Sozialräumliche Struktur

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Eine sozialräumliche Struktur (auch: sozialräumliche Gliederung; sozialräumliche Organisation; sozialräumliche Entwicklung) stellt sich als Überlagerung von Sozialstruktur und Raum dar. 'Raum' im Sinne sozialräumlicher Struktur meint nie etwas Statisches, sondern verschiedene, durch gesellschaftliche Entscheidungen vorangetriebene Ausprägungen räumlicher Entwicklungen (z. B. durch Wohnbebauungen, Flurbereinigungen, Verkehrsinfrastrukturen, Grünzüge). Besonderes Interesse bei der Beschreibung sozialräumlicher Strukturen findet darum die „gebaute Umwelt“ (engl.: built environment). Die Sozialstruktur bezeichnet die sich aus der jeweiligen Gesellschaftsform ergebende Anordnung oder Schichtung ihrer Mitglieder.

Zentral für die Ausformung der sozialräumlichen Struktur sind (auch) menschliche Handlungen (siehe auch soziales Handeln). Die meisten Soziologen gehen davon aus, dass die soziale Struktur einer Gesellschaft entscheidend bleibt für sozialen Wandel; und damit auch für die Ausformung sozialräumlicher Struktur.

Politische, historische und soziale Bedingtheiten sozialräumlicher Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die britische Humangeographin Doreen Massey merkte (unter Berücksichtigung der Studien von Henri Lefebvre) zum Verhältnis von Raum/Räumlichkeit zum Sozialen an:

"Damit trat zum Aphorismus der 1970er Jahre, dass Raum sozial konstruiert ist, in den 1980er Jahren die andere Seite der Medaille hinzu, dass auch das Soziale räumlich konstruiert ist. Und das macht einen Unterschied. In anderen Worten und in der weitestgehenden Formulierung heißt das, dass Gesellschaft notwendigerweise räumlich konstruiert ist, und dass diese Tatsache – die räumliche Organisation von Gesellschaft – relevant dafür ist, wie diese funktioniert. Wenn aber die räumliche Organisation relevant dafür ist, wie Gesellschaft funktioniert und wie sie sich verändert, dann sind Raum und Räumlichkeit, statt ein Bereich der Erstarrung zu sein, in die Produktion von Geschichte verwickelt und damit (…) potentiell politisch."[1]

Der britisch-kanadische Geograph Derek Gregory formulierte: "The production of space is not a incidental by-product of social life but a moment intrinsic to its conduct and constitution …"[2] Die deutschen Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel beschrieben "sozialräumliche Struktur" folgendermaßen:

"Eine Stadt bildet einen Sozialraum. Ihre sozialräumliche Struktur ist das Ergebnis komplexer Prozesse, in deren Verlauf die unterschiedlichen sozialen Gruppen und Milieus ihren Ort in der Stadt finden bzw. zugewiesen bekommen. Dabei spielen Marktprozesse ebenso eine Rolle wie Machtprozesse, individuelle oder Gruppenpräferenzen ebenso wie historische Entwicklungen."[3]

Viele Aspekte der sozialräumlichen Struktur geraten erst durch historische Betrachtungsweisen in den Blick. Die neuere Geschichtswissenschaft nimmt ein derartig dynamisches und soziales Raumverständnis auf.

Aspekte sozialräumlicher Struktur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein wichtiger Aspekt sozialräumlicher Struktur ergibt sich durch die Verteilung der (sozial vorstrukturierten) Bewohner auf den (räumlich vorstrukturierten) Wohnungsbestand. Beides ist nicht statisch, sondern ein Produkt sozio-ökonomischer Prozesse. Bei der Steuerung des Wohnungsbaus spielt die Wohnungspolitik eine wichtige Rolle.
  • Ein anderer Aspekt ist die räumliche Nähe (bzw. der Verlust dieser Nähe) zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Schichten. Die sozialräumliche Struktur kann Ausgrenzung, aber auch soziale Inklusion begünstigen.
  • Die Konstruktion von Geschlecht und Raum schlägt sich in der sozialräumlichen Struktur einer Gesellschaft nieder.
  • Die sozialräumliche Struktur in den Städten wird auch durch die Attraktivität (bzw. die mangelnde Attraktivität) des städtischen Umlands und ländlicher Räume beeinflusst.
  • Neben Wirtschaft und Staat nehmen auch zivilgesellschaftliche Akteure Einfluss auf die sozialräumlichen Strukturen. Als Beispiele zivilgesellschaftlichen Engagements können die seit einigen Jahren etablierten interkulturellen Gemeinschaftsgärten genannt werden. Diese Gärten machen soziale, kulturelle und ökologische Potentiale einer heutigen Stadtgesellschaft erfahrbar. Fortschreitender Klimawandel (Klimaschutz) und Migration (Integration/Inklusion) sind die Randbedingungen dieser Aneignungen des öffentlichen Raums.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sozialräumlichen Strukturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zusammenhang zwischen (städtischem) 'Raum' und sozialen Strukturen wird spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Soziologie, besonders der Stadtsoziologie, untersucht. Neuere Teildisziplinen innerhalb der Soziologie, die sich (auch) mit sozialräumlichen Strukturen auseinandersetzen, sind die Raumsoziologie und die Architektursoziologie. Die wissenschaftlich-empirische Auseinandersetzung mit der sozialräumlichen Struktur suchen auch die Wissenschaftsdisziplinen: Humangeographie, Sozialgeographie, Sozialökologie, Sozialpädagogik / Soziale Arbeit (Sozialraumorientierung), Geschichtswissenschaft und Raumforschung.

