Sparparadoxon

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Das Sparparadoxon resultiert aus wechselseitigen Ausgabenreduktionen und insofern Verringerung der Anderen Einnahmen, die ihrerseits wiederum danach trachten sich liquide zu halten bzw. vorsichtshalber Liquiditätsreserven zu erhöhen beginnen.[1][2] Beispielgebend waren Weltwirtschafts- und Deutsche Bankenkrise in den 1930ern.[3]

Das Sparparadoxon (engl. paradox of thrift) besagt, dass es (insbesondere in einer unterbeschäftigten Volkswirtschaft) den Wirtschaftssubjekten in ihrer Gesamtheit nicht mehr möglich ist, wegen erhöhter Sparbemühungen die gewohnte Höhe ihrer Einnahmen zu erhalten. Beim Sparparadoxon handelt es sich um eine Variante des Konkurrenzparadoxons.[4]

Das Sparparadoxon bei Keynes[Bearbeiten]

Eine solche Volkswirtschaft wird durch John Maynard Keynes beschrieben: Der Konsumverzicht, also das Sparen der Haushalte, bedeutet für die Unternehmen einen Rückgang der Nachfrage. Sie reduzieren die Produktion (und reduzieren weitere Investitionen) und lösen einen negativen Multiplikatorprozess aus. Das gesamtwirtschaftliche Einkommen sinkt, und zwar stärker als der eigentliche Rückgang des Konsums.

Während eine einzelne Person jederzeit ihre Ausgaben für den Konsum reduzieren und damit ihre Ersparnisse erhöhen kann, ist das für alle Personen in einer Ökonomie nicht möglich. Denn jeder, der seine Ausgaben reduziert, senkt damit die Einnahmen der anderen Personen. Sobald alle weniger konsumieren, sinken Produktion und Einkommen in der Volkswirtschaft. Zusätzlich gehen auch die Investitionen zurück, so dass das gemeinsame Sparen beim Konsum die Ersparnis in der Ökonomie nicht nur nicht erhöht, sondern sogar noch senkt.[5]

Keynes selbst hat folgenden Vergleich gezogen: Wenn eine einzelne Person in einem vollbesetzten Kino aufsteht, kann sie besser sehen. Machen das alle Besucher nach, sieht keiner besser, obwohl jetzt alle stehen müssen.

Das Sparparadoxon nach der Saldenmechanik[Bearbeiten]

Beispiel: US-Sektoren 1929-33
Beispiel: Sektorale Salden (netto)
USA 1929-35

Das Sparparadoxon lässt sich formal am besten in den Begriffen der von Wolfgang Stützel entwickelten Saldenmechanik als Kreislaufparadoxon beschreiben. Dabei geht es um Sparen durch die Kürzung der Ausgaben, was für den Einzelnen immer zu einem Einnahmeüberschuss, also einer Ersparnis von Geld führt. Sobald aber die Gesamtheit (im Sinne von jeder Einzelne) an den Ausgaben spart, sinken nur die Einnahmen in der Ökonomie:

  • Partialsatz: Für einzelne Wirtschaftsteilnehmer oder eine Partialgruppe von Wirtschaftsteilnehmern gilt: Je geringer die Ausgaben, desto größer der Einnahmeüberschuss.
  • Größenmechanik: Der Ausgabenrückgang einer Partialgruppe von Wirtschaftsteilnehmern kann nur dann zu einem Einnahmeüberschuss führen, wenn die Komplementärgruppe einen Ausgabenüberschuss vor- bzw. hinnimmt.
  • Globalsatz: Ein allgemeiner Ausgabenrückgang führt für die Gesamtheit immer zu einem Einnahmerückgang und nie zu einem Einnahmeüberschuss[6]

Kritik[Bearbeiten]

