Sprechende Medizin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.

Sprechende Medizin ist ein Schlagwort im Rahmen der aktuellen Gesundheitspolitik und beschreibt den Anteil der Behandlung von Patienten „durch heilende Worte“ (Sokrates). Worte haben einen starken Einfluss auf den Menschen. Im positiven Fall können Worte heilen und die Gesundung fördern. Im negativen Fall können sie kränken, verletzen, psychosomatische Beschwerden hervorrufen oder traumatisieren.

Die „Sprechende Medizin“ (Narrative-based Medicine) ist eine wesentliche Ergänzung der „Apparatemedizin“ vor dem Hintergrund Evidenzbasierter Medizin (Beweisgestützter Heilkunde). Durch den Mangel an von Krankenkassen finanziertem Zeitaufwand für zwischenmenschlichen Kontakt und heilsame Worte in der Arzt-Patient-Begegnung stellt dieser Bereich ein aktuelles Problem in der Gesundheitspolitik dar.

Der Begriff der „sprechenden Medizin“, die mit dem dialogischen Denken in der humanistischen Medizin verbunden ist, wurde V. v. Weizsäcker zugeschrieben. Das dialogische Denken wurde in den Jahren um 1920 unter der weiteren Beteiligung von F. Ebner, M. Buber, F. Rosenzweig und G. Marcel entwickelt.[1]

Im englischen Sprachraum findet sich die narrative based medicine der Ärztin und Literaturwissenschaftlerin Rita Charon.[2]

Neurobiologischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkenntnisse der Neurowissenschaft können die Wirkungsweise der Worte auf neurobiologischem Hintergrund verdeutlichen. Die Lebenserfahrungen eines Menschen prägen seine Hirnstruktur, indem sie Synapsen und neuronale Netzwerke auf unterschiedliche Weise im Wachstum formen. Das Gehirn befindet sich lebenslang im Wachstumsprozess neuronaler Verschaltungen und ermöglicht Veränderung durch Lernprozesse.

Neurobiologische Ausprägungen und Vorgänge im Gehirn wirken sich auf den gesamten Organismus des Menschen aus. Eingehende Wahrnehmungsimpulse (z. B.: Sehen, Hören, Riechen) werden mit inneren Konzepten/Schemata verglichen, entsprechend bewertet und das Ergebnis in Form von Nervensignalen weitergeleitet. Die weitergeleiteten Nervenimpulse bewirken in Gefahrensituationen/Stress beispielsweise die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol die den Organismus in einen Erregungszustand versetzen und Energie zum Angriff oder zur Flucht/Fight-or-flight bereitstellen. Dagegen wird in freundlich bewerteten Situationen beispielsweise vermehrt Oxytocin ausgeschüttet, was Bindungsverhalten und Vertrauen fördert, Angst und Stress reduziert, Ausgeglichenheit fördert.

Die zwischenmenschliche Kommunikation durch Sprache spielt bei der Ausprägung der Synapsen eine wesentliche Rolle. Zwei Menschen, die miteinander kommunizieren und sich den Gesprächsinhalt merken, verändern dabei die synaptische Verknüpfung in den neuronalen Netzwerken ihrer Gehirne.

Worte, ein therapeutisches Gespräch, Gedanken, Suggestion, Autosuggestion, die Kommunikation eines Menschen mit sich selbst/(Inneres Kind) verändern synaptische Strukturen und können damit somatische Erkrankungen/Psychosomatik beeinflussen, die durch Stress und seelische Verletzungen erworben und erlernt wurden. Das betrifft beispielsweise schmerzhafte chronische Muskelverspannungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, funktionelle Veränderungen im Hormonhaushalt, im Magen-Darm-Trakt und den Bereich der Neuropsychoimmunologie. Eingefahrene/gebahnte Verknüpfungen können in ihrer Ausprägung abgeschwächt werden und sinnvollere Strukturen begünstigt.

