Stadtgottesacker

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Stadtgottesacker ist eine Friedhofsanlage in der Stadt Halle an der Saale. Er wurde ab 1557 nach dem Vorbild der italienischen Camposanto-Anlagen, speziell des Camposanto in Pisa, errichtet und gilt als ein Meisterwerk der Renaissance nördlich der Alpen.

Hallescher Stadtgottesacker: Blick zum Torturm

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 16. Jahrhundert begann man in den Städten, die Toten außerhalb der Stadtmauern zu begraben. In Halle gab Landesherr Kardinal Albrecht 1529 den Auftrag, die alten innerstädtischen Begräbnisplätze aufzulösen.

Arkaden Nordseite

Für den neu zu errichtenden Gottesacker wählte man den Martinsberg, der sich damals noch vor der Stadt befand. Die schon seit 1350 für Massenbestattungen in Pestzeiten dienende Fläche wurde mit einer Mauer umgeben, an der man ab 1557 nach Entwürfen des Stadtbaumeisters und Steinmetzes Nickel Hoffmann in über dreißigjähriger Bauzeit 94 Schwibbögen errichtete, die nach innen geöffnete Arkaden bildeten. Die Bögen wurden von Hoffmann selbst gestaltet und waren mit seinem Steinmetzzeichen versehen.

In den Arkaden befanden sich Grüfte, die mit kunstvoll geschmiedeten Eisen- oder Holzgittern abschlossen. Ursprünglich standen die Särge in den bis zu vier Meter tiefen Grüften sichtbar auf dem Boden. Um den gestiegenen hygienischen Ansprüchen im 19. Jahrhundert gerecht zu werden, wurden 1862 jedoch die meisten Grüfte mit Erde aufgefüllt.

Blick über den Stadtgottesacker, im Hintergrund der Torturm

Die Grüfte sind durchnummeriert und waren Eigentum der Stadt. Sie konnten aber von den Halleschen Bürgern gemietet oder auch gekauft werden. Auf dem zunächst freien Feld im Innenraum der Anlage wurde erst ab 1822 bestattet. Nachdem später weitere Friedhöfe für die Einwohner der Stadt eingerichtet worden waren, entwickelte sich der Stadtgottesacker zum bevorzugten Begräbnisort der städtischen Oberschicht. Die Familien von Industriellen, Universitätsprofessoren, höheren Beamten und Offizieren fanden meist in Erbbegräbnissen ihre letzte Ruhe. Heute gibt es auf dem Friedhof etwa 2.000 Grabstellen. Nach einem längeren Verbot von Beisetzungen auf dem Stadtgottesacker können heute Urnen innerhalb der Friedhofsmauern bestattet werden.

Bombenabwürfe in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, speziell am 31. März 1945, beschädigten die Anlage schwer. In den folgenden Jahrzehnten verfiel sie. Nach der Gründung einer Bürgerinitiative 1985 und der „Stiftung Stadtgottesacker“ begann die Sanierung der denkmalgeschützten Anlage. Erst eine großzügige Privatspende aus dem Vermächtnis des Chemienobelpreisträgers Karl Ziegler erlaubte eine fast originalgetreue Rekonstruktion des gesamten Komplexes. Im Jahr 1990 gründete sich darüber hinaus die Bauhütte Stadtgottesacker. Der Bildhauer Martin Roedel und andere schufen als erstes Kopien der Reliefs der Renaissance-Anlage, für die es Vorlagen gab.[1]

Für knapp zwei Dutzend der 89 kunstgeschichtlich bedeutenden Reliefs gibt es keine Vorlagen mehr. Hier hat sich die "Bauhütte Stadtgottesacker" e.V. zum Ziel gesetzt, die verloren gegangenen Gruftbögen durch zeitgenössische Reliefgestaltungen zu vervollständigen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden und ist einzigartig in Deutschland. Die so entstandenen Reliefs wurden 2007 mit dem höchsten Preis der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Steinmetzhandwerkes, dem Peter-Parler-Preis, ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit ist zukunftsweisend, denn es gibt viele Denkmäler, bei denen Teile nicht mehr rekonstruiert werden können. Hier kann eine Ergänzung mit zeitgenössischen Arbeiten neue, spannende Einblicke bieten.

