St. Stephan (Tangermünde)

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St. Stephan in Tangermünde

St. Stephan ist eine im Stil der norddeutschen Backsteingotik errichtete evangelische Kirche in Tangermünde. Dieses Bauwerk wird zu den herausragenden Denkmalen europäischen Ranges in diesem Baustil gezählt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Langhaus
Die Kirche (aufgenommen zwischen 1950 und 1977)

An der Stelle der heutigen Kirche stand als Vorgängerbau eine romanische Backsteinbasilika mit Lang- und Querhaus, einem Chor, einer Hauptapsis und zwei Nebenapsiden. Dieses Gebäude bestand bereits vor 1188. Teile dieses Baues sind in den Neubau von St. Stephan einbezogen worden. Das Querhaus dieser Kirche bestimmte die Breite des Langhauses der heutigen Kirche. So finden sich an der Nordseite des Langhauses noch zwei romanische Fenster, und Teile des Mauerwerks des Vorgängerbaus sind erkennbar.

Häufig wird Kaiser Karl IV., der zwischen 1373 und 1378 in Tangermünde residierte, als Auftraggeber für den Kirchenbau erwähnt. Richtig daran ist, dass er ein Augustinerchorherrenstift auf der Burg gründete und diesem die Pfarrkirche St. Stephan als Einnahmequelle übertrug. Dort leisteten die Chorherren den Chordienst und betreuten die Nebenaltäre. Heute wird weitgehend ausgeschlossen, dass der Kaiser den Neubau beauftragte.

Im späten Mittelalter erfolgte in mehreren Phasen der Bau der heute stehenden dreischiffigen gotischen Hallenkirche. Nach 1350 entstanden zunächst die nördliche Langhauswand und die Südwand mit Nischen. Um 1405 wurde der Dachstuhl errichtet und das Kreuzrippengewölbe eingezogen.

Kreuzgewölbe und Dachstuhl

Ungewöhnlich sind die achteckigen profilierten Pfeiler. Der Südturm blieb bis heute unvollendet. Um 1450 wurde mit dem Bau des neuen Chores begonnen. Es entstanden zunächst die neuen Außenmauern des Chorumgangs und die Flügel des Querhauses. Dann erst wurde der alte Chor abgetragen. Die Pfeiler zwischen Binnenchor und Umgang sind mächtige Rundstützen mit vier vorgeblendeten Diensten, die das kräftig profilierte Gewölbe tragen. Das Chordach wurde um 1475 gedeckt.

Bei einem großen Stadtbrand im Jahr 1617 wurde auch die Kirche beschädigt. Die Spitze des Nordturmes stürzte herunter. Erst im Jahr 1714 erhielt der nördliche Turm dann seine heutige im Stil des Barock gestaltete Haube. Die Holzkonstruktion der Turmhaube wurde Ende des 20. Jahrhunderts grundlegend saniert. Mit einer Gesamthöhe von über 87 m ist der Nordturm der höchste Kirchturm der gesamten Altmark.

Dem Brand fielen 1617 auch viele Teile der Ausstattung zum Opfer. Langhausempore, Kanzel, Orgel und Chorgestühl mussten erneuert werden. Der beschädigte Altar wurde erst 1705 ersetzt.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bemerkenswert ist die noch weitgehend original aus dem 17. Jahrhundert erhaltene Ausstattung der Kirche. Im Inneren der Kirche wurde die farbige Raumgestaltung aus der Zeit der Spätgotik wieder hergestellt.

Von 1619 stammt die steinerne Kanzel. Sie wird dem Magdeburger Bildhauer Christoph Dehne zugeschrieben. Sie zeigt stilistische Merkmale der Spätrenaissance und des Manierismus. Dargestellt ist Moses als Kanzelträger, der die Gesetzestafeln betrachtet. Weiter sind vollplastische Figuren der Apostel und Reliefs mit zentralen Themen der Bibel angebracht.

Ein sehr großes, in diesen Dimensionen in der Altmark einmaliges, barockes Hochaltarretabel wurde 1705 aufgestellt. Der dreigeschossige hölzerne Aufbau hat Türen für den Abendmahlsumgang. Das Hauptgeschoss zeigt Moses und Johannes den Täufer, die eine Kreuzigungsdarstellung flankieren. Petrus und Paulus begleiten Christi, der hier als Löwe aus dem Stamme Juda dargestellt ist.

Im Nordteil des Langhauses erstreckt sich eine hölzerne Empore. Deren Brüstung trägt 41 Bildfelder. Diese zeigen Szenen aus der Genesis, den Berichten der Erzväter und aus der Josephsgeschichte. Unter diesen frühbarocken Bildern sind die Namen der Stifter und ihre Hausmarken verzeichnet.

