St. Jürgen (Kiel)

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St. Jürgen von der Südseite

St. Jürgen (nach dem Heiligen Georg) heißt ein Kirchengebäude von 1954 der evangelisch-lutherischen Friedensgemeinde Kiel im Stadtteil Kiel-Südfriedhof und steht im Königsweg 78. Es hatte mehrere Vorgängerbauten und befindet sich in Nachbarschaft zum alten jüdischen Friedhof.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St.-Jürgen-Kloster und Kapelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Erwähnung von St. Jürgen in Kiel findet sich 1267 im Stadtbuch. Darin wird ein Leprosorium unter dem Patrozinium des Heiligen und Nothelfers Georg (Niederdeutsch Jürgen) mit Namen St.-Jürgen-Kloster angegeben, das zwölf Plätze hatte und damals weit vor der Stadt lag. Aus der Zeit vor 1366 stammt die erste Erwähnung für einen Kaplan der St.-Jürgen-Kapelle. Mit dem Rückgang der Lepra wurde das Kloster ab 1400 zu einer Armenanstalt mit klösterlichen Lebensregeln.[1]

1530 ließ Klaus Grimm eine Glocke gießen, die in den Kieler St.-Jürgen-Kapellen und -kirchen bis 1954 hing und dann zum Stadtkloster im Harmsweg verbracht wurde. Die Inschrift lautet: Clawes Ghrim leth mi gheten anno dm. MCCCCCXXX[2]

Nach der Reformation bildete das St.-Jürgen-Armenhaus zusammen mit dem säkularisierten Franziskanerkloster, dem Heiligengeistspital und dem sogenannten Neugasthaus eine Gruppe von vier kleinen städtischen Fürsorgeeinrichtungen. Das großzügige Vermächtnis von Henriette Friederica von Ellendsheim ermöglichte die Zusammenlegung der Einrichtungen:

1821/1822 wurde ein eingeschossiger Neubau auf der St.-Jürgen-Wiese errichtet, das den Namen Kieler Stadtkloster erhielt. Das Gebäude lag am Sophienblatt zwischen Ringstraße und Raiffeisenstraße, heute das Gelände von Bahnhof und Busbahnhof.[2]

Ab 1793 wurde der Friedhof des Hospitals Richtung Süden erweitert. Er trug seit der Eröffnung des Südfriedhofs 1869 den Namen St.-Jürgen-Friedhof.[1]

Der Bau von 1821/1822 wurde 1865 um ein zweites Obergeschoss und einen Turm erweitert. 1909 musste er einer Erweiterung des Kieler Hauptbahnhofs weichen. An der Harmsstraße zwischen Schützenwall und Zastrowstraße wurde für die Bewohner ein neues Gebäude errichtet. Der Turm zog ebenfalls dorthin um, wurde aber im Zweiten Weltkrieg zerstört.[2]

Die Kapelle stand gegenüber der Einmündung der Ringstraße ins Sophienblatt. Sie erwies sich für die wachsende Südstadt als zu klein und wurde 1902 für einen Neubau abgerissen.[3]

Die Kirche von 1904[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plan der Kirche
① = Eingangsbereich unter dem Kirchturm ② = große Eingangshalle ③ = kleine Eingangshalle ④ = Sakristei

Der sehr viel größere Neubau der St.-Jürgens-Kirche in neoromanischen Formen wurde am 10. November 1904 eingeweiht.[1] Der Architekt war Wilhelm Voigt. Zeitgenössische Berichte heben hervor, dass auf Rechnung der ev.-luth. Kirchengemeinde 2483 Liter Kaffee an die beim Bau der St.-Jürgens-Kirche beschäftigten Leute verabfolgt wurden, um dem Alkoholgenuß auf der Baustelle entgegenzuwirken.[4] Mit ihrem 58 Meter hohen Turm bildete die Kirche einen besonderen Akzent am Sophienblatt. Nach der Beseitigung des Stadtklosters 1909 schloss sie den dadurch entstanden Platz an der westlichen Bahnhofseite gegen den St.-Jürgen-Friedhof ab. Als Grundform des Baus diente eine kreuzförmige Basilika. Zum Sophienblatt erhielt sie den Vorbau einer Eingangshalle, die die Zugluft abhielt und die Straßengeräusche dämpfte. Zur Bahnhofsseite diente ein Umgang hinter dem Chor ebenso der Lärmminderung. Zwischen Kirche und Hauptbahnhof befand sich noch ein Hof von etwa 10 Metern Breite, über den der Zugang zum St.-Jürgen-Friedhof führte. Erster Organist der neuen Kirche wurde der Königliche Musikdirektor Heinrich Johannsen (* 30. Juli 1864 in Lauenburg; † 8. Februar 1947 in Eutin).

Durch die Nähe zum Hauptbahnhof war die Kirche in besonderer Weise den massiven Luftangriffen auf Kiel im Zweiten Weltkrieg ausgesetzt. Am 5. April 1945 wurde sie endgültig ausgebombt.[1] Die von Adolf Brütt geschaffene lebensgroße Christusfigur ging verloren, wurde aber 2008 in einem Magazin des Kieler Stadtarchiv wiedergefunden.[5]

Im Zuge des Wiederaufbaus des Hauptbahnhofs und der Nachkriegs-Neuordnung seines Umfelds entschlossen sich die Verantwortlichen gegen einen Wiederaufbau der Kirche und zur Aufgabe des Friedhofs zugunsten der Verbreiterung der Straße Sophienblatt und eines Parkplatzes. Die Ruine wurde bis 1954 abgetragen.[1]

Die heutige St.-Jürgen-Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der heutige Bau am Königsweg wurde von dem Kieler Architekten Ernst Mackh entworfen. Es war der erste große evangelische Kirchenneubau nach dem Krieg in Kiel. Seine Einweihung durch Propst Hans Asmussen fand am 12. Dezember 1954 statt. In den Backsteinbau konnten einige Elemente aus der alten Kirche wie Türen und Bänke und sogar die Turmuhr integriert werden. Der Taufstein kam später in die Jakobikirche.[6]

Prägend für den Neubau sind das siebenbahnige, vielfarbige Apsisfenster, das an den Brand der Kieler Innenstadt und an die über allem aufleuchtende himmlische Herrlichkeit erinnert, sowie an den Seiten zehn Kirchenfenster in der Form von Ausrufezeichen.[7]

Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Januar 2005 schlossen sich die St.-Jürgen-, die Heilands- und die Vicelin-Gemeinde zur Friedensgemeinde zusammen.[1]

Pastoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Jürgen (Kiel) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f St. Jürgen Gemeindeverein e. V. Kiel (Hrsg.): Chronik von St. Jürgen in Kiel. 4. Auflage. 2009, S. 179–191.
  2. a b c Hedwig Sievert: Kiel Einst und Jetzt – Vom Kanal bis zur Schwentine. G. Mühlau Verlag, Kiel 1964, Bild 62,63a,64,65a.
  3. Hedwig Sievert: Kiel Einst und Jetzt – Vom Kanal bis zur Schwentine. G. Mühlau Verlag, Kiel 1964, Bild 63a.
  4. Der Alkoholismus: Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage, NF 3 (1906), S. 123.
  5. St. Jürgen Gemeindeverein e. V. (Hrsg.): Chronik von St. Jürgen in Kiel. 4. Auflage. 2009, S. 203.
  6. Jakobikirche
  7. St. Jürgen Gemeindeverein e. V. (Hrsg.): Chronik von St. Jürgen in Kiel. 4. Auflage. 2009, S. 59, 70.

Koordinaten: 54° 18′ 44,2″ N, 10° 7′ 23,2″ O