jupiter 1,5/50 mm, 2/50 mm, 2/85 mm, 4/135 mm, in: Die M39/LTM-Objektive für die Zorki-Kameras – g-st.ch
  9. Zeiss Sonnar Fakes – klassik-cameras.de
  10. Zunow 1 : 1.1 f = 5 cm – cameraquest.com
  11. in: Early Pentax Takumar Lenses – klassik-cameras.de, im Abschnitt: Early standard lenses, Takumar 1 : 2 f = 58 mm
  12. a b Rangefinder Camera Collection – klassik-cameras.de
  13. Nettel Camerawerk – camerapedia.wikia.com
  14. Contessa-Nettel AG – camerapedia.wikia.com
  15. Contax I; Contax II/III – cameraquest.com
  16. Zeiss Ikon Contax, Carl Zeiss Jena Tessar 1 : 2,8 f = 5 cm – directupload.net, dito Contax I – commons.wikimedia.org
  17. Elmar f = 5 cm 1 : 3,5 – www.l-camera-forum.com
  18. zu: Brechungsindex und Dispersion optischer Linsen – laborpraxis.vogel.de
  19. a b c d Ernemann Ermanox 4,5 x 6 cm – kameramuseum.de
  20. in: Andre Beyermann, Der Aufbau der Zeiss Ikon AG, Zeiss Ikon AG Dresden: Aspekte der Entwicklung des 1926 gegründeten Industrieunternehmens / Technische Universität Dresden – portal.dnb.de/Deutsche Nationalbibliothek
  21. a b in: Frühe lichtstarke Objektive für 35mm und andere Kleinbildformate – klassik-cameras.de
  22. Zeiss Tipo Sonnar – marcocavina.com, Linsenschemata, Dokumentation der Entwicklung vom Ernostar zum Sonnar
  23. a b Zur Reflexminderung von Photoobjektiven – lenspire.zeiss.com, PDF;
    Technik und Anwendungen optischer Schichten – edmundoptics.de, PDF
  24. Objective US 1975678 A,
    Lens system US 2186621 A,
    Photographic objective US 2188523 A,
    Objective comprising three lens members axially air separated from each other in optical alignment – US 2661660 A,
    High-aperture and high-transmission three component objective US 2600610 A – google.com/patents
  25. a b Photographic objective US 2254511 A – google.com/patents
  26. Das Rennen um die lichtstärksten Objektive – klassik-cameras.de
  27. Geometrische Optik – wmi.badw.de, PDF
  28. a b Sonnar 1 : 4 f = 13,5 cm Carl Zeiss Jena: Linsen- bzw. Fassungs-Schnitt, dito – directupload.net
  29. a b Carl Zeiss Jena Sonnar 1 : 2 f = 8.5 cm Short telephoto lens – mir.com.my;
    Sonnar 1 : 2 f = 8,5 cm Carl Zeiss Jena (6 Linsen; Jena, 1932),
    Carl Zeiss Sonnar 1 : 1,5 50 mm (7 Linsen; Oberkochen, ca. 1950),
    Carl Zeiss Sonnar 1 : 2 85 mm (7 Linsen; Oberkochen, 1951): Linsenschema-Vergleich – directupload.net
  30. a b Sonnar „Olympia“ 180 mm f / 2.8 – o_tripeiro.blogs.sapo.pt;
    Contax Carl Zeiss Jena 1 : 2.8 f = 18 cm Olympia Sonnar – mir.com.my;
    Legendary Zeiss 180 / 2.8 Olympia Sonnar – cameraquest.com;
    Sonnar 18cm f:2.8, first direct mount, then in Flektoskop mount – camera-wiki.org – die lange Brennweite konnte zuerst direkt an der Contax benutzt werden, zur Verbesserung der Fokussiergenauigkeit später über die Flektoskop-Spiegelkasten-Erweiterung
  31. a b MC Sonnar 3,5 / 135 Carl Zeiss Jena DDR: Linsen- bzw. Fassungs-Schnitt – directupload.net
