Staatliche Zeichenakademie Hanau

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Gebäude der Zeichenakademie

Die Staatliche Zeichenakademie Hanau ist eine Berufs-, Berufsfach- und Fachschule für edelmetallgestaltende Berufe und eine der ältesten Goldschmiedeausbildungsstätten Europas.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1772 „Academie der Zeichenkunst“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Staatliche Zeichenakademie Hanau führt ihren Ursprung auf die im Jahr 1772 von Hanauer Gold- und Silberschmieden initiierte und durch den in Hanau residierenden Grafen zu Hanau Münzenberg, Landgraf und Erbprinzen Wilhelm IX. von Hessen-Kassel als „Academie der Zeichenkunst“ gegründete „Zeichenschule“ für Handwerker zurück. Ziel war die Steigerung der Entwurfsqualität der Hanauer Gold- und Silberschmiede für Schmuck und Silbergerät. Ab 1837 wurden unter Pelissier die künstlerischen Fächer um Kompositionslehre, Modellieren, Zeichnen nach der Natur und Emailmalerei[1] erweitert. 1839 erfolgte die Einrichtung einer Gründungsgesellschaft, um die marktgängigen Kunsterscheinungen parallel zur Akademiearbeit zu beobachten und zu fördern. Ab 1863 erfolgte unter Direktor Karl Hausmann die kulturelle Auseinandersetzung zwischen Kunst und Kunstgewerbe zugunsten der fachgebundenen Ausbildung des Goldschmiedenachwuchses.

1866 „Königlich Preußische Zeichenakademie“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1880 wurde für die Zeichenakademie ein Neubau durch Julius Carl Raschdorff[2] errichtet[Anm. 1], der Altbau der Einrichtung, wie er heute noch steht. Damit wurde das Fächerangebot erweitert um Bauzeichnen, sowie Bijouterie- und Ornamentzeichnen. 1883 wurde die Schule für Mädchen eröffnet und eine Klasse für Kunststickerei eingerichtet. 1886 entstanden Werkstätten für das Goldschmieden, Silberschmieden, Ziselieren und Schmucksteinfassen. Eine Gravierklasse wurde eingerichtet.

1901 „Fachschule für die Edelmetallindustrie“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historisches Schulgebäude in der Gärtnerstraße

Die Zahl der Schülerinnen und Schüler stieg auf 150. Bis 1913 wurde das Angebot um z. B. Stahlgravieren, Lithographie, Elfenbeinschnitzen, Schmucksteinfassen, Diamantschleifen, sowie Freihand- und Körperzeichnen, Aktzeichnen, Entwerfen und Modellieren erweitert. Die schulische Abschlussprüfung wurde mit der Gesellenprüfung des Handwerkes gleichgestellt.

Zeit während des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1933 erfolgte unter Emil Lettré eine Umbenennung der Akademie in Goldschmiedeschule und der künstlerische Ansatz wurde fallen gelassen. Daraufhin ging die Zahl der Schüler stark zurück. Ab 1935 unterrichteten nur noch fünf Lehrer zehn Schüler. Auch das Altstädter Rathaus, bis dato Sitz des Hanauer Geschichtsvereins, wurde umbenannt in Deutsches Goldschmiedehaus und Sitz der „Gesellschaft für Goldschmiedekunst“. Es erfolgte eine erneute Umbenennung der Akademie in Meisterschule des deutschen Handwerks. Zunächst beschränkte sich die Schulleitung darauf, nur noch Gesellen zu Meistern auszubilden. Die Handwerksbetriebe mahnten jedoch die Förderung des Nachwuchses an und forderten eine systematische Grundausbildung. In den Kriegsjahren kommt der Unterricht in der Zeichenakademie zum Erliegen. An drei Wochentagen werden Geschosshülsen produziert, ansonsten wird der Schulbetrieb soweit möglich aufrechterhalten.

