Sparparadoxon

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Das Sparparadoxon resultiert aus wechselseitigen Ausgabenreduktionen und insofern Verringerung der Anderen Einnahmen, die ihrerseits wiederum danach trachten sich liquide zu halten bzw. vorsichtshalber Liquiditätsreserven zu erhöhen beginnen.[1][2] Beispielgebend waren Weltwirtschafts- und Deutsche Bankenkrise in den 1930ern.[3]

Das Sparparadoxon (engl. paradox of thrift) besagt, dass es (insbesondere in einer unterbeschäftigten Volkswirtschaft) den Wirtschaftssubjekten in ihrer Gesamtheit nicht mehr möglich ist, wegen erhöhter Sparbemühungen die gewohnte Höhe ihrer Einnahmen zu erhalten. Beim Sparparadoxon handelt es sich um eine Variante des Konkurrenzparadoxons.[4]

Historische Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wohl älteste Variante des Sparparadoxons findet sich in der Bibel unter Sprüche 11:24: "Einer teilt aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer."[5] Der Autor Bernard Mandeville unterstützte das Sparparadoxon in seiner berühmten Bienenfabel, in der er behauptete, Tugend und Genügsamkeit führten zu allgemeinem Niedergang.[6]

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Sparparadoxon durch die Autoren Foster und Catchings in den USA popularisiert. Sie schrieben Rezessionen einem Mangel an Konsum bzw. einer Überproduktion zu; ihre Vorschläge, die Güternachfrage durch schuldenfinanzierte Staatsausgaben anzukurbeln, wurden in der Weltwirtschaftskrise aufgegriffen.[7]

Das Sparparadoxon bei Keynes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch John Maynard Keynes zufolge bedeutet ein Konsumverzicht, also das Sparen der Haushalte, für die Unternehmen einen Rückgang der Nachfrage. Sie reduzieren die Produktion (und reduzieren weitere Investitionen) und lösen einen negativen Multiplikatorprozess aus. Das gesamtwirtschaftliche Einkommen sinkt, und zwar stärker als der ursprüngliche Rückgang des Konsums.

Während eine einzelne Person jederzeit ihre Ausgaben für den Konsum reduzieren und damit ihre Ersparnisse erhöhen kann, ist das für alle Personen in einer Ökonomie nicht möglich. Denn jeder, der seine Ausgaben reduziert, senkt damit die Einnahmen der anderen Personen. Sobald alle weniger konsumieren, sinken Produktion und Einkommen in der Volkswirtschaft. Zusätzlich gehen auch die Investitionen zurück, so dass das gemeinsame Sparen beim Konsum die Ersparnis in der Ökonomie nicht nur nicht erhöht, sondern sogar noch senkt.

Das Sparparadoxon nach der Saldenmechanik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiel: US-Sektoren 1929-33
Beispiel: Sektorale Salden (netto)
USA 1929-35

Das Sparparadoxon lässt sich formal am besten in den Begriffen der von Wolfgang Stützel entwickelten Saldenmechanik als Kreislaufparadoxon beschreiben. Dabei geht es um Sparen durch die Kürzung der Ausgaben, was für den Einzelnen immer zu einem Einnahmeüberschuss, also einer Ersparnis von Geld führt. Sobald aber die Gesamtheit (im Sinne von jeder Einzelne) an den Ausgaben spart, sinken nur die Einnahmen in der Ökonomie:

Partialsatz
Für einzelne Wirtschaftsteilnehmer oder eine Partialgruppe von Wirtschaftsteilnehmern gilt: Je geringer die Ausgaben, desto größer der Einnahmeüberschuss.
Größenmechanik
Der Ausgabenrückgang einer Partialgruppe von Wirtschaftsteilnehmern kann nur dann zu einem Einnahmeüberschuss führen, wenn die Komplementärgruppe einen Ausgabenüberschuss vor- bzw. hinnimmt.
Globalsatz
Ein allgemeiner Ausgabenrückgang führt für die Gesamtheit immer zu einem Einnahmerückgang und nie zu einem Einnahmeüberschuss.[8]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neoklassische Theorie und die Österreichische Schule halten das Sparparadox für falsch. Der neoklassische Ökonom James Ahiakpor argumentiert, das Paradox beruhe auf einer Verwechslung von Hortung und Sparen.[9][10] Während Hortung dem Wirtschaftskreislauf finanzielle Mittel entziehe, bedeute Sparen (etwa in Form eines Wertpapierkaufs) bloß einen Übergang der Kaufkraft von einem Akteur zu einem anderen, der die Gesamtnachfrage unverändert lasse. Dies ist die Kernaussage des Sayschen Gesetzes.

