Staatsratsgebäude

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Staatsratsgebäude
Blick von Westen auf die Vorderfront, 2009.

Blick von Westen auf die Vorderfront, 2009.

Daten
Ort Berlin-Mitte
Architekt Architektenkollektiv Roland Korn und Hans Erich Bogatzky
Bauherr Staatsrat der DDR
Baustil mit Granit und Sandstein verkleideter Stahlskelettbau
Baujahr 1962–1964
Koordinaten 52° 30′ 56″ N, 13° 24′ 4″ OKoordinaten: 52° 30′ 56″ N, 13° 24′ 4″ O
Karte berlin staatsratsgebaeude.png

Das Staatsratsgebäude entstand in den Jahren 1962 bis 1964 als Amtssitz des Staatsrates der DDR. Es befindet sich zentral gelegen auf der Spreeinsel am Schloßplatz 1 (bis 1994: Marx-Engels-Platz) im Berliner Ortsteil Mitte. Während des Bestehens der DDR wurde das Bauwerk unter anderem auch für Auszeichnungsveranstaltungen und diplomatische Empfänge genutzt und war das erste neu errichtete Regierungsgebäude Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute beherbergt es die European School of Management and Technology.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Staatsratsgebäude wird nördlich vom Schloßplatz und der einstigen Straße An der Stechbahn, östlich von der Breiten Straße, südlich von einer Grünfläche an der Sperlingsgasse/Neumannsgasse und westlich vom Spreekanal begrenzt.

Das Staatsratsgebäude wurde hinter dem Bauplatz der im Volksmund auch „Rotes Schloss“ genannten „Hirsch’schen Schneider-Akademie Berlin“ errichtet, die im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört wurde. Auf diesem Grundstück bekam ThyssenKrupp zu einem günstigen Preis den Zuschlag und wollte dort das ThyssenKrupp Haus als Hauptstadtrepräsentanz errichten, was nach großem öffentlichen Druck verworfen wurde.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fassadenrisalit des Staatsratsgebäudes, Rekonstruktion des Schlossportals IV unter Verwendung von Originalteilen

Die Architektur des Gebäudes kann als erster Ausdruck der stilistischen Sachlichkeit in der DDR-Baukunst der 1960er Jahre gelten. Das Architektenkollektiv um Roland Korn und Hans Erich Bogatzky legte mit dem Staatsratsgebäude als Prototyp den Grundstein für die neue sogenannte „DDR- beziehungsweise Ost-Moderne“.[1]

In die Fassade asymmetrisch integriert (östlich sieben, westlich drei Achsen) ist das sogenannte „Karl-Liebknecht-Portal“, ein ehemaliges Portal des Berliner Stadtschlosses, vor welchem Karl Liebknecht am 9. November 1918 die „Sozialistische Deutsche Republik“ ausgerufen hatte.[2]

Bis zum Frühjahr 1951 hatte man die zum Lustgarten hin gelegenen Schlossportale IV und V während der Sprengarbeiten stehen lassen. Man wollte das Portal V, vor dem die Liebknechtsche Proklamation stattgefunden hatte, bei der anstehenden Sprengung bergen, um es in einem noch zu errichtenden Staatsbau wiederzuverwenden. Vom Balkon des Portals V hatte bereits Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 den Eintritt des Deutschen Reiches in den Ersten Weltkrieg verkündet. Bei der Sprengung hatte man vor Portal V Strohmatten ausgelegt, damit die Bauteile, die darauf fallen sollten, wiederzuverwenden seien. Doch nach erfolgter Sprengung fand man nur noch zerborstene Sandsteinbrocken auf dem ausgelegten Stroh. Damit war Portal V verloren und man zerlegten nun das alternativ stehengelassene Portal IV aufwendig in Handarbeit, um es dann offiziell als Portal V auszugeben.[3]

Die asymmetrische Ausrichtung des Portals innerhalb des Staatsratsgebäudes orientiert sich am ehemaligen Verlauf der Achse Petrikirche-Brüderstraße-Schlossplatz-Schlossfreiheit. Durch den Bau des Staatsratsgebäudes wurde diese Straßenachse unterbrochen. Der noch vorhandene Teil der Brüderstraße läuft als Sichtachse annähernd auf die gläserne Rückfront des Risalits des Staatsratsgebäudes zu. Die Vorderfront des Risalits ist der Endpunkt der Straße, die ehemals am Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal entlangführte.

