St-Jean de Poitiers (Baptisterium)



Das Baptisterium St-Jean in Poitiers ist das älteste christliche Bauwerk Frankreichs. Es stammt in Teilen aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, in dem es dem ersten Bischof Hilarius als Sitz diente. Das ehemalige Bad eines römischen Privathauses wurde wohl bereits im 5. Jahrhundert als Taufstelle genutzt. Zum eigentlichen Baptisterium wurde es wahrscheinlich in merowingischer Zeit im Jahrhundert darauf. Seine heutige Gestalt erhielt die Johannes dem Täufer geweihte Kirche im 11. Jahrhundert.
Außenansicht
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Ursprungsbau entstand wohl Mitte des 4. Jahrhunderts auf römischen Fundamenten eines privaten Badehauses und bestand aus zwei Räumen mit jeweils fast quadratischem Grundriss. Dem ersten Bischof von Poitiers, dem später heilig gesprochene Hilarius (frz. Hilaire, † 367), der 355 ernannt wurde, diente die Kirche zunächst auch als Bischoffssitz.[1]
Die Räume wurden im folgenden Jahrhundert in ein Baptisterium mit gleich großem Narthex und eine Vorhalle mit flankierenden Loggien umgestaltet (s. zweiten Grundriss von 1903); aus dieser Zeit haben sich (unterschiedlich hoch) die drei Mauern der Taufkapelle erhalten. Zwischenzeitig verlassen (aufgrund der Verfolgung durch Westgoten) wurde das Baptisterium nach Chlodwigs Eroberung Aquitaniens zu Beginn des 6. Jahrhunderts wieder aufgebaut und zusätzlich mit einer polygonalen Apsis (trapezförmig ummauert) und zwei quadratischen Apsiden an Süd- und Nordseite ausgestattet.[2]
Neben anderen schwer datierbaren kleineren Eingriffen zwingt ein Brand im 11. Jahrhundert zu einem teilweisen Neubau, der bis heute standhält. Die Vorhalle und der Narthex werden durch einen polygonale Vorhalle ersetzt (sechseckiger Teil eines Oktogons), die Mauer (mit zwei Zugängen) zum Hauptraum weicht einer Arkade mit zwei Säulen, die mittig einen schmalen und höheren Bogen rahmen. Auch die noch sichtbaren ehemaligen Fensteröffnungen wurden durch sechs Okuli ersetzt.[3] Zudem werden die vormals quadratischen Apsiden halbrund umgebaut.[4] Die Taufkapelle wurde zu dieser Zeit aauch Pfarrkirche.


Auf der südöstlichen Giebelwand der Kapelle lassen sich typische Dekorationsformen des frühen Christentums erkennen: kleine Pilaster, die Bögen und Dreiecksgiebel tragen. Dabei handelt es sich um antike Bauteile, die hier aber als Spolien funktionslos und zu rein dekorativen Elementen geworden sind.[5] (Die Torhalle von Lorsch in Hessen aus der Zeit um 800, weist ganz ähnliche Dekorationsformen auf.) Die vorstehenden Stützmauern mit Giebelabdeckungen an den östlichen Gebäudeecken sind wohl zeitgenössisch.[6] (Der Kapellenraum ist heute mit einem Dachstuhl aus Holz gedeckt.)
Die Proportionen des Gebäudes erscheinen heute etwas verfälscht, da es in einem ummauerten Graben steht, nachdem das Gelände rundum aufgeschüttet wurde.[7]
- Grundriss des ursprünglichen Baus, Mitte 4. Jh.
- Möglicher Folgebau des 5. Jhs. (1903; entspricht nicht ganz heutigem Kenntnisstand)
- Bis heute erhaltene Gestalt aus dem 10. Jh.
Innenraum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Innenraum wird von je zwei Okuli der drei Außenwände erhellt, die mit Blendarkaden zusammengeschlossen sind, wobei die Rundbogenfelder je eines mit Giebel zwischen sich haben, das auf den Giebelseiten der Kapelle etwas schmaler ausfällt. Die Ostwand ist durch drei Blendbögen auf wandgebundenen Säulen gegliedert, deren Schäfte römisch sind, während die hochwertig gearbeiteten Kapitelle um 700 in den Pyrenäen entstanden. Der große Blendbogen in der Mitte umschließt einen kleineren Bogen, der sich zur Apsis für den Altar öffnet. Dieser Altarraum wurde wahrscheinlich zu Beginn des 6. Jahrhunderts angebaut und stellt damit den ältesten christlichen Innenraum auf französischem Boden dar. Es ist ein kleiner, unregelmäßig sechseckiger Zentralraum, der außen rechteckig ummauert ist (d. h. das Sechseck ist nach außen nicht sichtbar). Er hat mittig ein Rundbogenfenster, das zu beiden Seiten von je zwei, übereck durch Säulen gekuppelte Rundbogennischen flankiert wird.
Die reiche Freskierung des Innenraums aus dem 11. und 14. Jahrhundert hat sich nur in Fragmenten erhalten.[8] Aus dem 11. Jahrhundert stammt auf der Ostwand über der Apsisöffnung der thronende Christus, um den zwei musizierende Engel schweben, zu beiden Seiten übereck flankiert von je sechs Figuren, vermutlich die zwölf Apostel darstellend (oder andere Heilige). Des Weiteren sind eine Himmelfahrt, der Heilige Mauritius und ein weiterer Heiliger, ein Drache und drei Reiter aus dieser frühesten Zeit.[9] Der Reiter ganz links auf der Zwischenwand wurde schon als Kaiser Konstantin interpretiert. Unterhalb des Gesimses liegen Putzschichten mit gotischen über romanischen Fresken, die heute teilweise freigelegt sind.