  32. Sonnar 4/13,5: 1. Rechnung 10/31, 2. Re. 1/37, Fertigung ab 3/32, in: Hartmut Thiele, „Fabrikationsbuch Photooptik II Carl Zeiss Jena – Alle Photoobjektive, Prototypen, Spezialobjektive, Fertigungsnummern, Fertigungszeiten, Mengen und Lieferungen an die Kameraindustrie von 1927 bis 1991“ – Privatdruck München 2015, 7. (überarbeitete) Auflage
  33. Objektivklassen – Qualitäten: Fluorit-Objektive – univie.ac.at
  34. Optische Linsen – Bildkonstruktion und Berechnungen – scandig.info
  35. Frühere Objektivlinsen konnten ausschließlich durch eine Kombination von Rotations- und Taumelschleifen hergestellt werden, das Ergebnis ist immer die sphärische Krümmung eines Kugelsegments; eine Übersicht von Formen und Eigenschaften der im Haupttext genannten Linsen:
    • bikonvexe (doppelt-konvexe) Sammellinse: positiver Brechwert, fokussierende, sammelnde Eigenschaften, nach außen gewölbte Linsenradien auf beiden Seiten, ausgeprägte sphärische Aberration;
    • bikonkave (doppelt-konkave) Zerstreuungslinse: negativer Brechwert, divergierende, streuende Eigenschaften, nach innen gewölbte Linsenradien auf beiden Seiten, zur sphärischen Korrektur und Brennweitenvekürzung von Sammellinsen;
    • die Ausführungen bikonvexer und bikonkaver Linsen können sowohl symmetrisch (beide Radien identisch) als auch asymmetrisch (unterschiedliche Radien) sein;
    • hat eine der beiden Flächen den Radius 0, ergeben sich plankonvexe Sammellinsen bzw. plankonkave Zerstreuungslinsen, deren Herstellung durch Planschleifen weniger Kosten verursacht;
    • konvex-konkave Meniskus-Linse: a) negativer Brechwert, divergierende, streuende Eigenschaften, der konvexe Radius ist größer als der konkave Radius, b) positiver Brechwert, fokussierende, sammelnde Eigenschaften, der konkave Radius ist größer als der konvexe Radius („Halbmond“), spezifische Eigenschaften sind minimale sphärische- und Komafehler, speziell: Bestform-Linse, in: Optik – Technische Tipps – lasercomponents.com, PDF, Berechnungsdiagramm – optowiki.info
  36. Linsenfehler: Koma – univie.ac.at
  37. Linsenfehler: chromatische Aberration – univie.ac.at
  38. Linsenfehler: Bildfeldwölbung – univie.ac.at
  39. Methoden zur Verkürzung der Baulänge (Verschiebung der bildseitigen Hauptebene des Objektivs nach vorne) wurden in Teleobjektiven späterer Bauweisen zumeist in der rückwärtigen Gruppe angewendet
  40. Carl Zeiss Sonnar T* 2,8 / 135 mm – zeiss.de, PDF
  41. a b Sonnar 1 : 2,8 / 85 mm (4-Linser) – klassik-cameras.de bzw. Sonnar T* 2,8 / 85 (5-Linser) – zeiss.de, PDF
  42. a b Sonnar 2,8 / 180 Carl Zeiss Jena DDR und Sonnar bzw. MC Sonnar 4 / 300, in: Zeiss-Objektive mit Praktisix-Anschluss – pentaconsix.com, PDF
