Stadtbahn Charleroi

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Straßenbahn
Métro léger de Charleroi
Bild
Triebwagen 7418 im Stadtteil Gosselies
Basisinformationen
Staat Belgien
Stadt Charleroi
Eröffnung 1881 (Dampfstraßenbahn)
1904 (Elektr. Straßenbahn)
1976 (Stadtbahneröffnung)
Betreiber TEC
Infrastruktur
Streckenlänge 33,4 km
Spurweite 1000 mm (Meterspur)
Stromsystem 600 V DC Oberleitung
Haltestellen 30
Tunnelbahnhöfe 12
Betriebshöfe 2
Betrieb
Linien 4
Linienlänge 25,6 km
Fahrzeuge 49 (davon
37 im Einsatz,
7 in Reserve und
5 in Rekonstruktion)
Höchstgeschwindigkeit 65 km/h
Statistik
Fahrgäste 3,2 Mio. / Jahr (2007)
Fahrleistung 950.000 km (2010)dep1
Netzplan
Liniennetz seit dem 21. Juni 2013

Die Stadtbahn Charleroi (französisch: Métro léger de Charleroi) erschließt den Großraum Charleroi. Das Netz erstreckt sich über eine Länge von 33 km und verfügt über 12 unterirdische Stationen. Betreiber ist die TEC Charleroi, ein Tochterunternehmen der Transport en Commun (TEC).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich geplantes Metro-Streckennetz aus den 1960er-Jahren
Straßenbahn- und Metro-Netz zwischen 1976 und 2005

Zum Ende der 1960er Jahre ist der Großraum Charleroi von zwei verschiedenen Straßenbahn-Betreibern erschlossen. Im Westen des Stadtzentrums durch das Überlandnetz der staatlichen SNCV und im Osten durch die Linien des städtischen Betriebes STIC (Société des transports intercommunaux de Charleroi). Beide Netze sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit: das Wagenmaterial ist veraltet und die Strecken verlaufen meist ungünstig trassiert in eingleisiger Seitenlage.

Entscheidung zum Bau der Metro[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Verbesserung des ÖPNV wurde daher beschlossen, das Netz schrittweise durch den Bau neuer, vom Individualverkehr getrennter Trassen in eine Metro umzuwandeln. Die Planung umfasste einen Innenstadtring sowie acht Äste in die Außenbezirke. Die vollständige Inbetriebnahme war für 1992 vorgesehen.

Der Bau der Metro-Strecken begann am Ende der 1960er Jahre, das erste Teilstück wurde 1976 in Betrieb genommen. Mit der Inbetriebnahme neuer Strecken wurden die bisher parallel verlaufenden Straßenbahnstrecken stillgelegt und die dort verkehrenden Linien auf die neue Metro-Strecke verlegt.

Krise in den 1980er Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konterkariert wurde das Projekt der Metro durch die in den 1980er Jahren immer schneller voranschreitende Stilllegung der SNCV-Strecken. Dies führte dazu, dass die neu erstellte Metro-Infrastruktur von immer weniger Linien genutzt wurde.

Außerdem machten sich die Unterfinanzierung des Betriebs, der Kompetenzenstreit zwischen SNCV und STIC sowie die betrieblich ungünstige Lage der neuen Strecken negativ bemerkbar. Dies führte zu der erstaunlichen Tatsache, dass komplett fertiggestellte Strecken jahrelang nicht eröffnet wurden. Auch an im Rohbau befindlichen Streckenteilen wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Heutige Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Vereinigung von SNCV und STIC zur TEC kam es zur Eröffnung eines Teils der bereits seit Jahren fertiggestellten Strecken. Die betriebsfertige Strecke Waterloo – Centenaire ist allerdings bis heute nicht in Betrieb genommen worden und verfällt in zunehmendem Maße.

