Stadtkirche St. Marien (Celle)

Die Stadtkirche St. Marien ist die evangelisch-lutherische Stadtkirche von Celle. Sie ist die Hauptpredigtkirche des ev.luth. Kirchenkreises Celle und pastoraler Sitz der Superintendentur.
Baugeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem Herzog Otto II. der Strenge Altencelle aufgegeben hatte und vier Kilometer nordwestlich eine neue Siedlung, die spätere Stadt Celle gegründet hatte, wurde bald nach 1300 mit dem Bau des Chors der 1308[1] geweihten, querschifflosen, aus Backsteinen und Feldsteinen errichteten dreischiffigen Hallenkirche begonnen. Im 14. Jahrhundert baute man am Langhaus.
Als Herzog Ernst der Bekenner mit seinem Generalsuperintendenten Urbanus Rhegius die Reformation im Lüneburger und Celler Land einführte, wurde die ursprüngliche Marienkirche eine evangelische Gemeindekirche, eine Predigtkirche.[2]
1676 bis 1698 wurde die Kirche vor allem im Inneren durchgreifend barockisiert. Die seitdem das Mittelschiff überspannende Tonnenwölbung der Holzdecke wurde von Tornielli und anderen am Schloss beschäftigten Arbeitern mit einer Felderteilung aus Stuck versehen, die achteckigen Pfeiler mit Stuckkapitellen und auf den Konsolen darüber 10 Sandsteinfiguren der Apostel aufgestellt, die von Petrus und Paulus am Chorbogen fortgesetzt werden. In die Seitenschiffe wurden zwei Emporengeschosse eingezogen. Das spitzbogige Maßwerk ersetzte man durch rundbogig stilisierte Fensterteilungen.
1576 wurde die nicht öffentlich zugängliche Gruft für die herzogliche Familie unter dem Chorraum angelegt. Hier sind unter anderem die Herzogin Eleonore, die Prinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg und die Königin Caroline Mathilde von Dänemark beigesetzt.
Das Kircheninnere wurde 1834/1835 stark renoviert. 1967/1968 wurde auf der Grundlage eines Gutachtens von Konrad Hecht die gesamte Kirche restauriert. Ab 1993 erfolgte die Sanierung des Tonnengewölbes.
Ausstattung
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Unter dem Chorbogen steht auf einem Querbalken das älteste Bildwerk der Kirche, eine spätmittelalterliche Triumphkreuzgruppe aus den Jahren um 1500. Unter dem Kreuz stehen Maria, Jesu Mutter, und Johannes.
Im Chor sind die ursprünglich gotischen Bauformen unter dem Stucküberzug der 7/12-Teilung des Rippengewölbes noch am besten zu erkennen.
Das reich ornamentierte Altarretabel von 1613 mit seinem mehrgeschossigen Aufbau „verbindet Renaissanceelemente, die unter flämischem Einfluss stehen, mit neuen barocken Formen“.[3] Seine Gemälde zeigen die traditionelle Abfolge: unten gleich hinter dem Altartisch in der Predella das Abendmahl Jesu, im Hauptbild darüber eine figurenreiche Kreuzigungsszenerie, flankiert von den nach Art eines Flügelaltars ausklappbaren Tafeln mit Darstellungen aus der Passionsgeschichte und oben die Himmelfahrt Christi. Die plastischen Elemente stammen aus der Braunschweiger Werkstatt des Jürgen Röttger. 1607/08 arbeitete Johannes Ties das Chorgestühl.
Taufstein, Alabaster, 1610, biblische Szenen, aus der Röttger-Werkstatt in Braunschweig.
Kanzel, datiert 1684, von P. Chr. Limmer aus Kopenhagen.
Die Emporenmalerei an der Nordseite ist dem Neuen Testament gewidmet, an der südlichen Seite sind Bilder zum Alten Testament zu sehen. An der zweiten Empore sind Propheten dargestellt.
Besondere Bedeutung kommt dem Chorraum zu wegen seiner Rolle als Grabkapelle der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die seit dem 15. Jahrhundert in Celle residierten. Neben den nur mit flachem Relief versehenen Grabplatten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts fallen vor allem die überaus opulent ausgestalteten Epitaphe, Gedenkmonumente für die in der Gruft unter dem Altarraum Beigesetzten, an den seitlichen Chorwänden auf.