Die "Bauhütte Stadtgottesacker" wurde von engagierten Bürgern zu DDR-Zeiten gegründet und am 1. März 1990 als einer der ersten Vereine der Stadt eingetragen. Sie ist hervorgegangen aus dem Arbeitskreis Stadtgottesacker, weil Vereinstätigkeiten zu DDR-Zeiten nur sehr eingeschränkt und mit Zustimmung des Regimes möglich waren. Nach der Wende konnte die Arbeit intensiviert werden. Marcus Golter, der erste westdeutsche Student an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle hat den ersten Bogen mit modernen Reliefs dann 1998 als Diplomarbeit ausgeführt. Der Bildhauer und sein Team arbeiten noch heute dort.

Der Stadtgottesacker wurde im Jahre 2011 von einer Jury mit dem Bestattungen.de-Awards ausgezeichnet und zu den drei schönsten Friedhöfen in Deutschland gewählt.[2]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufwändige Grabstelle im von Arkaden umgebenen Innenraum der Friedhofsanlage
Rundbogen 80/81 Frankesche Familiengruft
Epitaph des Gottfried Olearius im Rundbogen 74
Typische Gestaltung einer Gruft während des Barock

Die Anlage hat die Form eines Rhombus und misst 113 × 123 × 129 × 150 Meter. Die Seiten sind mit einer fünf bis sechs Meter hohen Mauer gesichert. Deswegen wirkt der Stadtgottesacker von außen wie ein stark befestigtes Kastell. Bastionen und Schießscharten lassen erkennen, dass der Friedhof auch als Element der Stadtverteidigung diente. Den Eingang auf der Stadtseite versahen Hoffmanns Nachfolger 1590 mit einem Torturm. 1721 und 1832 wurde der Friedhof nach Norden und nach Osten hin erweitert.

Die Felder über und die Pfeiler zwischen den Bögen sind mit Rankenornamenten geschmückt und teilweise mit Putten, Symbolen und Fantasiegestalten versehen. Die Rundbögen enthalten auch Bibelverse beider Testamente. Die Grabnischen bilden keine zusammenhängende Raumfolge, sondern sind durch Mauern kapellenartig voneinander getrennt. Die gesamte Arkadenanlage ist mit einem hohen Satteldach bedeckt.

Grabanlagen und Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den Grabbögen und im Innenraum ruhen wichtige Honoratioren der Stadt und bedeutende Professoren der halleschen Universität, so unter anderem (chronologisch nach Geburtsjahr):

Bestattungsmöglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Bestattung auf dem Stadtgottesacker ist heute grundsätzlich noch möglich, hat aber zur Voraussetzung, dass man mindestens 40 Jahre seines Lebens in Halle wohnhaft war.

Des Weiteren kann der hallesche Stadtrat eine Ehrengrabstätte auf dem Friedhof verdienstvollen Einwohnern oder verdienstvollen ehemaligen Einwohnern der Stadt verleihen.

Die Bestattung erfolgt ausschließlich in den Gruftbögen Kolumbarien. Eine Beisetzung im freien Feld ist nicht mehr möglich.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Leipzig gab es vor dem „Grimmaischen Tor“ eine ähnliche Anlage (errichtet 1536), die so nicht mehr existiert. Ähnlich gestaltete Friedhöfe gibt es mit dem Kronenfriedhof in der Lutherstadt Eisleben und dem alten Friedhof in Buttstädt bei Weimar.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Autorenkollektiv: Der Stadtgottesacker in Halle. mdv, Halle 2004, ISBN 3-89812-195-X
  • Anna-Franziska von Schweinitz: Der Stadtgottesacker in Halle. In: Die Gartenkunst Band 5, Heft 1, 1993, S. 91–100, ISSN 0935-0519
  • Anja A. Tietz: Der Stadtgottesacker in Halle (Saale). Fliegenkopf, Halle 2004, ISBN 3-930195-66-6
  • Anja A. Tietz: Der frühneuzeitliche Gottesacker - Entstehung und Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Architekturtypus Camposanto in Mitteldeutschland. Landesamt für Denkmalpflege, Halle 2012; ISBN 978-3-939414-83-4
  • Uta Tintemann: Der Stadtgottesacker in Bildern. Druckerei H. Berthold, Halle 2011; ISBN 978-3-00-036750-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stadtgottesacker Halle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Handwerk, Technik, Industrie. In: Monumente, Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, Nr. 4, August 2015, S. 18/19.
  2. Die schönsten Friedhöfe 2011 auf www.bestattungen.de

Koordinaten: 51° 28′ 56″ N, 11° 58′ 39″ O