St. Johannes der Täufer (Billerbeck)

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St. Johannes der Täufer
Gotischer Taufstein von 1497 in der Turmkapelle

Die katholische Pfarrkirche St. Johannes der Täufer, meist nur kurz Johannis-Kirche genannt, in Billerbeck ist mit ihrem Gründungsbau bereits vor 800 zu datieren. Der bestehende Bau ist wahrscheinlich im Jahre 1234 entstanden. Er ist ein bedeutendes Beispiel einer spätromanischen Hallenkirche gebundener Ordnung. In seiner Form bis heute nur durch kleinere Restaurierungen verändert, ist er außerdem reich an diversen Ausstattungsstücken.

Geschichte[Bearbeiten]

Wie archäologische Untersuchungen an der Johannis-Kirche in den Jahren 1983 bis 1985 ergeben haben, entstand der erste, nachweisbare Bau vermutlich als einschiffige Kirche im 8. Jahrhundert, eine genaue Datierung ist jedoch nicht möglich. Sie wurde vermutlich unter Bernrad, einem im Missionsraum Münster tätigen Abt, der auch der Bauherr von St. Viktor in Dülmen war,[1] errichtet. Am 25. März 809 hielt der heilige Liudger einen Tag vor seinem Tod seine letzte heilige Messe in der Billerbecker Urpfarrkirche. Aufgrund der Mauertechnik ist eine Weiheinschrift von 1074 der zweiten Kirche zuzuordnen, die sich von der Ausdehnung und dem Grundriss her an ihrem Vorgänger, zumindest an dessen Westteil, orientierte. Jener Westteil wurde zugunsten eines neuen Kirchturms abgerissen, nach architektonischen Aspekten geschah dies im 12. Jahrhundert. Er wurde in den dritten Bau integriert, der nach einer erhaltenen Chorinschrift 1234 erbaut wurde. Die Breite der Vorgänger entspricht etwa die des Mittelschiffes. 1425 wurden die Sakristei an die Nordostecke zwischen der nördlichen Apsis und dem Chor angebaut und die Fassaden, insbesondere ihre Fenster, im gotischen Stil umgestaltet.[2]

Die Pfarrkirche wurde zur Stärkung des Bistums Münster erbaut. Sie ist in Verbindung mit den übrigen bischöflichen Kaplaneien Beckum, Stadtlohn und Warendorf zu sehen, denn sie verfügten alle über je einen Domherren.

Zwischen den Jahren 1930 und 1931 sowie 1981 bis 1985 fanden in der Kirche feste umfangreiche Renovierungsarbeiten statt.[2] Am 10. März 1985 wurde die Johannis-Kirche als Baudenkmal unter der Nummer 10 in die Denkmalliste der Stadt Billerbeck eingetragen.

Beschreibung und Architektur[Bearbeiten]

Beeinflusst wurde der Bau von der Klosterkirche Marienfeld, woher das Vorbild der Marienfelder Pfeiler stammt, und Lippstadt. Beide standen unter dem Einfluss der Herren zur Lippe. In der Innenarchitektur von St. Johann sind starke französische Einflüsse zu erkennen. Das bedeutet für gewöhnlich, dass der Baumeister und/oder seine Steinmetze vorher in Frankreich tätig waren. Die Pfeilerbündel ähneln sehr denen in den romanischen Kirchen von Poitiers und Laon. Die Kirche wurde 1425 teilweise im Stile der Gotik umgestaltet. Auffällig ist vor allem das große, gotische Fenster an der Ostwand des Chores. Ebenfalls 1425 wurde die Sakristei angebaut.

Der Grundriss ist dreischiffig, wobei das kaum höher gezogene Mittelschiff durch drei Joche von den Seitenschiffen getrennt ist. Es endet mit einem gerade geschlossenen Chor. Die Seitenschiffe münden in jeweils eine Apsis.

Das Domikalgewölbe ist in den Seitenschiffen gratig, jedoch im Mittelschiff mit acht Rippen unterlegt. Die Schlusssteine sind oftmals als Tiere oder Blätter gestaltet. Die Bögen sind mit westfälisch-typischem Wulstprofil versehen. Alle Flächen und Gliederungen des Gewölbes waren ursprünglich mit Farbe versehen.

Die Fassaden sind von der gotischen Umgestaltung im Jahr 1425 geprägt und in diesem Stil verziert. An dieser Arbeit waren wahrscheinlich rheinische Steinmetze beteiligt, da die Ausarbeitung vergleichbaren Bauten aus dieser Region entspricht und untypisch für Westfalen ist. Die zum Stadtzentrum ausgerichtete Nordfassade wurde am prachtvollsten gestaltet. Sie zeichnet sich insbesondere durch ihr Formenspiel aus und gliedert sich in sechs Achsen. In der zweiten Achse von Westen gesehen beherbergt sie das Hauptportal. Die Südseite dagegen ist schlichter gehalten.

Archäologischen Untersuchungen zufolge stammt der 78 Meter hohe Kirchturm aus der Zeit des 12. Jahrhunderts. Dafür sprechen die Form der Schallöffnungen, das Gefüge, das bereits ursprünglich gewölbte Turmuntergeschoss sowie die Mauertechnik der Fundamente. Der Turm ist, wie große Teile der übrigen Fassade, schlicht gestaltet. Die einzigen Verzierungen bestehen aus Rundbogenfenstern, die an jeder Etage angebracht sind. Der gotisierende Spitzhelm des Turmes stammt aus der Zeit um 1650 unter Bischof Bernhard von Galen. Er wurde um 1700 neu verankert. An der Westseite des Turmhelmes sind die Uhrglocken befestigt.

An der Nordseite des Turmes ist eine große Kreuzigungsgruppe, die vermutlich zwischen Ende des 16. Jahrhunderts und Anfang der 17. Jahrhunderts von Heinrich Gröninger geschaffen wurde. Sie befindet sich auf einem Sockel und zeigt Jesus am Kreuz zusammen mit zwei Schachern, bei denen es sich zum zwei frühbarocke Holzfiguren handelt. Oberhalb des Tympanons der Kreuzigungsgruppe befindet sich eine Uhr, die auf das Jahr 1876 datiert ist, von der Recklinghausener Firma Vortmann stammt und täglich von Hand aufgezogen werden muss. Oberhalb des Zifferblattes, das 1982 restauriert wurde, befindet sich das Abbildung eines Sensenmannes, der eine Sanduhr in der Hand hält und so die vergängliche Zeit der Menschen symbolisiert.

Ausstattung[Bearbeiten]

Die Pfarrkirche verfügt über eine reiche Ausstattung, die in ihren Datierungen vom 15. bis in das späte 18. Jahrhundert reicht. Über dem Altar links und rechts befinden sich die lebensgroßen Figuren des „Weltheilands“ und der „Himmelskönigin“ von 1618. Sie sind Werke des münsterschen Bildhauers Gerhard Gröninger (1582-1652) und wie fast alle bildhauerischen Arbeiten in der Kirche (und das Kirchengebäude selbst) aus Baumberger Sandstein geschaffen, der nur wenige Kilometer östlich von Billerbeck abgebaut wurde und wird. Die Kanzel aus der Spätrenaissance ist 1581 geschaffen worden. Die polychromierte (bemalte) Doppelstrahlenmadonna von etwa 1480 befindet sich im Mittelschiff. In der Apsis die Pietá des Bildhauers Johann Wilhelm Gröninger von 1715. In der Inschrift wird deutlich, dass der Bildhauer und seine Frau diese Figur selbst der Kirche gestiftet hatten. Sie lebten in Billerbeck.

Hervorzuheben sind vier Altäre. Zum einen der Magdalenenaltar (1611) in der Ost-Apsis des südlichen Seitenschiffes. Er stand früher (bis 1959?) als Epitaph in der Ludgerus-Brunnenkapelle. Neben seinen frühbarocken Verzierungen ist er geschmückt mit einer Schilderung aus dem Gleichnis 'Gastmahl im Hause des Pharisäers'. Der Altar zeigt den Übergang von Renaissance ins Frühbarock, wahrscheinlich ein Werk des Paderborner Bildhauers Heinrich Gröninger, eines anderen Vertreters dieser Bildhauerdynastie. An der Westwand des Südseitenschiffes befindet sich das Altarretabel, das bis 1959 in der Ludgeruskapelle stand. In der Ostapsis des Nordseitenschiffes steht ein Altar mit einer barocken Pieta, der wohl für diese Stelle geschaffen worden ist. An der Westwand des Nordseitenschiffes befinden sich noch Reste des Paulusaltares von 1719 mit seiner Wappenbekrönung. Hier ist das Relief 'Pauli Sturz vom Pferde' von Johann Wilhelm Gröninger erhalten geblieben.