Diese je fachspezifischen Zugänge zum „Sozialraum“ sind vom Begriff des „sozialen Raums“ des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zu unterscheiden. Bourdieu unterscheidet deutlich zwischen dem physischen und dem sozialen Raum. Allerdings folgert auch Bourdieu: „Der soziale Raum weist die Tendenz auf, sich mehr oder weniger strikt im physischen Raum in Form einer bestimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenschaften niederzuschlagen.“[4]

Sozialräumliche Struktur in der (kommunalen) Statistik, Planung und Sozialarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kommunale Statistik definiert zunehmend statistische Gebiete auch als „Sozialräume“. Für diese statistischen Gebiete werden meist Gebietsgrenzen unterhalb der Grenzen eines Stadtteils anhand sozialer Merkmale definiert. Diese Sozialräume dienen unterschiedlichen Akteuren für unterschiedliche Ziele. So werden zum Beispiel Interessenkonflikte zwischen Sozialplanern und Sozialarbeitern beschrieben:

"Wer die Allokation und die Finanzierung von Infrastruktur plant und verantwortet, sieht den Sozialraum anders als diejenigen, die primär die Notlagen und Entwicklungschancen der dort lebenden Menschen im Blick haben. Für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die eher die sozialen Beziehungen der Bewohnerschaft interessieren, sind beispielsweise exakte territoriale Grenzen oftmals zweitrangig. Für sie ist der Sozialraum in erster Linie ein Gebiet, in dem Menschen ihr Leben organisieren und im Alltag die dafür notwendigen Institutionen vorfinden sollen. Für Sozialplanerinnen und Sozialplaner ist die physische Gestalt des Raumes von hoher Bedeutung, sie ziehen exakte Grenzen und vergleichen Sozialräume miteinander sowie mit der Gesamtheit der Gebietskörperschaft. Für sie ist der Sozialraum ein Container für Infrastruktur bzw. für soziale Programme, deren Wirkung dann auch im sozialräumlichen Raster überprüft werden muss."[5]

Auf der kommunal-administrativen Ebene ist häufig nicht strittig, dass sozialräumliche Gliederung abgebildet wird, sondern welche Handlungsbedarfe daraus für welche sozialen Gruppen entstehen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Derek Gregory, John Urry (Hrsg.): Social Relations and Spatial Structures. Palgrave Macmillan, Basingstoke 1985, ISBN 0-333-35404-4.
  • Jörg Gutberger: Volk, Raum und Sozialstruktur. Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im „Dritten Reich“, Münster: LIT ²1999, ISBN 3-8258-2852-2.
  • Hartmut Häußermann: Sozialräumliche Struktur und der Prozeß der Ausgrenzung: Quartierseffekte. In: Nachrichtenblatt zur Stadt- und Regionalsoziologie. Band 14, Nr. 1, 1999, S. 7–18.
  • Ruth Becker: Raum: Feministische Kritik an Stadt und Raum. In: Ruth Becker / Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, S. 798–811, ISBN 978-3-531-16154-9.
  • Alexander Hamedinger: Sozial-räumliche Polarisierung in Städten: Ist das „Quartiersmanagement“ eine geeignete stadtplanerische Antwort auf diese Herausforderung? In: SWS-Rundschau (42. Jg.), Heft 1/2002, S. 122–138, Wien, PDF-Datei im Portal sws-rundschau.at
  • Antje Seidel-Schulze, Jan Dohnke, Hartmut Häußermann: Segregation, Konzentration, Polarisierung – sozialräumliche Entwicklung in deutschen Städten 2007-2009, Difu-Impusle 4, 2012; https://difu.de/publikationen/2012/segregation-konzentration-polarisierung-sozialraeumliche.html
  • Daniel Fuhrhop: Willkommensstadt: Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden. Oekom Verlag, München 2016 (Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2017), ISBN 978-3-7425-0036-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Doreen Massey: Politik und Raum/Zeit, 1992 erschienen unter dem Titel Politics and Space/Time in: New Left Review, Heft 196, zit. nach der Übersetzung von Boris Michel in: Bernd Belina, Boris Michel (Hrsg.): Raumproduktionen. Beiträge der Radical Geography. Eine Zwischenbilanz. Münster: Westfälisches Dampfboot 2007, S. 116f.
  2. Derek Gregory: Geographical Imaginations. Cambridge, Mass. 1994, p. 414.
  3. Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung. Unter Mitarbeit von Jens Wurtzbacher. Campus, Frankfurt/M./New York 2004, S. 139.
  4. Pierre Bourdieu: Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum. Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Schwibs. In: Martin Wentz (Hg.) Stadt-Räume. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 25 – 34 (hier: S. 26).
  5. Johannes Schnurr: Kleinräumiges kommunales Bildungsmanagement: warum kommunales Bildungsmanagement einen sozialräumlichen Blick braucht. In: Magdalena Bienek, Bettina Suthues (Hrsg.): Kommunales Bildungsmanagement und Sozialraum: Kleinräumige Datenbasierung, Planung und Vernetzung. Transferagentur Kommunales Bildungsmanagement NRW, Institut für soziale Arbeit e.V., Münster/W. 2017, S. 6.