Am 27. Februar 2012 wurden folgende Strecken in Betrieb genommen:

  • Vervollständigung des Innenstadtrings durch eine Neubaustrecke Parc – Sud. Diese wurde aber nicht wie ursprünglich geplant als Hochbahn, sondern als Straßenbahn gebaut.
  • Die lange Zeit im Rohbau fertige Strecke Gilly – Soleilmont wurde in Betrieb genommen.

Überdies erfolgte am 22. Juni 2013 mit leichter Verspätung die Inbetriebnahme der Strecke nach Gosselies als Linie M3.

Zukünftige Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist nicht damit zu rechnen, dass die ursprüngliche Metro-Planung in vollem Umfang wieder aufgenommen wird.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterirdischer Betrieb im Bereich der Station Parc

Strecken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Strecken werden zurzeit betrieben (Stand 21. Juni 2013):

  • Innenstadtring, 8 Bahnhöfe
  • Strecke nach Pétria, 11 Bahnhöfe: diese Strecke ist als erste der ursprünglich geplanten Metro-Strecken vollständig fertiggestellt und in Betrieb genommen worden. Ab Pétria verläuft sie auf der ehemaligen SNCV-Strecke als Straßenbahn weiter bis nach Anderlues.
  • Strecke nach Soleilmont, 6 Bahnhöfe: Ab 2012 ist dies die zweite Strecke, die den endgültigen Ausbauzustand erreicht hat und im Linienverkehr betrieben wird. Zuvor war sie seit 1985 bis Gilly in Betrieb. Diese Strecke wird im Linksverkehr betrieben, mit einer Kreuzung der beiden Richtungsgleise kurz vor der Station Samaritaine (stadtauswärts gesehen).
  • Strecke nach Gosselies, 15 Bahnhöfe: Diese Strecke diente bereits vorher als Betriebsstrecke zum Betriebshof Jumet und wurde am 22. Juni 2013 nach vier Jahren der Umbauarbeiten für den Fahrgastverkehr freigegeben. In der ursprünglichen Metro-Planung war vorgesehen, auch diese Strecke als Metro auf Eigentrasse, teilweise in Tunneln, komplett neu zu bauen. Sie sollte in der Station Waterloo vom Innenstadtring abzweigen; der dortige Tunnelmund ist seit Anfang der 1990er-Jahre fertiggestellt. Stattdessen wurde die Strecke als Straßenbahn mit besonderem Bahnkörper vollständig erneuert.

Die Entwicklung der Gleisinfrastruktur wird in den folgenden Plänen veranschaulicht:

Eröffnungsdaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unvollendeter Bahnhof Sart Culpart im Jahre 2005
Bahnhof Sart Culpart nach der Inbetriebnahme in veränderter Lage, 2012
Jahr Ast nach Strecke Anzahl neuer Bahnhöfe
1976 Innenstadtring Sud – Ouest 3
1980 Pétria Ouest – Piges 1
1982 Pétria Moulin – Paradis 3
1983 Innenstadtring Ouest/Piges – Beaux-Arts 1
1983 Pétria Piges – Providence 1
1986 Pétria Paradis – Pétria 2
1992 Pétria Providence – Moulin 3
1992 Innenstadtring Beaux-Arts – Waterloo 1
1992 Soleilmont Waterloo – Gilly 3
1996 Innenstadtring Waterloo – Parc 2
2012 Innenstadtring Sud – Parc 1
2012 Soleilmont Gilly – Soleilmont 3
2013 Gosselies Piges – Gosselies 15

Liniennetz bis Februar 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Netz wurde bis 26. Februar 2012 von folgenden Linien befahren:

Linie Strecke Netzplan bis 26. Februar 2012
54 Sud ←→ Waterloo ←→ Gilly Carte MLC.PNG
55 Parc ←→ Waterloo ←→ Gilly
84 Fontaine ←→ Gilly (gestrichene Linie, nur in der HVZ)
88 Parc ←→ Waterloo ←→ Beaux-Arts ←→ Anderlues
89 Sud ←→ Beaux-Arts ←→ Anderlues

Linienreform 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neue Haltestelle Tirou auf dem Innenstadtring, Bahn der Linie M2 im Uhrzeigersinn.