Weiterhin findet sich hier ein spätgotischer Taufstein (1497). Er besteht aus acht Seiten und ist ebenfalls reich verziert. Der Taufstein verfügt über Reliefdarstellungen aus dem Alten und Neuem Testament. Die Darstellungen beziehen sich allesamt auf die Taufe.Sehenswert ist der Taufstein auch deshalb, weil er aus einem Steinblock gearbeitet wurde.

Fastentuch von 1930/31.

Ein steinerner Osterleuchter (1500) wird der Bunickman-Werkstatt zugerechnet. Der neben dem Altar aufgestellte Grundstein der Kirche nennt das Weihedatum 1074 für den ersten Kirchbau. Zu nennen sind weiter das Renaissance-Altarbild von 1609, das eine längere Betrachtung lohnt (Rückwand des südlichen Seitenschiffs).

Während der Fastenzeit hängt im Chorbogen ein Hungertuch nach Marienfelder Vorbild von 1930/31. Es wurde nach dem Vorbild eines bereits vorhandenen Tuches gleicher Art aus dem 19. Jhdt. angefertigt.[3]

Jüngst, um die Wende zum 3. Jahrtausend, fand man eine Figur eines Grabchristus' wieder. Diese stammt aus dem Jahr 1630 und war von der Johanni-Schützenbruderschaft in einer Karfreitagsprozession mitgetragen worden. Auf einem aus Sandstein angefertigten Sockel dient sie nun im Zusammenspiel mit einer Leuchte (nach Art einer Ewig-Licht-Ampel) als dauerhafte Heilig-Grab-Darstellung.

Die Schwalbennest-Orgel der Firma Klais

Die Orgel der Johanneskirche wurde 1988 von der Orgelbaufirma Johannes Klais (Bonn) erbaut. Sie ist als „Schwalbennest-Orgel“ an der Rückwand der Kirche angehängt. Sichtbar sind das Hauptwerk und die Pedaltürme, während das Schwellwerk sowie die Windanlage in einer Nische hinter der Orgel untergebracht sind. Der Spieltisch befindet sich auf einer der Orgel vorgelagerten kleinen Empore. Das Instrument hat 25 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch. Als Besonderheit verfügt das Instrument über ein Glockenspiel aus 39 Bronzeglocken mit einem Tonumfang von c0 - g3.[4]

I Hauptwerk C–g3
1. Quintade 16'
2. Principal 8'
3. Rohrgedackt 8'
4. Octave 4'
5. Blockflöte 4'
6. Quinte 22/3'
7. Superoctave 2'
8. Terz 13/5'
9. Mixtur V 11/3'
10. Trompete 8'
Tremulant
II Schwellwerk C–g3
11. Bordun 8'
12. Viola da Gamba 8'
13. Schwebung 8'
14. Principal 4'
15. Koppelflöte 4'
16. Octavin 2 '
17. Larigot 11/3'
18. Sesquialter II 22/3'
19. Plein Jeu IV 2'
Glockenspiel
Tremulant
Pedal C–f1
20. Subbass 16'
21. Octavbass 8'
22. Spillflöte 8'
23. Choralbass 4'
24. Hintersatz IV 22/3'
25. Fagott 16'

Literatur[Bearbeiten]

  • Kluge, Dorothea; in Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Westfalen, 1969
  • Billerbecks Heilige Stätten, hrsg. vom Kath. Pfarramt St.Johann/Propstei St. Ludger, Billerbeck 1984

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Johannes der Täufer (Billerbeck) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatGeschichte der Gemeinde. Kath. Kirchengemeinde St. Viktor in Dülmen, abgerufen am 14. April 2013.
  2. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJohannis-Kirche. Pfarr- und Propsteigemeinde St. Johann / St. Ludger Billerbeck, abgerufen am 14. April 2013.
  3. Engelmeier, Paul: Westfälische Hungertücher vom 14. bis 19. Jahrhundert. Münster 1961.
  4. Nähere Informationen zur Orgel der Johanneskirche

51.9757847.289696Koordinaten: 51° 58′ 33″ N, 7° 17′ 23″ O