1945 bis heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das von Raschdorff entworfene Gebäude wurde am 19. März 1945 schwer beschädigt. Nach Kriegsende wurde Hugo Leven als Direktor wieder eingesetzt und damit an die künstlerische Prägung der Akademiearbeit angeknüpft. Der Wiederaufbau der Schule erfolgte als Aus- und Weiterbildungsinstitution für die edelmetallverarbeitende Branche. 1953 war der Wiederaufbau abgeschlossen. Die Decke der Aula erhielt eine Ausmalung von Heinz-Rudi Müller aus Wiesbaden. 1979 entstand ein Erweiterungsbau mit Klassen- und Verwaltungsräumen. Im Januar 2005 erfolgte die Einweihung eines mit Cortenstahl und einer Glasfassade versehenen Gebäudes, das einen naturwissenschaftlichen Fachraum, Gestaltungsräume und das Forum enthält. Die mehrjährigen Renovierungsarbeiten und die Neuausstattung der Werkstätten und Gestaltungsräume wurden im Frühjahr 2014 abgeschlossen. Der Förderverein Gesellschaft der Freunde der Zeichenakademie wurde gegründet.

Heute werden an dieser Schule sowohl im Teilzeit (Dualen)- als auch im Vollzeitsystem Goldschmiede, Silberschmiede, Metallbildner (früher, Gürtler, Ziseleure, Ziselieren), Graveure und Schmucksteinfasser ausgebildet. Aufbauend auf einer umfangreichen handwerklichen Grundausbildung werden klassische und modern-avantgardistische und innovative Entwurfskonzepte gestalterisch und technisch umgesetzt. Die Zeichenakademie bietet zahlreiche Fächer und Techniken an wie Emaillieren (Email), Plastisches Gestalten, verschiedene Gießverfahren (Schleuderguss, Vakuumdruckguss), Tiefziehen, Prägen und Pressen, Laserschweißverfahren, CAD-Schmuck- und Gerätentwurf, 3D-Rapid Prototyping, Flachgravur, Reliefgravur, CNC-Gravieren aber auch gegenständliches Zeichnen, Aktzeichnen, Technisches Zeichnen, Landschafts- und Naturzeichnen. Regelmäßige öffentliche Vortragsveranstaltungen externer Referenten zu Themen der Gestaltung in den Bereichen Schmuck, Gerät, Objekt und Skulptur ergänzen das Lehrangebot.

Die Ausbildung in der Berufsfachschule mit Berufsfachschulabschluss dauert dreieinhalb Jahre. Dieser Abschluss ist dem Gesellenbrief im Handwerk gleichgestellt. Wer innerhalb von zwei Jahren nach einer ersten abgeschlossenen Berufsausbildung zum/zur Staatlich geprüften Designer/in weitergebildet wird, kann parallel zu diesem Abschluss der zweijährigen Fachschule auch die Meisterprüfung ablegen. Im Rahmen der Dualen Ausbildung – bei der die handwerkliche Ausbildung in Gold- und Silberschmiedebetrieben erfolgt – wird der theoretische Teil in der Zeichenakademie unterrichtet. Zusätzlich erhalten die Auszubildenden Turnusunterricht in den Fächern Gravieren, Schmucksteinfassen, Ziselieren/Metallbilden und Silberschmieden.

Seit Herbst 2012 ist der Staatlichen Zeichenakademie Hanau auch die Brüder-Grimm Berufsakademie Hanau (BG-BA) - in privater Trägerschaft - angeschlossen. Die Studierenden für Designmanagement und Produktgestaltung sind gleichzeitig Berufsfachschüler der Zeichenakademie und beenden das Studium und die Ausbildung sowohl mit dem Bachelor of Arts als auch mit der dem Gesellenbrief gleichgestellten Berufsfachschulabschlussprüfung.

