Sprengstoffanschlag in Düsseldorf

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Der Zugang Ackerstraße zum Bahnhof Düsseldorf Wehrhahn

Bei dem Sprengstoffanschlag in Düsseldorf am 27. Juli 2000 explodierte am Bahnhof Düsseldorf Wehrhahn eine mit TNT gefüllte Rohrbombe. Dabei wurden zehn Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt, eine im fünften Monat schwangere Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Die Ermittlungen führten lange zu keinem Ergebnis. Da es sich bei den Opfern um Migranten aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und Aserbaidschan handelte und sechs von ihnen Mitglieder regionaler jüdischer Gemeinden waren, wurden bereits kurz nach der Tat fremdenfeindliche oder antisemitische Motive vermutet. Nach über 16 Jahren wurde am 31. Januar 2017 ein Tatverdächtiger mit rechtsextremistischem Hintergrund festgenommen.

Man spricht – nach dem Tatort – auch vom Wehrhahn-Anschlag.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zehn Menschen hatten an jenem Tag einen Sprachkurs an einer nahegelegenen Schule besucht und waren als Gruppe auf dem Heimweg. Als sie eine Fußgängerrampe am Bahnhofszugang Ackerstraße betraten, explodierte direkt neben ihnen die in einer Plastiktüte versteckte Bombe. Durch die umherfliegenden Splitter wurden einige von ihnen lebensgefährlich verletzt, sie konnten durch Notoperationen gerettet werden.[1] Eine Frau verlor durch die Tat ihr ungeborenes Kind.[2]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenige Wochen nach dem Anschlag fand ein weiterer Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge statt. Unter dem Eindruck dieses und des Wehrhahn-Anschlags rief der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am 4. Oktober 2000 einen „Aufstand der Anständigen“ gegen fremdenfeindliche Gewalt aus, was der Migrationsforscher Bernd Kasparek als „scharfen Kontrast“ zur Politik der 1990er Jahre bezeichnet hat, da „rassistische Gewalt und neonazistische Organisierung erstmals von Regierungsseite problematisiert“ worden sei. Diese (nicht beständige) Neuausrichtung der Politik habe unter anderem zum ersten NPD-Verbotsverfahren geführt.[3]

Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst ging man von einer explodierten Handgranate aus, später stellte man als Sprengkörper eine mit TNT gefüllte Rohrbombe im Eigenbau fest. Mit dem Fall war eine teilweise 70 Polizeibeamte umfassende Ermittlungskommission Ackerstraße betraut. Es wurden erfolglos Spuren in die Düsseldorfer Neonazi-Szene, zur russischen Mafia und zum islamistischen Terrorismus verfolgt, wobei die meisten Hinweise „in Richtung rechts“ gingen.[4] Im Juli 2009 schloss man die Ermittlungen ergebnislos ab.[5]

Nachdem die rechtsterroristische Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) im November 2011 aufgedeckt worden war, wurde aufgrund ihres Bekennervideos – wie bei dem Nagelbomben-Attentat in Köln – ein Zusammenhang vermutet und Ermittlungen des Bundeskriminalamts aufgenommen. Erneute Auswertungen der Spuren ergaben, anders als im Kölner Fall, keine Verbindung zum NSU.[6] Im Sommer 2014 wurden die Ermittlungen nach einer Zeugenaussage, in der ein Mithäftling von einem Geständnis des früheren Neonazis[7] und Militariahändlers Ralf S. berichtete, wieder intensiviert. Daraufhin wurden die bisherigen Hinweise, Aussagen und Beweisstücke erneut ausgewertet und intensiv weiterermittelt, wodurch sich weitere Indizien gegen S. ergaben.[8]

Festnahme eines Tatverdächtigen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ralf S. wurde am 31. Januar 2017 in Untersuchungshaft genommen unter dem Verdacht, den Anschlag durchgeführt und dadurch unter anderem versuchten Mord aus fremdenfeindlichen Motiven in zwölf Fällen begangen zu haben.[8] Er hatte sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der rechtsextremen Szene Düsseldorfs bewegt[2] und in der Nähe des Anschlagsorts seine Wohnung gehabt sowie wenige Meter von der Sprachschule der Opfer entfernt einen Militaria-Laden betrieben.[8] Bereits wenige Tage nach dem Anschlag war Ralf S. kurzzeitig festgenommen worden, der Tatverdacht gegen ihn hatte sich allerdings zunächst nicht erhärten lassen,[9] sodass die Ermittlungen gegen ihn 2002 eingestellt worden waren.[8]

