Stadtkirche St. Wenzel (Naumburg)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
St. Wenzel in Naumburg (Saale) mit Schlösschen am Markt im Vordergrund

Die evangelisch-lutherische Stadtkirche St. Wenzel am Marktplatz von Naumburg ist die Hauptkirche der Stadt außerhalb des geistlichen Bezirks der ehemaligen Domfreiheit.

Bauwerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als das markanteste Kirchenbauwerk und Wahrzeichen der Ratsstadt von Naumburg gehört die Wenzelskirche zu den bedeutsamsten Bauwerken an der Saale. Der spätgotische Bau von 1426 erhielt 1510/1520 sein Westportal und 1724 im Innern eine barocke Ausstattung.

Die 36. Türmerin seit 1513 Angelika Thee in ihrer Türmerwohnung 1987

Ungewöhnlich ist die architektonische Gestaltung des Bauwerks mit einem langen, einschiffigen Chor und einem sehr kurzen dreischiffigen, zweijochigen Langhaus. Der Chor schließt mit einem Polygon aus fünf Seiten eines Zehnecks, das Schiff schließt nach Westen mit einem Polygon aus fünf Seiten eines Sechzehnecks. Die Anlage des Dachs ist ebenfalls einmalig: Über den Seitenschiffen und dem westlichen Polygon läuft ein ringförmiges Satteldach um das Bauwerk; ein zweites durchlaufendes Satteldach über Mittelschiff und Chor kreuzt sich über dem Ostteil des Langhauses mit einem dritten, quer liegenden Satteldach. Dadurch entstehen tiefe Trichter zwischen den Satteldächern über dem Langhaus, die im Dachboden nach außen entwässert werden.[1] Eine Ansicht vom Turm oder über Satellitenbilddienste veranschaulicht die Anordnung besser als eine Beschreibung.

Der Chor zeigt die Schmuckformen des Weichen Stils, die auch teilweise auf der Nordseite des Langhauses übernommen wurden. Die Fenster sind außergewöhnlich schlank proportioniert und mit reichem Fischblasenmaßwerk versehen. Weiterhin sind die Strebepfeiler und besonders das Nordportal aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und das Westportal von 1510 reich mit Fialen und Profilen geschmückt. Charakteristisch ist weiter der Kleeblattbogenfries mit Lilienenden, der an der Traufe und an weiteren Stellen vorkommt.

Das Innere ist durch die Umgestaltung in der Barockzeit geprägt, nimmt aber die zentralisierende Tendenz des Raumes auf, die bereits in der Spätgotik angelegt ist. Es besitzt kein Gewölbe, sondern erhielt die Decke erst 1724. Hervorhebenswert sind unter anderem der barocke Hochaltar von 1680 sowie Gemälde aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. Bemerkenswert ist auch die Grabplatte des August von Leubelfing, Page des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Der Raum erhält durch die drei übereinander angeordneten Emporen im Westen und durch den kulissenähnlichen Altar eine theaterähnliche Wirkung. Dennoch ist der Altaraufbau ein bemerkenswert unkonventionelles Werk, das sich mit seiner steilen Proportionierung und seinen Öffnungen mit Wolkengloriolen gut in den ehemals gotischen Chorraum einfügt. Die Kanzel ist ein Werk von 1725–1729 und wurde 1765/66 nochmals überarbeitet. Die Chorbalustrade stammt ebenfalls von 1766.

Der Kirchturm der Wenzelskirche ist mit 72 Metern der höchste Turm der Stadt. Er hat in seiner Türmerwohnung in 53 Metern Höhe eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hildebrandt-Orgel (2016)

Die Orgel von Zacharias Hildebrandt ist ein Juwel barocker Orgelbautradition. Sie wurde im Jahre 1746 unter Verwendung eines älteren, prachtvoll mit Akanthusornamentik verzierten Prospekts aus den Jahren 1695/1697 erbaut. Johann Sebastian Bach und Gottfried Silbermann übernahmen die Prüfung dieses Instruments. Es wurde von 1993 bis 2000 aufwändig restauriert. Dabei wurde der spätere Umbau der Traktur wieder rückgängig gemacht und der ursprüngliche Spielschrank reaktiviert. Die Originaldisposition der Orgel von 1746 wurde ebenfalls wiederhergestellt. Die Wiederherstellung war von besonderer Bedeutung, da diese Orgel wie kaum eine andere die Vorstellung Bachs von einer „recht grossen und recht schönen Orgel“ realisiert.[2]

I Rückpositiv CD–c3

1. Principal 8′
2. Viol di Gambe 8′
3. Quintadehn 8′
4. Rohr-Floete 8′
5. Prestanta 4′
6. Vagara 4′
7. Rohr-Floete 4′
8. Nassat 3′
9. Octava 2′
10. Rausch-Pfeife II
11. Mixtur V
12. Fagott 16′
Tremulant
II Hauptwerk CD–c3
13. Principal 16′
14. Quintadehn 16′
15. Octava 8′
16. Spitz-Floete 8′
17. Gedakt 8′
18. Praestanta 4′
19. Spitz-Floete 4′
20. Sesquialter II
21. Quinta 3′
22. Octava 2′
23. Weit-Pfeife 2′
24. Mixtur VIII
25. Cornet IV
26. Bombart 16′
27. Trompete 8′
Tremulant
III Oberwerk CD–c3
28. Bordun 16′
29. Principal 8′
30. Hohl-Floete 8′
31. Princ.und.mar. 8′
32. Praestanta 4′
33. Gemshorn 4′
34. Quinta 3′
35. Octava 2′
36. Wald-Floete 2′
37. Tertia 135
38. Quinta 112
39. Sif-Floete 1′
40. Scharff V
41. Vox humana 8′
Pedal CD–d1
Vorderlade
42. Principal 16′
43. Octaven Bass 8′
44. Violon Bass 8′
45. Octaven Bass 4′
46. Octava 2′
47. Mixtur Bass VII
48. Trompet. Bass 8′
49. Clarin Bass 4′
Hinterlade
50. Subbass 16′
51. Violon Bass 16′
52. Posaune 32′
53. Posaune 16′
  • Koppeln: I/II, III/II, II/P
  • Spielhilfen: Sperrventile (II, III), Schwebung (III), Cymbelstern

Organisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 17. und 18. Jahrhundert wirkten folgende Personen als Organisten an der Wenzelskirche:

  • 1616–? Christian Engel
  • 1632–1654 Augustin Vocke
  • 1654–1694 Johann Leo
  • 1694–1715 Johann Magnus Knüpfer
  • 1715–1733 Benedict Friedrich Theile
  • 1733–1748 Christian Kluge
  • 1748–1759 Johann Christoph Altnikol
  • 1759–1794 Johann Friedrich Gräbner

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sechs Glocken hängen im Turm. Die drei größeren wurden 1518 von Martin Hilliger aus Freiberg gegossen und hängen seit dem Jahr 2000 restauriert in einem massiven, spätgotischen Holzglockenstuhl aus den Jahren 1521/1523. In der Turmlaterne hängt neben zwei Uhrschlagschalen die Tor-, Schul- und Beichtglocke aus dem Jahre 1763.[3]

Nr. Bezeichnung Gussjahr Gießer Durchmesser
(mm)
Gewicht
(kg)
Nominal
(16tel)
Glockenstuhl
1 1518 Martin Hilliger, Freiberg 1554 2309 des1 +4 Glockenstube
2 1518 Martin Hilliger, Freiberg 1262 1211 f1 −3 Glockenstube
3 Angelus- oder Marienglocke 1518 Martin Hilliger, Freiberg 1045 678 as1 −1 Glockenstube
4 Tor-, Schul- und Beichtglocke 1763 C. W. Becker, Naumburg 530 ~85 ges2 −5 Laterne
Stundenglocke 2001 Kunst- und Glockengießerei
Lauchhammer
800 180 ~d1 Laterne
Viertelstundenglocke 2001 600 75 ~fis1 Laterne

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ursula Dittrich-Wagner (Text), Peter Franke (Fotos): Die Wenzelskirche zu Naumburg/Saale (DKV-Kunstführer; Bd 594). Deutscher Kunstverlag, München 2002.
  • Sibylle Harksen: Die Wenzelskirche zu Naumburg (Das christliche Denkmal; Bd. 97). Union-Verlag, Berlin 1976.
  • Karl Schöppe: Aus der Geschichte der St. Wenzelskirche zu Naumburg a. d. S. 2. Aufl. Sieling Verlag, Naumburg 1930.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Walter May: Stadtkirchen in Sachsen-Anhalt. 1. Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1979, S. 206.
  2. Winfried Schrammek: Johann Sebastian Bachs Vorstellung von einer „recht grossen und recht schönen Orgel“. In: Stadt Naumburg (Hrsg.): Die Hildebrandt-Orgel zu Naumburg, St. Wenzel. Festschrift anlässlich der Wiedereinweihung nach erfolgter Restaurierung. Naumburg 2000, S. 27.
  3. Constanze Treuber u. a.: Gegossene Vielfalt. Glocken in Sachsen-Anhalt. Hinstorff, Rostock 2007, S. 118, ISBN 978-3-356-01180-7 (+ 1 CD).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stadtkirche St. Wenzel (Naumburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 51° 9′ 6″ N, 11° 48′ 35″ O