St-Étienne de Caen

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Fassade der Abteikirche
St-Étienne, Ansicht von Südosten auf die Apsis und das nebenliegende Klostergebäude

Die ehemalige Benediktinerabtei mit der Klosterkirche Saint-Étienne wurde ab 1060 von Wilhelm dem Eroberer in Caen gestiftet. Wohl erst nach 1090 vollendet,[1] wurden dem ursprünglich flachgedeckten Bau ab 1120/25 sechsteilige Kreuzrippengewölbe eingebaut, die zu den ältesten in Frankreich zählen. St-Étienne gilt gemeinsam mit seinem Pendant, dem gleichzeitig von Mathilde von Flandern gestifteten Frauenkloster Sainte-Trinité in Caen, als architektonischer Höhepunkt der normannischen Baukunst und Vollendungsbau der Romanik. Für die Architektur der Île de France waren beide Bauten wegweisend und gelten als Wegbereiter der Gotik. Besonders Saint-Étienne war für die normannische Architektur in England normstiftend.[1]

Nach der Vertreibung der Mönche während der Französischen Revolution, diente das Kloster zunächst als Gymnasium und ist heute das Hôtel de Ville (Rathaus) der Stadt Caen. Die Abteikirche Saint-Étienne wurde in eine einfache Pfarrkirche umgewandelt.

Der Stifter Wilhelm der Eroberer wurde in der Abteikirche Saint-Étienne beigesetzt.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1060 stiftete Wilhelm der Eroberer die Benediktinerabtei als Buße für die vom Papst angefochtene Ehe mit seiner Frau Mathilde von Flandern. Der Bau der Abteikirche begann 1065/66 am östlichen Ende. Die Einweihung erfolgte 1077 unter dem ersten Abt Lanfranc aus Pavia, der 1070 zum Bischof von Canterbury ernannt wurde, sowie sechs weiteren Bischöfen der Normandie. Die Fassadentürme wurden im letzten Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts beendet. Ab 1120/25 wurde die ehemalige Holzdecke im Langhaus durch ein sechsteiliges Kreuzrippengewölbe ersetzt.[2] Um 1200 begann der Umbau des ursprünglichen Staffelchors zu einem gotischen Chorumgang.[3] Auf Grund der Vernachlässigung des Klosters zur Zeit der Religionskriege brach der Vierungsturm 1566 ein.

Von 1599 bis 1604 wurde die Kirche unter Erhaltung der mittelalterlichen Bausubstanz wieder aufgebaut. Weitere Rastaurationen erfolgen im 19. Jahrhundert.

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Saint-Etienne de Caen ist heute eine dreischiffige Basilika mit Querhaus und Kranzkapellen. Sie ist 110 Meter lang und besteht aus Caen-Stein.

Im Westen befindet sich eine Doppelturmfassade, welche in acht Zonen aufgeteilt ist. Der untere Teil besteht aus einem Sockel, drei Portalen mit Gesims und zwei Fensterreihen mit Rundbögen. Die Türme beginnen ab den Blendfenstern, gefolgt von einer Schallfensterzone, einem Glockengeschoss, einer Fensterzone mit Biforien und einem polygonalen Turmhelm mit Fialen. Neu ist, dass die Türme direkt an die Fassade anschließen.

Die Außenfassade am restlichen Gebäude ist dreiteilig, wobei die Empore und die Kapellen den Chor als geschlossenes Bauteil umgehen. Die vier Chorflankentürme und der Laternenturm im Chor ergänzen den Bau.

Der Langchor im Osten hat einen 7/14 Schluss, ist mit einem Umgang versehen und besitzt sieben Kranzkapellen.

Im Querhaus der Abteikirche befindet sich ein Vierungsquadrat mit einem oktogonalen Turm.

Typisch gotisch ist der Aufriss, der in Arkadenzone, Emporengeschoss und Obergaden eingeteilt ist. Die Rippen des Gewölbes verbinden sich im Obergaden zu Diensten, diese Dienste entwickeln sich wiederum im Arkadengeschoss zu Bündelpfeilern und geben so dem Gewölbe den ausreichenden Halt.

Ausgehend von Saint Etienne entwickelten sich die westliche Doppelturmfassade und die Emporenwölbung mit halben Tonnen zu entscheidenden Elementen der anglo-normannischen Architektur.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heutige Grabplatte

Grab Wilhelm des Eroberers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm der Eroberer, gestorben am 9. September 1087, wurde in Saint-Étienne beigesetzt. Als Denkmal setzte sein Sohn Wilhelm II. eine aus Marmor bestehende Grabplatte mit einer Liegefigur (Gisant) Wilhelms in die Mitte des Chors. 1562/63 zerstörten Kalvinisten den Grabstein. Die Gebeine wurden weggeworfen, aber ein Mönch rettete die Beinknochen. Das erneut während der französischen Revolution zerstörte Grab wurde 1802 restauriert und mit einer einfachen Grabplatte versehen. Auf der Platte ist eine lateinische Inschrift, die wie folgt lautet: „Hier liegt der unbesiegbare Wilhelm der Eroberer, Herzog der Normandie und König von England, der Gründer des Hauses, der im Jahr 1087 starb“.