Am Prozess beteiligt sind Gehirn, neuronale Vernetzung, Neurotransmitter, Hormone, sowie die Wechselwirkung mit dem Erleben, Denken, Verhalten und in der Konsequenz der Auswirkungen auf den gesamten Organismus des Menschen. So wird vorstellbar, dass der Mensch durch geistige Tätigkeit wie gesprochene Worte, Gedanken und Vorstellungskraft auf die Materie der neuronalen Netzwerke formend, also auch im Sinne von Heilung, einwirken kann.[3]

Die Fähigkeit des Gehirns, sich lebenslang zu verändern (neuronale Plastizität) ist von wesentlicher Bedeutung für alle Lernprozesse, ebenso innerhalb einer Psychotherapie (Gerhard Roth zu Neurobiologie und Psychoanalyse). Laut Roth gehen psychische Konflikte und schlimme frühkindliche Erfahrungen einher mit dem Entstehen bestimmter falscher Verknüpfungen in neuronalen Netzwerken des Limbischen Systems. Diese falschen Verknüpfungen sind durch eine Psychotherapie korrigierbar, indem sich durch positive Erfahrungen in der Therapie „Ersatzschaltungen“ im Mandelkern und in anderen Regionen des Gehirns herausbilden. Sprechende Medizin kann das Gehirn verändern, ebenso wie Psychopharmaka, die (laut Josef Aldenhoff) aktuell häufig die Grundlage einer Psychotherapie darstellen. Laut Rolf Adler ist in der Psychotherapie das Gespür und das Einfühlungsvermögen eines erfahrenen Therapeuten grundlegend. Dabei wird den empathischen Spiegelneuronen des Gehirns eine wesentliche Rolle zugeschrieben (Katja Gaschler).[4]

Geschichtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Psychoanalytiker Michael Balint war der Meinung, das wichtigste Heilmittel sei der Arzt selbst. Nicht das Präparat sei ausschlaggebend, sondern die Art und Weise, wie der Arzt es verschreibe, die Atmosphäre, in der die Medizin verabreicht werde.

Ähnlich beschreibt es Sokrates (nach Angaben Platons), als er Charmides mitteilte, das erbetene Heilmittel wirke nur dann, wenn es mit den richtigen Worten glaubhaft verabreicht werde.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Trisha Greenhalgh, Brian Hurwitz: Narrative-based Medicine - Sprechende Medizin. Dialog und Diskurs im klinischen Alltag. Verlag Huber, Bern 2005, ISBN 3-456-84110-8.
  • Johann Caspar Rüegg: Gehirn, Psyche und Körper. Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie. 1. korr. Ndr. 2014 der 5., aktualisierten u. erw. Aufl. 2011. Schattauer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7945-2652-9.
  • Wulf Rössler (Hrsg.): Die therapeutische Beziehung. Springer Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-540-21670-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Linus S. Geisler: Kommunikation bei der Patientenvisite - Ausdruck unserer ethischen Werthaltung. Referat beim Ethik-Symposium "Wirtschaftlichkeit oder Menschlichkeit - Ethik im Klinikalltag zwischen den Stühlen" am 14. März 2003. Ethikforum der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil, Bochum.
  2. Rita Charon: Narrative Medicine - Honoring the Stories of Illness. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-534022-8, S. 304.
  3. Johann Caspar Rüegg: Imagination-Die Kraft der Vorstellung, S. 133–136, und Neuronale Plastizität und „Sprechende Medizin“, S. 137–156. In: Ders.: Gehirn, Psyche und Körper. Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie. 4. erweiterte und aktualisierte Auflage. Schattauer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7945-2573-7.
  4. Manfred Spitzer, Wulf Bertram (Hrsg.): Braintertainment. Expeditionen in die Welt von Geist & Gehirn. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7945-2515-7 (Zum Buch: Rezension von Johann Caspar-Rüegg)
  5. Vergl. Platons Dialog „Charmides“ (Platon 1993) sowie die im neuen Testament erwähnten Wunder Jesu (s.z. B. LK 4, 31-42; Mk 2, 1-12) in Johann Caspar Rüegg: Gehirn Psyche und Körper.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Narrative Medizin für Mainz. Prof. Dr. Dr. Rita Charon, die Begründerin der narrativen Medizin, sprach auf Einladung des Graduiertenkollegs "Life Sciences, Life Writing" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) über ihre Arbeit: [1]