St. Martin (Tellingstedt)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kirche Tellingstedt mit Glockenstapel
Innenraum mit Kanzel

Die evangelisch-lutherische Kirche St. Martin in Tellingstedt, Am Kirchplatz, ist eine der ältesten Kirchen in Dithmarschen. Bereits 1140 wurde Tellingstedt als Standort einer Kirche erwähnt.

Bau der Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche ist eine romanische Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert, deren älteste heute noch sichtbare Teile zwei romanische Fensterbögen im Altarraum sind. Nach Grabungsergebnissen im Innenraum dürfte die erste Kirche nur etwa 2/3 der heutigen Länge gehabt haben. Die Kirche wurde 1559, im Jahr der Letzten Fehde, zur heutigen Länge ausgebaut. 1726 errichtete der Heider Baumeister Johann Georg Schott ein Seitenschiff im Süden. Die dort verwendeten tragenden Eichensäulen gaben im Laufe der Zeit ein wenig nach und führten dazu, dass sich der Dachreiter nach Süd-Westen neigte. So erhielt die Kirche ihren heutigen markanten schiefen Kirchturm. Der letzte große Anbau erfolgte im Jahre 1755 im Norden und war damals als Gebeinhaus vorgesehen.

Die Kirche gehörte zu den fünf Hauptkirchen Dithmarschens und ist Mutterkirche des Pahlener Gotteshauses. Zum Kirchspiel waren die zum Amt Kirchspielslandgemeinde Tellingstedt gehörigen Dörfer eingepfarrt.

Seit der 850-Jahr-Feier 1990 hängt über dem Hauptportal ein Relief des Martin von Tours aus der Werkstatt des Bildhauers Ulrich Lindow.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altar

Die Innenausstattung weist einige sehr alte Stücke aus. So stammt das heute an der Südwand hängende Triumphkreuz eines unbekannten Künstlers der Gotik aus dem Jahre 1480. Das zweifellos älteste Stück ist das schlichte bronzene Taufbecken aus dem frühen 13. Jahrhundert. Es steht auf drei in Löwenklauen endenden Stützen und ist nur mit einfachen Symbolen ohne christliche Verbindung verziert.

Die Kanzel stammt aus dem Jahr 1604 und ist reich mit Symbolen und Texten verziert. Prägend ist die Darstellung von acht Tugenden auf den Seitenflächen in Text und Bild. Die Kombination der drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe mit den vier Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit wird ergänzt durch die Tugend der Geduld.

Der Altar wurde ursprünglich 1698/99 von Theodor Allers für die Garnisonskirche in Tönning gebaut und zeigt in der prachtvollen Bekrönung immer noch das Stadtwappen von Tönning. Nach Abbruch der Garnisonskirche kam er 1744 nach Tellingstedt. Der 1978 restaurierte dreiteilige Altar ist ein schönes Beispiel für den Stil des Akanthusbarock. Das Epitaph von 1708 an der Nordseite wurde von Barthold Conrath ebenfalls für die Garnisonskirche in Tönning gemalt. Es erinnert an die verstorbene Frau und die verstorbenen vier Kinder des Tönninger Stadtpräfekten Zacharias Wolf.

Die Kirche verfügt noch über kostbar bestickte Altardecken aus dem Jahre 1703.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zwei ältesten Glocken, eine Vaterunser-Glocke von 1472 und eine Stundenglocke von 1604, hängen im Dachreiter. Die Inschrift der Stundenglocke erwähnt neben den Stiftern auch Melchior Lucas als Hersteller der Glocke. Zwei weitere große Glocken hängen im Ende des 18. Jahrhunderts erbauten hölzernen Glockenturm auf dem Kirchplatz. Die heutigen Gussstahlglocken stammen aus dem Jahr 1923, sie tragen die Inschriften O Land, Land, Land, höre des Herren Wort und Aus tiefer Not rufe ich zu dir.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barocker Teil des Orgelprospekts

Die Orgel der Kirche über dem Nordeingang gilt als die älteste noch spielbare Orgel Schleswig-Holsteins.[1][2] Viele Teile, so 3/4 der Pfeifen,[3] stammen noch vom 1642 durch Tobias Brunner aus Lunden gebauten Instrument. Sein als Doppelwerk mit Stufung zur Mitte hin ausgeführte Prospekt zeigt exemplarisch das Schema der im 17. Jahrhundert entstandenen Orgeln. Der Aufbau wird durch Schleierbretter mit barocken Ornamenten bereichert. Eine Vergrößerung um einen seitlich stehenden Pfeifenschrank führte 1937 das Unternehmen Rudolf von Beckerath Orgelbau durch, die das ganze Instrument 1970 vollständig restaurierte.

Die Disposition lautet:[4]

I Hauptwerk C–
1. Prinzipal 8′
2. Gedackt 8′
3. Oktave 4′
4. Rohrflöte 4′
5. Oktave1970 2′
6. Mixtur V
7. Trompete 8′
II Brustwerk C–
8. Quintadena1970 8′
9. Prinzipal 4′
10. Gemshorn 2′
11. Sesquialtera II1970
12. Scharff V1970
13. Harfenregal 8′
Pedal C–
1937 ergänzt, 1970 restauriert
14. Subbaß 16′
15. Prinzipal 8′
16. Oktave 4′
17. Posaune 16′

1970: Bei Restaurierung 1970 verändert.

Die Orgel mit ihrem besonders beachtenswerten Harfenregal im Brustwerk wird in der Literatur als sehr gelungenes Instrument angesehen:

„Von seiner Kunst legt die 1642 erbaute […] Orgel in Tellingstedt […] mit ihrem wundervoll zart schnarrenden Harfenregal beredtes Zeugnis ab.“

Gustav Fock[5]

Von 1892 bis 1938 verfügte die Kirche über eine zweite Orgel aus der Werkstatt der Fa. Marcussen an der Westwand. Nach der Erweiterung der Brunner-Orgel wurde diese an die Kirche von Munkbrarup verkauft.

Fotografien und Karte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 54° 13′ 10″ N, 9° 16′ 31″ O

Karte: Schleswig-Holstein
marker
St. Martin, Tellingstedt
Magnify-clip.png
Schleswig-Holstein

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dierk Hansen et.al.: Informationsbroschüre zur St. Martins-Kirche in Tellingstedt. Kirchengemeinde Tellingstedt, Tellingstedt (kirche-tellingstedt.de [PDF; 2,4 MB] erschienen nach 2005).
  • Dirk Jonkanski, Lutz Wilde: Dorfkirchen in Schleswig-Holstein. Wachholtz, Neumünster 2000, ISBN 3-529-02845-2, S. 92 f., 119.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das ehemalige Amt Tellingstedt – ein Stück Dithmarscher Geschichte
  2. Webseite der Kommune zu Tellingstedt. Abgerufen am 28. November 2012.
  3. Günter Seggermann, Wolfgang Weidenbach: Denkmalorgeln zwischen Nordsee und Ostsee. Merseburger, 1992, ISBN 3-87537-233-6, S. 92.
  4. Eintrag in der Orgeldatenbank orgbase.nl. Abgerufen am 12. November 2012.
  5. Gustav Fock: Arp Schnitger und seine Schule. Bärenreiter Verlag, 1974, ISBN 3-7618-0261-7, S. 158.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Martin (Tellingstedt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien