Stadtkirche Aalen

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Die Aalener Stadtkirche

Die Stadtkirche St. Nikolaus ist eine evangelische Kirche im baden-württembergischen Aalen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heutige Aalener Stadtkirche ist vermutlich der dritte Bau an dieser Stelle im Herzen der Aalener Altstadt. Das erste Bauwerk war eine dem Heiligen Nikolaus geweihte frühgotische Kapelle. Als Aalen 1360 Reichsstadt wurde, war diese Kapelle bereits durch die 1340 erstmals erwähnte Pfarrkirche St. Nikolaus ersetzt worden. Der ursprünglich direkt an dieser Kirche gelegene Friedhof wurde aus Platzgründen vor die Tore der Stadt zur Johanniskirche verlagert.

Im Rahmen der erst 1575 möglichen Einführung der Reformation in Aalen durch Jakob Andreae[1] wurde der erste protestantische Gottesdienst in Aalen am 29. Juni 1575 gehalten. Überliefert ist von Jakob Andreae eine spätere Kirchweihpredigt vom 25. September 1586.[2] Von damals bis zum Beginn der Industrialisierung war Aalen eine rein evangelische Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg setzten nach der Schlacht bei Nördlingen zurückziehende, mit Schweden verbündete Truppen zwei Pulverwagen in Brand. Der dadurch ausgelöste Stadtbrand zerstörte die Kirche und große Teile der Stadt.

Nach dem Brand von 1634 wurde die Kirche in den Jahren 1648/49 notdürftig wieder aufgebaut. An der Prescher-Orgel der Kirche spielte auch der junge Christian Friedrich Daniel Schubart, dessen Vater Kantor in Aalen war.

Kirche und Turm vor dem Einsturz (um 1730)

Zur größeren Sicherheit der Stadt wurde der Turm später noch einmal um elf Meter aufgestockt und erreichte damit eine Höhe von ca. 46 m (160 Schuh). Weil die Fundamente für solche Last nicht ausgelegt waren, zeigten sich ab 1760 zunehmende Schäden am Turm; der beauftragte Baumeister sah sich jedoch nicht in der Lage, diese auszubessern. Der Turm brach am Pfingstdienstag, dem 28. Mai 1765, um 8:45 Uhr zusammen und beschädigte das Kirchenschiff und den Chor schwer, kurz bevor die versammelten Aalener Ratsherren die Schäden in Augenschein nehmen wollten. Kruzifix, Altar, Kanzel und Orgel blieben im Chor unbeschädigt. Auch in der Lateinschule (heute Café Rambazamba), die direkt neben der Kirche stand, drangen Steine durch die Fenster ein. Bei dem Unglück wurden zwei Kinder des Turmwärters getötet.[3]

Heutiger Bau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche und Neubau des Turms (um 1790)

Der Einsturz des Turmes bedingte 1765–1767 einen völligen Neubau. Dabei entstand eines der seltenen Beispiele eines protestantischen Kirchenraumes in den Formen des Barock. Nach dem Entwurf des württembergischen Landbaumeisters Johann Adam Groß des Jüngeren schuf Baumeister Johann Michael Keller der Jüngere eine barocke Quersaalanlage.[4] Ein vergleichbares Bauwerk ist die Stephanuskirche in Alfdorf, die nach dem Aalener Vorbild, ebenfalls von Keller, erbaut wurde. Beide Kirchen können nach neuestem Forschungsstand jedoch nicht mehr als frühe und seltene Beispiele württembergischer Querkirchen eingestuft werden.

Der Raum hat eine Grundfläche von 36 m × 16 m. Mit einer lichten Höhe von 11 m haben in der Kirche 550 Personen im Schiff und 300 Personen auf den Emporen Platz.

