Speziallager Nr. 9 Fünfeichen

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Das Speziallager Nr. 9 Fünfeichen war eines der zehn Speziallager des NKWD/MWD in der Sowjetischen Besatzungszone und lag in der Stadt Neubrandenburg am südlichen Rand der Stadtfeldmark.[1] Während des Krieges war hier das Kriegsgefangenenlager Stalag II A mit mehreren Tausend Kriegsgefangenen. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Gedenkstätte für die Opfer beider Lager.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich am Ort das Kriegsgefangenenlager „Stalag II A“ der deutschen Wehrmacht, das bei seinem höchsten Belegungsstand etwa 15.000 Gefangene gleichzeitig aufnahm. Insgesamt wurde es von etwa 70.000 Kriegsgefangenen durchlaufen. Mindestens 6.000 sowjetische Kriegsgefangene und 500 Kriegsgefangene der westlichen Alliierten kamen im Stalag II A ums Leben.[2]

Von Mai bis Herbst 1945 befand sich auf dem Gelände ein Lager für Displaced Persons; die Namen von etwa 750 Tschechen und Slowaken sind nachgewiesen.

Inhaftierte des Speziallagers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits ab Juni 1945 belegten die Dienste des Innenministeriums der Sowjetunion (NKWD) das Lager mit deutschen Häftlingen. Dazu zählten ehemalige Mitglieder von NSDAP, HJ, BDM und anderen nationalsozialistischen Organisationen ebenso wie Verwaltungsmitarbeiter, Bürgermeister, Polizisten, Juristen, Zeitungsredakteure, aber auch Fabrik- und Gutsbesitzer sowie viele willkürlich Verhaftete, die aufgrund von Denunziationen oder allein durch Zufälle als Sicherheitsrisiko für die Besatzungsmacht oder als Gegner der neu eingesetzten deutschen kommunistischen Machthaber eingeschätzt wurden.

Viele der Verhafteten stammten aus Mecklenburg und Pommern, aber auch aus Berlin und Brandenburg. Mitte August 1945 erreichte ein Transport mit über 1700 Häftlingen aus dem Speziallager Sachsenhausen das Lager Fünfeichen. Im Januar 1946 kamen etwa 1500 Gefangene aus dem NKWD-Lager Graudenz nach dessen Schließung nach Fünfeichen. Weitere 1500 Gefangene kamen im März 1947 aus dem Speziallager Ketschendorf.

Die durchschnittliche Belegungsstärke betrug:

  • 1945: 04.400 Häftlinge
  • 1946: 10.400 Häftlinge
  • 1947: 09.400 Häftlinge
  • 1948: 08.400 Häftlinge (bis 13. Juli).

Die Gesamtzahl der Häftlinge belief sich auf etwa 15.400 Menschen.

Neben den männlichen Gefangenen befanden sich im Speziallager Fünfeichen über 400 Frauen.

Haftbedingungen und Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Haftbedingungen waren durch völlig unzureichende Ernährung sowie mangelhafte Hygiene, Kleidung und Heizung gekennzeichnet. Mindestens 4900 Personen verstarben aufgrund dieser Umstände an Krankheiten, Mangelerscheinungen und Seuchen. Die Opfer wurden nur anfangs in Einzelgräbern auf dem Nordfriedhof beerdigt, später dann in anonymen Massengräbern auf dem Südfriedhof. Ihre Namen, soweit bekannt, wurden 1996 in einem Totenbuch veröffentlicht,[3] sie sind seit 1999 auf 59 Bronzetafeln im Bereich der Gedenkstätte am südlichen Massengrab zu finden.

Deportation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Februar 1947 wurden etwa 700 Gefangene zur Zwangsarbeit in Arbeitslager des Gulag-Systems in die Sowjetunion deportiert.

Auflösung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zeit von Juli bis September 1948 wurden etwa 5200 Häftlinge in die Freiheit entlassen. Nicht entlassen wurden 2800, wovon 2600 in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald transportiert wurden und ein Restkommando von 200 Häftlingen in das Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen kam. Viele dieser Häftlinge wurden am 9. und 13. Februar 1950 nach Waldheim gebracht, wo sie in den Waldheimer Prozessen (Schnellverfahren) zu langjährigen Haftstrafen sowie in einigen Fällen zum Tode verurteilt wurden. Die Prozesse fanden ohne Rechtsgrundlage statt und die Urteile standen in stalinistischer Verfahrensweise bereits vorher fest. Der Rest der Gefangenen wurde 1950 entlassen.