Die Fertigstellung des Innenstadtrings und die gleichzeitige Streckenverlängerung von Gilly nach Soleilmont am 27. Februar 2012 hat man für eine tiefgreifende Linienreform genutzt, die auch die künftige Strecke nach Gosselies mit einbezog. Damit verschwanden die letzten traditionellen Straßenbahn-Liniennummern. Die Linien wurden von M1 bis M4 neu nummeriert und es wurden Kennfarben zugewiesen, die sich auf Fahrplänen und Liniennetzplänen wiederfinden.[1][2]

Alle Linien haben den Innenstadtring als Ziel und durchfahren diesen jeweils nur in einer Richtung. In der folgenden Tabelle sind jeweils die Haltestellen genannt, an denen die Linien auf den Innenstadtring treffen bzw. diesen wieder verlassen:

Linie Kennfarbe Strecke Inbetriebnahme Bemerkungen
M1 rot Anderlues → Ouest → Stadtring gegen den Uhrzeigersinn → Beaux-Arts → Anderlues 27. Februar 2012 ersetzt die früheren Linien 88 und 89.
M2 grün (Anderlues →) Pétria → Beaux-Arts → Stadtring im Uhrzeigersinn → Beaux-Arts → Pétria (→ Anderlues) 27. Februar 2012 Um eine gleichmäßige Bedienung des Innenstadtrings in beiden Richtungen zu erreichen, wurden in einer Übergangszeit (bis zur Eröffnung der Linie M3) alle Fahrten der Linie M2 von Pétria nach Anderlues verlängert. Dafür verkehrte die Linie M1 entsprechend seltener.
M3 gelb Gosselies → Beaux-Arts → Stadtring im Uhrzeigersinn → Beaux-Arts → Gosselies 22. Juni 2013 von 3. September 2012 bis 21. Juni 2013 Vorlaufbetrieb nur auf dem Stadtring von/bis Beaux-Arts[3]
ab Piges als Straßenbahn auf besonderem Bahnkörper
M4 blau Soleilmont → Waterloo → Stadtring gegen den Uhrzeigersinn → Waterloo → Soleilmont 27. Februar 2012 ersetzt die früheren Linien 54 und 55, verlängert von Gilly nach Soleilmont.

Die „Phantomlinie“ nach Centenaire[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingang zur 1987 fertiggestellten Station Pensée, die nie in Betrieb ging

Die geplante Strecke nach Châtelet wurde auf dem Abschnitt Waterloo–Centenaire mit den vier Stationen Neuville, Chet, Pensée und Centenaire schon im Jahr 1987 vollständig fertiggestellt, wird aber seither nicht im Linienverkehr betrieben. Die Gleise und die Oberleitungen sind funktionsfähig, und die Ausbildung neuer Fahrer wird seit einiger Zeit auf dem Streckenabschnitt Waterloo–Chet durchgeführt. Zwei weitere Stationen (Champeau und Corbeau) sind im Rohbau vorhanden. Wie auf dem Streckenast nach Soleilmont kreuzen sich die Richtungsgleise kurz nach der Trennung vom Innenstadtring, sodass die Strecke im Linksverkehr befahren wird.

Durch das neue Interesse an den jahrelang brach liegenden Ausbauplänen für die Metro könnte auch diese Strecke profitieren. Ihre Zukunft wurde im wallonischen Parlament am 28. Juni 2011 behandelt[4] und es wurde beschlossen, bis zum Jahresende 2012 darüber eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Besonderes Interesse besteht unter anderem, weil mit dem Bahnhof Corbeau das neue Einkaufszentrum Cora im Ort Châtelineau erschlossen werden könnte.

