Spina (Stadt)

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Spina ist eine in den ersten Jahrzehnten n. Chr. verschwundene griechisch-etruskische Hafen- und Handelsstadt, deren frühere Existenz durch umfangreiche archäologische Funde in der Nähe der italienischen Stadt Comacchio in der Region Emilia Romagna in Oberitalien zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte.

Eingangstor der eingezäunten archäologischen Ausgrabungszone S. Maria in Padovetere, etwa 5 km südöstlich von Comacchio an der Straße Comacchio – Anita, Fundstätte zahlreicher Etrusker-Gräber. Das verschlossene Areal ist seit einigen Jahren nur noch auf Anfrage für Touristen zugänglich.
Rekonstruierte historische Karte mit Lage der Stadt Spina (Archäologisches Nationalmuseum Ferrara, Wandmalerei in der Zentralhalle des Obergeschosses, Spina ist links neben dem Türrahmen eingezeichnet.)
Beilagen eines in der trockengelegten Pega-Lagune ausgegrabenen etruskischen Grabes, unten im Vordergrund auf dunkelblauer Unterlage ein aus Goldblech gefertigtes Diadem (Archäologisches Nationalmuseum Ferrara).

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etwa viertausend in der trockengelegten Trebba-Lagune (Valle Trebba) bzw. in der trockengelegten Pega-Lagune (Valle Pega) aufgefundene etruskische Gräber belegen, dass Spina westlich von Comacchio in der Nähe der heutigen (2009) Provinzstraße S. P. 1 (Strade Provinciale 1) lag, die Comacchio mit der Ortschaft Ostellato verbindet. Wie auf landwirtschaftlichen Flächen aufgefundene, von früheren Pfahlbauten herrührende, senkrecht zueinander angeordnete systematische Reihen dunkler Flecken im Ackerboden vermuten lassen, befand sich die Lagunenstadt Spina etwa 500 Meter südlich einer Brücke, die 7 km vom Ortsausgang Comacchios entfernt über den schiffbaren Kanal in das trockengelegte Mezzano-Gebiet (Valli di Mezzano) führt. Hier wurden auch etruskische Gräber gefunden.[1] In Landkarten der Region[2], Straßenkarten und von der Provinz Ferrara herausgegebenen Tourismus-Informationsblättern[3] ist der Lageort der Stadt Spina ausgewiesen als: Zona archeologica etrusca di Spina.

Spinas zweite archäologische Ausgrabungsstätte trägt den Namen Zona archeologica etrusca S. Maria in Padovetere und befindet sich südwestlich von Comacchio in einer Entfernung von etwa 5 km.[4] Die Bezeichnung ‚S. Maria in Padovetere‘ stammt von einer frühchristlichen Kirche gleichen Namens her, deren Fundamente innerhalb des umzäunten Gebiets der Ausgrabungszone vorhanden sind. Die Entfernung der beiden Ausgrabungszonen beträgt rund 2 km (Luftlinie).

Die Ausgrabungsstätte S. Maria in Padovetere liegt an der rechten Seite der Straße, die von Comacchio aus zur Ortschaft Anita (Argenta) führt. Von einer Straßenkreuzung am Entwässerungskanal Pega aus beträgt die Entfernung zu dem eingezäunten und verschlossenen Ausgrabungsgelände noch etwa 1.600 Meter.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spina ist neben der antiken Stadt Adria, die 12 km von der heutigen Stadt Adria entfernt lag, eine der beiden bedeutenden etruskischen Handels- und Hafenstädte, die die Kultur in der Po-Ebene seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. nachhaltig prägten. Beide Städte lagen ursprünglich direkt am Meer.[5] Während der Römerzeit gehörten sie zur Provinz Gallia cisalpina.[6] Angaben des griechischen Geschichtsschreibers Dionysios von Halikarnassos zufolge, dessen Informationen von Hellanikos von Lesbos übernommen worden sein könnten, siedelten an diesen Orten zunächst die Pelasger, die lange vor dem Trojanischen Krieg aus Epirus gekommen waren. Mit ihrem Handel sollen sie einheimischen Volksstämme mit Volksstämmen aus Mitteleuropa in Berührung gebracht hatten, die an der Etsch (ital. Adige) und am Tessin (ital. Ticino) entlang an die Adriaküste kamen. Erst danach sollen sich Griechen angesiedelt haben. Die Frage, welche Volksstämme die Orte ursprünglich gegründet hatten, wird schon seit langem diskutiert[7] und lässt sich bis heute nicht endgültig beantworten. Später kamen die Etrusker, die damit begannen, durch systematische Entwässerung von Überschwemmungs- und Sumpfgebieten der Po-Ebene neue landwirtschaftliche Anbauflächen hinzuzugewinnen. Von den Etruskern übernahmen die Römer die Bautechnik.