Die mittelalterliche Klosterkirche der Dominikaner bzw. der spätere Berliner Dom befand sich unmittelbar vor dem links des Portalrisalites gelegenen Teil des Staatsratsgebäudes.[4]

Areal des Staatsrats­gebäudes um das Jahr 1690. Das heutige Staats­ratsgebäude steht in der damaligen Garten­anlage rechts neben der Turm­fassade der Kirche, dahinter das Berliner Schloss (Modell im Märkischen Museum).

Sowohl im Inneren, der Höhe der Geschosse, als auch in der Außenerscheinung entspricht das Staatsratsgebäude den Maßen der nördlichen Seitenfassade des ehemaligen Schlosses, in der das Portal IV zum Lustgarten hin ursprünglich eingefügt war. Das Portal, das mehr als zehn Jahre nach der finalen Sprengung des Schlosses 1950 als prägendes Element der Frontfassade des Staatsratsgebäudes wiedererstand, besteht jedoch nur noch zu einem Fünftel aus Originalteilen.

Das Portal IV war eine zwischen den Jahren 1706 und 1713 von Johann Friedrich Eosander von Göthe als Wiederholung des in den Jahren 1698 bis 1706 entstandenen Portals V von Andreas Schlüter geschaffen worden. Der Portalrisalit ist dreiachsig gegliedert und weist drei Geschosse sowie ein Mezzaningeschoss auf. Jedes Geschoss ist von Pilastergliederungen gerahmt. Der große Balkon der Hauptetage ist von Atlashermen getragen, die Balthasar Permoser aus Dresden zwischen 1706 und 1708 schuf. Die Atlashermen sind männliche Allegorien des Herbstes mit Weinranken und Jagd­beute (links) sowie des Winters mit Pelzen und Karnevalsmasken mit Musikinstrumenten (rechts). Das rundbogige, rosettengeschmückte Balkonfenster in der Art eines Venezianischen Fensters wird von einer Wappenkartusche bekrönt, die heute die Jahreszahlen „1713“ und „1963“ beinhaltet. Ursprünglich befand sich hier das preußische Adlerwappen und darüber eine Königskrone. Flankiert wird die Kartusche von zwei geflügelten und posaunenblasenden weiblichen Fama-Gottheiten. Nach oben abgeschlossen wird der Portalrisalit durch eine Attika. Die vier ursprünglichen Statuen (außen zwei männliche, innen zwei weibliche antike Gottheiten) auf den Postamenten der Attika wurden beim Neubau der 1960er Jahre nicht rekonstruiert. Ebenso fehlen die Gitter der beiden Erdgeschossfenster sowie das prachtvolle Barock­gitter des Eingangs. Letzteres wurde durch ein Rastergitter mit diagonalen Kreuzen ersetzt. Nicht rekonstruiert wurde ebenso eine Kartusche unter dem Balkon. Sämtliche Plattenverkleidungen entstammen der Bauzeit des Staatsratsgebäudes 1962–1964, da die ursprünglichen Teile durch Artilleriebeschuss des Zweiten Weltkriegs gelitten hatten. Die plastischen Teile sind Originale der Barockzeit; jedoch wurden sie ergänzend restauriert.[5][6]

Die Integration des berühmten Balkons in das Staatsratsgebäude geschah als quasi reliquienhaftes Symbol für die Verwirklichung der Ziele Karl Liebknechts und der Novemberrevolution in Form der sozialistischen DDR. Unterstrichen wird dieser Anspruch durch ein gebäudehohes Glasbild des Künstlers Walter Womacka in Foyer und Treppenhalle, das die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland aus Sicht der SED darstellt. Darin wird der sozialistische Spartakusbund Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts mit der traditionellen Arbeiterbewegung verknüpft, deren höchste Entwicklungsstufe man in der DDR sehen wollte.

Im Rahmen der Vorplanungen für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wurden Teile des Liebknechtportals dreidimensional gescannt, ein hochaufgelöstes Gesamtmodell des Portals erstellt sowie physische Prototypen gefertigt, da das Portal als Kopie Bestandteil des neu aufzubauenden Stadtschlosses werden soll. Weiterhin wurden bestimmte Bereiche wie die Rosetten, die Hermen und Genien als einzelne 3D-Modelle freigestellt und für eine physische Fertigung aufbereitet.[7]

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von seiner Fertigstellung bis zum 5. April 1990 diente das Gebäude seinem zugedachten Zweck. Als Vorsitzende des Staatsrats arbeiteten nacheinander in dem Gebäude Walter Ulbricht (bis 1973), Willi Stoph (1973–1976), Erich Honecker (1976–1989), Egon Krenz (24. Oktober 1989 bis 6. Dezember 1989) und schließlich Manfred Gerlach (6. Dezember 1989 bis 5. April 1990).

