Stadtsingechor zu Halle

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Stadtsingechor zu Halle
Stadtsingechor zu Halle
Sitz: Halle (Saale) / Deutschland
Träger: Stadt Halle (Saale)
Gründung: 1116
Gattung: Knabenchor
Leitung: Clemens Flämig
Stimmen: (SATB)
Website: www.stadtsingechor.de

Der Stadtsingechor zu Halle ist ein bekannter Knabenchor aus Halle (Saale) mit einer mehr als 900-jährigen Chortradition. Er wurde im Jahr 1116 gegründet und zählt nach dem Aachener Domchor und den Regensburger Domspatzen zu den drei ältesten Knabenchören Deutschlands. Zudem gilt er als der älteste Chor Mitteldeutschlands. Die Bekanntheit des Stadtsingechores beruht auch auf dessen Chorleitung, die über die Jahrhunderte viele herausragenden Musiker und Komponisten ausfüllten, darunter Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow und Wilhelm Friedemann Bach. Zu den Schülern des Stadtsingechores zählten um 1809 der Komponist Carl Loewe und von 1945 bis 1950 der Sänger Ivan Rebroff.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte des Stadtsingechores zu Halle lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte im Jahre 1116 mit der Gründung des Klosters Neuwerk, das ein in Halle (Saale) gegründetes Stift der Augustiner-Chorherren war. Dessen Knaben hatten die Aufgabe, die Heiligen Messen im Kloster und in den Pfarrkirchen der Stadt Halle musikalisch zu gestalten. Der Knabenchor aus Halle ist deshalb nach dem Aachener Domchor und den Regensburger Domspatzen der drittälteste Knabenchor Deutschlands und Europas.

Die Schüler der ab 1210 unter Aufsicht des Neuwerkklosters gebildeten Pfarreischulen und die Klosterschüler standen gemeinsam für den Knabenchor zur Verfügung. Damit bekam er einen neuen Status und verselbständigte sich organisatorisch.

Der Stadtsingechor zu Halle ist mit der Geschichte und den Ereignissen der Stadt Halle eng verknüpft. So sang er über die Jahrhunderte immer wieder auch bei öffentlichen Anlässen. Am 24. Juli 1506 wurde die Kuppe des Roten Turmes in feierlichem Rahmen aufgesetzt. Dazu sang der Chor auf dem Halleschen Marktplatz Te Deum Laudamus. Im Zuge der Reformation geriet das Kloster Neuwerk in Schwierigkeiten, ab 1520 begann Kardinal Albrecht von Brandenburg mit dem Bau seiner Neuen Residenz (Stift), die bereits 1523 geweiht wurde. Zentrum dieses neuen Stifts wurde der Dom zu Halle. Das Kloster Neuwerk wurde aufgelöst und die Klostergebäude teilweise für die Neue Residenz wiederverwendet. Der Knabenchor verlor seine Heimstatt. Ab 1531 ließ Kardinal Albrecht von Brandenburg ihn jedoch in seiner neuen Stiftskirche singen und sicherte so das weitere Bestehen des Chores als Kirchenchor.

Nach der Fusion der Pfarreischulen »Unser Lieben Frauen«, »St. Ulrich« und »St. Moritz« mit der Schule des ehemaligen Barfüßerklosters zum neuen Lutherischen Gymnasium zu Halle im Jahr 1565 nahm der Knabenchor dort seine Heimstadt, unterstellte sich dem Rektor des Gymnasiums und bekam die Aufgabe, die Gottesdienste der drei Hauptkirchen der Stadt Halle musikalisch zu gestalten. Dadurch kam er wenig später zum heutigen Namen »Stadtsingechor«. Bis zum Jahre 1808 blieb der Stadtsingechor ohne eigenen musikalischen Leiter. Alle außerkirchlichen Aktionen wie die regelmäßigen Proben, das Leichensingen, das Singen in den Straßen der Stadt sowie die Umgänge der Kurrende wurden von Präfekten und Adjunkten verantwortet.

Samuel Scheidt fand zwischen 1628 und 1630 eine Anstellung als städtischer Musikdirektor, spielte die Orgel in der Marktkirche und leitete in den Gottesdiensten den Stadtsingechor. Er gehört zu den wichtigsten Komponisten des 17. Jahrhunderts. Im Alter von 20 Jahren wurde Friedrich Wilhelm Zachow 1684 zum Organisten der Marktkirche in Halle gewählt und leitete auch den Stadtsingechor. Zu den Kantoren der Kirche St. Ulrich gehört Georg Michael Bach (1703–1771), ein Verwandter Johann Sebastian Bachs, der seit 1732 fast vierzig Jahre lang als Kantor und Lehrer am Gymnasium mit dem Stadtsingechor arbeitete. Zwischen 1746 und 1764 war Wilhelm Friedemann Bach Musikdirektor und Organist an der Marktkirche und leitete auch den Stadtsingechor zu Halle.

