Sowjetisch-chinesischer Grenzkrieg (1929)

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Sowjetisch-chinesischer Grenzkrieg (1929)
Datum 17. August 1929 bis 22. Dezember 1929
Ort Mandschurei, Innere Mongolei
Ausgang sowjetischer Sieg
Friedensschluss Waffenstillstandsabkommen
Konfliktparteien

Sowjetunion 1923Sowjetunion Sowjetunion

Flag of the Republic of China.svg Republik China

Befehlshaber

Wassili K. Blücher

Chiang Kai-shek

Truppenstärke
200.000 Soldaten 100.000 Soldaten

Der Sowjetisch-chinesische Grenzkrieg von 1929, chinesisch 中 东路 事件; russisch Конфликт на Китайско-Восточной железной дороге (Konflikt an der Ostchinesischen Eisenbahn), war ein rund fünf Monate andauernder Grenzkrieg zwischen der Sowjetunion und der Republik China. Als Auslöser diente eine Auseinandersetzung über die Ostchinesische Eisenbahn. Tatsächlich erstreckte sich die militärische Konfrontation über die gesamte Mandschurei und Innere Mongolei. Ziel der Republik China war es, die sowjetische Machtausbreitung in diesen Regionen zurückzudrängen.[1]

Für die Sowjetunion stellte der Konflikt die erste Probe der reformierten Roten Armee sowie die erste Generalmobilmachung zwischen dem Russischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg dar. Die Kampfhandlungen zählen zu den größten militärischen Zusammenstößen auf chinesischem Boden im 20. Jahrhundert. Den rund 100.000 chinesischen Soldaten standen zirka 200.000 sowjetische gegenüber, wovon unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen 40.000 und 80.000 Rotarmisten direkt auf chinesischem Territorium und der Rest an der chinesisch-sowjetischen Grenze zum Einsatz kamen.[2][3]

Der Krieg begann am 17. August 1929 mit dem Einmarsch der Roten Armee in der Mandschurei und endete mit einer chinesischen Niederlage.[4] Am 22. Dezember 1929 unterzeichneten Regierungsvertreter der Republik China in Chabarowsk ein Waffenstillstandsabkommen, mit welchem der Status quo ante hergestellt wurde.[5] Nach dem Krieg entstand in den chinesischen Nordprovinzen ein Machtvakuum. Die Auswirkung des Konflikts führte 1931 zur Mandschurei-Krise und 1932 zur Gründung des japanischen Marionettenstaates Mandschukuo.[6]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ostchinesische Eisenbahn wird heute auch Transmandschurische Eisenbahn genannt

Der sowjetisch-chinesische Grenzkrieg entzündete sich 1929 an der Verwaltung der Chinesischen Osteisenbahn und ging auf den „Eisenbahnimperialismus“ des 19. Jahrhunderts zurück. Die Gebiete entlang der Strecke waren seit 1903 von russischen Truppen besetzt und wurden fast ausschließlich von Russen verwaltet. Dazu gehörten unter anderem ein je zehn Kilometer breiter Bereich links und rechts der Bahnlinie, alle Bahnhöfe und Stationen, Kohlenminen, Wälder, Elektrizitätswerke, Wasserwerke, Hotels, Läden, Verwaltungsgebäude, Schulen, Wohnungen, Krankenhäuser. Sämtliche Gewinne flossen nach Russland ab. Zusätzlich verlor China auf Grundlage der „Ungleichen Verträge“ große Teile seines Territoriums vollständig an das Russische Kaiserreich. Nach der Xinhai-Revolution strebte die Kuomintang (Nationale Volkspartei Chinas), später ebenso die Kommunistische Partei Chinas, eine Revision dieser Abtretungen an.[7]

Am 25. Juli 1919 verabschiedete die Regierung Sowjetrusslands das „Karachan-Manifest“. Darin wurden die „imperialistischen Ziele“ des Russischen Kaiserreiches in China verurteilt und auf alle Ansprüche der ehemaligen zaristischen Regierung gegenüber China verzichtet.[8] Das Manifest entstand zu einem entscheidenden Zeitpunkt in der Entwicklung des chinesischen Kommunismus. Es förderte bei vielen Chinesen die Akzeptanz des Marxismus und stellte 1921 einen maßgeblichen Faktor bei der Gründung der Kommunistische Partei Chinas dar.[9]