Die Kapelle im Nordflügel des Querhauses ist dem Gedenken der Weltkriegstoten gewidmet. Dem Kapellenzugang gegenüber hängt das Gemälde Christus vor dem hohen Rat von 1697 an der Rückwand des Chorgestühls.

Der bronzene Taufkessel stammt aus dem Jahr 1508.

Scherer-Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scherer-Orgel (1624), Tangermünde
Zum Vergleich: Prospekt der Scherer-Orgel (1624/1625) in St. Aegidien zu Lübeck

Von besonderer Bedeutung ist die 1623/1624 von Hans Scherer dem Jüngeren geschaffene Orgel. Tangermünde war damals Mitglied der Hanse und konnte sich eine Orgel vom als der damals beste Orgelbauer geltenden Scherer leisten. Die Scherer-Orgel stellt einen Höhepunkt der Orgelbaukunst der Renaissance dar.[1]

Der Prospekt in Tangermünde gleicht dabei im Aufbau einer Abbildung einer idealen Orgel, die schon 1619 bekannt wurde, und zwar in der Geschichte und Lehre des Instrumentenbaus, die Michael Praetorius unter dem Titel De Organographia als zweiten Band des Syntagma musicum veröffentlichte. Dort steht das Idealbild einer solchen Orgel als zweite Illustration (Holzschnitt) im Abschnitt Theatrum Instrumentorum seu Sciagraphia, der die Abbildungen der Instrumente enthält. Der Holzschnitt des „Rückpositieffleins“ dieser Orgel wiederum ist auch auf dem Titel der Tabulatura Nova Samuel Scheidts abgebildet. Diese bedeutende Sammlung von Werken für Clavierinstrumente (Orgel, Cembalo, Clavichord) erschien 1624 in Hamburg, in demselben Jahr, in dem die Orgel in Tangermünde fertiggestellt wurde.

Ein weiteres sehr ähnliches, zeitgleiches Beispiel dieses Schererschen Prospekttypus ist wiederum der erhaltene Prospekt der Orgel, die Scherer 1624–1625 in der Aegidienkirche zu Lübeck baute. Das Lübecker Instrument wurde jedoch im Vergleich zu seinem Pendant in Tangermünde weitaus aufwendiger durch Holzschnitzereien und Intarsien ausgeschmückt. Das zwischen Hauptwerk und Pedaltürmen angebrachte Schnitzwerk stammt allerdings nicht von Scherer.[2]

Nach verschiedenen Instandsetzungsmaßnahmen durch die Orgelbauer Johann Georg Helbig und Elias Wernitz zu Beginn des 18. Jahrhunderts baute Johann Michael Röder die Orgel in den Jahren 1711–1716 um. Um 1790 ersetzte Johann Gottfried Zabel die Windladen und Trakturen von Haupt- und Oberwerk. Tiefgreifender war der Umbau von Friedrich Hermann Lütkemüller in den Jahren 1856–1858, der etliche Register austauschte und die Klaviaturen sowie im Rückpositiv und Pedal Laden und Trakturen erneuerte. Bis 1930 wurden weitere kleinere Umbauten durchgeführt, so 1939 von P. Furtwängler & Hammer.[3] Nachdem das Instrument kaum noch spielbar war, fand 1983 eine Instandsetzung statt. Der Spieltisch wurde 1988 stabilisiert und das Gehäuse 1990–1992 restauriert.[4]

Von 1991 bis 1994 wurde die Orgel von der Orgelbaufirma Alexander Schuke Potsdam Orgelbau umfassend restauriert. Dabei wurde das vermutete ursprüngliche Klangbild rekonstruiert. Diese Annäherung an den Ursprungszustand konnte unter anderem angestrebt werden, da noch 50 % der Originalpfeifen vorhanden waren. Die Orgel in St. Stephan ist eine der bedeutendsten Orgeln aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, am Übergang von Renaissance zu Frühbarock.[5] Von allen Scherer-Orgeln verfügt sie neben dem originalen Gehäuse über den größten erhaltenen Pfeifenbestand. Sie wurde als „Orgeldenkmal von europäischem Rang“ bezeichnet.[6]

2018/2019 rekonstruierte Schuke zwei Zungenregister im Rückpositiv. Die Register Krummhorn 8′ und Regal 8′ wurden über den gemischten Stimmen eingebaut, nachdem sich Indizien für die Existenz einer Oberlade fanden. Das Instrument ist mitteltönig gestimmt und weist folgende Disposition mit 34 klingenden Registern auf:[7]

