St. Joseph (Hamburg-St. Pauli)

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Fassade der St. Joseph-Kirche zur Großen Freiheit

Die katholische St. Joseph-Kirche ist eine barocke Kirche an der Großen Freiheit im Hamburger Stadtteil St. Pauli, ehemals zu Altona gehörend.

Geschichte der Kirche: Die Große Freiheit in Altona[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altona, heute Hamburgs westlichster Bezirk, war bis weit ins 20. Jahrhundert eine eigenständige, zum Herzogtum Holstein gehörende Stadt. Das Herzogtum Holstein mit Altona gehörte zum Heiligen Römischen Reich, aber seit 1460 waren die dänischen Könige auch Herzöge von Holstein. König Friedrich III. von Dänemark verlieh in seiner Eigenschaft als Herzog von Holstein der katholischen Gemeinde von Altona 1658 das Privileg der Glaubensfreiheit und wies ihr einen Bauplatz auf der Großen Freiheit zur Errichtung eines Gotteshauses zu. Der Name der Straße, deren erste Bebauung ab 1610 erfolgte, war Programm: die dänischen Könige erkannten die Vorteile, die sich ihnen boten, als sie in ihrer Stadt – im Gegensatz zum benachbarten Hamburg – Gewerbe- und Religionsfreiheit gestatteten. Dass sie hier Handwerkern und anderen Gewerbetreibenden auch ohne Mitgliedschaft in einer Zunft und vertriebenen Glaubensflüchtlingen eine Heimstatt und die Möglichkeit zur Arbeit gaben, erwies sich für die Entwicklung Altonas als glücklicher Umstand.

Die katholische Gemeinde war bereits 1594 gegründet worden und begann ab 1660 mit dem Bau einer Kapelle auf der Großen Freiheit. Diese erste Kirche wurde beim Altonaer Stadtbrand 1713 während des Großen Nordischen Krieges zerstört. Nun wurde es Zeit für die Errichtung eines großen neuen Kirchengebäudes, die Gemeindemitglieder und zahlreiche Geldspenden aus dem In- und Ausland schufen die finanziellen Grundlagen. Zunächst wurde das erhaltene Missionshaus notdürftig als Predigtstätte hergerichtet. Danach kaufte die Gemeinde Bauland in der Nachbarschaft und beauftragte einen Architekten mit der Erstellung von Bauplänen und der Bauleitung.[1] Am 21. Juni 1718 legte der Hamburgische kaiserliche Gesandte, Graf Christoph Ernst Fuchs von Bimbach den Grundstein. Bis 1723 wurde der nun zweite katholische Kirchenbau errichtet, aber bereits 1721 erfolgte die Kirchweihe und der Barockbau wurde dem heiligen Joseph geweiht. Dieses Gotteshaus war die erste nach der Reformation errichtete katholische Kirche in Nordeuropa. Ihre Gemeinde ist die älteste katholische Gemeinde in Norddeutschland. Als Baumeister wird der aus Österreich stammende Architekt Melchior Tatz vermutet.

Genau nach 100 Jahren hatte der Kirchenvorstand erwogen, die Kirche an anderer Stelle neu zu errichten, da die Kirche „in dem am Übelsten beleumdeten Viertel der Stadt Altona, an der Straße Große Freiheit, [...] nicht weit von den Sittenstraßen liegt. In den etwa 25 Vergnügungslokalen der nur 350 Meter langen Straße (Tanzlokale, Cafés, Hippodrom, offene Speisehalle, Gastwirtschaften) gibt sich ein vergnügungssüchtiges Publikum – besonders nächtliches – Stelldicheine, sodass ein nächtliches Straßengewoge vor der Kirche auf- und abgeht. Schutzleute mit geladener Pistole sorgen für Ordnung; des sonntags morgens kommen übernächtigte Gestalten unseren Kirchenbesuchern entgegen, diese z. T. belästigend. [...] Das dieses eine für ein Gotteshaus unwürdige Lage ist, welche die Gemeindeinteressen schwer beschädigt, empfinden nicht nur die Katholiken. Benachbarte Gemeinden haben ihre in derselben Straße bzw. in einer Parallelstraße belegenen Kirchen verkauft und in besseren Stadtgegenden neuerbaut.“ Pfarrer Heinrich Hartong verschickte etliche Bettelbriefe mit den hier zitierten Hinweisen, um die erforderlichen rund 400.000 Mark zusammenzubekommen.[1] Wie jedoch die Entwicklung zeigt, kam es nicht zu einer solchen Versetzung des Kirchengebäudes.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über dem Portal:
Der Hl. Joseph mit dem Jesuskinde
Kircheninneres vor der Zerstörung, 1850

