Spielgruppe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eine Spielgruppe bietet Kindern im Vorschulalter die Möglichkeit zum Spiel in einer kleinen Gruppe. Spielgruppen sind von ihrer Geschichte her entweder ein Ersatz für fehlende staatliche oder kommunale Kinderbetreuungseinrichtungen oder eine bewusste Alternative zu diesen.

Länderspezifische Konzepte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachfolgend werden Spielgruppenkonzepte aus Deutschland, Großbritannien und der Schweiz vorgestellt. Hildegard Feidel-Mertz weist jedoch darauf hin, dass bereits 1966 im Heft 5 der Blätter des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes Ansätze vorschulischer Erziehung im Vorderen Orient, in Japan, den USA, Großbritannien, Finnland und Schweden vorgestellt worden seien.[1]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland gibt es eine lange Tradition, in deren Verlauf sich die frühkindliche Betreuung von der Kinderbewahranstalt zur pädagogisch fundierten Kindergartenerziehung entwickelte.

Hauptartikel: Kindergarten

Gegenbewegungen gegen eine zu stark reglementierte frühkindliche Erziehung gab es bereits um die Jahrhundertwende und verstärkt in den 1920er Jahren. Ihre zum Teil auch sozialpolitisch begründeten Wurzeln sind in der Reformpädagogik und vor allem im Verein Jugendheim zu suchen, aus dem heraus das von Anna von Gierke geleitete Sozialpägagogische Seminar hervorging.

Die Arbeit des Vereins Jugendheim wurde durch die Machtergreifung beendet. Viele ehemalige Jugendheimerinnen gingen in die Emigration.

Nach 1945 entstanden abermals konfessionell gebundene oder kommunal getragene Kindertagesstätten, die sich immer stärker in Richtung von cuuricular strukturierten Bildungsanstalten entwickelten. Gegen diesen Trend und die in Kindergärten noch lange verbreitete autoritäre Erziehungstruktur entwickelten sich in den 1960er Jahren Gegenkonzepte.

Hauptartikel: Kinderladen

Obwohl die Kinderläden in vielfacher Form als Eltern-Kind-Gruppen entstanden sind und auf der Selbsthilfe der Eltern für die frühkindliche Erziehung ihrer Kinder gründeten, beklagt Hildegard Feidel-Mertz, dass in diesem Kontext das Konzept der Spielgruppen nicht rezipiert worden sei, weder bei den Akteurinnen in den Kinderläden noch in der sozilapädagogischen Fachliteratur.[1]

Die heutige Situation beschreibt Manfred Berger in einem Beitrag für das Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.:

„Heute existieren in größeren Städten und Ballungsräumen Deutschlands eine erstaunlich hohe Anzahl von Kinderläden, die ‚nach dem Zerfall der politischen Bewegung in Reformprojekte mündeten‘ (Sander/Wille 2008, S. 660). Elterninitiativen formierten sich, und organisierten Kitas als ‚alternatives Projekt‘ innerhalb der öffentlichen Kleinkindererziehung. Diese werden von öffentlicher Seite ‚in der Regel als Elterninitiativ-Kindertagesstätten bezeichnet, intern heißen sie jedoch bis heute häufig Kinderladen‘, wobei jedoch die für die Gründungszeit ‚beschriebene gesellschaftspolitische Situation nicht mehr aktuell‘ (Iseler 2010, S. 32) ist.[2]

Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Großbritannien gab es Anfang de 1960er Jahre keine „vergleichbaren Einrichtungen zur vorschulischen Erziehung und dementsprechend auch keine bereits relativ differenzierte und qualifizierte Ausbildung sozialpädagogsicher Fachkräfte, wie sie sich in Deutschland seit mehr als einem Jahrhundert entwickelt hatte“.[1] Belle Tutaev, eine damals junge Mutter, die von dieser Situation selber betroffen war, weil sie eine Betreuungsmöglichkeit für ihr Kind suchte, schloss sich 1961 mit anderen Müttern zusammen, um nach dem Vorbild ähnlicher Initiativen in Neuseeland, Australien und den USA eine Playgroup zu gründen, aus der dann später die landesweite Pre-school Learning Alliance hervorging (siehe Weblinks). 1964 stieß die deutsche Emigrantin und beim Verein Jugendheim ausgebildete Hilde Jarecki zu dieser Bewegung. Sie wurde als Professinal Adviser eingestellt, deren vorrangige Aufgabe es war, die Playgroups in Inner London zu orgasnisieren und Ausbildungskurse für Playgroup-Leiterinnen einzurichten.

