St. Andreas (Hildesheim)

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St. Andreas 2011
Stahlstich von Johannes Poppel: St. Andreas 1850
Andreaskirche Hildesheim, Mittelschiff mit Blick zum Chor.

Die evangelisch-lutherische Bürgerkirche St. Andreas ist eine der großen Hauptkirchen von Hildesheim. Mit 114,5 Metern Höhe ist der Turm der Kirche der höchste Kirchturm Niedersachsens. Er ist über 364 Stufen zugänglich und bietet einen weiten Rundblick über die Stadt und das Umland. Die Kirche ist am Andreasplatz gelegen.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der früheste Kirchbau mit dem Patrozinium des Apostels Andreas war eine schlichte vorromanische Kapelle, deren Existenz schon für das Todesjahr Bischof Bernwards 1022 angenommen wird. Bischof Godehard wurde hier nach seinem Tod 1038 für die Trauerbekundung des Volkes aufgebahrt.

In romanischer Zeit verlagerte sich das Zentrum der Markt- und Handwerkersiedlung aus der feuchten Niederung zwischen Domburg und Michaeliskirche („Alter Markt“) hierher, und die Kapelle wurde durch eine romanische Kirche mit mächtigem Westwerk ersetzt.

Der Bau der gotischen Kirche wurde, unter Einbeziehung des romanischen Westwerks und Beibehaltung des basilikalen Querschnitts, Ende des 14. Jahrhunderts begonnen, der Chor 1389, das nördliche Seitenschiff 1404, der Turm 1503. 1504 wurde das Langhaus mit den Seitenschiffen bis an den Turm herangeführt. Der Turm erreichte jedoch erst 1883 seine endgültige Höhe, vorher ragte er kaum über den Rest des Gebäudes hinaus. Der Innenraum erinnert mit Chorumgang und Kapellenkranz im Osten an französische Kathedralen.

Wie die Marktkirchen in vielen anderen deutschen Bischofsstädten repräsentierte St. Andreas im Hochmittelalter das bürgerliche Selbstbewusstsein gegenüber der landesherrlichen Gewalt des Bischofs (Hochstift), die sich im Dom darstellte. In der Reformationszeit verband sich dieser alte Machtgegensatz mit der religiösen Frage. Folgerichtig war St. Andreas 1542 die erste Kirche Hildesheims, in der lutherisch gepredigt wurde und von wo aus Johannes Bugenhagen die neue evangelische Kirchenordnung einführte. Daran erinnert seit 1995 ein Brunnen-Denkmal von Ulrich Henn auf dem südlichen Vorplatz der Kirche.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Andreaskirche am 22. Februar 1945 bei einem Luftangriff im Rahmen der Operation Clarion an mehreren Fenstern beschädigt. Beim schwersten Luftangriff auf Hildesheim vom 22. März 1945 brannte sie völlig aus, nur die schwer angeschlagenen Umfassungsmauern und der Turm blieben stehen. Abgesehen vom Dom wurde keine andere Kirche in Hildesheim so stark beschädigt wie St. Andreas. In den 1950er-Jahren wurde sie annähernd originalgetreu rekonstruiert.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Turm hängen vier Glocken, von denen drei Leihglocken aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sind.[1] Die klangvolle Osanna stammt aus der Danziger Marienkirche. Die große Glocke ist ein Geschenk der Stadt Hildesheim. Die Glocken sind auf die des Domes abgestimmt.