Mit ähnlichen Argumenten, wenngleich wesentlich differenzierter, hatte Friedrich August von Hayek im Jahre 1932 die Lehren von Foster und Catchings kritisiert.[11][12] Laut Hayek ist die Behauptung, Sparen bewirke eine Minderung der Güternachfrage, in der halbwissenschaftlichen und propagandistischen Literatur populärer als wohl jede andere ökonomische Lehre.[13] Seiner Ansicht nach fehlt den Anhängern des Sparparadoxons jedes Verständnis für die Funktion von Kapital und Zins.[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. (PDF) S. 62:
    „Wenn die ersparten Beträge als Depositen bei den Banken gehalten werden, verschlechtert sich ceteris paribus die Liquidität [des Gesamtbankensystems]. Das Kreditvolumen wächst bei gleicher Kasse, so daß das Verhältnis von Gesamteinlagen zu Kasse sich verschlechtert. Denn hätten die Sparer nicht gespart, sondern ihr Einkommen verausgabt, so wären die Geldbeträge genau so nach Durchfluß durch den Einzelhandel unweigerlich im Kreislauf an die Banken gekommen; der Barmittelbestand der Banken wäre also der gleiche gewesen, das Kreditvolumen aber geringer, weil die zum Konsum verausgabten Beträge von Unternehmern vereinnahmt worden wären mit der Folge, daß ihr Kreditbedarf entsprechend geringer, ihr Umsatz aber höher gewesen wäre. Das ist ein nach jeder Richtung hin paradoxes Ergebnis. Verdienst, Liquidität und infolgedessen Neigung zu investieren, sind größer, wenn Lohn- und Gehaltsempfänger weniger sparen. Das Sparen erzeugt gerade erst Kreditbedarf bei verringertem Umsatz, umgekehrt wird, wenn Sparer frühere Ersparnisse verzehren, die Liquidität sowohl der Banken wie der Unternehmungen, gesteigert und zugleich das Unternehmereinkommen.“
  2. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. (PDF) S. 91:
    „Nur wenn per Saldo in der Depression Nichtunternehmer ihre Ersparnisse aufzehrten, könnte sich die Liquidität der Unternehmungen bessern; nur soweit dies geschähe, wäre es möglich, dass auch Vorräte in der Wirtschaft mit Erfolg liquidiert werden könnten. Da es nun aber beobachtungs- und erfahrungsgemäß genau umgekehrt ist, da die Ersparnisse von Nichtunternehmern insgesamt noch wachsen, so ist von dieser Seite her nur noch eine weitere Illiquidisierung der Wirtschaft zu erwarten. Ja, darüber hinaus ist das Wachsen der Ersparnisse von Nichtunternehmern in der Depression Grund und Ausdruck von Kapitalverlusten der Unternehmungen.“
  3. Stephan Schulmeister, Oktober 2013: Euroabwicklung: Der finale Schritt in den Wirtschaftskrieg. (PDF; 624 kB) S. 2:
    „Wie schon damals erweist sich die Austeritätspolitik als der wichtigste Krisenverstärker. Je härter gespart wurde, umso stärker ist die Staatsverschuldung gestiegen, in der Rangfolge Griechenland, Spanien, Portugal, Großbritannien. Das Wissen um dieses „Sparparadox“ war eigentlich ein Ergebnis des Lernens aus der Weltwirtschaftskrise gewesen, doch nach 30 Jahren Dominanz der neoliberalen Weltanschauung ist dieses Wissen in Vergessenheit geraten.“
  4. Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten. München 2007, (online auf Google.Books) S. 606: „[...] bei dem das Bestreben eines jeden Einzelnen in der Gesamtheit nicht gelingt, weil verminderte Ausgaben eines Akteurs die Einnahmen eines anderen reduzieren.“
  5. Bibelsprüche 11
  6. Bernard Mandeville: Bienenfabel (1705)
  7. Foster, W. T. and W. Catchings (1927) Business Without a Buyer. Boston and New York: Houghton Mifflin Company, S. 42: "Assume that somebody decides to save one dollar instead of buying a watch. Then, clearly, that watch or its equivalent must remain for the present unsold. Next, suppose that the thrifty individual invests the dollar in such a way that it is used to produce another watch, and in the process is paid out as wages. Consumers now have enough money to buy either the watch which remained unsold, or the watch which has just been made by the use of savings; but they cannot buy both watches. To that extent there is 'overproduction'."
  8. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Mohr Siebeck, (2. Auflage) Tübingen 2011. S. 74.
  9. Ahiakpor, J. C. W. (1995) A Paradox of Thrift or Keynes's Misrepresentation of Saving in the Classical Theory of Growth? Southern Economic Journal Vol. 62, S. 16-33. Ders. (2004) Classical Macroeconomics: Some Modern Variations and Distortions. London: Routledge.
  10. Machovec, F. M. (2014) Our Classical Macro Heritage. Quarterly Journal of Austrian Economics 17, S. 273-312. Insbes. S. 283: "Keynes ... mischaracterized all boosts in saving as highly apt to be hoarded, a supposition that enabled his paradox of thrift".
  11. Hayek, F. A. (1932) The 'Paradox' of Saving. Economica 32, S. 125-169.
  12. Blumen, R. (2008) Hayek on the Paradox of Saving. Mises-Institut.
  13. Hayek, op. cit., S. 125: "But while in this way the idea has found a greater popularity in quasi-scientific and propagandist literature than perhaps any other economic doctrine hitherto..."
  14. Hayek, op. cit. S. 162: "What they entirely lack is any understanding of the function of capital and interest.