Sporus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Sporus war ein Sklave oder Freigelassener, Lustknabe und Ehefrau des römischen Kaisers Nero. Sein Name (altgriechisch ό σπόρος „Getreidekorn, Saat“) deutet, sofern es sich nicht um einen Spitznamen handelt, auf eine Herkunft aus dem griechischsprachigen Osten des Römischen Reiches hin.

Sporus wurde vermutlich zwischen 49 und 51 geboren und war bei seinem Tode im Spätsommer oder Herbst 69 wahrscheinlich noch keine zwanzig Jahre alt.[1] Er war wohl ein puer delicatus[2] Neros, der ihn 66 wegen der auffallenden Ähnlichkeit mit seiner 65 verstorbenen Gattin Poppaea Sabina erst kastrieren ließ[3] und dann 67 auf seiner großen Griechenlandreise von September 66 bis Frühjahr 68 in einer formellen Zeremonie zur Frau nahm, wobei ihm der Prätorianerpräfekt Tigellinus den Sporus gemäß römischem Ritus als Braut zuführte.[4] Nero setzte eine hohe Belohnung für denjenigen aus, der Sporus zu einer Frau machen könne. Nach der Hochzeit nannte Nero ihn Sabina, er trug Kleidung und Schmuck der Kaiserinnen, bekam die berüchtigte römische Adelige Calvia Crispinilla als Hofdame zugeteilt[5] und nahm an Neros öffentlichen Auftritten in Griechenland und danach in Rom teil.

Die römischen Geschichtsschreiber Sueton und Cassius Dio, die beide Nero gegenüber sehr negativ eingestellt waren, stellen die Perversität und Obszönität, zum Beispiel öffentliches Küssen, dieser Beziehung in den Vordergrund und berichten über sarkastische Scherze von Zeitgenossen: „Es existiert darüber noch heute ein nicht ungeschickter Einfall eines Witzlings, es wäre ein Glück für die Menschheit gewesen, wenn sein [Neros] Vater Domitius eine solche Gemahlin gehabt hätte.“[6] Es ist auch darüber spekuliert worden, ob Nero vielleicht der Meinung war, dass Sporus kaiserlicher Abstammung (Enkel des Tiberius und Neffe der Poppaea Sabina) sein könnte, und ihn kastriert und zur Frau genommen habe, um einen möglichen Thronkonkurrenten auszuschalten.[7]

Nach ihrer Rückkehr von der Griechenlandreise im Frühjahr 68 blieb Sporus, gemeinsam mit drei weiteren Freigelassenen, bei Nero, als alle anderen Vertrauten ihn im Juli 68 bereits verlassen hatten, und er war auch bei dem Selbstmord des Kaisers anwesend.[8] Unmittelbar nach Neros Tod übernahm der Prätorianerpräfekt Nymphidius Sabinus, der selbst Ambitionen auf den Thron hatte, Sporus als Gemahlin und nannte ihn Poppaea.[9] Nach Nymphidius’ Ermordung 68 n. Chr. übernahm ihn Otho (Kaiser von Januar bis April 69), vielleicht ebenfalls als Ehefrau.[10] In beiden Fällen diente das dazu, einen Anschein von legitimer Erbnachfolge auf den Thron Neros zu erwecken. Dessen Nachfolger Vitellius wollte Sporus in einer Aufführung des Stücks Raub der Persephone bei Gladiatorenspielen im Theater in der Hauptrolle auftreten lassen. Dies verweigerte Sporus und nahm sich im Spätsommer/Herbst 69 das Leben, um der Schande einer öffentlichen Vergewaltigung zu entgehen.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Eck: Sporus. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 11, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01481-9, Sp. 857.
  • Caroline Vout: Nero and Sporus. In: Jean-Michel Croisille, Yves Perrin (Hrsg.): Neronia VI. Rome à l'époque néronienne (= Collection Latomus. Band 268). Éditions Latomus, Brüssel 2002, ISBN 2-87031-209-1, S. 493–502 (Überlegungen zur Interpretation der Person Sporus und seiner Darstellung bei Sueton).
  • David Woods: Nero and Sporus. In: Latomus. Band 68, Nummer 1, 2009, S. 73–82 (vermutet einen politischen Hintergrund der Heirat zwischen Nero und Sporus sowie der Kastration des zweiteren).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edward Champlin: Nero. Harvard College 2003, S. 147
  2. Wörtlich: reizender, hübscher, anmutiger Junge, Lustknabe; im antiken Rom waren dies Sklavenjungen im Alter von etwa 12 bis 15 Jahren, die wegen ihrer Schönheit, ihrer Zartheit und ihres weiblichen Aussehens zur Befriedigung der päderastischen Begierden ihrer Besitzer gehalten wurden. Sie wurden öfter auch kastriert, um ihr jugendliches und feminines Aussehen möglichst lange zu erhalten.
  3. Cassius Dio, Römische Geschichte 62,28,2 f.
  4. Sueton, Nero 28,3 ff.
  5. Cassius Dio, Römische Geschichte 62,12,3 ff.
  6. Sueton, Nero 28,4. Siehe auch Cassius Dio, Römische Geschichte 62,28.
  7. David Woods: Nero and Sporus. In: Latomus. Band 68, Nummer 1, 2009, S. 73–82.
  8. Sueton, Nero 48,1; Cassius Dio, Römische Geschichte 63,27,3; 63,28,3.
  9. Plutarch, Galba 9.
  10. Cassius Dio, Römische Geschichte 64,8,3.
  11. Cassius Dio, Römische Geschichte 65,10,1; Edward Champlin: Nero. Harvard College 2003, S. 147