Hilde Jarecki blieb der Playgroup-Bewegung bis ins hohe Alter eng verbunden, wenngleich sie der späteren Entwicklung hin zu verschulten und leistungsbetonten Angeboten sehr kritisch gegenüber stand. Dennoch sind die Spielgruppen in England bis heute eine verbreitete Form vorschuliscer Bildung und Erziehung, die staatlicherseits anerkannt und gefördert werden.

„Der Dachverband, die Pre-School Learning Alliance, hat sich jedenfalls zu einem sehr professionell arbeitenden Netzwerk mit einem breiten Angebot an Einrichtungen, Aktivitäten, Serviceleistung für Eltern, Aus- und Fortbildungskursen, Publikationen und Kampagnen entwickelt. Hilde Jareckis systematischer Aufbau einer parallelen Betreuungs- und Qualifizierungsstruktur mit einer engen Verzahnung von Theorie und Praxis hat sich offenbar bewährt und bleibt, trotz vieler Zugeständnisse an amtliche Vorgaben, ein notwendiges Korrektiv zu der in der englischen Vorschulpädagogik sehr weit verbreiteten schulischen Leistungskultur.[3]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb des deutschen Sprachraums haben Spielgruppen in der Schweiz mit Abstand die größte Bedeutung. Dies hängt mit der späten Einschulung (Kindergarten/Schule) zusammen. Spielgruppen sind im Gegensatz zu Kindertagesstätten nicht bewilligungspflichtig, solange sie eine Wochenaktivitätszeit von ca. 15 bis 20 Stunden nicht überschreiten und solange nicht mehr als ca. zehn Kinder daran teilnehmen. Die genauen rechtlichen Rahmenbedingungen sind kantonal und kommunal verschieden.

Abgrenzung gegenüber Kindertagesstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spielgruppen wenden sich in der Regel an Kinder im Alter von etwa 4 bis 12 Jahren. Durch sie sollen soziale und sprachliche Kompetenzen frühzeitig gefördert werden, weshalb sich das Angebot meist als sozio-kulturelle Animation versteht, und nicht etwa als Betreuungsform. Die Begegnungsintervalle der Kinder sind im Gegensatz zu Kindertagesstätten deutlich kürzer: Meist treffen sich die Gruppen ein oder zweimal pro Woche während zwei bis maximal vier Stunden. Der Schweizerische Spielgruppen-LeiterInnen-Verband SSLV (siehe Weblink) empfiehlt maximal drei wöchentliche Besuche von ein bis drei Stunden Dauer, und zwar für Kinder von drei bis fünf Jahren. Seit 2012 existiert in der Schweiz der Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, der sich als „Referenzdokument“ für die Bedürfnisse und Rechte des Kleinkindes versteht. „Das Dokument ist konsequent aus Sicht des Kindes verfasst und bietet die Grundlage, um im Frühbereich kindgerecht und wirksam zu handeln.“[4] Dieses „Referenzdokument“ ist für die Spielgruppenleiterinnen verbindlich.[5]

Das Mittagessen ist meist nicht Teil der angebotenen Aktivitäten. Auch dadurch unterscheidet sich die Spielgruppe vom Angebot der Kindertagesstätten. Allerdings gibt es in neuerer Zeit vermehrt so genannte Waldspielgruppen und Naturspielgruppen, die sich meist ausschließlich im Freien aufhalten, oft das Zubereiten einer einfachen Mahlzeit zur Mittagszeit mit einschließen und Betreuungsintervalle von bis zu fünf Stunden umfassen.

Innerhalb der Schweiz am stärksten ist die Reglementierung im Kanton Freiburg, der auch eine relativ hohe Spielgruppendichte aufweist (166 Spielgruppen, Stand Feb. 2006). Spielgruppen unterstehen den Gemeinden und müssen mindestens zehn Lektionen zu 50 Minuten anbieten. In der offiziellen Terminologie des zweisprachigen Kantons wird die französische Übersetzung écoles maternelles anstelle der sonst üblicheren Lehnübersetzung groupes de jeu verwendet, was auf konzeptionelle Unterschiede hindeutet, zumal école maternelle auch die Übersetzung des Wortes Kindergarten ist.

Funktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ländlichen Gegenden übernehmen Spielgruppen häufig trotz der an sich unterschiedlichen Konzeption die soziale Funktion einer Kindertagesstätte, wenn eine solche aufgrund der geringen Kinderzahlen nicht realisierbar ist. Die Abgrenzung zwischen Spielgruppen und Kindertagesstätten aufgrund der Begriffe der sozio-kulturellen Animation und der Betreuungsfunktion relativiert sich gerade hier zu einem eher quantitativen denn qualitativen Unterschied, zumal ja zum Beispiel auch Kindertagesstätten im Allgemeinen eine sozio-kulturelle Funktion wahrnehmen.

Im Übergangsbereich der Wald- und Naturspielgruppen mit relativ langen Aktivitätsintervallen und dem Einschluss einer im Freien eingenommenen Mahlzeit entsteht oft automatisch auch eine kita-ähnliche Betreuungssituation, die eine Erwerbstätigkeit beider Eltern zulässt und damit im Kontext der Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht.

In Basel-Stadt sind Bestrebungen im Gange, Spielgruppen in der sprachlichen Integration von Kindern mit Migrationshintergrund zu nutzen.[6] Das von Juni bis Oktober 2008 in Vernehmlassung befindliche Projekt trägt die Bezeichnung Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten und strebt die verpflichtende Zuweisung von Kindern an Spielgruppen an, wenn ungenügende Kenntnisse der deutschen Sprache vorhanden sind.[7]

Vernetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der deutschsprachigen Schweiz sind die Spielgruppen über mehrere regionale Fach- und Kontaktstellen (FKS) miteinander verknüpft. Diese Stellen nehmen eine Vernetzungs- und Professionalisierungsfunktion wahr. Eine ähnliche Funktion nimmt seit 1991 auch die Interessengemeinschaft (IG) Spielgruppen wahr (siehe Weblinks). Als dritter Fachverband fördert der Schweizerische Spielgruppen-Leiterinnen-Verband (SSLV) das Spielgruppenwesen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hilde Jarecki: Spielgruppen – Ein praxisbezogener Zugang. Herausgegeben und kommentiert von Hildegard Feidel-Mertz und Inge Hansen-Schaberg unter Mitarbeit von Beate Bussiek und Hermann Schnorbach. Übersetzt von Sophie Friedländer. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 2014, ISBN 978-3-7815-1977-0. Darin unter anderem:
    • Hildegard Feidel-Mertz: Zur Einführung: Ein innovativer Ansatz in Vorschulbildung und Elternbildung, S. 9–18.
    • Hilde Jarecki: Spielgruppen – Ein praxisbezogener Zugang, S. 23–125.
    • Hanna Corbishley: Sie Situation der Spielgruppen (1995-2001) – Zwischenbericht einer Zeitzeugin, S. 127–129.
    • Beate Bussiek: Nachwort zur weiteren Entwicklung der Spielgruppen in England, S. 131–138
  • Sophie Friedländer/Hilde Jarecki: Sophie & Hilde. Ein gemeinsames Leben in Freundschaft und Beruf. Ein Zwillingsbuch, herausgegeben von Bruno Schonig, Edition Hentrich, Berlin, 1996, ISBN 978-3-89468-229-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Hildegard Feidel-Mertz: Zur Einführung: Ein innovativer Ansatz in Vorschulbildung und Elternbildung, in: Hilde Jarecki: Spielgruppen – Ein praxisbezogener Zugang, S. 9–18. Im Artikel en:Pre-school playgroup gibt es weitere Länderskizzen.
  2. Manfred Berger: Kinderläden und antiautoritäre Erziehung. Modelle einer Gegengesellschaft und veränderten Erziehungskultur. Der Begriff Spielgruppe taucht auch bei ihm nicht auf.
  3. Beate Bussiek: Nachwort zur weiteren Entwicklung der Spielgruppen in England, in: Hilde Jarecki: Spielgruppen – Ein praxisbezogener Zugang, S. 131–138.
  4. Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung
  5. SSLV: DEFINITION SPIELGRUPPE: INHALTLICHE BEGRIFFLICHKEIT
  6. Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt: Regierungsratsbeschluss vom 3. Februar 2004 zur Förderung von Spielgruppen
  7. Endfassung Leitfaden HSK September 2014