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer, Gussort
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Nominal
 
Herkunftsort
der Leihglocke
1 St.-Andreas-Glocke 1963 Gebr. Rincker, Sinn 2150 6230 ges0+2
2 Osanna 1632 Ludwig Wichtendal d. J., Danzig 1750 3056 b0+2 Danzig, St. Marien
3 Maria 1738 Georg Bernhard Kinder, Königsberg 1360 1900 des1+6 Rastenburg (Ostpreußen)
4 Petrus 1725 Johann Jakob Dornmann, Königsberg 1220 1200 es1±0 Mühlhausen (Westpreußen)

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel von Beckerath (Hamburg) 1965–1966

In der Basilika befindet sich eine der größten Orgeln Norddeutschlands. Sie wurde 1965/66 von der Hamburger Orgelbaufirma Rudolf von Beckerath Orgelbau erbaut und hat 63 Register auf vier Manualen und Pedal, zuzüglich einem Glockenspiel. Die 4734 Pfeifen stehen auf Schleifladen. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch.[2] Die Anordnung der fünf Teilwerke folgt der norddeutschen Orgelbautradition („Hamburger Prospekt“). Die zehn größten Pfeifen des bis zum Subkontra C ausgebauten Prinzipal 32' stehen im Prospekt. Sie waren ursprünglich aus Zink. 1995 ersetzte man sie durch Zinnpfeifen. Auf der unteren Empore befindet sich ein separater, kleiner Spieltisch allein für das Rückpositiv.[3]

Der mächtige Kirchenraum verleiht dem von der Konzeption und von der handwerklichen Qualität her als gelungen geltendem Instrument ein ungewöhnliches Klangvolumen. Regelmäßig finden Orgel- und Chorkonzerte statt.

I Rückpositiv C–g3

Prinzipal 8′
Rohrflöte 8′
Quintadena 8′
Oktave 4′
Blockflöte 4′
Quintflöte 223
Oktave 2′
Gemshorn 2′
Quinte 113
Sesquialtera II 223
Scharfmixtur V 113
Dulzian 16′
Bärpfeife 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–g3
Prinzipal 16′
Oktave 8′
Koppelgedackt 8′
Oktave 4′
Quinte 223
Oktave 2′
Mixtur VI 2′
Scharf IV 23
Trompete 16′
Trompete 8′
Trompete 4′
III Oberwerk C–g3
Quintadena 16′
Violprinzipal 8′
Holzflöte 8′
Oktave 4′
Rohrflöte 4′
Nasat 223
Hohlflöte 2′
Terz 135
Septime 117
Sifflöte 1′
None 89
Scharf IV-VI 1′
Klingend Zimbel III 16
Englisch Horn 16′
Oboe 8′
Tremulant
IV Brustwerk
(schwellbar)
C–g3
Holzgedackt 8′
Holzprinzipal 4′
Waldflöte 2′
Gemsquinte 113
Schwiegel 1′
Schlagtöne III 25
Scharfzimbel IV 12
Regal 8′
Schalmei 4′
Tremulant
Pedal C–f1
Prinzipal 32′
Oktave 16′
Subbass 16′
Oktave 8′
Holzflöte 8′
Hornaliquot II
Oktave 4′
Nachthorn 2′
Rauschpfeife III 4′
Mixtur VI 223
Posaune 32′
Posaune 16′
Trompete 8′
Trompete 4′
Zink 2′

Maße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Länge: 80 m
  • Breite: 35 m
  • Höhe: 27 m
  • Turm (seit 1883): 114,5 m

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reinhold Brunnert: Die Orgel in der St. Andreas-Kirche Hildesheim – Erbauer: Rudolf von Beckerath, Hamburg (1965). Einweihung: letzter Sonntag nach Epiphanias; 30. Januar 1966. Hrsg.: Kirchenvorstand von St. Andreas, 1966.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Andreas (Hildesheim) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hildesheim, Evangelische Kirche St. Andreas, Glocken (15. August 2014) auf YouTube.
  2. Die Beckerath-Orgel. In: Kirchenmusik St. Andreas. Evangelisches MedienServiceZentrum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, abgerufen am 27. November 2015..
  3. Textheft zur CD: Hört der Engel helle Lieder, Hänssler Classic, CD 98.431, Seiten 15 und 23

Koordinaten: 52° 9′ 5,5″ N, 9° 57′ 0,2″ O