Aufarbeitung und Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 3. Februar 2017 versammelten sich etwa hundert Demonstranten am S-Bahnhof Wehrhahn und forderten eine weitergehende Aufklärung des Anschlags.[10]

Auch der NSU-Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags beschäftigte sich mit dem Fall.[11] Dort und in einigen Medien wurde im Februar 2017 kritisiert, dass die Ermittlungen mangelhaft gewesen seien und Spuren in die rechte Szene nicht ausreichend nachgegangen worden sei. Zudem kamen Forderungen auf, mögliche Mitwisser des Anschlags zu ermitteln und einen eigenen Untersuchungsausschuss im Landtag zu dieser Tat einzurichten.[12] Zusätzlich wurde bekannt, dass ein früherer V-Mann des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes im Sommer 2000 für den mutmaßlichen Täter gearbeitet hatte, was den Ermittlungsbehörden bis 2012 nicht mitgeteilt worden war.[13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Spuren des Todes, tote Spuren. In: Der Spiegel. 23. Juli 2001.
  2. a b Konrad Litschko: Festnahme 16 Jahre nach Anschlag: „Ausgesprochen plausibel“. In: Die Tageszeitung. 1. Februar 2017.
  3. Bernd Kasparek: Anti-migrantische Konjunkturen – die Morde des NSU und die migrationspolitischen Debatten in Deutschland. In: Azar Mortazavi, Tunay Önder, Christine Umpfenbach (Hrsg.): Urteile. Ein dokumentarisches Theaterstück über die Opfer des NSU. Mit Texten über alltäglichen und strukturellen Rassismus. Unrast, Münster 2016, S. 146–159, hier S. 153.
  4. Frank Christiansen: Anschlag in S-Bahn: Die Rohrbombe am Geländer tötete ein Ungeborenes. In: Die Welt. 27. Juli 2015.
  5. Terror in Köln und Düsseldorf. Sind Rechtsextreme für die Anschläge verantwortlich? In: Jüdische Allgemeine. 12. November 2011.
  6. Ermittlungen zur Zwickauer Terrorzelle. Ein erster Hinweis auf Wehrhahn. In: Die Tageszeitung. 4. Januar 2012.
  7. Andrea Röpke: Neonazistischer Bombenleger? In: Blick nach rechts. 1. Februar 2017.
  8. a b c d Pressekonferenz zum Wehrhahn-Anschlag (Live-Ticker zum Nachlesen). In: WDR.de. 1. Februar 2017.
  9. Fidelius Schmid, Jörg Diehl: Anschlag im Jahr 2000: SEK nimmt mutmaßlichen Bomber von Düsseldorf fest. In: Spiegel Online. 1. Februar 2017.
  10. Antifaschistische Kundgebung am S-Bahnhof Wehrhahn. In: NSU-Watch NRW. 3. Februar 2017; Stefani Geilhausen: Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn: Demonstranten glauben nicht, dass Ralf S. allein handelte. In: Rheinische Post. 4. Februar 2017.
  11. Sitzung vom 7. Februar 2017 – Zusammenfassung. In: NSU-Watch NRW. 11. Februar 2017.
  12. Mangelhafte Durchsuchung Anschlag am S-Bahnhof: Ermittler räumt Pannen ein. In: Ruhr-Nachrichten. 7. Februar 2017. Zur Kritik auch Detlef Schmalenberg: Anschlag in Düsseldorf: „Es gab damals Kontakte zu Neonazis“. In: Frankfurter Rundschau. 1. Februar 2017; Martín Steinhagen: Düsseldorf-Wehrhahn: Aber dann prahlte er. In: Zeit Online. 3. Februar 2017; Peter Berger, Detlef Schmalenberg: Attentat in Düsseldorf: Wehrhahn-Ermittler in der Kritik. In: Berliner Zeitung. 7. Februar 2017.
  13. Jörg Diehl, Fidelius Schmid: V-Mann bei mutmaßlichem Wehrhahn-Attentäter: „Junkie, Dealer, Weiberheld“. In: Spiegel Online. 11. Februar 2017; „Verfassungsschutz-Skandal von ungeheurer Dimension“. Pressemitteilung. In: NSU-Watch NRW. 11. Februar 2017.

Koordinaten: 51° 13′ 36″ N, 6° 47′ 58″ O