Die Kirche steht einige Meter hinter der Straßenflucht und bildet mit den Nachbargebäuden einen kleinen Vorplatz, die Schmuckstraße führt genau auf die Kirche zu, so dass eine barocke Sichtachse entsteht. Ungewöhnlich ist, dass sie entgegen der üblichen Kirchenbauweise nicht nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet wurde, was auf das zugeteilte Baugrundstück zurückgeführt wird. Das Kirchengebäude ist ein aus Backsteinen gefertigter Saalbau und besitzt eine geschwungene, reich mit Sandsteinelementen verzierte Barockfassade, die italienischen Vorbildern folgt. Ein mächtiges, von einer Heiligenfigur des St. Joseph bekröntes Portal wird von hohen Fenstern gerahmt. Zusammen mit dem volutengeschmückten Giebel ist die Fassade eines der wichtigsten Zeugnisse der Barockkunst im späteren Hamburger Stadtgebiet. Die Kirche enthielt einst eine bedeutende Ausstattung mit Kunstwerken des Barock, die jedoch größtenteils während des Zweiten Weltkrieges vernichtet wurde. Das zugehörige Pfarrhaus errichtete Stadtbaumeister Claus Stallknecht bis zum Jahr 1717.

Im Zuge des Wiederaufbaus bis 1955 erhielt das Dach eine Stahlträger-Konstruktion und Dreieckbinder, an denen das flache Rabitz-Tonnengewölbe befestigt wurde. Auch die Statik der Empore wurde durch eine neue Stahlbeton-Konstruktion verbessert. Kleine Rundöffnungen über den Segmentbogenfenstern lassen nun mehr Licht in die Kirchenschiffe. Die frühere barocke Ausstattung ist mit dem Wiederaufbau weitestgehend verschwunden.[2]

Zerstörung und Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenansicht, 21. Jahrhundert

Erst 1938 wurde die Altonaer St. Joseph-Kirche aufgrund des Groß-Hamburg-Gesetzes zu einer Kirche in Hamburg-St. Pauli. 1944 wurde die Kirche bei wiederholten Bombenangriffen fast vollständig zerstört, der Innenraum brannte aus und das Dach stürzte ein, lediglich die Fassade blieb, wenn auch schwer beschädigt, stehen.

Der Wiederaufbau erfolgte 1953–1955 unter der Leitung von Georg Wellhausen und kostete 437.000 DM. Weitere Ausgaben entstanden durch die Restaurierung des Kirchengestühls, der Kreuzwegstationen und der Wandbilder sowie durch den Ankauf einer Orgel von der evangelischen Kreuzkirche in Ottensen und deren Restaurierung. Zu diesem Zeitpunkt wurde lediglich die Schauseite zur Großen Freiheit restauriert, das Kirchengebäude erfuhr einen Wiederaufbau im Stil der Moderne. Die Wiedereinweihung erfolgte am 11. Dezember 1955 mit einer Messe durch Johannes von Rudloff. Die Orgelweihe fand am 19. Dezember 1956 statt. Das angeschlossene Turm- Glockenspiel erklang erstmals am 19. Dezember 1961.[2]

Zwischen 1969 und 1971 ließ die St. Josephsgemeinde ein neues Gemeindehaus im einfachen Baustil errichten. Die in den 1950er Jahren installierte gebrauchte Orgel blieb nicht lange spielfähig, so dass bei der Firma Becker ein neues Instrument in Auftrag gegeben wurde. Diese Orgel konnte am 20. April 1969 eingeweiht werden.