  43. Bild eines Carl Zeiss Sonnar 1 : 4 f = 30 cm T, T-Vergütung ab 1949, verfügbar für die Kleinbildkamera Praktina (Das Praktina-System – dresdner-kameras.de) sowie die Spiegelkasten-Flektometer (Sonnar 300mm f:4, first in Flektoskop mount, then Flektometer mount – camera-wiki.org) – die lange Brennweite war nur mit der Spiegelkasten-Erweiterung an der (Messsucher-)Contax fokussierbar
  44. Mittelformat-Objektive für Hasselblad 6×6-Kameras: Sonnar T* 1 : 5,6 f = 250 mm (Linsenschnitt) – directupload.net (Quelle);
    Sonnar T* f/4 150 mm, Sonnar T* f/4 180 mm, Sonnar T* f/5,6 250 mm – hasselbladhistorical.eu, PDF;
    Zeiss Sonnar 150 mm f/4, Zeiss Sonnar 250 mm f/5,6 – kenrockwell.com
  45. Sonnar 2,8 / 180 Carl Zeiss Jena DDR: Linsen- bzw. Fassungs-Schnitt – directupload.net;
    Carl Zeiss Jena DDR Sonnar 2.8 / 180 – lensbeam.com
  46. Sonnar 300 mm f / 4 – o_tripeiro.blogs.sapo.pt;
    Objektive für die Pentacon Six – dresdner-kameras.de;
    MC Sonnar 4 / 300: für den M42-Objektivanschluss und die Kleinbildkamera Kine Exakta per Adapter mit Springblendenfunktion anschließbar
  47. a b Carl Zeiss Jena wideangle lens Biogon 1 : 2.8 f = 35 mm, dito – mir.com;
    Fassungs- und Linsenschnitt – directupload.net, Netzfund
  48. Muster Sonnar 1 : 2,8 f = 3,5 cm – directupload.net (Quelle)
  49. Patenteinreichung vom 6. Januar 1936 (Ludwig Bertele, Zeiss Ikon AG) für ein 6-linsiges Weitwinkelobjektiv: Photographic lens system US 2084309 A – directupload.net (Quelle);
    aufgrund verschollener Konstruktionspläne gibt es in der Literatur unterschiedliche, teils widersprüchliche Angaben über den in der Serienproduktion umgesetzten optischen Aufbau des 3,5-cm-Biogon (vergl. Biogon 1 : 2,8 f = 3,5 cm, Abbildung aus dem Zeiss Ikon Hauptkatalog 1938 (Quelle); Cavina; Gubas; Merté, Richter, v. Rohr: Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie; Zeiss Ikon Dresden: Contaxphotographie – Zeiss Ikon Kleinbildkameras, Broschüren C 740 b/c, Ende 1930er Jahre)
  50. Zentrierung: Minimierung von Verkippung sowie radialer und axialer Mittelachsenverschiebung einzelner Linsen in optischen Systemen; Dezentrierung – spektrum.de
  51. Optisches Glas, PDF, Optical Glass – schott.com;
    Optisches Glas – edmundoptics.de
  52. Rollei QBM Mount Objektivprogramm – klassik-cameras.de
  53. Zeiss 50 mm f/1.5 Sonnar T* ZM – kenrockwell.com
  54. Ist es ein echtes Sonnar? – klassik-cameras.de
  55. Moderne „Sonnar“-135 mm-Festbrennweite: Sonnar T* 135 mm F1,8 ZA – directupload.net (Quelle: Sony),
    dito 55 mm: Sonnar T* FE 55 mm F1,8 ZA – directupload.net (Quelle: Sony)
  56. Vario-Sonnar f/4 80 - 200 mm, f/3.5 70 - 210 mm, f/3.5 40 - 80 mm, f/3.5 - 4.5 24 - 85 mm, f/3.3 - 4.0 28 - 85 mm, f/4.5 45 - 90 mm, f/3.5 - 4.5 28 - 70 mm, f/3.5 - 5.6 35 - 70 mm, f/2.8 17 - 35 mm, f/3.3 - 4.5 35 - 135 mm – zeiss.de, zeiss.com, PDF
  57. Carl Zeiss Qualität made by Cosina – zeiss.com, PDF
  58. Sony und Zeiss … – blogs.zeiss.com
  59. Capture One – captureintegration.com, PDF

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]