Nach den Aussagen der TEC sind zur Herstellung eines betriebsfähigen Zustandes für den fertiggestellten Streckenabschnitt Investitionen von geschätzt 15 Millionen Euro notwendig. Die Kosten zur Vervollständigung des Rohbauabschnitts bis Corbeau werden auf weitere 24 Millionen Euro geschätzt.[5] Außerdem wären etwa 12,5 Millionen Euro für zusätzliche Fahrzeuge notwendig, was zu überschlägigen Gesamtkosten von 51,5 Millionen Euro führt – ohne die dann anfallenden Betriebskosten. Eine Weiterführung der Strecke um die beiden ursprünglich geplanten Stationen Trieux und Châtelet entlang der einst geplanten Trasse stand 2012 nicht zur Debatte.

Am 25. April 2016 stimmte der Gemeinderat von Charleroi als neue Option dafür, die Strecke bis zum zukünftigen Zentralkrankenhaus in Gilly zu verlängern. Hierbei kam auch erstmals wieder eine Verlängerung bis Châtelet ins Spiel, allerdings mit einem neuen Streckenverlauf.

Im April 2017 wurden die jährlichen Kosten, um die Infrastruktur in Betrieb zu halten, mit ca. 180.000 € angegeben. Diese Kosten sind nicht vermeidbar, weil der Innenstadtring über diese Strecke mit Strom versorgt wird. Nun werden drei Varianten untersucht:

  • Herrichtung der Strecke bis Centenaire und Endausbau der rohbaufertigen Strecke bis Corbeau, um das Einkaufszentrum Cora anzuschließen, nach dem die Haltestelle dann benannt werden würde (geschätzt 2,8 Millionen Euro jährliche Betriebskosten zzgl. zu den oben bereits genannten Kosten)
  • Herrichtung der Strecke bis Centenaire und Verlängerung bis zum neuen Krankenhaus
  • Endgültige Stilllegung der gesamten Strecke und Abriss der verfallenden Anlagen

Das Ergebnis dieser Studie wird seither abgewartet. Danach soll eine finale Entscheidung über die Zukunft der Strecke getroffen werden. Allerdings rechnet die Regierung selbst bei einem positiven Ausgang nicht damit, in unmittelbarer Zukunft mit den Arbeiten anfangen zu können.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Roggenkamp, Aktuelles von der SNCV im Hennegau/Belgien, Der Stadtverkehr 1/1985, Seite 25–29
  • R. Jünger, SNCV-Überlandbahn im Hennegau vor dem Ende?, Stadtverkehr 1/1989, Seite 20–23
  • Raimund Jünger, Charleroi – Die Metro im Dornröschenschlaf, Stadtverkehr 4/1989, Seite 18–23
  • Hans Ahlbrecht, Fortschritte bei der Métro léger in Charleroi, Stadtverkehr 1/1992, Seite 37–38
  • Hans Ahlbrecht, Ost-West-Achse der Métro Charleroi eröffnet, Stadtverkehr 1/1993, Seite 18–21
  • Raimund Jünger, Belgien: Busse ersetzen Stadtbahnwagen nach La Louvière, Stadtverkehr 11–12/1993, Seite 52

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Trams in the Charleroi region – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Information der TEC Charleroi zur Linienreform der Metro
  2. Informationsbroschüre der TEC Charleroi zur Linienreform und den Streckenverlängerungen (PDF-Datei; 788 kB)
  3. Dès le 3 septembre 2012, la ligne de métro M3 (ligne jaune) dessert la boucle !, Mitteilung der TEC-Charleroi, abgerufen am 1. September 2012
  4. Anfrage der Abgeordneten Véronique Salvi im wallonischen Parlament zur Zukunft der Metro Charleroi
  5. Avis des Wallonischen Umweltausschusses für nachhaltige Entwicklung (CWEDD) (PDF-Datei; 39 kB)
  6. "Keine Mittel für die Metro". La Libre Belgique, 21. April 2017; abgerufen am 9. Oktober 2017 (französisch).