Altar

Altar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Altar erreicht man über drei Stufen, er besteht aus weißem und rotem Marmor. Das Flachrelief in der Mitte des Altars ist aus vergoldeter Bronze. Die heute zu sehende Kopie des 1588 entstanden Reliefs ist 1840 angefertigt worden.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die große Orgel wurde 1882–1885 von dem Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll erbaut. Das Instrument hat 50 Register auf drei Manualwerken und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch.[4]

Hauptorgel von Cavaillé-Coll
I Grand Orgue C–g3
Montre 16'
Bourdon 16'
Montre 8'
Bourdon 8'
Flûte harmonique 8'
Gambe 8'
Prestant 4'
Flûte octaviante 4'
Quinte 22/3'
Doublette 2'
Plein-Jeu VII
Cornet V
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'
II Positif C–g3
Bourdon 16'
Principal 8'
Cor de nuit 8'
Salicional 8'
Unda Maris 8'
Prestant 4'
Flûte douce 4'
Carillon III
Basson 16'
Trompette 8'
Cromorne 8'
III Récit expressif C–g3
Quintaton 16'
Diapason 8'
Flûte traversière 8'
Viole de gambe 8'
Voix céleste 8'
Flûte octaviante 4'
Octavin 2'
Cornet V
Bombarde 16'
Basson-Hautbois 8'
Voix humaine 8'
Clarinette 8'
Trompette 8'
Clairon 4'
Trémolo
Pédale C–f1
Bourdon 32'
Contrebasse 16'
Soubasse 16'
Grosse flûte 8'
Violoncelle 8'
Bourdon doux 8'
Flûte 4'
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'
  • Koppeln: I/I (Suboktavkoppel), II/I, II/II (Suboktavkoppel), III/I, III/II, III/III (Suboktavkoppel), I/P, II/P, III/P

Die Chororgel wurde 1992 von dem Orgelbauer Dupont erbaut. Das Instrument hat 15 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Trakturen sind mechanisch.

I Grand Orgue C–g3
Montre 8'
Prestant 4'
Doublette 2'
Fourniture II
Cymbale II
Trompette 8'
II Positif C–g3
Bourdon 8'
Flûte à cheminée 4'
Nazard 22/3'
Quarte 2'
Tierce 13/5'
Régale 8'
Tremblant
Pédale C–f1
Soubasse 16'
Principal 8'
Posaune 16'

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dethard von Winterfeld: Romanische Baukunst in der Normandie und in England (= Kunsthistorische Arbeitsblätter. Nr. 3.2.4). Deubner Verlag für Kunst, Theorie und Praxis, Köln 2007, S. 4 (PDF-Version mit anderer Seitenzählung als Druckversion).
  2. Andreas Hartmann: Was ist Romanik? Geschichte, Formen und Technik des romanischen Kirchenbaus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 3-534-14286-1, S. 146.
  3. Matthias Noell: Der Chor von Saint-Etienne in Caen. Gotische Architektur in der Normandie unter den Plantagenêt und die Bedeutung des Thomas-Becket-Kultes. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2000, S. 47.
  4. Informationen zur Orgel (französisch und englisch)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maylis Baylé: Caen. In: The Dictionary of Art, Oxford 1996
  • Eric Gustav Carlson: The Abbey church of Saint Étienne at Caen in the eleventh and twelfth century. Michigan 1969
  • Andreas Hartmann: Was ist Romanik? Darmstadt 2004
  • Reinhard Liess: Der frühe romanische Kirchenbau des 11. Jahrhunderts in der Normandie. München 1967
  • Matthias Noell: Der Chor von Saint-Etienne in Caen. Gotische Architektur in der Normandie unter den Plantagenêt und die Bedeutung des Thomas-Becket-Kultes (=Manuskripte zur Kunstwissenschaft 55). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2000
  • Rolf Toman: Die Kunst der Romanik. Architektur, Skulptur, Malerei. Köln 1996
  • Bernhard Schütz: Klöster. Kulturerbe Europas. München 2004
  • Detlev von Winterfeldt: Romanische Baukunst in der Normandie und in England. In: Kunsthistorische Arbeitsblätter 9 (2008), S. 1–12

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St-Étienne de Caen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 49° 10′ 54″ N, 0° 22′ 23″ W