Manche Vertreter traditioneller Theorien gehen noch immer davon aus, dass erhöhtes Sparaufkommen das Kapitalangebot zu Investitionen erhöhen und verbilligen würde, womit der Einnahmenausfall der Wirtschaftssubjekte (der gesamtwirtschaftliche Nachfrageausfall) kompensiert würde und insofern kein Sparparadoxon auftreten könne.[7][8] Diese Sichtweise der Angebotstheorie resultiert aus der Gleichsetzung von Gleichgewichtsbedingung (ex ante) mit Identitätsgleichung (ex post).[9] Die Vertreter der Wiener Schule erkennen das Sparparadoxon nicht als krisenverschärfend an, „machen lediglich eine verfehlte Kreditexpansion während der steigenden Konjunktur für die Krise verantwortlich und sehen in der Depression eine bewußte Kreditausdehnung als fehlerhaft an.“[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. (PDF) S. 62:
    „Wenn die ersparten Beträge als Depositen bei den Banken gehalten werden, verschlechtert sich ceteris paribus die Liquidität [des Gesamtbankensystems]. Das Kreditvolumen wächst bei gleicher Kasse, so daß das Verhältnis von Gesamteinlagen zu Kasse sich verschlechtert. Denn hätten die Sparer nicht gespart, sondern ihr Einkommen verausgabt, so wären die Geldbeträge genau so nach Durchfluß durch den Einzelhandel unweigerlich im Kreislauf an die Banken gekommen; der Barmittelbestand der Banken wäre also der gleiche gewesen, das Kreditvolumen aber geringer, weil die zum Konsum verausgabten Beträge von Unternehmern vereinnahmt worden wären mit der Folge, daß ihr Kreditbedarf entsprechend geringer, ihr Umsatz aber höher gewesen wäre. Das ist ein nach jeder Richtung hin paradoxes Ergebnis. Verdienst, Liquidität und infolgedessen Neigung zu investieren, sind größer, wenn Lohn- und Gehaltsempfänger weniger sparen. Das Sparen erzeugt gerade erst Kreditbedarf bei verringertem Umsatz, umgekehrt wird, wenn Sparer frühere Ersparnisse verzehren, die Liquidität sowohl der Banken wie der Unternehmungen, gesteigert und zugleich das Unternehmereinkommen.“
  2. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. (PDF) S. 91:
    „Nur wenn per Saldo in der Depression Nichtunternehmer ihre Ersparnisse aufzehrten, könnte sich die Liquidität der Unternehmungen bessern; nur soweit dies geschähe, wäre es möglich, dass auch Vorräte in der Wirtschaft mit Erfolg liquidiert werden könnten. Da es nun aber beobachtungs- und erfahrungsgemäß genau umgekehrt ist, da die Ersparnisse von Nichtunternehmern insgesamt noch wachsen, so ist von dieser Seite her nur noch eine weitere Illiquidisierung der Wirtschaft zu erwarten. Ja, darüber hinaus ist das Wachsen der Ersparnisse von Nichtunternehmern in der Depression Grund und Ausdruck von Kapitalverlusten der Unternehmungen.“
  3. Stephan Schulmeister, Oktober 2013: Euroabwicklung: Der finale Schritt in den Wirtschaftskrieg. (PDF; 624 kB) S. 2:
    „Wie schon damals erweist sich die Austeritätspolitik als der wichtigste Krisenverstärker. Je härter gespart wurde, umso stärker ist die Staatsverschuldung gestiegen, in der Rangfolge Griechenland, Spanien, Portugal, Großbritannien. Das Wissen um dieses „Sparparadox“ war eigentlich ein Ergebnis des Lernens aus der Weltwirtschaftskrise gewesen, doch nach 30 Jahren Dominanz der neoliberalen Weltanschauung ist dieses Wissen in Vergessenheit geraten.“
  4. Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten. München 2007, (online auf Google.Books) S. 606: „[...] bei dem das Bestreben eines jeden Einzelnen in der Gesamtheit nicht gelingt, weil verminderte Ausgaben eines Akteurs die Einnahmen eines anderen reduzieren.“
  5. flassbeck-economics, 6. Dezember 2013: Die Monetäre Theorie der Produktion – Eine zehnteilige Serie von Wolfgang Waldner. Einleitung zur Serie: Was ist eine monetäre Theorie der Produktion?:
    „Die monetäre Theorie der Produktion von Keynes führt zu der Erkenntnis, dass die mögliche Ersparnis der Ökonomie eine Beschränkung unserer Einkommen bewirkt. Wir alle können als Einzelpersonen unseren Konsum einschränken, um mehr zu sparen. Alle zusammen können wir aber nicht mehr sparen als die Nettoinvestition der Ökonomie, die besonders in Krisen leicht Null wird. Wenn wir alle unseren Konsum einschränken, um aus unseren Einkommen zu sparen, diese Ersparnis aber insgesamt Null nicht übersteigen kann, dann bewirkt der monetäre Mechanismus der Ökonomie, dass wir uns arm sparen: Unsere Einkommen müssen so tief fallen und die Ökonomie muss so stark verarmen, dass wir nichts mehr sparen können. Das Sparen ist die Ursache von Wirtschaftskrisen.“
  6. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Mohr Siebeck, (2. Auflage) Tübingen 2011. S. 74.
  7. Hans Gestrich: Kredit und Sparen. Jena 1944. (1. Auflage) S. 83:
    „Während der großen Wirtschaftsdepression der dreißiger Jahre wurde mit Nachdruck von einigen Nationalökonomen darauf hingewiesen, daß durch Sparen die Ausdehnung des Kreditvolumens gehemmt und die Krise verschärft würde. Und da zu jener Zeit fast nur auf Bankguthaben gespart wurde, der Effektenkauf stockte und die Einlagen der Sparkassen sogar zurückgingen, war dies damals völlig richtig. Die Anhänger der traditionellen Auffassung widersprachen heftig und erklärten, daß durch Sparen der Zins niedriger und die Kreditgewährung erleichtert würde, es müßte nun erst recht gespart werden.“
  8. Hans Gestrich: Neue Kreditpolitik. Stuttgart und Berlin 1936. S. 2:
    „Obwohl längst vor der Kreditkrise des Jahres 1931 das Geld- und Kreditsystem de facto eine Gestalt angenommen hatte, auf die die hergebrachten Meinungen und Lehrsätze zu einem großen Teil nicht mehr anwendbar waren, hielt man an ihnen fest.“
  9. Michael Frenkel, Klaus Dieter John: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. München 2011, (online) S. 30.
  10. Wilhelm Lautenbach, 1931 in: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952, S. 157.