Grabplatten und Epitaphe im Chorraum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Name | Todesjahr | Darstellung, Bemerkung |
|---|---|---|
| Herzog Ernst der Bekenner | 1546 | Grabplatte, senkrecht an der Chorostwand, von Albrecht von Soest (?) aus Lüneburg |
| Herzogin Sophia von Mecklenburg | 1541 | Gemahlin von Ernst, Grabplatte |
| Friedrich | 1553 | Sohn von Ernst, Grabplatte |
| Franz Otto | 1559 | Sohn von Ernst, Grabplatte |
| Herzog Ernst der Bekenner und seine Gemahlin | 1546, 1541 | Epitaph, 1576 errichtet. Kniende Alabasterfiguren des Herrscherpaares |
| Herzog Wilhelm der Jüngere und Dorothea von Dänemark | 1592, 1617 | 1594 von H. Winter aus Bremen. In den Seitennischen deren Sohn Ernst II. (+1611), von J. Röttger, Braunschweig; Christian (+1633), von J. Tribbe aus Obernkirchen |
| Herzog August | 1636 | von J. Tribbe, Obernkirchen |
| Herzog Friedrich | 1648 | von J. Tribbe, Obernkirchen |
| Herzog Georg und Anna Eleonora von Hessen-Darmstadt und deren zwei Söhne | 1641, 1659 | von J. Tribbe, Obernkirchen; die Figuren der Söhne in den seitlichen Nischen von einem Bildhauer aus Amsterdam |
Orgel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Umgeben von Emporenbildern ragt der reichgeschnitzte Orgelprospekt auf. Hinter ihn wurde 1999 ein neues Werk nach den ursprünglichen Plänen von 1687 eingebaut.[2] Herzog Christian Ludwig spendete 1653 das Instrument, dessen Fassade bis heute erhalten ist. Es wurde von Hermann Kröger und Berendt Hus erbaut und 1685–1687 durch Martin Vater erweitert. 1997–1999 wurde das gesamte Pfeifenwerk durch den Orgelbaumeister Rowan West in traditioneller Art rekonstruiert, das Orgelgehäuse wiederhergestellt und restauriert sowie ein zusätzliches Hinterwerk ergänzt. Heute verteilen sich die Register auf drei Manuale und Pedal.[4]
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Fürstengruft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]→ Hauptartikel siehe Fürstengruft (Celle)
Die Fürstengruft, die noch im Besitz des Welfenhauses ist, beherbergt unter anderem den Prunksarg des Herzogs Georg Wilhelm, sowie den Sarg seiner Mätresse und späteren Ehefrau der Französin Eleonore d’Olbreuse, und den Sarg deren Tochter Sophie Dorothea, die als „Prinzessin von Ahlden“ in die Geschichte einging.
Turm und Glocken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1516 erhielt die Kirche einen Turm. Dieser wurde 1530 wieder abgerissen und durch einen Glockenstuhl ersetzt. Oberhalb dieses Glockenstuhls wurde 1532 ein Uhrenhaus eingebaut. In alten Unterlagen wird 1551 eine Sanguhr (eine Uhr mit einem Glockenspiel) erwähnt. Der Glockenstuhl wurde 1576 durch einen Dachreiter ersetzt. Dieser musste 1717 dem noch heute erhaltenen Dachreiter weichen. 1896 wurde eine neue Turmuhr in den Dachreiter eingebaut, die noch heute zu besichtigen und – bis auf das Zeigerwerk – noch voll funktionsfähig ist. Erst 1913 wurde der 74 Meter hohe Kirchturm an der Westseite der Kirche gebaut. Ab ca. 1970 wurden die Uhren am Kirchturm durch eine elektromechanische Uhr gesteuert. Bei den heutigen Turmuhren wird seit 1999 die Zeit computerkontrolliert geregelt.

In der Zeit von April bis Ende Oktober können Besucher den 74 Meter hohen Turm besteigen.
In ihm hängt ein großes Geläut aus vier Glocken, von denen die größte, die Friedensglocke, 2008 von der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe gegossen und zum 1. Advent desselben Jahres eingeweiht wurde. Sie wurde anlässlich der 700-Jahr-Feier der Stadtkirche vom Rat der Stadt gestiftet. Im Zuge dessen wurden die drei vorhandenen Barockglocken restauriert. Diese hingen vor dem Turmbau im Gewölbe unter dem Kirchendach. Heute hängen die Glocken in einem Holzglockenstuhl an Holzjochen und verfügen über neue geschmiedete Klöppel, von denen der schwerste, jener der Friedensglocke, über 400 kg wiegt.
Zwei stählerne Uhrschlag-Glocken in den Schlagtönen b1 und des2 wurden ebenfalls 2008 bei Bachert in Karlsruhe gegossen.
| Nr. | Gussjahr | Gießer, Gussort | Umfang | Gewicht | Schlagton |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2008 | Albert Bachert, Karlsruhe | 231 cm | 8202 kg | ges° |
| 2 | 1664 | Joh. Phil. Kohler | 171 cm | 2530 kg | b° |
| 3 | 1701 | Joh. Phil. Kohler | 158 cm | 2390 kg | des1 |
| 4 | 1723 | Ludolf Siegfriedt, Hannover | 133 cm | 1330 kg | es1 |
- Glocke 1, Friedensglocke
- Glocke 2
- Glocke 3
- Glocke 4
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, Bd. 2, Niedersachsen und Bremen, Stuttgart 1969, S. 94.
- 1 2 Broschüre über die evangelisch-lutherische Stadtkirche St. Marien
- ↑ Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Niedersachsen und Bremen, 1992, S. 343.
- ↑ Zur Geschichte und Disposition der Orgel der Stadtkirche Celle, abgerufen am 18. Oktober 2018.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website der evangelisch-lutherischen Stadtkirche St. Marien
- Stadtkirchengemeinde St. Marien auf der Website des Kirchenkreises Celle
- Stadtkirche St. Maria im Denkmalatlas Niedersachsen
- Die Stadtkirche St. Marien als 3D-Modell im 3D Warehouse von SketchUp
- Webseite der Touristinformation zur Stadtkirche St. Marien
Koordinaten: 52° 37′ 28″ N, 10° 4′ 51″ O