Sprach- und Kulturmittler

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Der Sprach- und Kulturmittler unterstützt die sprachliche und kulturelle Kommunikation zwischen Menschen mit verschiedenem sprachlichen und kulturellen Hintergrund, meist im engeren Sinne zwischen Mitgliedern einer Minderheit oder Randgruppe, vor allem Migranten, und Vertretern der im jeweiligen Land vorherrschenden Mehrheitskultur. Sie kommen überwiegend im non-profit-Bereich zum Einsatz.[1]

Aufgabenbeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufgaben von Sprach- und Kulturmittlern sind normalerweise nicht formal festgeschrieben. Einzelne Projekte definieren ihren Aufgabenbereich eigenständig. Am häufigsten treten Sprach- und Kulturmittler als Begleiter bei Behördenterminen oder in medizinischen oder sozialen Einrichtungen in Erscheinung.

Diese Tätigkeit wird im deutschsprachigen Raum mit verschiedenen, synonym oder überlappend verwendeten Begriffen bezeichnet: in Deutschland sind es Gemeindedolmetscher, Sprach- und Kulturmittler oder – sofern sie nach der bundesweit standardisierten Modell SprInt qualifiziert sind – Sprach- und Integrationsmittler; in Österreich sind es Kommunaldolmetscher und in der Schweiz interkultureller Übersetzer. (Englischsprachig finden sich die Begriffe linguistic and cultural mediator, community interpreter, public service interpreter, liaison interpreter.)[2]

Der Sprach- und Kulturmittler ist besonders in den soziokulturellen Unterschieden zwischen den betreffenden Kulturkreisen und der interkulturellen Kommunikation geschult, und die Tätigkeit beinhaltet Elemente der Mediation und des Konfliktmanagements. Dabei spielt bei Sprach- und Kulturmittlern die zusätzliche Vermittlerfunktion bei Missverständnissen sowie bei der Erklärung kultureller Hintergründe eine wesentliche Rolle.[3][4]

Auch wenn Abgrenzungen zu anderen Tätigkeiten nicht immer eindeutig formuliert sind und mitunter debattiert werden[5][6], nehmen Sprach- und Kulturmittler eine andere Rolle ein als „Sprachmittler“ (als Oberbegriff für Übersetzer und Dolmetscher) als „interkulturelle Mediatoren“ (als Konfliktmediator[7]) und als Integrationslotsen.

Umsetzung in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Anbieter und öffentlich geförderte Projekte bilden an der Tätigkeit interessierte Menschen zu Sprach- und Kulturmittlern aus. Oftmals handelt es sich dabei um zwei- oder mehrsprachige Personen mit eigener Zuwanderungsgeschichte. Die ersten Projekte, SpraKuM und TransKom, die von der EU von 2002 bis 2007 im Rahmen von EQUAL gefördert wurden, schlossen ausdrücklich auch Flüchtlinge und Asylbewerber (auch mit Duldung) ein.[8][9]

Durch die Tätigkeit als Sprach- und Kulturmittler soll die Lebenssituation dieser Personen verbessert werden und ihre bisher weitgehend ungenutzten sprachlichen und soziokulturellen Ressourcen zum Tragen kommen. Zugleich wird die Beschäftigungsfähigkeit dieser Personen sowohl im Einwanderungs- als auch im Herkunftsland und somit unabhängig von dem Ausgang eines Asylanerkennungsverfahrens gesteigert.[9] Zudem verbessert sich durch die Anwesenheit von Sprach- und Kulturmittlern die Wirksamkeit der Gesundheits- und Sozialversorgung für Personen anderer Kulturkreise.