Nach Gründung der Kommunistischen Partei Chinas bestritt die Sowjetregierung die Existenz des Manifestes und setzte ungehindert die Expansionspolitik des russischen Zarenreiches fort. Überall entlang der chinesisch-sowjetischen Grenze wurden Marionettenregierungen etabliert. Es entstanden Sowjetrepubliken wie die Volksrepublik Choresmien und die Fernöstliche Republik, oder Satellitenstaaten wie die Republik Tannu-Tuwa und die Mongolische Volksrepublik. Bei passender Gelegenheit, oft wenn die Weltöffentlichkeit durch andere Ereignisse abgelenkt war, erfolgte die Eingliederung dieser Gebilde in die UdSSR.[10]

Ab Mitte der 1920er Jahre begann das ZK der KPdSU seinen Einfluss auf ganz China auszuweiten. Die Komintern inszenierte im September 1927 den Herbsternte-Aufstand und entfesselte damit den insgesamt 22 Jahre dauernden Chinesischen Bürgerkrieg. 1928 eroberten sowjetische und chinesische Kommunisten 15 Gebiete in Süd- und Mittelchina und versuchten beispielsweise in den Provinzen Hunan, Fujian und Jiangxi weitere Sowjetrepubliken zu errichten. Nachweislich beteiligten sich Einheiten der Roten Armee überall in China als Guerillakämpfer oder offen als „Rote-Banner-Interventionstruppen“ an den Machtkämpfen.[11]

Mit Unterstützung der Bevölkerung aus allen Teilen Chinas gewann die Nationale Volkspartei unter Führung von Chiang Kai-shek 1928 klar die Oberhand und stellte nach außen die einzige relevante politische Kraft des Landes dar. Am 29. Dezember 1928 vermeldete die Kuomintang symbolisch die Chinesische Wiedervereinigung und die Gründung einer neuen Nationalregierung mit Sitz in der alten Kaiserstadt Nanjing.[12]

In Nordchina war die Ostchinesische Eisenbahn als direkte Verbindung zwischen Wladiwostok und Mittelsibirien für die Sowjetunion von zentraler Bedeutung, sie garantierte ihr einen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in der Mandschurei und Inneren Mongolei.[13] Um in diesen Provinzen die territoriale Expansion und politischen Aktivitäten der Sowjetunion einzudämmen, ernannte die chinesische Nationalregierung den Warlord Zhang Xueliang offiziell zum nordöstlichen Grenzkommandeur der Republik China. Zhang Xueliang hatte sich im Dezember 1928 der Kuomintang angeschlossen und stand im engen Kontakt mit Chiang Kai-shek. Beide setzten sich vehement, unter anderem unter Berufung auf Lenin und unter Hinweis auf die chinesisch-sowjetischen Grenzverhandlungen zwischen 1919 und 1926, für eine Annullierung der „Ungleichen Verträge“ nebst „Rückgabe der geraubten Gebiete“ ein.[14]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowjetische Invasion in Nordchina, 1929
Chinesische Kavallerie in Harbin, 1929
Polikarpow R-1 während des Grenzkriegs in China, 1929

Ab Frühjahr 1929 weigerte sich die Republik China, der Sowjetunion Truppen- und Militärtransporte über chinesisches Territorium zu gestatten und begann auf der Osteisenbahn das sowjetische Verwaltungspersonal durch chinesische Fachkräfte zu ersetzen. Am 27. Mai 1929 erfolgte die Verhaftung des sowjetischen Generalkonsuls in Harbin, der erwiesenermaßen zumindest mit der Gründung von Räterepubliken sympathisierte. Während der Durchsuchung der Geschäftsräume wurde nach chinesischen Angaben ein konspiratives Treffen der Komintern aufgedeckt, weitere 80 Sowjetbürger festgenommen und Material sichergestellt, welches die Unterwanderung der Eisenbahngesellschaft mit sowjetischen Agenten darstellte. Die UdSSR stoppte daraufhin die Bahnverbindung zwischen beiden Ländern und verhaftete chinesische Bürger in der Sowjetunion.[15][16]

