Stadtbild

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Ungewöhnliches Stadtbild: Bellinzona im Schweizer Kanton Tessin

Stadtbild ist zumeist ein kulturgeographischer Begriff, der auch häufig im alltäglichen Sprachgebrauch Verwendung findet. Er bezeichnet die Wirkung und subjektive Wahrnehmung eines urbanen Raums durch die Gesamtheit seiner kulturellen und natürlichen Bestandteile. Somit ist mit dem Stadtbild vor allem die optische Wahrnehmung einer Stadt in ihrer Gesamtheit gemeint.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bestandteile sind in der Regel Bauwerke und Grünflächen, können aber auch markante Berge, Felsen oder Flüsse sein, die zusammen Stadtlandschaften bilden. Im Gegensatz zur Skyline ist der Betrachtungswinkel auf das Stadtbild nicht vorgegeben. Das Stadtbild ist daher auch eine Gesamtheit aller Perspektiven. Begrifflich wird davon die grafisch dargestellte Stadtansicht unterschieden (vgl. Vedute, Weichbild).

Das Stadtbild dient Städten und Regionen als Merkmal der regionalen Identifikation und schafft neben einzelnen Wahrzeichen einen Wiedererkennungswert. Es dient mit diesen Merkmalen auch dem Stadtmarketing. Beispiele für Leitsprüche oder Slogans, die auch das Stadtbild aufgreifen, sind etwa Stuttgart (Großstadt zwischen Wald und Reben), Güstrow (Hier hat Zukunft Tradition), Krefeld (Stadt wie Samt und Seide) oder Schwerin (Residenzstadt mit Märchenschloss).

Diskurs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um die Erhaltung, Umgestaltung oder Wiedergewinnung des traditionellen Stadtbildes entwickeln sich auch Kontroversen, wie bei Debatten um die Rekonstruktion der Frauenkirche und des umgebenden Neumarktes in Dresden, beim Dom-Römer-Projekt in Frankfurt am Main, oder beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. In Deutschland hat sich der städtebauliche Denkmalschutz zum Schutz und zur harmonischen Weiterentwicklung der historischen Stadtkerne etabliert. Unter dem Namen Stadtbild Deutschland e. V. setzt sich eine Organisation deutschlandweit für den rekonstruierenden Wiederaufbau von Kulturdenkmälern und eine nachhaltige Baukultur ein.[1] Sie vergibt auch den Titel „Gebäude des Jahres“, der Preisträger 2016 ist der Wiederaufbau des Palais Barberini als Museum Barberini in Potsdam.[2][3]

Zu erhaltenswerten Stadtbildern zählt man heute nicht mehr nur historische Altstädte oder etwa Residenzstädte und die Meinungen was schützenswert ist gehen auseinander. Es können auch Festungsstädte sein, wie Neubreisach, Industriestädte, wie La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura, im Zweiten Weltkrieg zerstörte und danach wieder aufgebaute Städte, wie Freudenstadt oder die wiederaufgebaute Innenstadt von Chemnitz oder neue Städte aus der DDR-Zeit, wie Eisenhüttenstadt. Auch ist die Frage, was erhaltenswert ist, einem ständigen Wandel unterworfen. Naturgemäß gelten im Laufe der Zeit immer neuere Ortsbilder, die einst als wertlos oder sogar hässlich betrachtet wurden, als erhaltenswert, wenn sie beispielsweise einen historischen Wert, besondere Struktur oder große Geschlossenheit aufweisen.

Neuer Urbanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Neue Urbanismus ist ein übergreifendes Thema in der Entwicklung heutiger Stadtbilder. Durch die Entwicklungen in der Moderne der Architektur, beeinflusst von der Charta von Athen sowie von der Idee der „autogerechten Stadt“, sollten die Städte in ihrem Charakter verändert werden. Die einst in den meisten Städten vorherrschende Kleinteiligkeit und Nutzungsmischung wurde von vielen Stadtplanern, Architekten und politisch Verantwortlichen aufgegeben, es entstanden getrennt genutzte Gebiete für Wohnen und Gewerbe, aufgelockerte Siedlungen sowie verstärkt Trabantenstädte. Diese Entwicklung wurde bereits von Zeitgenossen der frühen modernistischen Bewegungen kritisiert, etwa durch Anhänger der Heimatschutzarchitektur und speziell ab den 70er-Jahren mit dem Aufkommen der Denkmalschutzbewegung.

Seit den 80er-Jahren wurde mit der Urbanismusbewegung wieder die Blockrandbebauung und Mischnutzung von Quartieren bevorzugt. Danach soll diese urbane Bebauungsart das verstärkte städtische Leben unterstützen durch soziale und wirtschaftliche Durchmischung und einer Einsparung von Ressourcen (zum Beispiel Fahrtwege, Flächen- und Energieverbrauch) gegenüber den aufgelockerten Siedlungen führen.[4] Der Neue Urbanismus zielt auf Erhalt und Weiterentwicklung nachhaltiger Stadtbilder ab. Auch architektonische Nachhaltigkeit spielt meist eine Rolle, etwa durch die Verwendung natürlicher und lokaler Materialien und Ausdrucksformen.

