St. Kiliani (Höxter)

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Plakette „Offene Kirchen“

Die evangelische Kirche St. Kiliani in Höxter ist in ihren Ursprüngen eine romanische Basilika. Ihr zweitürmiges Westwerk aus dem 11. Jahrhundert überragt die Altstadt. Es war auch Vorbild für den zweitürmigen Ausbau des karolingischen Westwerks der nahegelegenen Abteikirche Corvey. Die unter Denkmalschutz stehende Kirche, die wie die gotische Marienkirche zur Evangelischen Kirchengemeinde Höxter gehört, trägt die Plakette der Initiative „Offene Kirchen“ der Evangelischen Kirche von Westfalen.[1]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Türme und Westwerk der Kilianikirche bestimmen das Stadtbild von Höxter
Raumarchitektur mit romanischen Säulen und Bögen
Grundriss der Kilianikirche mit eingezeichnetem Vorgängerbau

Die Kirche ist dem heiligen Kilian, einem irischen Wanderbischof aus dem 7. Jahrhundert, geweiht. Das Patrozinium der Kilianikirche zeigt die einstige Beziehung Höxters zu Würzburg: Vor der Gründung des Klosters Corvey wurde von Würzburg aus die Christianisierung des Sachsenlandes betrieben.

Errichtung eines Vorgängerbaus um 800[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Umbauarbeiten im Jahre 1961 wurden Fundamente eines älteren, wesentlich kleineren Vorgängerbaus freigelegt. Dieser Saalbau hatte eine Unterteilung im Westen und einen Chorraum mit quadratischem Grundriss. Das Alter dieses Saalbaues ließ sich durch Scherbenfunde und zahlreiche Bestattungen innerhalb und außerhalb in die Zeit zwischen 780 und 800 datieren – er wurde also noch vor der im Jahre 806 erfolgten Gründung des Bistums Paderborn errichtet.

Bau einer Basilika um 1100[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine neue Kirche wurde im 11. Jahrhundert aus Wesersandstein erbaut und am 8. Juli 1075 geweiht. Ursprünglich war sie eine Pfeilerbasilika, eine flach gedeckte Hallenkirche, mit zwei Seitenschiffen, und mit geradem Chorabschluss im Osten und im Westen. Heute lässt noch das gegenüber dem Hauptschiff niedriger gehaltene nördliche Seitenschiff mit dem romanischen Nordportal die reine basilikale Form erkennen.

Einwölbung um 1200[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiterer Bauabschnitt etwa 100 Jahre später veränderte das Bild der Kirche völlig: Sie erhielt ein Gewölbe. Dazu wurden unter dem Gewölbeansatz Pfeilervorlagen eingefügt. Diese wurden in den Seitenschiffen mit Halbsäulen und reich verzierten Kapitellen geschmückt. Eine völlig neue Raumwirkung ergab sich dadurch, dass die richtungsbetonte Architektur der ursprünglichen Basilika nun sowohl im Haupt- als auch in den Seitenschiffen einer Aufteilung des gesamten Raumes in mehrere fast quadratische Gewölbe wich.

Bau der Turmhelme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage, wann im Laufe der langen Geschichte der Kilianikirche die ursprünglich flachen romanischen Turmdächer durch die heutigen schlanken Turmhelme ersetzt worden sind, konnte bisher offenbar noch nicht geklärt werden. Charakteristisch ist die das Stadtbild prägende unterschiedliche Höhe der beiden Türme: der Nordturm, der „Gemeindeturm“, ist 48 m hoch. Als Wetterfahne hat er einen Hahn, der die Macht Gottes verkörpern soll. Der Südturm, auch als „Stadtturm“ bezeichnet, ist nur 45,65 m hoch. Der Reichsadler ist das Symbol für die niedriger eingestufte weltliche Macht. In der früher Neuzeit wird er auch als Hausmannsturm überliefert, der von einen angestellten Türmer besetzt wurde. Im Untergeschoss befand sich das Ratsarchiv.