I Rückpositiv CDEFGA–c3
1. PRINCIPAL 8′
2. Gedact 8′
3. Quintadeen 8′
4. OCTAVA 4′
5. Holflöit 4′
6. Zifelit 12
7. MIXTUR
8. Scharp
9. Krumbhorn 8′
10. Messing Regal 8′
II Oberwerk CDEFGA–c3
11. PRINCIPAL 16′
12. Quintadeen 16′
13. OCTAVA 8′
14. Gedact 8′
15. Flöite 4′
16. Ruspipe
17. MIXTUR
18. Scharp
III Oberpositiv CDEFGA–c3
19. PRINCIPAL 8′
20. Holpipe 8′
21. Floit 4′
22. Nasath 3′
23. Waldflöit 2′
24. Zimbel
25. Trommete 8′
26. Zincke 8′
Tremulant
Pedal CDEFGA–d1
27. PRINCIPAL 16′
28. Untersatz 16′
29. OCTAVEN Baß 8′
30. Flöiten Baß 4′
31. Ruspipen Baß
32. Bassunen Baß 16′
33. Trommeten Baß 8′
34. Cornetten Baß 2′

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Hermann Große 1869 das Geläut lieferte, bestand es aus vier Glocken. Die kleine as1-Glocke mit 491 kg wurde im Ersten Weltkrieg vernichtet.[8] Die Glocken wurden nach ihrer Rückkehr im Jahre 1949 an ihren originalen Holzjochen geläutet. Im Jahr 1961 wurden sie an gekröpften Stahljochen aufgehängt. Während einer umfassenden Sanierung im Jahre 2010 wurden die Glocken um 90° in ihre ursprüngliche Position gedreht. Gerade Holzjoche und neue Klöppel wurden ebenfalls eingebaut. Die große Glocke hängt im Mittelbau in einem wertvollen Glockenstuhl von 1767. Die beiden kleineren Instrumente sind, jedes in einem eigenen Glockenstuhl, auf den Nord- und den Südturm verteilt. Dem Uhrschlag dienen seit dem Jahr 2000 zwei Schalenglocken in der offenen Turmlaterne.[8]

Nr. Name Gussjahr Gießer, Gussort Durchmesser
(mm)
Gewicht
(kg)
Nominal
(16tel)
Turm
1 Große Glocke 1869 Hermann Große, Dresden 1962/1966 4027 as0 −5 Mittelbau
2 1869 Hermann Große, Dresden 1563 2023 c1 −9 Südturm
3 Brautglocke 1869 Hermann Große, Dresden 1299 1306 es1 −11 Nordturm

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tangermünde, St. Stephan. In: Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde. Abgerufen am 20. Januar 2023.
  2. Christoph Lehmann (Hrsg.): 375 Jahre Scherer-Orgel Tangermünde. Die größte Renaissance-Orgel der Welt. 2. Auflage. Freimut & Selbst, Berlin 2014, ISBN 978-3-8442-8336-5, S. 124–128, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  3. Siehe jeweils die Dispositionen auf die-orgelseite.de: Tangermünde: St. Stephan, abgerufen am 20. Januar 2023.
  4. Organ index: Orgel in Tangermünde, abgerufen am 20. Januar 2023.
  5. Wolf Bergelt: Orgelreisen durch die Mark Brandenburg. Freimut & Selbst, Berlin 2005, ISBN 3-7431-5217-7, S. 98.
  6. urania-potsdam.de, abgerufen am 20. Januar 2023.
  7. Informationen zur Schererorgel, abgerufen am 20. Januar 2023.
  8. a b Constanze Treuber u. a.: Gegossene Vielfalt. Glocken in Sachsen-Anhalt. Hinstorff, Rostock 2007, S. 146.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martina Sünder-Gaß: Die Stephanskirche zu Tangermünde. Verlag Schnell & Steiner 2009, ISBN 978-3-7954-2136-6
  • Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt I, Regierungsbezirk Magdeburg. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 2002, ISBN 3-422-03069-7, Seite 923 ff.
  • Peter Findeisen: Die Stephanskirche zu Tangermünde. Schnell und Steiner, München / Zürich 1991 (ohne ISBN).
  • Martina Gaß: Kleiner Führer durch die Sankt-Stephans-Kirche Tangermünde. Selbstverlag Förderverein St. Stephanskirche Tangermünde e.V., o. J.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stephanskirche Tangermünde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 32′ 33,3″ N, 11° 58′ 29″ O