Die Zeichenakademie verfügt über ein Archiv historisch bedeutsamer Literatur zur Schmuckgeschichte, über eine ausgezeichnete Sammlung von Juwelenzeichnungen des späten 19. Jahrhunderts sowie über eine umfangreiche wissenschaftliche Bibliothek zum Thema Edelmetallgestaltung.

Direktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannte Schüler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den bekannten Schülern waren z. B. Adolf Amberg, Louis Beschor, August Bock, Rudolf Bott, Claus Bury, Georg Cornicelius, Johannes Deiker, Christian Dell, Gustav Elsaß, Eugène Fabergé, August Gaul, Heinrich Hahn, Hermann Jünger, Fritz Kreuter, Carl Laboure, Emil Lettré, Albert Neumetzger, Burkhard Oly, Max Peteler, Peter Raacke, Willi Rodde, Alfons Schleissner, Henriette Tomasi, Wilhelm Wagenfeld und Herbert Zeitner.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Festschrift der Hanauer Zeichenakademie zum 150jährigen Jubiläum, Hanau 1922.
  • Festschrift 180 Jahre „Staatliche Zeichenakademie Hanau“ – Fachschule für das Edelmetallgewerbe, Hanau 1953.
  • Festschrift 200 Jahre „Staatliche Zeichenakademie Hanau“, Hanau 1972.
  • Ina Schneider: Zur Gründungsgeschichte der Staatlichen Zeichenakademie Hanau. In: Hanauer Geschichtsblätter 20, 1965, S. 215.
  • Hermann Schadt: 222 Jahre Zeichenakademie Hanau – zwischen Kunst und Handwerk. Stuttgart 1994, ISBN 3-925369-36-8.
  • Die Gold- und Silberstadt. Hanau und der Historismus. Magistrat der Stadt Hanau (Hrsg.), Hanau 2004, ISBN 3-926011-43-2.
  • Corinna Trautermann: Hanauer Zeichenakademie im Wandel der Zeiten 1772–1948, Hanau o. J. (1972).
  • Hans Günther Bickert und Norbert Nail: Daniel Jeanne Wyttenbach [Née Gallien] – Marburgs erste Ehrendoktorin (1827). Marburg 2000; 71 S.; Illustr. (= Schriften der Universitätsbibliothek Marburg 98), ISBN 3-8185-0300-1.
  • Gerhard Bott: Prunksilber einer Zarentochter. Mit Beiträgen v. Carla Fandrey, Hermann Schadt, Ina Schneider, Bruno-Wilhelm Thiele, Klagenfurt 2001. ISBN 3-9501053-1-X.
  • Bruno-Wilhelm Thiele: Die Entwicklung der Hanauer Edelmetallbranche seit dem 16. Jahrhundert. In: Die Gold- und Silberstadt. Hanau und der Historismus. Magistrat der Stadt Hanau (Hrsg.), Hanau 2004, S. 7-47, ISBN 3-926011-43-2.
  • Bruno-Wilhelm Thiele: Neue Forschungsergebnisse aus dem Archiv der Staatlichen Zeichenakademie Hanau. In: 1975–2006 Festschrift für Rudolf Schäffer. Magistrat der Stadt Hanau (Hrsg.), Hanau 2006, S. 47–63 (Schmuck und Gerät des Jugendstil in Hanau).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Es wird geklagt, dass bei der amtlichen Revision derselben die Façaden durch Weglassung des für die Wirkung unentbehrlichen Sgraffito-Schmucks etc. eine wesentliche Beeinträchtigung erfahren haben.“ (Deutsche Bauzeitung 14 (1880), S. 187.)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Monika Becker: Kreativität und Historismus Schmuck und Entwurf 1848-1870, Universität Münster, 1997, ISBN 3-8267-2476-3
  2. Deutsche Bauzeitung 14 (1880), S. 187.
  3. Chronik der Familie Bury

Koordinaten: 50° 7′ 37″ N, 8° 55′ 8″ O