In den Jahren 1977 bis 1979 wurde unter der Leitung des Hamburger Architekten Jörn Rau eine Rebarockisierung des Kircheninneren vorgenommen, die das Ziel hatte, den ursprünglich festlichen Zustand wieder herzustellen. Nach Abschluss dieser Umbauarbeiten fand ein feierliches Pontifikalamt statt.[2] Seit den letzten Änderungen im Kircheninneren in den Jahren 1993/1994 wird das Innere der Kirche vom großen Hauptaltar dominiert, der mit seinen beiden Seitenaltären und den zarten Farben der Wände einen Eindruck der früheren Gestalt vermittelt.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagebeschreibung und Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die St. Joseph-Kirche steht mitten im Hamburger Kiez, dem weltbekannten St. Pauli auf der Großen Freiheit. Sie wird von Sexclubs, Discotheken und Schnellimbissen umgeben, nur noch wenig erinnert an die alte Bebauung und an das weltoffene Altona von damals. Die Große Freiheit, an der früher auch die örtlichen Mennoniten eine Kirche besaßen und die unweit des alten jüdischen Friedhofs liegt, ist heute Mittelpunkt eines Amüsier- und Rotlichtviertels.

Direkt an der Ostseite des Kirchengebäudes sind drei Glocken abgestellt.

Die St. Joseph-Kirche ist Pfarrkirche, wird außerdem von der polnischen Gemeinde genutzt und ist tagsüber für Besucher geöffnet.

Orgeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die große Orgel von Klaus Becker aus dem Jahr 1969 befindet sich auf der oberen der beiden übereinander liegenden Emporen. Auf dem barock intonierten Instrument stehen auf drei Manualen und Pedal insgesamt 33 klingende Register zur Verfügung. In einer Kammer in der zweiten Etage steht der Spieltisch für das Glockenspiel mit inzwischen 25 Glocken, gefertigt von einer holländischen Firma.[3]

Auf der ersten, unteren Empore ist noch eine kleine Orgel installiert, die aus der Werkstatt des Orgelbauers Beckers stammt und bereits im Jahr 1963 in die St. Josephkirche gelangte. Sie ist ein Orgelpositiv mit 5 Registern ohne Pedal.[3]

Disposition der großen Orgel
I Rückpositiv C–f3
Koppelflöte 8′
Quintade 8′
Prinzipal 4′
Spitzflöte 4′
Nachthorn 2′
Oktave 1′
Sesquialter II
Scharf III 1′
Krummhorn 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–f3
Pommer 16′
Prinzipal 8′
Rohrflöte 8′
Oktave 4′
Gedackt 4′
Nasat 22/3
Gemshorn 2′
Terz 13/5
Mixtur V 11/3
Fagott 16′
(Spanische) Trompete 8′
III Brustwerk
(schwellbar)
C–f3
Gedackt 8′
Rohrflöte 4′
Prinzipal 2′
Nasat 11/3
Zimbel II 1/2
Regal 8′
Tremolant
Pedal C–f1
Subbass 16′
Prinzipal 8′
Gedackt 8′
Choralbass 4′
Mixtur IV 2′
Posaune 16′
Trompete 8′
  • Koppeln: I/II, III/II, I/P, II/P (sowohl als Registerzüge als auch als Fußtritte)
  • Spielhilfen: 4 Freie Kombinationen (als Fußtritte)

Besondere Ausstattungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In der St. Joseph-Kirche befindet sich das einzige Beinhaus Hamburgs. Eine Besichtigung ist möglich.[4]
  • Ab dem 9. Januar 2017 ist im Kirchenraum ein von Udo Lindenberg gezeichneter Bilderzyklus zu sehen, der die 10 Gebote darstellt. Die Werke entstanden im Jahr 2002 in einer speziellen Likörell-Technik, bei dem Lindenberg auch Eierlikör mit verwendet. Nach Einschätzung des Pfarrers der Gemeinde, Karl Schurz, „geht ein Lebenstraum in Erfüllung. Angesichts der ,lebenszerstörenden Tendenzen unserer Zeit’ versuche Lindenberg, in humoriger Art die zehn Gebote so zu interpretieren, dass sie nicht als ,moralische Zwangsjacke’, sondern als ,Grenzsteine der großen Freiheit’ empfunden werden.“[5]

Krypta[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1719 und 1868 erfolgten in der Krypta des Gotteshauses fast 3OO Beisegungen. Neben den unter Pfarrer Genannten sind auch der Grundsteinleger zu nennen sowie weitere hochrangige Persönlichkeiten wie: César Claude Rainville (1767–1845), ehemaliger Adjutant des Generals Dumouriez, Clemens August Graf von Kurtzrock (1745–1822), fürstlicher Thurn und Taxischer Oberpostdirektor, Ludovica Augustina de Crozat de Thiers († 1813), Ehefrau des französischen Feldmarschalls Viktor Franz von Broglio. – Nachdem im Zweiten Weltkrieg, am 28. Juli 1944 eine Luftmine die Kirche bis auf die Fassade stark zerstört hatte (siehe oben), wurden alle Toten auf den Ohlsdorfer Friedhof umgebettet. Die Krypta wurde zugemauert.[1]

Kirchhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 1871 sind alle verstorbenen Gemeindemitglieder auf dem nebenliegendem Friedhof bestattet worden, einige Grabsteine blieben erhalten. Seit 1874 nutzt die St. Josephs-Gemeinde Teilflächen des Diebsteich-Friedhofs für ihre Begräbnisse.[1]

Pfarrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kardinal Louis-Joseph de Montmorency-Laval; er wirkte 12 Jahre als Seelsorger an der St.-Joseph-Kirche
  • Von 1796 bis zu seinem Tode im Jahre 1808 wirkte an der St.-Joseph-Kirche der im Exil lebende Bischof von Metz, Kardinal Louis-Joseph de Montmorency-Laval (1724–1808), der auch in Altona starb und in der Krypta des Gotteshauses beigesetzt wurde. Er zelebrierte zu Lebzeiten dort regelmäßig die Heilige Messe, wobei als sein Ministrant ein Aloys Kleyser genannt wird, der eine Schlaf- und Schankwirtschaft auf der Großen Freiheit besaß. Zeitzeugen berichten außerdem davon, dass der Kardinal sehr wohltätig war, in einem roten Rock durch die Straßen lief und den Kindern gelegentlich Geld zuwarf. 1900 überführte man seine sterblichen Überreste in die Kathedrale von Metz.[6]
Bischof Montmorency-Laval befand sich in Begleitung seiner Verwandten Magdaleine Susanne de Paulmy d’Argenson, geborene Herzogin von Montmorency-Luxembourg (1751–1813), ehemalige Hofdame der hingerichteten Königin Marie Antoinette von Frankreich. Sie führte den Haushalt des Kardinals, starb am 22. Februar 1813 und wurde ebenfalls in der Gruft von St. Joseph beigesetzt.[7]
  • Joseph Versen (1768–1831)
  • Johannes M. Bernhard Bertelt (1804–1835)[1]

Eine umfassendere, aber nicht komplette Übersicht der Priester, die in St. Joseph bis 1991 gewirkt haben, befindet sich in der Festschrift zur 400-Jahr-Feier der Gemeinde.[8]

In den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1970 war die Kirche der Hauptdrehort des Filmes Der Pfarrer von St. Pauli mit Curd Jürgens in der Hauptrolle. Auch für die Fernsehserie Großstadtrevier wird häufig vor dieser Kulisse gedreht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • F. Grundmann, T. Helms: Wenn Steine predigen – Hamburgs Kirchen vom Mittelalter zur Gegenwart, Medien Verlag Schubert, 1993
  • R. Hootz (Hrsg.): Bildhandbuch der Kunstdenkmäler Hamburg & Schleswig-Holstein, Deutscher Kunstverlag, 1981
  • Festschrift zur 400-Jahr-Feier der St. Joseph-Kirche, 1994

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St.-Josephs-Kirche (St. Pauli) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Aus der Festschrift zur 400-Jahrfeier; S. 20ff.
  2. a b c Festschrift zur 400-Jahr-Feier, S. 40ff.
  3. a b Festschrift zur 400-Jahr-Feier. S. 55.
  4. dpa: Vergessene Gruft auf St. Pauli: Wo 350 Schädel und Knochen besichtigt werden. In: shz.de. Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, 2. November 2015, abgerufen am 3. November 2015.
  5. Udo Lindenbergs ,10 Gebote in Hamburger Kirche’, In: Berliner Zeitung, 4. Januar 2017, S. 19.
  6. Webseite zu Kardinal Louis-Joseph de Montmorency-Laval, mit Details zu seinem Aufenthalt in Altona (Memento vom 29. Juni 2007 im Internet Archive)
  7. Quelle zu Kardinal Montmorency-Laval und seiner Verwandten bzw. zu ihren Grabinschriften
  8. Festschrift zur 400-Jahr-Feier, S. 80.

Koordinaten: 53° 33′ 5″ N, 9° 57′ 26″ O