Ausbau zu einer zweischiffigen Hallenkirche um 1400[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 1391 bis 1412, also in der Spätgotik, wurde das südliche Seitenschiff abgebrochen. Man nahm zwei der drei südlichen Arkadenpfeiler heraus und spannte zwischen den verbliebenen Pfeilern zwei höhere Arkadenbögen mit doppeltem Radius. Während dieser Umgestaltung zur Hallenkirche entstand auch das heute noch vorhandene gotische Südportal. Die heute auf den vorgelegten Säulen im Hauptschiff angebrachten Kapitelle entstammen dem ehemaligen südlichen Seitenschiff.

Der Chorraum erhielt – vermutlich zur gleichen Zeit – ein gotisches Kreuzrippengewölbe, das höher war als das ursprüngliche romanische.

Anbau der Annenkapelle um 1500[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1500 und 1515 wurde an der Nordseite der Kirche, parallel zum Seitenschiff, die Annenkapelle angebaut, ein länglicher Raum mit Kreuzrippengewölbe, ursprünglich mit einem Giebel gekrönt.

Einrichtung eines zweiten Südportals 1562[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst in nachreformatorischer Zeit wurde, offenbar wegen des seit der Reformation stark angewachsenen Kirchenbesuchs, ein weiteres Portal im südlichen Querhaus ausgebrochen. Die Steinmetzarbeiten (außen am Querhaus) gehören zu den besten Werksteinarbeiten der Kirche.

Anbau der Sakristei um 1600[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick aus dem Südschiff Richtung Annenkapelle

Aus der Zeit der Renaissance stammt die Sakristei im Winkel zwischen nördlicher Chorwand und Querhaus. Aus jener Zeit erhalten sind das Kreuzrippengewölbe und ein Fenster.

Restaurierung 1881/1882[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während einer zweijährigen Restaurierungsphase, in der die zu jener Zeit als Lagerraum zweckentfremdete gotische Marienkirche als behelfsmäßige Ausweichkirche diente, wurde der steinerne Lettner, der bis dahin die Barockorgel samt barocker Balustrade getragen hatte, durch eine große hölzerne Empore ersetzt. Die Kirche wurde mit Bänken im neogotischen Stil ausgestattet, von denen noch ein beträchtlicher Teil erhalten ist. Andere zuvor vorgeschlagene Maßnahmen wurden glücklicherweise nicht in die Tat umgesetzt: die „Entfernung der in schlechter Renaissance ausgeführten Bekleidung der Empore, der Kanzel, des sehr dürftigen Altars und des Orgelprospektes und Neubeschaffung in romanischer Bauweise“ sowie die Entfernung des Taufsteines.

Zerstörung des Nordturms 1901[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1901 brannte der Nordturm, verursacht durch Blitzeinschlag, aus. Der Turmhelm wurde dabei völlig zerstört. Der Turm konnte erst nach über einem Jahr wiederhergestellt werden.

Bau des Westportals und Schließung des Ostfensters 1937[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Westportal zwischen den beiden Kirchtürmen wurde erst im Jahre 1937 aus der Mauer gebrochen[2] und gleichzeitig der vordere Teil der Orgelempore tiefer gelegt. Das Ostfenster im Chorraum wurde zugemauert und erst wieder bei der letzten Kirchensanierung geöffnet.

Guss des bestehenden Geläuts 1921/1949[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde musste sich mehrfach von ihren Glocken trennen: 1810/11 bei der Übernahme des Geläuts aus der ehemaligen Petrikirche und während der beiden Weltkriege zur Einschmelzung für Rüstungszwecke. Das Glockengeläut der Kilianikirche befindet sich im Südturm.

Die älteste erhalten gebliebene Glocke stammt aus dem Jahre 1921 und trägt die Inschrift Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Diese Glocke aus Bronze wiegt 350 kg. Bei einem Durchmesser von 920 mm erzeugt sie den Schlagton as1. Die Gedächtnisglocke aus dem Jahr 1949 trägt die Inschrift Daran haben wir erkannt die Liebe, daß Er sein Leben für die Brüder lasse. Sie ist aus Gussstahl (Bochumer Verein), wiegt 1.300 kg und erzeugt bei einem Durchmesser von 1.430 mm den Schlagton f1. Die große Betglocke entstand zusammen mit der Gedächtnisglocke im Jahr 1949. Jene trägt die Inschrift O Land, Land, Land höre des Herren Wort. Ihr Gewicht liegt bei 1.800 kg und sie erzeugt bei einem Durchmesser von 1.605 mm den Schlagton es1. Eine vierte Glocke ist außen am Turmhelm unter einem kleinen Dachvorbau sichtbar. Sie ist wesentlich kleiner und schlägt viertelstündlich die Zeit.