Obwohl die Kirche, wie ihre Vorgängerbauten, dem Hl. Nikolaus geweiht ist, wird im Gemeindeleben ausschließlich die Bezeichnung Stadtkirche verwendet. Auch auf Stadtplänen und in den Medien findet sich der Bau nur unter diesem Namen.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum

An Kunstgegenständen ist die Stadtkirche mit einer Altar-Kanzel-Gruppe und einem Kanzeldeckel mit auferstehendem Christus von Thomas Schaidhauf ausgestattet. Das Altarkreuz aus dem 16. Jahrhundert stammt aus der Vorgängerkirche. Bemerkenswert ist das mit dem Stadtwappen geschmückte Altargitter. Die Decke des Saalraumes ist mit drei Fresken von Anton Wintergerst bemalt: in der Mitte das Jüngste Gericht, links und rechts davon die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rieger-Orgel

Die Kirche verfügt über eine Orgel der vorarlbergischen Firma Rieger Orgelbau, die zu Ostern 2009 eingeweiht wurde.[5]

I Hauptwerk C–c4

1. Montre 16′
2. Principal 8′
3. Flûte harm. 8′
4. Violoncelle 8′
5. Octave 4′
6. Superoctave 2′
7. Mixtur V 2′
8. Tromba aalensis 8′
II Positiv expressif C–c4
9. Principal 8′
10. Salicional 8′
11. Gedackt 8′
12. Principal 4′
13. Rohrflöte 4′
14. Nazard 223
15. Pfeifle 2′
16. Tertia 135
17. Scharff IV 113
18. Basson 16′
19. Trompette 8′
20. Clarinette 8′
Tremulant
III Schwellwerk C–c4
21. Liebl. Gedeckt 16′
22. Geigenprincipal 8′
23. Holzflöte 8′
24. Viola de Gambe 8′
25. Voix céleste 8′
26. Flûte oct. 4′
27. Fugara 4′
28. Carillon I-III 223
29. Flautino 2′
30. Trompette 8′
31. Hautbois 8′
32. Clairon 4′
Tremulant
Pedal C–g1
33. Principalbass 16′
34. Subbass 16′
35. Violon dolce 16′
36. Octavbass 8′
37. Gedecktbass 8′
38. Cello dolce 8′
39. Octave 4′
40. Posaune 16′
41. Trompete 8′

Turmblasen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch heute findet jeden Werktag um 18:00 Uhr das Turmblasen statt, welches von Mitgliedern der Jugendkapelle Aalen betrieben wird. Am Samstag wird um 11:45 Uhr zur Marktzeit ein Choral in alle vier Himmelsrichtungen gespielt. An Feiertagen kann man die Turmbläser um 8:30 Uhr hören.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stadtkirche Aalen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Torsten Krannich u. a.: Evangelische auf der Ostalb. Ein Streifzug durch die Reformationsgeschichte des Dekanats Aalen. In: Evangelischer Kirchenbezirk Aalen (Hrsg.): Evangelische Kirchenbauten im Dekanat Aalen. Einhorn-Verlag, Schwäbisch Gmünd 2016, ISBN 978-3-95747-042-3, S. 187–196.
  2. Auszugsweise zitiert bei: Rudolf Leeb: Die Heiligkeit des reformatorischen Kirchenbaus oder: Was ist heilig? Über Sakralität im Protestantismus; in: Jan Harasimowicz (Hg): Protestantischer Kirchenbau der frühen Neuzeit in Europa; Regensburg 2015, S. 42–44
  3. Karlheinz Bauer: Aalen. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0321-0, S. 109 ff.
  4. Günther Memmert: Die Stadtkirche in Aalen und die Stephanuskirche in Alfdorf. Zum Typus der protestantischen Quersaalkirche im schwäbischen Barock. Dissertation, Universität Stuttgart, 2010. doi:10.18419/opus-5361 (Zusammenfassung mit Links auf PDF-Dateien).
  5. Zur Geschichte der Orgeln der Stadtkirche und zur aktuellen Rieger-Orgel Informationen auf organindex.de. Abgerufen am 6. März 2021.

Koordinaten: 48° 50′ 15″ N, 10° 5′ 36,7″ O