St. Marien (Stendal)

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St. Marien mit Rathaus
Marienkirche von Osten (Aufnahme zwischen 1950 und 1977 von Richard Peter)

Die Marienkirche ist eine Pfarrkirche im Zentrum Stendals aus der Zeit der Backsteingotik.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 12. Jahrhundert entstand an der Stelle der heutigen Marienkirche eine romanische Basilika, von der heute noch ein Teil der Ausstattung erhalten ist. Im späten 14. Jahrhundert wurde der Westbau mit der Doppelturmfassade erweitert; die Türme wurden verlängert.[1]

1420 begann der Neubau der Marienkirche als spätgotische Hallenkirche. Auf der Südseite entstand ein Portalvorbau, Paradies genannt. Der romanische Vorgängerbau wurde einige Jahre später abgerissen. Bis 1447 war die Kirche gewölbt. Die Kirchweihe erfolgte am 24. August 1447. 1470 bis 1473 wurde die Marienzeitenkapelle errichtet.[1] 1471 wurde der Hochaltar aufgestellt. Nach der Reformation war es 1538 Justus Jonas der Ältere, der in der Marienkirche die erste evangelische Predigt in der Mark Brandenburg hielt. Im 16. Jahrhundert wurden die Türme vollendet. 1580 wurde eine astronomische Uhr angebracht. Die Marienkirche war die Hauptpfarrkirche der hanseatischen Kaufmannschaft.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde der Hieronymus-Altar entführt, da man vermutete, dass er von Albrecht Dürer geschaffen worden war. Er steht heute im Kunsthistorischen Museum Wien.[2] 1794 wurde das Paradies abgerissen und über dem Portal ein Sandsteinrelief von 1420 angebracht.[2]

1834–1844 und 1965–1971 fanden größere Instandsetzungsarbeiten statt. Ab 1995 wurde das Dach mit Kupfer neu gedeckt, mehrere Glocken restauriert und die Fenster neu verglast.[2]

Lage, Architektur und Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum Richtung Chor (Aufnahme Richard Peter)
Altar (Aufnahme Richard Peter)
Astronomische Uhr

Die Marienkirche liegt im Zentrum Stendals unmittelbar östlich des Rathauses, das wiederum an den Markt grenzt. An der Ostseite liegt das Nordende der wichtigsten Einkaufsstraße Stendals. Südlich der Kirche befindet sich die Marienkirchstraße. Der um einen Meter niedrigere[3] Stendaler Dom St. Nikolaus, der ebenfalls zwei Türme aufweist, liegt etwa einen Kilometer entfernt.

Die Marienkirche ist im Stil der Backsteingotik gebaut. Sie hat zwei gleiche hohe Türme, die durch eine Brücke mit Dachreiter verbunden sind. Auf dem Dach befindet sich ein zweiter Dachreiter. Die Kirche ist eine dreischiffige Hallenkirche. Die Seitenschiffe sind als Umgang um den Binnenchor herumgeführt und bilden den baulich aufwändigen Hallenumgangschor. Zahlreiche Kapellen schließen sich an die Seitenschiffe an. Zur Ausstattung gehören der Hochaltar, die Kanzel, der Taufkessel, die astronomische Uhr, die Orgel und die Glocken. Aus der früheren Basilika sind Apostelfiguren in der Chorschranke aus dem 13. Jahrhundert und ein Triumphkreuz aus dem 14. Jahrhundert erhalten.

Der acht Meter hohe Hochaltar wurde 1470 im altniederländischen Stil gemalt und im Folgejahr in der Marienkirche aufgestellt. Er ist ein Flügelaltar und zeigt unter anderem Szenen aus dem Leben Marias.[4]

Die reich geschmückte Kanzel wurde 1844 an ihren heutigen Platz am südlichen ersten Pfeiler versetzt. Der „Korb“ von 1566 steht auf Balustern. An der Kanzel befinden sich eine Gemäldeserie, auf der unter anderem Jesus vor der Stadtsilhouette Stendals mit den Türmen der Marienkirche zu sehen ist. Der Schalldeckel ist fünfseitig.