Gefährdung der Stadtbilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Nachkriegszeit bis heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadtbilder wurden bis heute durch vielerlei Dinge geschädigt. Kaum waren alte Missstände eingedämmt, tauchten ganz neue, andersartige auf. In den Nachkriegsjahrzehnten wurden Stadtbilder durch den Abriss erhaltenswerter, historischer Gebäude zugunsten von gesichtslosen Neubauten sowie von Durchbrüchen von breiten, autogerechten Straßen weithin zerstört. Zudem, insbesondere in Westdeutschland, durch Eingriffe in historische Gebäude, wie Purifizierungen (Abschlagen des Stucks), Entfernung alter Fenster und Fensterläden aus Holz und Ersatz durch industrielle Baustoffe und Produkte, wie Rollläden aus Kunststoff. Unschöne Straßenlaternen und weitere Stadtmöbel kamen hinzu. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren wurden damit Plätze überzogen. Es folgte ein Umdenken, alte Bausubstanz wurde fortan erhalten oder wieder freigelegt, hässliche Straßenlaternen ausgetauscht und Plätze wieder entrümpelt. Seit den 1970er Jahren entstanden jedoch in Folge der Energiekrise bis heute erneute, erhebliche Eingriffe in die Stadtbilder durch nachträgliches Anbringen von Wärmedämmungen, die erst in neuester Zeit aus vielerlei Gründen in Kritik gerieten.[5] Viele Fassaden von Häusern wurden durch Schimmel- und Algenbildung unansehnlich und beeinträchtigen unübersehbar die heutigen Stadt- und Ortsbilder. Seit etwa den 1980er Jahren gibt es eine weitere Beeinträchtigung der Stadtbilder, begünstigt durch die Postmoderne, durch romantisierende Rekonstruktionen alter Bauformen in moderner Bauweise, u. a. mit Stahlbeton. In neuerer Zeit kamen Satellitenschüsseln und Mobilfunkmasten hinzu. Ein anderes Beispiel ist der Thyssenkrupp Testturm in Rottweil.

Sonderfall Ostdeutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Folge der Misswirtschaft blieb Ostdeutschland von den westdeutschen Bausünden der 1960er und 1970er Jahre verschont, die Innenstädte wurden vernachlässigt und meist auf größerem Abstand zu ihnen entstanden punktuell neue Wohnviertel mit Plattenbauten. Bereits in den 1980er Jahren und nicht erst zur Wende setzte in der DDR ein Umdenken ein und man begann historische Altstädte zu restaurieren, was im Westen nahezu unbekannt ist. Schon vor der Wende wie auch seitdem blieben dort historische Bauteile, wie Fenster oder Dachziegel, so weit wie möglich erhalten oder wurden wiederverwendet. Statt der sogenannten Totrenovierung, die häufig im Westen bis heute zu beobachten ist. Zudem blieben, mit wenigen aber großen Ausnahmen, wie Berlin und Dresden, ostdeutsche Städte wegen größerer Entfernungen und größeren Anflugrisiken vom Luftkrieg weitgehend verschont.

So verfügen heute wieder unzählige große wie kleine ostdeutsche Städte über ein nahezu intaktes Stadtbild, als Gesamtkunstwerk durch alle historischen Epochen hindurch. Vom mittelalterlichen Stadtkern, dem Schloss oder der Burg, über die Gründerzeitviertel bis hin zu Villen und historischen Landschaftsparks am Stadtrand. Beispiele unterschiedlichster Art hierfür sind Erfurt, Potsdam, Schwerin, Putbus, Naumburg, Quedlinburg, Greiz oder Meiningen und viele andere größere und kleinere Städte. Zudem sind die Stadtränder allgemein weit weniger verbaut als im Westen. So grenzen oftmals historische Strukturen direkt an Natur oder Seen, mit einer Verschmelzung bzw. einem harmonischen Übergang vom Stadtbild zum Landschaftsbild (z. B. Potsdam, Schwerin). Diese Intention historischer Planungen ist in Westdeutschland nur noch selten sichtbar, wie beispielsweise in Kassel-Wilhelmshöhe.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Stadtbild – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stadtbild Deutschland e. V. – Anliegen
  2. Palais Barberini in Potsdam ist "Gebäude des Jahres", Der Tagesspiegel, 10. Januar 2016.
  3. Pressemitteilung von Stadtbild Deutschland e. V.
  4. Charta des New Urbanism – deutsche Übersetzung der engl. Charter of the New Urbanism
  5. FAZ.NET: Stoppt den Dämmwahn, 13. Mai 2014. Abgerufen am 4. April 2018. "Diese bunte Truppe gönnt sich im Internet Aktionsseiten, die sich neutral und unabhängig geben [...] Architektenkammern warnen ihre Mitglieder bereits vor fahrlässigen Versprechen. Die theoretisch errechnete Energieersparnis stellt sich so definitiv nie ein [...] merkt dies ein Kunde nach Ende der Bauarbeiten, kann er den Architekten verklagen. Die ersten Prozesse laufen. Der Verband der Hausbesitzer rät inzwischen davon ab, Fassaden im Nachhinein zu dämmen: Lohnt sich praktisch nie."