St. Martini (Minden)

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Ratskirche St. Martini

Turm der St. Martini (Minden) von der oberen Altstatt aus

Basisdaten
Konfession evangelisch-lutherisch
Ort Minden, Deutschland
Landeskirche Evangelische Kirche von Westfalen
Patrozinium St. Martini
Baugeschichte
Baubeginn 1029
Baubeschreibung
Umwidmung 1530 (ehem. römisch-katholisch)
Funktion und Titel
Koordinaten 52° 17′ 17″ N, 8° 54′ 55″ OKoordinaten: 52° 17′ 17″ N, 8° 54′ 55″ O
Evangelische Kirche von Westfalen

Die Kirche St. Martini in der ostwestfälischen Stadt Minden ist ein Kirchengebäude, das zentral in der alten Mindener Innenstadt an der Kante zur oberen Altstadtterrasse steht und somit stadtbildprägend für die Silhouette der Stadt Minden ist. Sie gehörte zum Stift St. Martini, das erst 1810 aufgelöst worden ist.

Die Kirche wurde kurz vor 1029 gegründet und ist im romanischen und gotischen Stil errichtet. 1530 wurde die Kirche im Zuge der Reformation evangelisch-lutherisch. Hier verlas Nikolaus Krage die von ihm verfasste evangelische Kirchenordnung und damit die erste in Westfalen. Der Kirchenbau wurde in die Denkmalschutzliste der Stadt Minden eingetragen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St. Martini (Minden)
Martinikirche Minden von Osten her (links ehemalige Töchterschule)

Die Gründung der Kirche St. Martini in Minden und die Einrichtung eines mit ihr verbundenen Kollegiatstifts fallen in die Regierungszeit des Mindener Bischofs Sigebert (1022–1036). Das genaue Datum ist nicht mehr zu ermitteln, liegt aber kurz vor 1029, da in diesem Jahr Kaiser Konrad II. dem Martinistift seine Besitzungen urkundlich bestätigte. Bischof Sigebert stattete demnach seine Stiftung großzügig mit Gütern und Einkünften aus. Genannt werden die Güter Egisberen (heute Eisbergen, Stadt Porta Westfalica), Kemmin (heute Kemme, Landkreis Hildesheim), Niginbruck (heute Nienburg/Weser) Suueverden (heute Schwadvörden, Landkreis Diepholz) und Hiltiuuardingahusen (heute Hilferdingsen, Ortsteil von Unterlübbe, jetzt Gemeinde Hille).[1] Diese Liste von Gütern, die dem Martinistift zuzuordnen sind, wurde in einer zweiten Kaiserurkunde von 1033 erweitert. Bischof Sigebert wurde nach seinem Tod in dem Chor der noch unvollendeten Kirche beigesetzt. Der Bau der Kirche konnte, so nimmt man an, erst unter seinem Nachfolger Bischof Bruno (1036–1055) abgeschlossen werden, der die Kirche aber sicher nicht geweiht hat: Dies wird zumeist seinem Bischöflichen Nachfolger Bischof Eilbert (1055–) zugeschrieben.[2] Damit war das Kollegiatsstift St. Martini fertiggestellt und voll funktionsfähig.