Der Taufkessel gehört zu den gotischen Bronzefünten. Er wurde in Lübeck gefertigt, 1474 im Mittelschiff aufgestellt und 1844 in die Marienzeitenkapelle umgesetzt, die bis heute als Taufkapelle dient. Er ist mit Figuren reich geschmückt. Männliche und weibliche Heiligendarstellungen wechseln sich ab.

Astronomische Uhr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Uhr gehört zum Typ der hanseatischen astronomischen Uhren. Sie befindet sich unterhalb der Orgelempore. Ihr Zifferblatt ist drei mal drei Meter groß und zeigt einen 24-Stunden-Tag an. Der große Zeiger macht in zwei Stunden eine Umdrehung. Der Stand der Sonne und des Erdmondes werden durch Modelle angezeigt. Als Gegengewicht zu den Modellen dient eine Sternenscheibe, in der eine Öffnung den Mondzyklus anzeigt. Der innere Zahlenkranz zeigt das Datum an. Die Uhr wiegt 100 Kilogramm, das Pendel ist 3,25 Meter lang. Alle fünf Tage muss die Uhr aufgezogen werden. Der Antrieb erfolgt über ein 65 Kilogramm schweres Gegengewicht und eine Seilrolle. 1856 wurde das Uhrwerk vom damaligen Unterküster neu aufgebaut und anschließend wieder zerstört. In den 1970er Jahren begann der Stendaler Goldschmiedemeister Oskar Roever, die Uhr zu restaurieren. Am 14. Mai 1977 konnte sie betriebsfähig der Öffentlichkeit übergeben werden.[5]

Scherer-Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orgel befindet sich auf einer Empore am Westende der Kirche. Das Rückpositiv mit der Inschrift „1580“ befand sich ursprünglich auf einer kleinen Orgelempore an der südlichen Wand des Kirchenschiffes. Sie wurde von Hans Scherer dem Älteren 1580 erbaut und besaß damals 29 Register auf zwei Manualen und Pedal. Sie verfügt heute über rund 2600 Pfeifen und 38 klingende Stimmen auf drei Manualen, eine mechanische Traktur und eine elektrische Registratur.[6] Seit mehreren Jahren wird eine grundlegende Restaurierung angestrebt (Stand 2011).

I Rückpositiv C–

Prinzipal 8’
Gedakt 8’
Oktave 4’
Blockflöte 4’
Nasat 22/3
Oktave 2’
Nachthorn 2’
Spitzquinte 11/3
Sesquialter II 2
Scharff V-VII
Dulzian 16’
Bärpfeife 8’
II Hauptwerk C–
Prinzipal 16’
Prinzipal 8’
Gedakt 8’
Spitzflöte 8’
Oktave 4’
Waldflöte 4’
Quinte 22/3
Oktave 2
Mixtur VI
Scharff III
III Brustwerk C–
Gedakt 8’
Rohrflöte 4’
Prinzipal 2’
Waldflöte 1’
Terzian II
Scharff-Zimbel V-VI
Regal 8’
Pedal C–
Prinzipal 16’
Subbaß 16’
Oktave 8’
Oktave 4’
Nachthorn 2’
Pedal-Mixtur VI-VIII
Posaune 16’
Trompete 8’
Trompete 4’

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stendaler Marienkirche verfügt über zwölf Glocken. Die vier größeren Glocken bilden das Hauptgeläut; die Marienglocke und die Faule Anna wurden von einem der bedeutendsten Glockengießer des Mittelalters gegossen, Gerdt van Wou. Die Faule Anna hat ihre Bezeichnung daher, dass sie nie solistisch zu hören ist; sie läutet ausschließlich in Verbindung mit den anderen Glocken.

Die Glocken 5–9 bilden das Chorgeläut, wobei die kleinste Glocke, Cantate, künftig im noch zu im restaurierenden Dachreiter über der Vierung hängen wird.[7] An Festtagen (Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Kirchweih am 24. August) wird das Chorgeläut von fünf Minuten mit einer kurzen Pause von einer Minute separat dem Hauptgeläut der Glocken 1–4 vorangestellt.