Auf Vermittlung der japanischen Regierung veranlasste Zhang Xueliang kurze Zeit später die Freilassung des sowjetischen Generalkonsuls. Dessen ungeachtet stellte die sowjetische Führung am 13. Juli 1929 der Regierung in Nanjing ein Ultimatum; China sollte innerhalb von drei Tagen das sowjetische Verwaltungspersonal wieder einsetzen und die Osteisenbahn für sowjetische Militärtransporte wieder freigeben. Auf die Note der chinesischen Regierung zur konstruktiven Beilegung der Streitfragen und Konflikte erklärte Moskau, dass es das „Angebot der Chinesen für unbefriedigend“ halte.[17] Am 17. Juni 1929 brach die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen zur Republik China ab.[18]

Drei Tage später ließ Stalin sämtliche russische bzw. sowjetische Geldnoten bei Banken in China nach New York überweisen und in der Sowjetunion alle chinesischen Konten sperren.[19] Des Weiteren begann die Rote Armee ab dem 20. Juli 1929 die chinesische Bevölkerung zu terrorisieren, indem Kriegsschiffe der Sowjetischen Marine in chinesischen Häfen ihre Kanonen auf die Stadtzentren richteten und Luftstreitkräfte der Sowjetunion mit Kampfflugzeugen Grenzstädte wie Suifenhe und Lahususa im Stundentakt überflogen.[20]

Auf dem internationalen diplomatischen Parkett setzten sich ausschließlich das Deutsche Reich, die USA und Japan für eine Beilegung des Konflikts ein. Die deutsche Reichsregierung übernahm in den folgenden Monaten eine besondere Vermittlerrolle. Einerseits genossen die Deutschen bei den Chinesen einen ausgezeichneten Ruf, anderseits bedeutete eine militärische Auseinandersetzung zwischen China und der Sowjetunion für Deutschland den Verlust der zwei wichtigsten Absatzmärkte, auf denen deutsche Unternehmen nach dem Ersten Weltkrieg noch frei wirken konnten. Am 21. Juli 1929 stellte China bei der deutschen Reichsregierung den Antrag, die Schutzherrschaft über die chinesischen Staatsangehörigen und diplomatischen Einrichtungen in der Sowjetunion auszuüben. Gleiches hatte die Sowjetunion bei der deutschen Botschaft in Moskau einen Tag zuvor für ihre Staatsbürger und Missionen in China erbeten. Damit nahm Deutschland für die kommenden Monate die Interessen beider Staaten in den jeweiligen Ländern wahr.[21]

Alle Initiativen zur friedlichen Beilegung des Konfliktes scheiterten, da die sowjetische Regierung auf der Beibehaltung ihrer besonderen Rechte in China bestand und die unterbreiteten Vorschläge mit den Vorstellungen der chinesischen Regierung von Souveränität nicht zu vereinbaren waren.[22] Am 17. August 1929 überschritt die Rote Armee die Grenze und marschierte mit 40.000 Soldaten in die Innere Mongolei und Mandschurei ein. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie weitere 156.000 Rotarmisten mobilisiert und im Grenzgebiet zu China stationiert.[23]

Zum Einsatz kamen auf sowjetischer Seite moderne Waffen, unter anderem die ersten in großer Serie gebauten T-18 Panzer, Bomber- und Erdkampfflugzeuge vom Typ Polikarpow R-1, drei Panzerzüge mit Fliegerabwehrbewaffnung und Granatwerfern, großkalibrige Artillerie, 294 schwere und 268 leichte Maschinengewehre. Die chinesische Nationalrevolutionäre Armee besaß 99 schwere und 135 leichte Maschinengewehre, keine Panzer, und lediglich drei bei der französischen Luftwaffe ausgediente Flugzeuge vom Typ Breguet 14 aus dem Ersten Weltkrieg. Hauptstreitkräfte waren bei den Chinesen berittene Kavallerieeinheiten, denen es dennoch bis Ende September 1929 immer wieder gelang, die Rote Armee zurückzudrängen.[24]