In den folgenden Jahren wurde der repräsentative Bau nicht geregelt genutzt. Zwischenzeitlich befand sich ein Informationszentrum des Bundesbauministeriums zum Hauptstadtumbau in den Räumlichkeiten.

Auf der Rückseite der nie ausgegebebenen Banknote zu 500 DDR-Mark befand sich eine Abbildung des Hauses.

Von 1999 bis 2001 zur Fertigstellung des neuen Bundeskanzleramtes am Reichstagsgebäude hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Berliner Dienstsitz im Staatsratsgebäude.

Im Jahr 2001 drehte die Band Rammstein in dem Gebäude das Musikvideo zu Ich will.

Seit Anfang 2006 nutzt die Managerhochschule European School of Management and Technology (ESMT Berlin) das ehemalige Staatsratsgebäude. Das Gebäude wurde ihr vom Land Berlin im Erbbaurecht zur Verfügung gestellt.

Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das seit 1993 unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde von 2003 bis 2005 für 35 Millionen Euro grundsaniert und für Hochschulzwecke umgebaut. Ausführender Architekt war Hans-Günter Merz. Die Machtsymbole der DDR sind bei der denkmalgerechten Sanierung erhalten geblieben, darunter das denkmalgeschützte Glasbild von Womacka sowie ein selbst nicht denkmalgeschütztes Mosaik des DDR-Staatswappens mit Hammer und Zirkel nach einem Entwurf von Heinrich Jungbloedt in einem Vorlesungssaal.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR, Hauptstadt Berlin, Band I, hrsgg. vom Institut für Denkmalpflege, bearbeitet von einem Kollektiv der Abteilung Forschung (Ingrid Bartmann-Kompa, Horst Büttner, Horst Drescher, Joachim Fait, Marina Flügge, Gerda Herrmann, Ilse Schröder, Helmut Spielmann, Christa Stepansky, Heinrich Trost), Gesamtredaktion Heinrich Trost, 2., unveränderte Auflage, Berlin 1984, S. 88–90.
  • Philipp Meuser: Schlossplatz Eins: European School of Management and Technology = Schlossplatz One: European School of Management and Technology, DOM Publishers, Berlin 2006, ISBN 3-938666-03-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Staatsratsgebäude – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernd Stöver Der Umbau der Stadt. In: Geschichte Berlins. C. H. Beck Verlag. München, 2010. S. 89 f., ISBN 978-3-406-60067-8.
  2. Dieter Dreetz: Bewaffnete Kämpfe in Deutschland 1918–1923. Militärverlag der DDR, Berlin 1988, S. 15. Hier heißt es „Nachdem Karl Liebknecht das Schloß unter den Schutz des Berliner Arbeiter- und Soldatenrates gestellt hatte, rief er, auf einem Kraftwagen stehend, den jubelnden Menschen zu: ‚Der Tag der Revolution ist gekommen. […] In dieser Stunde proklamieren wir die freie, sozialistische Republik Deutschland. Wir grüßen unsere russischen Brüder.‘“
  3. Marc Metzger: Das Berliner Schloss, Geschichte, Wiederaufbau, Humboldt-Forum, 2. aktualisierte Auflage, Berlin 2018, S. 40-41.
  4. Dietmar und Ingmar Arnold: Schlossfreiheit. Vor den Toren des Stadtschlosses. Berlin 1998.
  5. Richard Schneider: Das Berliner Schloss in historischen Photographien. Berlin 2013, S. 108.
  6. Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR, Hauptstadt Berlin, Band I, hrsgg. vom Institut für Denkmalpflege, bearbeitet von einem Kollektiv der Abteilung Forschung (Ingrid Bartmann-Kompa, Horst Büttner, Horst Drescher, Joachim Fait, Marina Flügge, Gerda Herrmann, Ilse Schröder, Helmut Spielmann, Christa Stepansky, Heinrich Trost), Gesamtredaktion Heinrich Trost. 2., unveränderte Auflage, Berlin 1984, S. 88–90.
  7. Liebknechtportal, abgerufen am 24. Februar 2018.