Die Stadt Spina hatte ihre Blütezeit zwischen dem 6. und 3. Jahrhundert v. Chr. und verlor in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts, nachdem die Po-Ebene um 260 v. Chr. dem römischen Herrschaftsbereich einverleibt worden war, zunehmend an Bedeutung. Spina bestand aber noch bis in die ersten Jahrzehnte des 1. Jahrhunderts n. Chr. fort, bevor die Stadt vollständig verschwand. Sie wäre beinahe zur Legende geworden, bis nach der Trockenlegung der Pega-Lagune und der Trebba-Lagune am Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Grabstätten gefunden wurden. Die archäologischen Ausgrabungen wurden 1921 und 1956 vorgenommen.

Aufgefundene Relikte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in Spina ausgegrabenen Fundstücke - zahlreiche mit Motiven aus der griechischen Mythologie, dem Alltagslebens und dem trojanischen Krieg bemalte große attische Vasen, Gebrauchsgegenstände aus Bronze, Schmuck (darunter auch zwei aus Goldblech gefertigte Diademe und eine Bernstein-Halskette), Spielwürfel aus Knochen und aus Stein, Glasteller, Schalen und Ölgefäße aus Keramik etc. - sind im Archäologischen Nationalmuseum Ferrara, Palazzo Costabili, ausgestellt, das eigens für diesen Zweck eingerichtet wurde.[8] Die archäologischen Fundstücke, zum Teil von höchster handwerklicher und künstlerischer Qualität, belegen, dass die Einwohner Spinas in beträchtlichem Wohlstand gelebt haben müssen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nereo Alfieri und Paolo Enrico Arias: Spina - Die neuentdeckte Etruskerstadt und die Griechischen Vasen ihrer Gräber (aus dem Italienischen übersetzt), Hirmer, München 1958 (mit 114 fotografischen Aufnahmen von Max Hirmer).
  • Salvatore Aurigemma: La Necropoli di Spina in Valle Trebba, 2 Bände. Bretschneider, Rom 1960 u. 1965.

Dokumentarfilme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • DVD: Cesare Bornazzini (Regisseur), Teil I: La Scoperta di Spina: i protagnostica, 32 Minuten; Teil II: La tomba di Spina, Film von Salvatore Aurigemma aus dem Jahr 1957, 18 Minuten. FAR Film, Codigoro 2006 (italienisch und französisch).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Von der Brücke aus führt eine Landstraße nach Portomaggiore. Etwa 700 Meter hinter der Brücke befindet sich rechts an dieser Straße der landwirtschaftliche Genossenschaftsbetrieb Cooperativa terremerse, der an zwei hohen Silos aus Beton zu erkennen ist. Die eingezäunte und verschlossene Ausgrabungszone befindet sich unmittelbar hinter und rechts neben diesem Großbetrieb. Zwar weisen in der Nähe Richtungspfeile mit der Aufschrift Necropoli di Spina auf die Existenz der archäologischen Zone hin, doch sind an den Toren des eingezäunten und verschlossenen Geländes selbst zurzeit (2009) bedauerlicherweise keine Hinweistafeln vorhanden (was zur Irritation von Touristen führt).
  2. Ferrara - Carta della Provincia, Scala 1 : 150.000, herausgegeben von Litografia Artistica Cartografia, Firenze 1987, ISBN 88-7914-098-1.
  3. Viaggio nel Parco del Delta del Po - Ausflug durch den Regionalpark des Podeltas - A Trip through the Regional Park of the Podelta, dreisprachige touristische Straßen- und Wegekarte, herausgegeben von: Parco Delta del Po (Via Cavour 11, 44022 Comacchio (Fe), Italien, hier online), Comacchio 2006.
  4. 44° 40′ 26″ N, 12° 7′ 22″ O.
  5. Karl Ernst Adolf v. Hoff: Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche, 1. Teil, Gotha 1822, S. 273.
  6. John Anthony Cramer: A Geographical and Historical Description of Ancient Italy, Band I, Oxford 1826, S, 97 ff.
  7. Vergl. z. B. John Lempriére, Lorenzo Da Ponte und John David Ogilby: Biblioteca Classica: A Dictionary of all the Principal Names and Terms Related to the Geography, Topography, History, Literature, and Mythology of Antiquity and of the Ancients, 15. Auflage, Philadelphia 1866, S. 147 ff. .
  8. Die Innenwände der Zentralhalle im Obergeschoss des Museums sind großflächig mit historischen Landkarten bemalt worden, die die Lage von Spina und den Hafen der Stadt zu ihrer Blütezeit zeigen.

Koordinaten: 44° 42′ N, 12° 6′ O