Kommandeur der sowjetischen Streitkräfte war Wassili Konstantinowitsch Blücher, der die Stärke und Taktik der chinesischen Armee bestens kannte. Er wirkte von 1924 bis 1927 in geheimer Mission der Sowjetunion unter dem Namen Galen an der chinesischen Whampoa-Militärakademie und als Militärberater der Kuomintang.[25] Die heftigsten Kämpfe fanden in den rohstoffreichen Grenzgebieten in Heilongjiang, am Amur, Ussuri, Songhua sowie am Chankasee und in den Grenzregionen um Chalainor–Manzhouli (Innere Mongolei) statt.[26] Anfang Oktober 1929 begann eine großangelegte sowjetische Offensive zu Land, Wasser und aus der Luft. Chinesischen und japanischen Militärhistorikern zufolge verstärkte die Rote Armee hierfür ihre Kräfte auf chinesischem Gebiet signifikant auf 80.000 Soldaten. Konkrete sowjetische Zahlenangaben über die Kräfteverstärkung existieren nicht.[27][28]

Trotz der technischen Überlegenheit der Roten Armee leistete die chinesische Nationalrevolutionäre Armee erbitterten Widerstand. Für die hohe Anzahl an sowjetischen Streitkräften auf chinesischem Boden spricht die Umsetzung der erfolgreichen Strategie der Roten Armee, zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten anzugreifen. Nach beiderseits heftigen Kämpfen von Flusskanonenbooten auf dem Amur und Songhua drangen Wassili Konstantinowitsch Blüchers Truppen, nach Forcierung der Grenzflüsse, ab dem 12. Oktober in der Provinz Heilongjiang vor. Die wichtige Grenz- und Hafenstadt Fujin fiel erst am 31. Oktober, ihr folgte kurze Zeit später Songyuan, und damit die Provinz Jilin. Am 17. November griff die sowjetische Luftwaffe Mishan an und tötete bei dem Bombardement über 1.500 Zivilisten. Aus purer Verzweiflung setzten die Chinesen zur Abwehr der Flugzeuge berittene Truppen mit enormen Verlusten ein.[29] Am gleichen Tag fand in der Inneren Mongolei die Schlacht um Dali statt, bei welcher mehr als 9.000 chinesische Soldaten in Gefangenschaft gerieten. Hailar, die „Perle des Graslandes“, Präfekturstadt und „Tor zwischen China und Russland“, vermied einen Bombenangriff und leistete bei der Besetzung keinen Widerstand.[30]

Infolge der Luftangriffe auf chinesische Städte ersuchte Zhang Xueliang in Absprache mit Chiang Kai-shek die deutsche Botschaft in Peking um Unterstützung beim Abschluss eines Waffenstillstandabkommens. Dieses Ersuchen gab die deutsche Regierung am 26. November an die Sowjetunion weiter. Nach erheblichen Anstrengungen gelang es Deutschland als Hauptemissär am 22. Dezember 1929 durch das Protokoll von Chabarowsk einen Waffenstillstand, eine Wiederherstellung des Status quo ante und die Freilassung aller Gefangenen herbeizuführen. Maßgebliche Vermittler auf deutscher Seite waren Carl von Schubert, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und Herbert von Dirksen, deutscher Botschafter in der Sowjetunion, der später nach Tokio zwangsversetzt wurde, da er den Konflikt in der Mandschurei von Anfang an falsch eingeschätzt hatte.[31]

Propaganda[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowjetische Soldaten mit erbeuteten chinesischen Truppenfahnen, Innere Mongolei 1929
Chinesische Provinzen und Grenzen während der Qing-Dynastie und nach 1919 endgültig verlorene Gebiete (rot gestrichelt)

Die Sowjetunion marschierte zu einem Zeitpunkt in China ein, als die Welt gespannt auf Deutschland, die Haager Konferenzen und den Beginn der Räumung des Rheinlands blickte. Ihre Großoffensive startete die Rote Armee mit Beginn der Weltwirtschaftskrise. Konservative Medien widmeten sich weltweit diesen Themen und schenkten dem chinesisch-sowjetischen Konflikt wenig Aufmerksamkeit. In Deutschland vertrat die Reichsregierung aufgrund ihrer Vermittlerrolle offiziell – international und gegenüber den beiden Kontrahenten – eine unparteiische Haltung. Dementsprechend hielten sich deutsche konservative, aber auch rechte Parteien in ihrer Rhetorik zurück. Anders sah dies bei linken Parteien aus: der Konflikt vertiefte die Gräben zwischen Kommunistischer Internationale und Sozialistischer Internationale.[32][33]

Wie später bei der 1934 erfolgten Sowjetischen Invasion in Sinkiang oder 1939 dem Sowjetischen Überfall auf Finnland, griff die UdSSR ohne Kriegserklärung im Namen der „Selbstverteidigung“ an. Stalin machte kein Hehl daraus, dass der chinesisch-sowjetische Konflikt willkommen sei, da damit die Leistungsfähigkeit der Roten Armee einem Test unterzogen werden konnte.[34] Getreu ihrem Motto „Feinde der Sowjetunion sind Feinde der Arbeiterklasse aller Länder“ verteidigte die Komintern das Vorgehen der sowjetischen Regierung und rief weltweit zum Kampf gegen die „englisch-japanisch-chinesische Verschwörung gegen die UdSSR“ auf.[35]

Beispielhaft wärmte Die Rote Fahne, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands, die „Weißgardisten-Rotgardisten-Polemik“ aus dem russischen Bürgerkrieg wieder auf und stellte die Ursache für den Kriegsausbruch am 18. August 1928 auf ihrer Titelseite unter der Headline „Weiße Brigaden im Anmarsch auf die Sowjetgrenze“ folgendermaßen dar (Auszüge):

„Die Lage im Fernen Osten hat sich aufs äußerste zugespitzt. Die Gefahr, die dem Frieden droht, wächst von Stunde zu Stunde. Kräfte verschiedener Art: chinesische Banditengenerale und ihre Soldateska, die imperialistischen Kräfte, die russischen Weißgardisten, Popen und Schieber – sind am Werk, um den glimmenden Brand in eine Feuersbrunst mit unabsehbaren Folgen anzublasen. Die frechen, gewissenlosen Provokationen gegen die Sowjetunion haben keine Grenzen. Tag für Tag überfallen weißgardistische Banden und chinesische Soldateska sowjetische Grenzdörfer, rauben sie aus, töten und mißhandeln die Einwohner. […] Die werktätigen Massen der Sowjetunion erwarten von der Sowjetregierung entschiedene Maßnahmen, um den weißgardistisch-chinesischen Horden das verbrecherische Handwerk zu legen. […] Das deutsche Proletariat wird im Kampf gegen den Klassenfeind für die Verteidigung der Sowjetunion ihren Mann stehen und erklärt: ‚Unsere Lanzen sind geschärft, unser Pulver ist trocken‘, und sendet der besonderen Roten Armee des Fernen Ostens ihren revolutionären Kampfesgruß!“[36]

Hingegen warf die gegenüber der Komintern opponierende Sozialistische Internationale der Sowjetunion offen Kriegstreiberei, Gräuelpropaganda und „roten Imperialismus“ vor. Bereits am 29. Juli 1929 verabschiedete sie öffentlichkeitswirksam eine Resolution. Darin war festgehalten, dass „die Sowjetregierung, die so oft die Abschaffung aller Privilegien der fremden Mächte auf chinesischem Boden gefordert hat, kein Recht habe, dieses Prinzip zu bestreiten, wenn es um ihre eigenen Privilegien gehe“. Vielmehr „erkenne die sozialistische Internationale die Ansprüche und das Recht Chinas an, die Beseitigung der russischen Kontrolle über die Ostchinabahn zu verlangen.“[37] Der Vorwärts, das Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands, wies die „englisch-japanisch-chinesische Verschwörungsthese“ zurück und erklärte, dass „die Sowjetunion dieselben imperialistischen Interessen wie das zaristische Russland verfolge.“[38]