Die Fresken in der Apsis stammen aus dem 14. Jahrhundert. In der Kalotte throhnt Christus als König, mit dem Globus als Herrschaftssymbol in der linken, mit der rechten Hand segnend. Er ist in einem Vierpass dargestellt, in dessen Ecken sich die Symbole der vier Evangelisten finden. An den Wänden darunter sind Fragmente mit Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers zu sehen.[10]
In der Mitte der Kapelle (genauer: etwas näher zur Apsis) hat sich das in die Erde eingelassene oktogonale Taufbecken erhalten, es gilt als das älteste in Frankreich. In das Becken tauchten die Täuflinge noch mit ihrem ganzen Körper ein (Ganzkörpertaufe).
- Blick von der Vorhalle in Hauptraum und Apsis
- (Süd-)Ostwand und polygonale Apsis mit Freskofragmenten
- Aufriss der Ostwand
- Fresko eines Reiters auf der Zwischenwand (11. Jh.)
Moderne bis heute
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Trotz der Einmaligkeit des Bauwerks für Frankreich wurde es 1790 verkauft. Durch die Initiative von Gelehrten aus Poitevin und der prominenten Unterstützung Prosper Mérimées (der 1834 Generalinspektor der Monuments historiques wurde) wurde das Gebäude 1796 vom Abriss verschont, als eine Straße angelegt werden sollte; sie wurde letztendlich um das Gebäude herum trassiert. Der Staat kaufte 1830 St-Jean de Poitiers und stellte es 1846 unter Denkmalschutz.[8] Eine erste Restaurierung durch Charles Joly-Leterme folgte.[11]
Heute dient es als Museum (Musée du baptistère Saint-Jean)[12] und beherbergt Ausstellungsstücke aus dem Besitz der Société des antiquaires de l’Ouest. Über hundert trapezförmige Sarkophage mit ornamentierten Grabplatten aus merowingischer Zeit wurden im 19. Jahrhundert auf Grabfeldern in Antigny, Béruges, Saint-Pierre-de-Maillé, Savigné und Poitiers selbst geborgen. Sie sind mit Kreuzbandornamenten und anderen geometrischen Mustern aus Kreuzen und Kreisen sowie Pflanzen und Tieren verziert und weisen zuweilen kurze Grabinschriften in merowingischem Latein auf. In der Apsis steht heute ein karolingischer Altar, der in Vouneuil-sous-Biard ausgegraben wurde.[13]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- André Corboz: Frühes Mittelalter (= Henri Stierlin (Hrsg.): Architektur der Welt, Bd. 14), Office du Livre, Fribourg 1971, S. 13–16.
- Thorsten Droste: Das Poitou (DuMont Kunst-Reiseführer). 4. Auflage, DuMont, Köln 1990, S. 97–99.
- Marcel Durliat: Romanische Kunst. Freiburg/Basel/Wien 1983, Abb. 395.
- Hermann Fillitz: Das Mittelalter I. (= Propyläen-Kunstgeschichte, Bd. 5). Frankfurt am Main/Berlin 1990 [1969], Abb. 136.
- Jean Lassus: Frühchristliche und byzantinische Welt. 1968, S. 115.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- François Eygun: Le baptistère Saint-Jean de Poitiers, Gallia 22-1, 1964, S. 137–171, online via Persée.fr (französisch, ausführliche Darstellung der Grabungsergebnisse).
- Haupteintrag des Baptistère Saint-Jean in der Datenbank des französischen Kultusministeriums, Platforme ouverte du patrimoine (POP), mit der Chiffre PA00105585
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Kommunale Broschüre 2022 (2. Textseite).
- ↑ Corboz 1971, S. 16.
- ↑ Kommunale Broschüre 2022 (3. Textseite).
- ↑ Corboz 1971, S. 16.
- ↑ Corboz 1971, S. 15.
- ↑ Corboz 1971, S. 15.
- ↑ Corboz 1971, S. 15.
- 1 2 Eintrag auf der Platforme ouverte du patrimoine (POP) des französischen Kultusministeriums für das Freskenensemble PM86000720.
- ↑ Die Chiffre PM86000806 auf der Platforme ouverte du patrimoine (POP) nennt ausserdem eine nicht übersetzte Inschrift: CILCRIA MARCIETURNA.
- ↑ In der Datenbank des französischen Kultusministeriums (POP) tragen diese Fresken die Chiffre PM86000807.
- ↑ Focus Baptistere Saint-Jean: Historique/Background, Broschüre der Kommune Grand Poitiers (im Rahmen der Auszeichnung „Ville et Pays d’art et d’histoire“ durch das Kultusministerium), 2022 (PDF, französisch/englisch).
- ↑ Das Musée du baptistère Saint-Jean auf der POP: M0855.
- ↑ Focus Baptistere Saint-Jean: Le Baptistère: un musée lapidaire, Broschüre der Kommune, 2022.
Koordinaten: 46° 34′ 46″ N, 0° 20′ 55″ O
- Kirchengebäude im Département Vienne
- Johannes-der-Täufer-Kirche
- Erbaut im 4. Jahrhundert
- Bauwerk der Vorromanik in Frankreich
- Antikes Bauwerk
- Kirchengebäude des Erzbistums Poitiers
- Vorromanische Kirche
- Monument historique in Poitiers
- Monument historique seit 1846
- Monument historique (Baptisterium)
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