Die endgültige Auflösung des Speziallagers Fünfeichen erfolgte im Januar 1949.

Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der DDR-Zeit wurde die Existenz sowjetischer Speziallager geleugnet; ehemalige Gefangene durften bei Strafandrohung nicht davon berichten. 1958 bis 1960 schuf die Stadt Neubrandenburg eine Gedenkstätte für die 1939 bis 1945 verstorbenen Kriegsgefangenen, die wegen der geplanten militärischen Nutzung aber nie der Öffentlichkeit übergeben wurde. Das Gelände des Speziallagers Fünfeichen wurde gesperrt und verfiel.

Im März 1990 wurden nach Hinweisen aus der Bevölkerung die Massengräber wiedergefunden.

Am 28. April 1991 wurde von ehemaligen Häftlingen und betroffenen Angehörigen die „Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen“ gegründet. Sie initiierte zusammen mit der Stadt Neubrandenburg eine Neugestaltung der Gedenkanlage, die am 25. April 1993 eingeweiht wurde. Neben einem gestützten Kreuz, dem Symbol der Arbeitsgemeinschaft, und elf Eichenstelen, geschaffen von dem Künstler Uwe Grimm, gehören eine Bronzeplatte des Bildhauers Walter Preik im Eingangsbereich und elf Granitkreuze mit den Jahreszahlen 1939–1948 zur Gedenkanlage, die an die Verstorbenen der beiden Gefangenenlager in Fünfeichen erinnern. Seit 1999 sind am südlichen Massengrab die Namen der Verstorbenen auf Bronzetafeln zu lesen.[2]

Die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen gibt regelmäßig Einzelpublikationen über die Geschichte des Speziallagers heraus.[4]

Literarische Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vorgänge im Speziallager Fünfeichen wurden mehrfach literarisch gestaltet. Prominentes Beispiel ist der dritte Band des Romans Jahrestage von Uwe Johnson, 1973 erschienen.[5] Uwe Johnsons Vater Erich Johnson war 1946, wahrscheinlich nach einem Aufenthalt im Speziallager Fünfeichen, in die Ukraine deportiert worden und dort ums Leben gekommen.[6] Peter Rütters nennt Johnsons Darstellung „bemerkenswert … aus verschiedenen Gründen“, bescheinigt ihm aber, durch Fokussierung auf die gewalttätige Häftlingsgesellschaft „die Belebung eines erinnerungspolitischen Diskurses blockiert“ zu haben.[7] Eine wichtige autobiographische Darstellung der Ereignisse im Speziallager Fünfeichen wurde von Friedrich Griese mit seinem Buch Der Wind weht nicht, wohin er will im Jahre 1960 vorgelegt.[8] Bettina Greiner charakterisiert dieses Buch als einen Bericht, „der nicht auf die eine oder andere Art und Weise [die] Eindeutigkeit zwischen bösem Täter und gutem Opfer herzustellen versucht.“[9] Grieses Buch von 1960 wurde 2012 ergänzt durch die Veröffentlichung Friedrich Griese und seine Zeit im Lager Fünfeichen, die auch aus der Lagerhaft an seine Frau und Kinder geschriebene Briefe enthält.[10] Aus Grieses mehr als sieben Monate dauernder Haftzeit 1945/46 sind insgesamt 32 Kassiber und Briefe überliefert, davon 21 aus dem sowjetischen GPU-Keller in Parchim, vier aus dem Zuchthaus Alt-Strelitz und sieben aus dem Lager Fünfeichen.[11] Ein weiterer besonderer Bericht liegt mit den im Speziallager Fünfeichen verfassten Tagebuchnotizen des Pastors Bartelt vor, die editorisch durch aus dem Lager geschmuggelte Gedichte und Zeichnungen mehrerer Häftlinge ergänzt wurden.[12][13]

Bekannte Internierte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Speziallager Fünfeichen verstorben sind:[14]