Um den Krieg zu rechtfertigen, diffamierten die Sowjets die Kuomintang, indem sie unter anderem der chinesischen Armee erfundene Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung unterstellte. Derartige Gräuelpropaganda verbreitete die Komintern weltweit in ihren Zeitungen sowie im Radio und in China über Flugblätter, welche die sowjetische Luftwaffe über chinesischen Siedlungen abwarf. So soll die Nationalrevolutionäre Armee beispielsweise bei den Kämpfen um Fujin Geschäfte zerstört und 300 chinesische Zivilisten getötet haben. Über die toten Zivilisten bei den Fliegerangriffen auf Mishan und Manzhouli verklärte die sowjetische Propaganda, dass „die Chinesen nicht für die Schlacht vorbereitet waren“ und dass „die chinesische Armee Zivilisten als menschliche Schutzschilde verwendet“ habe.[39] Diese Darstellungen wurden in Ostblockstaaten bis zum Zerfall der Sowjetunion propagiert und werden teilweise in der Gegenwartsliteratur weiterhin von einigen Autoren verbreitet. Tatsächlich konnte beispielsweise der Vorwärts schon damals nachweisen, dass Die Rote Fahne Fotos aus dem Boxeraufstand von 1901 benutzt hatte, um angebliche Grausamkeiten der Truppen Chiang Kai-sheks zu illustrieren.[40]

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der neueren Forschung gehen Historiker der Frage nach, ob die Sowjetunion die Auseinandersetzung um die Chinesische Osteisenbahn propagandistisch nur verwendet habe, um ihre territorialen Expansionsziele in der Inneren Mongolei und Mandschurei zu verschleiern.[41] Zum einen fanden die intensivsten Kämpfe nicht entlang Ostbahn statt, sondern teilweise davon über 800 Kilometer entfernt in rohstoffreichen Regionen. Unter anderem okkupierte die Rote Armee während des Krieges mehrere Gebiete am Amur und Ussuri, und konnte dafür keinerlei Verständnis bei den chinesischen Kommunisten erzielen. Mao Zedong betonte wiederholt in Gegenwart sowjetischer Politikberater: „Wir kämpfen sicher nicht für ein emanzipiertes China, um das Land dann Moskau zu übergeben.“[42] Zum anderen verlor die UdSSR, als unmittelbare Folge des Grenzkriegs, ihren Einfluss in der Mandschurei, und verkaufte 1935 die Ostchinesische Eisenbahn an Japans Marionettenstaat Mandschukuo.[43]