Berufsbild Sprach- und Integrationsmittler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2009 gründeten mehrere Träger von Sprach- und Kulturmittlerdiensten gemeinsam eine Bundesarbeitsgruppe „Berufsbildentwicklung Sprach- und Integrationsmittler“ (BAG).[10] Diese legt ein einheitliches Curriculum von einer Dauer von 18 Monaten für Sprach- und Integrationsmittler fest[11], regelt Einsatzmodalitäten und koordiniert den bundesweiten Prozess zur Entwicklung eines Berufsbildes. Unterstützt wird der Prozess durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie die Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH).[10] „Das Ziel der Bundesarbeitsgruppe ist der Erlass einer Fortbildungsverordnung nach §53 BBiG.“[10] Dieses Berufsbild ist ausdrücklich auf die professionelle Sprachmittlung im Gesundheits- und Sozialwesen ausgerichtet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Niels-Jens Albrecht, Theda Borde, Latif Durlanik (Hrsg.): Sprach- und Kulturmittlung. (= Migration - Gesundheit - Kommunikation. Band 2). Cuvillier-Verlag. Göttingen 2005, ISBN 3-86537-454-9.
  • Carsten Becker, Tim Grebe, Enrico Leopold: Sprach- und Integrationsmittler/in als neuer Beruf. Diakonie Wuppertal (Hrsg.). 2010.
  • Diakonie Wuppertal: Vergleichende Studie zu Sprach- und Kulturmittlung in verschiedenen Europäischen Ländern. 2007. (online)
  • Theda Borde, Niels-Jens Albrecht (Hrsg.): Innovative Konzepte für Integration und Partizipation – Bedarfsanalyse zur interkulturellen Kommunikation in Institutionen und für Modelle neuer Arbeitsfelder. (= Migration – Gesundheit – Kommunikation. Band 3). IKO-Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-88939-858-1.
  • Franz Pöchhacker: Interpreting as mediation. In: Carmen Valero Garcés, Anne Martin (Hrsg.): Crossing Borders in Community Interpreting – Definitions and dilemmas. John Benjamins Publishing, Amsterdam 2008, ISBN 978-90-272-1685-4, S. 9–26.
  • Miguel Tamayo: Sprach- und Integrationsmittler räumen Verständigungsbarrieren aus dem Weg. Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe, 20. Oktober 2010.
  • Carmen Valero Garcés, Anne Martin (Hrsg.): Crossing Borders in Community Interpreting – Definitions and dilemmas. John Benjamins Publishing, Amsterdam 2008, ISBN 978-90-272-1685-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diakonie Wuppertal: Vergleichende Studie zu Sprach- und Kulturmittlung in verschiedenen Europäischen Ländern. Wuppertal 2007.
  2. MedInt: Development of a curriculum for medical interpreters. Summary report: work package 3. (Nicht mehr online verfügbar.) April 2008, ehemals im Original; abgerufen am 30. April 2013 (PDF; 387 kB, englisch).@1@2Vorlage:Toter Link/www.uni-graz.at (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  3. Carsten Becker, Tim Grebe, Enrico Leopold: Sprach- und Integrationsmittler/-in als neuer Beruf. Hrsg.: Diakonie Wuppertal. Berlin/ Wuppertal 2010, S. 58.
  4. Ramazan Salman: Gemeindedolmetscherdienste als Beitrag zur Integration von Migranten in das regionale Sozial- und Gesundheitswesen – das Modell des Ethno-Medizinischen Zentrums. In: Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge, und Integration (Hrsg.): Gesundheit und Integration – Ein Handbuch für Modelle guter Praxis. BUB, Bonn 2007, S. 249.
  5. Position des BDÜ zum Projekt „Sprach- und Integrationsmittler“ (SprInt-Transfer). BDÜ, März 2015, abgerufen am 3. Dezember 2017 (PDF).
  6. Roman Lietz: Professionalisierung und Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit Kriterien zur Umsetzung von Integrationslotsenprojekten. 1. Auflage. Budrich UniPress, Leverkusen 2017, ISBN 978-3-86388-754-4, S. 48–52.
  7. Franz Pöchhacker: Interpreting as mediation. In: Carmen Valero Garcés, Anne Martin: Crossing Borders in Community Interpreting: Definitions and Dilemmas. John Benjamins Publishing, 2008, ISBN 978-90-272-1685-4, S. 9–26. (S. 24)
  8. Andreas Deimann: Eine Möglichkeit sozialer Integration im deutschen Asyl. Ergebnisse der empirischen Begleitforschung zum Modellprojekt: „Sprach- und Kulturmittler/-innen“. Ministerium für Generationen, Frauen, Familie und Integration des Landes NRW, 2008, abgerufen am 20. Februar 2018 (PDF).
  9. a b Varinia Fernanda Morales: Sprach- und Kulturmittlung – Beschäftigung von Flüchtlingen und Asylbewerbern. In: Innovative Konzepte für Integration und Partizipation: Bedarfsanalyse zur interkulturellen Kommunikation in Institutionen und für Modelle neuer Arbeitsfelder. Band 3: Migration – Gesundheit – Kommunikation. IKO-Verlag, 2007, S. 224–232 (bikup.de [PDF; abgerufen am 3. Dezember 2017]).
  10. a b c Carsten Becker, Tim Grebe, Enrico Leopold: Sprach- und Integrationsmittler/in als neuer Beruf. Hrsg.: Diakonie Wuppertal. Berlin/ Wuppertal, S. 7.
  11. SprInt Servicestelle: SprInt Qualifizierung zum/zur Sprach- und Integrationsmittler/-in. Abgerufen am 16. Januar 2018.