Name Tätigkeiten Details zum Haftgrund, Verdacht oder behaupteten Vorwurf
Willi Bloedorn NSDAP-Funktionär und -Reichstagsabgeordneter
Richard Dietrich Flugzeug-Konstrukteur und Unternehmer
Carl Engel Gaudozentenführer Pommern, Rektor der Universität Greifswald
Rudolf Fehrmann Rechtsanwalt, Kletterführerautor; NSDAP-Mitglied, Wehrmachtrichter   
Willy Klitzing Regierungsdirektor beim Reichsstatthalter von Mecklenburg-Lübeck;
ehrenamtliches Mitglied des Volksgerichtshofs
Richard Moeller Gegner des Nationalsozialismus; 1945 Ministerialdirektor
Siegfried Remertz stellvertretender Bürgermeister von Greifswald
Richard Schmidt Bürgermeister von Greifswald
Hans Wilhelm Viereck deutscher Pflanzensammler in Mexiko

Die Lagerzeit überlebt haben:

Name Tätigkeiten Details zum Haftgrund, Verdacht oder behaupteten Vorwurf
Friedrich Griese vom Naziregime hochgeehrter Schriftsteller, NSDAP-Mitglied
Alfred Jank Angehöriger von Hitlerjugend beziehungsweise Volkssturm Werwolf-Vorwurf
Horst Köbbert später Entertainer und Sänger
Hans Lachmund Jurist, Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Freimaurer
Heinrich Alexander Stoll Schriftsteller, LDPD-Mitglied kritische Äußerungen über die sowjetische Besatzungsmacht
Georg Tessin Historiker und Archivar

Literatur und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tobias Baumann: Das Speziallager Nr. 9 Fünfeichen. In: Sergej Mironenko u. a. (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950. Band 1: Alexander von Plato (Hrsg.): Studien und Berichte. Akademie Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-05-002531-X, S. 426–444.
  • Dieter Krüger, Gerhard Finn: Mecklenburg-Vorpommern 1945 bis 1948 und das Lager Fünfeichen. Holzapfel, Berlin 1991, ISBN 3-921226-40-6.
  • Ingrid Friedlein (Red.): Die Opfer von Fünfeichen (2 Bände; Band 1: Erlebnisberichte Betroffener und Angehöriger, Band 2: Namensliste der Verstorbenen). Herausgegeben vom Sprecherrat der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. Stock und Stein, Schwerin 1996, ISBN 3-910179-99-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Panorama der Gedenkstätte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die in der Literatur weit verbreitete Floskel „Fünfeichen bei Neubrandenburg“ ist definitiv falsch und irreführend. Das Stadtgut Fünfeichen gehörte immer zu Neubrandenburg und war niemals exterritoriales Gebiet.
  2. a b Flyer der Gedenkstätte Fünfeichen (PDF; 1,1 MB), abgerufen am 28. Januar 2013
  3. Ingrid Friedlein (Red.): Die Opfer von Fünfeichen. Bd. 2: Namensliste der Verstorbenen. Herausgegeben vom Sprecherrat der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. Stock und Stein, Schwerin 1996, ISBN 3-910179-99-1.
  4. AG Fünfeichen, abgerufen am 1. Februar 2013
  5. Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Band 3, Suhrkamp, Frankfurt 1973, ISBN 3-518-03335-2, S. 1287–1298.
  6. Bernd Neumann: Uwe Johnson. Europ. Verl.-Anst., Hamburg 1994, ISBN 3-434-50051-0, S. 53.
  7. Peter Rütters: Sowjetische Speziallager im erinnerungspolitischen Diskurs. „Fünfeichen“ als Gegenstand des Erzählens in Uwe Johnsons „Jahrestage“, Deutschland Archiv 39 (2006), 2, ISSN 0012-1428, S. 255–265.
  8. Friedrich Griese: Der Wind weht nicht, wohin er will. Verlag Eugen Diederichs, Düsseldorf/Köln 1960.
  9. Bettina Greiner: Verdrängter Terror. Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland. Hamburger Edition, Hamburg 2010, ISBN 978-3-86854-217-2, S. 440–441.
  10. Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen: Friedrich Griese und seine Zeit im Lager Fünfeichen. Neubrandenburg 2012.
  11. im Griese-Nachlass im Fritz Reuter Literaturarchiv Berlin.
  12. AG Fünfeichen: Streng verboten – Das Tagebuch des Pastors Bartelt. Neubrandenburg 2008.
  13. FAZ vom 21. Oktober 2008, Matthias Wyssuwa: Stimme aus dem Schweigelager, abgerufen am 2. Februar 2013
  14. Für die Namen weiterer Verstorbener siehe auch: Georg Tessin: Nachruf (PDF; 1,3 MB). In: Unser Mecklenburg, Bremen, 6/1978, Nr. 424, S. 47.

Koordinaten: 53° 31′ 31″ N, 13° 17′ 33″ O