Das dem Kollegiatstift vom Bischof zugewiesene Gebiet zur Pfarrseelsorge erstreckte sich westlich des Bischofssitzes bis hin zur Grenze des Mindener Urkirchspiels St. Andreas in Lübbecke. Dies entsprach bis 1972 der Grenze und Gebiete der Altkreise Minden und Lübbecke.[3] Einen Turm erhielt die Martinikirche erst hundert Jahre später im Jahre 1142. Der heute älteste Teil der Kirche wurde nach zwei Bränden unter Bischof Kuno von Diepholz (1261–1262) gebaut. Im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts wurde der einjochige Chor errichtet und im 14. Jahrhundert das Langhaus zur gotischen Hallenkirche umgestaltet. Zu Beginn der lutherischen Reformation kam es zwischen Stift und Stadt zum offenen Bruch, als die Bürger die Öffnung der Pfarrkirchen für die neue Lehre erzwangen. Am Weihnachtsfest 1529 predigte der Reformator Nikolaus Krage zum ersten Mal in der St.-Martini-Kirche. Am 13. Februar 1530 wurde dort eine von Krage verfasste evangelische Kirchenordnung verlesen, die von Rat und Gemeinde einhellig angenommen wurde. Die hier verlesene evangelische Kirchenordnung war verbindlich für alle Bürger der Stadt und die erste Kirchenordnung für eine westfälische Stadt.[4] Damit war die Martinikirche im Gegensatz zum katholischen Dom zur evangelischen Ratskirche geworden. Das Martinistift blieb weiterhin, wenn auch unter materiellen Verlusten, katholisch und wurde so auch in einer Urkunde bestätigt. In der Kirche blieben den Kanonikern nur noch Chor, Sakristei, Kapitelstube und Kreuzgang, während das Kirchenschiff von der nun lutherischen Gemeinde genutzt wurde. Die Aufhebung des Stifts erfolgte erst 1810 durch die westfälische Regierung in Kassel (Königreich Westphalen). Seitdem ist die Kirche vollständig evangelische Pfarrkirche.

In der Nähe der Martinikirche, auf dem oberen Marktplatz, befindet sich der Mindener Buttjer, eine Bronzestatue des Künstlers Paul Wedepohl, welche sich in der jüngsten Zeit zu einem Wahrzeichen Mindens entwickelt hat.

Neuere Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2014 wurde bei Sanierungsarbeiten an Chor und Querhaus die Überreste einer Wetterfahne entdeckt. Diese wurde im August 2015 nachgebaut und auf dem Dach angebracht.[5]

Baudenkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundriss
Blick auf die Kanzel

Die Kirche ist im romanischen und gotischen Baustil auf der Höhenkante in der Oberstadt gebaut worden und wurde im 20. Jahrhundert durch die Stadt Minden als unterste Denkmalschutzbehörde in die Denkmalliste der Stadt Minden eingetragen.

Im Jahre 1773 wurde der Turm von St. Martini durch Blitzeinschlag beschädigt und in Brand gesetzt. Dabei wurden der Turmhelm, die Uhrkammer und die Glockenstube zerstört, und nicht wieder aufgebaut. Der Turm trägt seither ein Querwalmdach.[6]

Den Zweiten Weltkrieg hat der Kirchenbau relativ unbeschadet überstanden. Lediglich die Fenster waren durch die Einwirkung der Bomben zerstört und die Glocken mussten geopfert werden.

Turmbauverein St. Martini[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 1900 gründete sich der Turmbauverein mit dem Ziel den 1773 zerstörten Turm wieder aufzubauen. Der Mindener Regierungspräsident Francis Kruse wurde an die Spitze gewählt. Schon bald wurde ein Architekt beauftragt, die Pläne für den Wiederaufbau zu zeichnen. Der Erste Weltkrieg verhinderte zunächst den Wiederaufbau, danach entwertete die Inflation von 1923 alles Vereinsvermögen, sodass die Geldmittel nicht mehr zur Verfügung standen.

Bauverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bauverein wurde 1952 unter dem Namen „Bauverein für die St. Martinikirche e.V.“ gegründet und verfolgt folgende Zwecke:

  • Bauliche Erneuerung der ehrwürdigen Kirche.
  • Ziele des früheren Turmbauvereins Martini[7]

Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stiftung „Baudenkmal Ratskirche St. Martini zu Minden“ ist im November 2006 gegründet worden zum Zwecke der Beschaffung finanzieller Mittel für den Kirchenbau. Diese werden ausschließlich zur Erhaltung und Unterhaltung sowie Erneuerung des Baudenkmals einschließlich seiner Kunstschätze und Ausstattungen eingesetzt.


Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick auf die Orgel
Gemälde einer Kaufmannsfamilie (unter der Orgelempore)

Die Orgel auf der Westempore der Martini-Kirche geht zurück auf ein Instrument, das 1591 errichtet wurde. 1747 ergänzte der Orgelbauer Mencke (Beckum) das Instrument um ein barockes Hauptwerk. 1981 wurden die beiden Ecktürme hinzugefügt. 1965–1966 wurde das Instrument nach dem alten Dispositionsplan wiederhergestellt.[8]

I Rückpositiv C–
1. Prinzipal 8'
2. Gedackt 8'
3. Oktave 4'
4. Spitzflöte 4'
5. Nasat 22/3'
6. Rohrflöte 2'
7. Terz 13/5'
8. Oktave 1'
9. Mixtur V
10. Dulzian 16'
11. Krummhorn 8'
Tremulant
II Hauptwerk C–

12. Prinzipal 16'
13. Quintade 16'
14. Oktave 8'
15. Rohrflöte 8'
16. Oktave 4'
17. Rohrflöte 4'
18. Quinte 22/3'
19. Oktave 2'
20. Mixtur V-VI
21. Scharf III
22. Trompete 16'
23. Trompete 8'
III Brustwerk C–
24. Holzgedackt 8'
25. Gedackt 4'
26. Prinzipal 2'
27. Sesquialtera II 22/3'
28. Quinte 11/3'
29. Zimbel III
30. Regal 8'
Tremulant
Pedalwerk C–
31. Prinzipal 16'
32. Subbass 16'
33. Oktave 8'
34. Gedackt 8'
35. Oktave 4'
36. Holzpfeife 4'
37. Große Mixtur VI
38. Posaune 16'
39. Trompete 8'
40. Trompete 4'

Pfarrstellen an St. Martini[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dr. Reinhard Mumm
  • Roland Braunschmidt (19xx–1985)
  • Dr. Heinrich Winter (1985–2009)
  • Christoph Ruffer (2011-...)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Band 1: Ahlen - Mülheim. Aschendorff, Münster 1992, ISBN 3-402-06886-9, (Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte 2), (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen 44), S. 619–624.
  • Götz J. Pfeiffer: Da verstund Martinus, von ihm sollte dem Armen Hilfe kommen. Der heilige Martin von Tours in Legende, Bräuchen und in Bildwerken an St. Martini in Minden, in: Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins - Heimatkundliches Organ für die Kreise Minden und Lübbecke, 2007, 79, S. 73-92.
  • Heinrich Winter (Hrsg.): Ratskirche St. Martini Minden. Ein Jahrtausend Kollegiatstift, Pfarrei, Gemeinde. Evangelisch-Lutherische Sankt-Martini-Kirchengemeinde, Minden 2009, ISBN 978-3-00-028971-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Martini – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Nordsiek: Studien zur Geschichte des Kollegiatstifts St. Martini Minden, S. 35; in: Ratskirche St. Martini Minden, herausgegeben von Heinrich Winter, Minden 2009.
  2. Hans Nordsiek: Studien zur Geschichte des Kollegiatstifts St. Martini Minden, S. 28; in: Ratskirche St. Martini Minden, herausgegeben von Heinrich Winter, Minden 2009.
  3. Hans Nordsiek: Studien zur Geschichte des Kollegiatstifts St. Martini Minden, S. 47; in: Ratskirche St. Martini Minden, herausgegeben von Heinrich Winter, Minden 2009.
  4. http://www.stiftung-martinikirche-minden.de/aktuelles.html#Historische_Betrachtung_von_Dr._Hans_Nordsiek am 12. Oktober 2006.
  5. Mindener Tageblatt: 2014 dreht sich im Wind. Druckausgabe vom 8. August 2015, Seite 11
  6. Rainer Derlin: „Vom Turmbauverein zur Stiftung – Mindens Bürger engagieren sich für die Martinikirche“, S. 525; in: Ratskirche St. Martini Minden, herausgegeben von Heinrich Winter, Minden 2009.
  7. Rainer Derlin: „Vom Turmbauverein zur Stiftung – Mindens Bürger engagieren sich für die Martinikirche“, S. 526; in: Ratskirche St. Martini Minden, herausgegeben von Heinrich Winter, Minden 2009.
  8. Zur Geschichte (Memento vom 17. Mai 2011 im Internet Archive) und zur Disposition der historischen Orgel