Sanierungsphasen in neuerer Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 1961/62, 1966/67, 1984/85 und 2005–2007 fanden umfangreiche Sanierungsarbeiten am Kirchengebäude statt. Waren die ersteren vor allem zur statischen Sicherung des Gebäudes notwendig, das seine Erbauer nicht für die Belastung durch ein Gewölbe ausgelegt hatten, so wurde die letzte Sanierung notwendig durch die verheerende Explosion eines Wohnhauses in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche im September 2005, die auch an der Kirche große Schäden anrichtete.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Renaissancekanzel und Barockorgel im Dialog

Die mittelalterliche Ausstattung der Kirche ging in den Wirren der Reformationszeit verloren, mit Ausnahme einer gotischen Stollentruhe, die heute in der Gedenkkapelle im Untergeschoss des Südturmes zu besichtigen ist.

1533 wurde St. Kiliani evangelisch. In den folgenden Jahrzehnten erhielt die Kirche wertvolle neue Ausstattungsstücke, von denen die noch spätgotische Kreuzigungsgruppe, die figuren- und ornamentreiche Renaissance-Kanzel, die barocke Denkmalorgel, das Epitaph der Eheleute Kanne und der Taufstein die bemerkenswertesten sind. Diese Stücke überstanden auch die Grauen des Dreißigjährigen Kriegs, unter dem Höxter schwer zu leiden hatte.

Kanzel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kanzel der Kilianikirche zählt zu den wertvollsten Renaissancekanzeln im Weserraum. Sie stammt aus dem Jahre 1597. Zwischen kannelierten Ecksäulen aus Alabaster sind die fünf Füllungen mit kleinen Ädikulen geschmückt, deren Reliefs in fein ausgeführten Alabasterarbeiten die vier Evangelisten sowie eine Kreuzigungsszene darstellen. Die allegorischen Darstellungen im unteren Bereich symbolisieren Gerechtigkeit, Liebe, Wahrheit und Stärke. Die Sockelfüllungen zeigen Motive aus dem Leben Jesu, ebenfalls als Alabasterarbeiten.

Kreuzigungsgruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kreuzigungsgruppe mit Christus am Kreuz, seiner Mutter Maria und dem Jünger Johannes ist ein Meisterwerk des späten 16. Jahrhunderts. Sie stand auf einem Balken, der in einem der beiden Triumphbögen aufgehängt oder eingebaut war. Im Jahre 1937, als das Ostfenster zugemauert wurde, wurde die Kreuzigungsgruppe in der heutigen Weise aufgestellt. Die Gestaltung des neuen Ostfensters (2010) berücksichtigt die sehr ungewöhnliche Konstellation einer vor einem Fenster stehenden Kreuzigungsgruppe.

Taufstein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick von der Kanzel auf den Altarraum mit Kreuzigungsgruppe und Taufbecken

Der Taufstein von 1631 trägt in seiner sechseckigen Kelchform mit Akanthusblattdekorationen plastisch herausgearbeitete geflügelte Engelsköpfe sowie Wappen und Namen des Stifters.

Epitaphe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehrere Epitaphe gehören zur Ausstattung der Kilianikirche: An der Westseite des Südschiffs befindet sich ein großes hölzernes Epitaph der Eheleute Franz und Margarete von Kanne (1593), darunter das Epitaph des Johann Georg Ziegenhirt (1734). Das Epitaph des Heinrich Julius von der Lippe (1622) wurde nach 1900 vor der Vermauerung des Portals im südlichen Querhaus aufgestellt, und in der Apsis des südlichen Querhauses befindet sich ein weiteres Epitaph der Anna Maria Ziegenhirt (1687).

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Denkmalorgel der Kilianikirche ist ein Werk des Barock. Sie wurde im Jahr 1710 erbaut von Hinrich Klausing aus Herford. Klausing verwendete dabei im Brustwerk einige Register aus einer etwa 100 Jahre älteren Vorgängerorgel. Trotz einiger Veränderungen und Erweiterungsumbauten sind in Oberwerk und Brustwerk noch nennenswerte Anteile der Originalregister, auch aus der Vorgängerorgel, erhalten.

