Sozinianismus

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Faustus Socinus.

Der Ausdruck Sozinianismus (Socianismus, Sozianismus) bezeichnet eine antitrinitarische Bewegung, die den Glaubenssatz, dass der auferstandende Mensch Jesus Christus Mensch und Gott zugleich sein könne, für widervernünftig hält. Sie breitete sich im 16. und 17. Jahrhundert in Europa aus und wurde nach ihren bedeutendsten Vertretern, dem italienischen Antitrinitarier Lelio Sozzini und seinem Neffen Fausto Sozzini, benannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sozinianismus zeichnet sich aus durch einen Kampf gegen das Trinitätsdogma und Ablehnung der Lehre von Präexistenz und Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und damit auch einer lediglich symbolischen Deutung des Abendmahls, durch rationalistische Bibelauslegung, humanistische Toleranz und Zurückweisung aller christlichen Konfessionen. In diesem Sinne kann er als Vorläufer des Deismus und des Rationalismus angesehen werden. Die Ablehnung der Feudalhierarchie, der die Idee von der Gleichheit aller Menschen gegenübergestellt wurde, sowie die Verurteilung des Krieges, verbunden mit der Ablehnung des Kriegsdienstes, gehen auf den Einfluss des Täufertums und der mährischen Täufer zurück. Deren urchristliche Ideale fanden zeitweise bei den nichtadeligen Schichten Einfluss, die die wesentliche soziale Grundlage des Sozinianismus ausmachten.

In Polen wurde die Reformation vor allem durch italienische Reformatoren, darunter Pietro Paolo Vergerio und Francesco Lismanini, verbreitet. Da die Reformation in Polen-Litauen während der Regierungszeit von Sigismund II. August durch religiöse Toleranz gekennzeichnet war, konnte hier die anderswo als Häresie bekämpfte Sekte Fuß fassen.[1] Als Lelio Sozzini 1551 erstmals nach Polen kam, traf er sich auch mit Lismanini, der über alle theologischen Bedenken hinweg die Einheit aller reformatorischen Kräfte in Polen fördern wollte.[2]

Das Zentrum des Sozinianismus war die polnische Stadt Raków, wo die sogenannten Polnischen Brüder, die sich 1564 von der Reformierten Kirche in Polen als Ecclesia minor abspalteten, nach dem Vorbild von Pińczów eine eigene Gelehrtenschule einrichteten. Insgesamt legten die polnischen Antitrinitarier, die sich hauptsächlich aus humanistischen Kreisen rekrutierten, großen Wert auf Bildung. Bereits vor der Gründung der Rakówer Schule hatte in Lubartów eine sozinianische Gelehrtenschule existiert, daneben gab es noch eine Vielzahl kleinerer Schulen.[3] Fausto Sozzini, der erst 1579 nach Polen kam, war nicht der Gründer des Sozinianismus, er gehörte nicht einmal zu den polnischen Brüdern, prägte sie aber entscheidend durch seine Schriften, besonders den 1605 erschienenen Rakówer Katechismus, der außer den oben bereits genannten Dogmen auch die kirchliche Soteriologie verwarf.[4]

In Raków wirkten auch die deutschen Sozinianer Johannes Crellius und Martin Ruarus. Ruarus hatte Verbindung mit Hugo Grotius in Paris, der vor allem die Toleranzidee der Sozinianer teilte. Von Raków breitete sich der Sozinianismus über ganz Polen und Litauen, schließlich bis nach Deutschland, den Niederlanden (siehe auch Lammisten) und England (siehe auch Unitarismus) und von dort bis nach Nordamerika aus.

Unter den deutschen Sozinianern ragte Ernst Soner (1572–1612) hervor, der vor allem durch seine Tätigkeit als Professor an der Universität Altdorf die Studenten beeinflusste, die ihrerseits wesentlich an der Verbreitung sozinianischer Gedanken in Deutschland beteiligt waren. Philosophisch-weltanschaulich lag Soner mit seiner Annahme von der Ewigkeit der Materie, verbunden mit der Behauptung eines ersten äußeren Anstoßes, durch den sie Bewegung erhalten habe, in deistischer Richtung.

Die Ausbreitung sozinianischen Ideengutes in vielen europäischen Ländern wurde durch die Anfang des 17. Jahrhunderts im Zuge des Erstarkens der katholischen Gegenreformation auch in Polen einsetzende Verfolgung und Vertreibung der Sozinianer gefördert. Raków wurde 1638 von der Gegenreformation zerstört. 1659 wurden die Sozinianer des Landes verwiesen. Einige entgingen der Ausweisung, indem sie pro forma zum Protestantismus übertraten. Nach einem Religionsgespräch mit den Jesuiten verließen auch die letzten Polen.[5]

19. bis 21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1848 vertreten neben den wenigen christlichen Unitariern vor allem die international mit etwa 60.000 Anhängern verbreiteten Christadelphians eine sozinianische Theologie.[6] Ab 1930 gab es verschiedene Versuche, die polnischen Brüder in Polen neu zu beleben; aber mit wenigen Anhängern. In Ländern wie Siebenbürgen und Großbritannien bestehen jedoch bis heute noch christlich-unitarische Kirchen.

Einfluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In England waren es besonders John Biddle (1615–1662), Isaac Newton und John Locke, in Frankreich Voltaire, die sich mit ihren Lehren auseinandersetzten, wodurch diese Einfluss auf die frühe Periode der Aufklärung gewannen. In der Unitarischen Kirche von Siebenbürgen, in den unitarischen Kirchen von England und den USA leben die sozinianischen Ideen bis ins 18. Jahrhundert fort (siehe auch Unitarismus (Religion)). Unter rationalistischem Einfluss lehnten weite Teile des Unitarismus im Laufe des 19. Jahrhunderts auch Jungfrauengeburt, Wunder und die Inspiration der Bibel ab.

Bibliothek der polnischen Brüder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der niederländische Drucker Frans Kuypers veröffentlichte die Werke der polnischen Brüder in Bibliotheca Fratrum Polonorum quos Unitarios vocant 1665, 1668, 1692

  • Vol. I–II, Fausto Sozzini: Fausti Socini opera omnia inc. Tractatus de justificatione etc. (1668)
  • Vol. III–V, Johann Crell: Joannis Crellii opera omnia (1665)
  • Vol. VI, Jonas Schlichting: Jonæ Slichtingii ... commentaria posthuma, in plerosque Novi Testamenti libros ... hactenus inedita, inc. de magistratu, bello, et privata defensione, ... didactica, et polemica etc. (1668)
  • Vol. VII–VIII, Johann Ludwig von Wolzogen: Johannis Ludovici Wolzogenii ... opera omnia, exegetica, didactica, et polemica, etc. (1668)
  • Vol. IX, Samuel Przypkowski: Cogitationes sacrae ad initium Evangelii Matthaei et omnes Epistolas apostolicas. (1692) ed. Philippus van Limborch und Benedykt Wiszowaty.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Trechsel: Michael Servet und seine Vorgänger: nach Quellen und Urkunden geschichtlich dargestellt. Die protestantischen Antitrinitarier vor Faustus Socin, Band 1, Verlag K. Winter, Heidelberg 1839 (Originale in Lausanne & Harvard University; digitalisiert 2008)
  • Friedrich Trechsel: Lelio Sozini und die Antitrinitarier seiner Zeit: nach Quellen und Urkunden geschichtlich dargestellt. Die protestantischen Antitrinitarier vor Faustus Socin, Band 2, Verlag K. Winter, Heidelberg 1844
  • Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande., 4 Bände, zuletzt hrsg. von Ludger Lütkehaus, Alibri, Aschaffenburg 2011, Digitalisate (ohne OCR) der Erstauflage in der französischen Nationalbibliothek; Band 1: Einleitung. Teufelsfurcht und Aufklärung im sogenannten Mittelalter (Digitalisat), 1920; Kap. 31, Abschnitt 18-21: Die Reformation in Italien, Der Socinianismus, Die Socinianer in Polen, Gegenreformation[7]
  • Otto Fock: Der Socinianismus nach seiner Stellung in der Gesammtentwicklung des christlichen Geistes, nach seinem historischen Verlauf und nach seinem Lehrbegriff. Schröder, Kiel 1847, 2 Abt. in 1. (online) (Nachdruck: Scientia-Verl., Aalen 1970, ISBN 3-511-00222-2.)
  • Christoph Schmidt: Auf Felsen gesät. Die Reformation in Polen und Livland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-01387-6.
  • Ernst Feil: Religio - Die Geschichte eines neuzeitlichen Grundbegriffs, Band 3, Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 978-3-5255-5187-5, S. 263ff: 4. Positionen des Sozinianismus
  • Siegfried Wollgast: Der Sozinianismus und die deutsche Frühaufklärung. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 21, 2002, S. 397–445.
  • derselbe: Morphologie schlesischer Religiosität in der frühen Neuzeit: Sozinianismus und Täufertum. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 22, 2003, S. 419–448.
  • Barbara Mahlmann-Bauer: Protestantische Glaubensflüchtlinge in der Schweiz (1540–1580). In: Hartmut Laufhütte, Michael Titzmann (Hrsg.): Heterodoxie in der Frühen Neuzeit (= Frühe Neuzeit. Bd. 117). De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 978-3-1109-2869-3, S. 119–160.
  • Kestutis Daugirdas: Die Anfänge des Sozinianismus: Genese und Eindringen des historisch-ethischen Religionsmodells in den universitären Diskurs der Evangelischen in Europa, Band 240, Institut für Europäische Geschichte Mainz, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-6471-0142-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geschichte der Reformation in Polen (PDF; 80 kB)
  2. Erich Wenneker: Lismanini, Francesco. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 124–127.
  3. Georg Wilhelm Theodor Fischer: Versuch einer Geschichte der Reformation in Polen. Grätz 1855, S. 386–390.
  4. Gottfried Seebaß: Geschichte des Christentums. Band 3. Stuttgart 2006, ISBN 3-17-018780-5, S. 283f.
  5. Georg Wilhelm Theodor Fischer: Versuch einer Geschichte der Reformation in Polen. Grätz 1855, S. 380-382.
  6. Alan Eyre: The little ecclesia in Poland.
  7. Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande, Projekt Gutenberg bei Spiegel