Drei Glocken dienen dem Uhrschlag, wobei die ehemalige Viertelglocke als zweite Zeichenglocke ins Chorgeläut integriert wurde und anstelle ihrer zwei Glocken für den Viertelstundenschlag fungieren. Diese hängen mit der mittelalterlichen Stundenglocke im Dachreiter auf der Brücke zwischen den beiden Westtürmen.

Mit Hilfe des eigens gegründeten Glockenvereins konnte das Geläut umfassend saniert und erweitert werden.

Nr. Name Gussjahr Gießer, Gussort Durchmesser (mm) Masse (kg) Schlagton (16tel) Turm
1 Marien- oder Sturmglocke 1490 Gerhard van Wou 1.984/1.989 4.980 as0 +9 Mittelbau
2 Neue Glocke oder Osanna 1616 Hans Nuessel 1.848 3.690 b0 +5 Nordturm
3 Faule Anna 1490 Gerhard van Wou 1.574 2.490 ces1 +10 Südturm
4 Morgen- und Abendglocke, Vesper- oder Fünfenglocke 1598 Heinrich Borstelmann 1.316 1.400 d1 +9 Südturm
5 (Zuckerhutglocke) nach 1300 anonym 585 140 as2 +3 Südturm, östliches Fenster
6 Friedensglocke 2001 Eifeler Glockengießerei H. A. Mark, Brockscheid 534 102 f2 +8 Südturm, östliches Fenster
7 Zeichenglocke I 1522 anonym 514 90 as2 +3 Südturm, südliches Fenster
8 Zeichenglocke II 1497 Hermann Vogel 460 55 b2 −1 Südturm, südliches Fenster
9 Stundenglocke 1481 Mateus Moring 925 500 h1 +5 Dachreiter (Brücke)
10 Viertelglocke I 1997 Mark, Brockscheid 530 90 ges2 +4 Dachreiter (Brücke)
11 Viertelglocke II 2007 Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher 40 es3 Dachreiter (Brücke)

(Tabelle:[7][8])

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Marienkirche ist Pfarrkirche der evangelischen Stadtgemeinde Stendal. Früher diente sie auch als Ratskirche. In der Kirche finden Gottesdienste, aber auch Orgelkonzerte und andere Konzerte sowie gelegentlich Theateraufführungen statt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard Zander: Die Marienkirche in Stendal. Evangelisches Pfarramt St. Marien, Stendal 1953 (Broschüre)
  • Kurt Rönnebeck: Die St. Marienkirche zu Stendal. Manfred Reiher, Bismark 1993 (Broschüre)
  • Martina Sünder-Gaß: St. Marien in Stendal. Verlag Janos Stekovics, Wettin-Löbejün OT Dößel 2010 (Broschüre) Steko-Kunstführer - No. 35 ISBN 978-3-89923-236-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Website der Stadtgemeinde/Mittelalter (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv archive.is), abgerufen am 5. April 2011
  2. a b c Website der Stadtgemeinde/Neuzeit (Memento vom 12. Februar 2013 im Webarchiv archive.is), abgerufen am 5. April 2011
  3. Website der Stadtgemeinde, abgerufen am 5. April 2011
  4. Website der Stadtgemeinde/Altar (Memento vom 2. Januar 2005 im Internet Archive), abgerufen am 5. April 2011
  5. Website der Stadtgemeinde/Astronomische Uhr (Memento vom 2. Januar 2005 im Internet Archive), abgerufen am 5. April 2011
  6. Website der Stadtgemeinde/Scherer-Orgel (Memento vom 7. April 2014 im Internet Archive), abgerufen am 5. April 2011
  7. a b Constanze Treuber u. a.: Gegossene Vielfalt. Glocken in Sachsen-Anhalt. Hinstorff, Rostock 2007, S. 141.
  8. Bärbel Hornemann: Förderverein Glocken St. Marien e.V. Stendal

Koordinaten: 52° 36′ 20″ N, 11° 51′ 38″ O