Im Zuge des Emporenneubaus 1882 wurde die Orgel ganz an die Rückwand der Kirche versetzt. Nach mehreren kleineren Umbauten wurde sie 1963 um einige Pedalregister und 1971 um ein Rückpositiv erweitert.

Die vor allem wegen ihres ungünstig klimatisierten Standortes von starker Bleikorrosion bedrohte Orgel wurde in den Jahren 1998 bis 2004 aufwendig restauriert. Die historischen Werke wurden wieder an ihren ursprünglichen Standort vorgezogen, und die Pfeifen aus dem 20. Jahrhundert kamen in ein neues Gehäuse dahinter. Das damit überflüssig gewordenen Rückpositiv-Gehäuse aus den 1960er Jahren ist heute im nördlichen Seitenschiff der Kirche aufgestellt.

Nach dem Explosionsunglück im Jahre 2005 musste das historische Pfeifenwerk wieder ausgelagert werden. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten an der Kirche im Oktober 2007 wurde die Orgel gereinigt, repariert und wieder in der Kirche aufgestellt, so dass sie im April 2008 wieder offiziell in Dienst gestellt werden konnte.[3]

Musikalisches Zentrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wegen ihrer wertvollen Barockorgel ist die Kilianikirche ein Zentrum der Kirchenmusik[4] für die Region und gleichzeitig Sitz des Kreiskantorats für den Ostteil des Evangelischen Kirchenkreises Paderborn. Feste Einrichtungen sind u.a. die Musik zur Marktzeit (samstags)[5] und das Offene Singen zur Marktzeit (mittwochs)[6] in der Zeit zwischen Oster- und Herbstferien sowie die Nachtmusik bei Kerzenschein[7] in der Pfingstnacht und in der Silvesternacht.

Durch ihre kleingliedrige Gewölbestruktur hat die Kilianikirche eine ungewöhnlich komplexe Akustik. Veranlasst durch eine Initiative der Arbeitsstelle Gottesdienst der Evangelischen Kirche von Westfalen (mit musikalischer Fachberatung durch Kirchenmusikdirektor Matthias Nagel), wird in der Kilianikirche Höxter heute je nach den akustischen Erfordernissen bei verschiedenen musikalischen Besetzungen von ganz unterschiedlichen Orten der Kirche aus musiziert. Die Bestuhlung (einschließlich der Bänke) wird jeweils danach ausgerichtet, so dass sich bei diesen Gelegenheiten sehr vielfältige Raumerfahrungen machen lassen, ähnlich wie es in den ersten Jahrhunderten der Geschichte dieser Kirche gewesen sein muss, als Stühle oder Bänke in Kirchen noch gar nicht üblich waren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Sagebiel: Die mittelalterlichen Kirchen der Stadt Höxter. Höxtersches Jahrbuch Band 5, Höxter 1963.
  • Evangelische Kirchengemeinde Höxter (Hrsg.): 900 Jahre St. Kiliani-Kirche Höxter. Höxter 1975.
  • Fritz Sagebiel/Martin D. Sagebiel: St. Kiliani und St. Marien Höxter (Große Baudenkmäler, Heft 218). 2. Auflage, München/Berlin 1997.
  • Jost Schmithals und Sabine Schmithals: Die Orgel in der Kilianikirche Höxter - Festschrift zur Wiedereinweihung am 13. Juni 2004. Höxter 2004.
  • Wilfried Henze: Die St. Kilianikirche in Höxter. Ein Bau- und kunstgeschichtlicher Rundgang. Höxter 2009.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Initiative „Offene Kirchen“ der Evangelischen Kirche von Westfalen, gesehen 29. März 2011.
  2. Foto von 1901 (Kirche ohne Westportal) auf der Webseite der Barockorgel gesehen 22. März 2011.
  3. Ausführliche Informationen zur Geschichte der Orgel gesehen 22. März 2011.
  4. Musikalisches Zentrum Höxter gesehen 22. März 2011.
  5. Musik zur Marktzeit gesehen 22. März 2011.
  6. Offenes Singen zur Marktzeit gesehen 22. März 2011.
  7. Nachtmusik bei Kerzenschein gesehen 22. März 2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Kiliani (Höxter) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 51° 46′ 27″ N, 9° 23′ 0″ O