Die Auseinandersetzungen um die 1929 von der Roten Armee besetzten Gebiete am Ussuri führten unter anderem in den 1960er Jahren zu weiteren chinesisch-sowjetischen Grenzkonflikten. Der territoriale Streit wurde erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beigelegt. Im „Ergänzungsabkommen über den östlichen Teil der chinesisch-russischen Grenze zwischen der Volksrepublik China und der Russischen Föderation“ vom 14. Oktober 2004 verpflichtete sich Russland dazu, einige der 1929 okkupierten Gebiete, beispielsweise Abagaitu Zhouzhu, Heixiazi Dao und Qagan Shuangwa, an China zurückzugeben. Ratifiziert wurde die Rückgabe und die Festschreibung der nunmehr 4.300 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Staaten am 23. Juli 2008.[44]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sören Urbansky: Kolonialer Wettstreit. Russland, China, Japan und die Ostchinesische Eisenbahn. campus, 2008.
  • Wladimir Kotelnikow: Der „Chinesische Eisenbahnkrieg“ von 1929. Flieger Revue Extra Nr. 24, Möller Berlin, 2009.
  • Michael Walker: The 1929 Sino-Soviet War. University Press of Kansas, 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sowjetisch-chinesischer Grenzkrieg (1929) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerald Mund: Ostasien im Spiegel der deutschen Diplomatie. Franz Steiner Verlag, 2006, S. 46 f.
  2. Michael Walker: The 1929 Sino-Soviet War. University Press of Kansas, 2017, S. 1.
  3. Kojima Yosuke: Mandschurisches Reich. Band 1. Kyoto University Press, 1983, S. 43–44.
  4. Gerald Mund, S. 46 f.
  5. Völkerrecht, Berichte und Urkunden: Die ostchinesische Bahn (S. 379.) Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, abgerufen am 8. September 2017
  6. Felix Patrikeeff: Russian Politics in Exile. The Northeast Asian. Balance of Power 1924–1931. Palgrave Macmillan UK, 2002, S. 52 f.
  7. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Beiträge zur auswärtigen und internationalen Politik 1969. Band 3. Oldenbourg Verlag, 1998, S. 375–379.
  8. Bruce A. Elleman: The Soviet Union's Secret Diplomacy Concerning the Chinese Eastern Railway, 1924–1925. Journal of Asian Studies, Band 53, S. 461–471.
  9. Karakhan Manifesto Encyclopædia Britannica, abgerufen am 8. September 2017
  10. Peter Gosztony: Die Rote Armee: Machtfaktor der Weltpolitik. Goldmann, 1983, S. 147.
  11. Henry Kissinger: China. Zwischen Tradition und Herausforderung. Bertelsmann Verlag, 2011, S. 33 f.
  12. Jürgen Bellers, Markus Porsche-Ludwig: Wirtschaft und Politik, von Geschichte über Außenwirtschaft bis zu EU-Politik. LIT Verlag Münster, 2011, S. 432.
  13. Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzungen und außenpolitische Konzeptionen 1917–1933. Walter de Gruyter, 1992, S. 254.
  14. Aron Shai: Zhang Xueliang. The General Who Never Fought. Springer, 2012, S. 12 f.
  15. Bernd Martin: Deutsch-chinesische Beziehungen 1928-1937. Gleiche Partner unter ungleichen Bedingungen. Eine Quellensammlung. Walter de Gruyter, 2003, S. 227.
  16. Boris und Dmitry Slavinsky: Chinesische Revolution und die Sowjetunion. Hintergründe zu japanischen Kriegen 1917–1937. Kyodo News Agency, 2002, S. 200.
  17. Gerald Mund, S. 46.
  18. Jürgen Zarusky, S. 254.
  19. Boris und Dmitry Slavinsky, S. 200.
  20. Felix Patrikeeff, S. 82.
  21. Gerald Mund, S. 46.
  22. Bernd Martin, S. 227.
  23. Michael Walker, S. 1.
  24. Kojima Yosuke, S. 43–44.
  25. Raymond L. Garthoff: Sino-Soviet Military Relations. Frederick A. Praeger, New York, 1966, S. 22.
  26. Boris und Dmitry Slavinsky, S. 206–207.
  27. Kojima Yosuke, S. 50 f.
  28. Felix Patrikeeff, S. 84.
  29. Boris und Dmitry Slavinsky, S. 205–206.
  30. Boris und Dmitry Slavinsky, S. 206–207.
  31. Gerald Mund, S. 47.
  32. Jürgen Zarusky, S. 254.
  33. Gerald Mund, S. 45 f.
  34. Wladimir Kotelnikow: Der „Chinesische Eisenbahnkrieg“ von 1929. In: Flieger Revue Extra, Nr. 24, Möller Berlin, 2009.
  35. Jürgen Zarusky, S. 255.
  36. Die Rote Fahne, 18. August 1929. Zeitungsinformationssystem ZEFYS der Staatsbibliothek zu Berlin, abgerufen am 17. September 2017
  37. Jürgen Zarusky, S. 255.
  38. Ebenda.
  39. Felix Patrikeeff, S. 123 f.
  40. Jürgen Zarusky, S. 255.
  41. Michael Walker, S. 31 f.
  42. Gerald Mund: Ostasien im Spiegel der deutschen Diplomatie. Die privatdienstliche Korrespondenz des Diplomaten Herbert v. Dirksen von 1933 bis 1938. Franz Steiner Verlag, 2006. S. 131.
  43. Sergej Slutsch, Carola Tischler: Deutschland und die Sowjetunion. Band 1. 1933/1934. Walter de Gruyter, 2014, S. 186
  44. Lange Grenze zwischen Russland und China Die Welt vom 23. Juli 2008, abgerufen am 17. September 2017