Mit der Auflösung des »Lutherischen Gymnasiums zu Halle« und der Übernahme des Chores durch die Franckeschen Stiftungen wurde 1808 das Amt des Chordirektors des Stadtsingechores geschaffen. Der erste Direktor wurde damit im gleichen Jahr der bekannte Komponist und Musiktheoretiker Daniel Gottlob Türk.

Über 40 Jahre leitete Johann Friedrich Naue den Stadtsingechor zu Halle im 19. Jahrhundert und beeinflusste nachhaltig das Musikleben der Stadt und die Geschichte des Knabenchores. Seit 1946 befindet sich der Chor in städtischer Trägerschaft.

Bedeutende Chordirektoren des 20. Jahrhunderts waren u.a. Karl Klanert, der den Chor fast 40 Jahre leitete und Dorothea Köhler, die den Chor von 1968 bis 1990 entscheidend und erfolgreich prägte. Wichtige Aufbauarbeit leistete Frank-Steffen Elster von 2007 bis 2014. Sein Nachfolger Clemens Flämig übernahm im November 2014 dieses Amt. Im Jahre 2016 feierte der Stadtsingechor zu Halle sein 900-jähriges Bestehen. [1]

Direktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den herausragenden Dirigenten des Stadtsingechores gehörten im 18. Jahrhundert die städtischen Musikdirektoren Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow und Wilhelm Friedemann Bach. Das Amt des Chordirektors für den Stadtsingechor wurde erst im Jahr 1808 mit der Auflösung des lutherischen Gymnasiums und der Übernahme des Chores durch die Franckeschen Stiftungen geschaffen. Der erste Chordirektor des Stadtsingechores wurde damit im gleichen Jahr der UMD Daniel Gottlob Türk. Neben ihm prägten im 19. Jahrhundert vor allem Johann Friedrich Naue (1816-1856) und Carl Adolf Haßler (1856-1892) den Stadtsingechor zu Halle. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war dies Karl Klanert (1900-1939) in fast 40-jähriger Leitungstätigkeit. Es folgten die Chordirektoren Otto Weu (1939-1945), Richard Doell (1945-1951), Alfred Zimmer (1951-1958), Carl Ferdinand Zech (1959-1968), Dorothea Köhler (1968-1990), Christian Schicha (1990), Gothart Stier (1990), Stefan Bevier (1991-1996), Helmut Steger (1998-2003), Gothart Stier (2003-2006), Nikolaus Müller (2006-2007) und Frank-Steffen Elster (2007-2014).

Seit November 2014 ist Clemens Flämig der amtierende Chordirektor.

Bekannte ehemalige Sänger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelpunkt der Chorarbeit des Stadtsingechores zu Halle steht die Pflege der Geistlichen Chormusik mitteldeutscher Musiktradition mit Werken von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Samuel Scheidt und Heinrich Schütz bei den Motetten in der Marktkirche Halle und im Merseburger Dom. Eine große Rolle in der Arbeit des Chores spielt ebenso die rege Zusammenarbeit mit der Staatskapelle Halle.

Neben den Verpflichtungen in der Stadt Halle geht der drittälteste Knabenchor Deutschlands auch regelmäßig im In- und Ausland auf Konzerttournee, so zuletzt nach China (2009), Litauen (2013), Finnland (2015) bzw. mit seiner 900-jährigen Jubiläumstour durch ganz Deutschland (2016). Die regelmäßige Teilnahme bei den Händel-Festspielen Halle führte unter anderem zur Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern wie Trevor Pinnock, Stephen Simon und Alessandro De Marchi.

Der Stadtsingechor zu Halle ist Mitglied im Verband Deutscher Konzertchöre (VDKC).

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Serauky: Musikgeschichte der Stadt Halle. Zweiter Band, Zweiter Halbband Von Wilhelm Friedemann Bach bis Robert Franz. Max Niemeyer Verlag, Halle 1942, S. 465–473.
  • Konstanze Musketa: Der Stadtsingechor als ein "Annexum" der Franckeschen Stiftungen zu Halle, Schriften des Händel-Hauses in Halle 7, Halle 1991
  • Festprogramm 890 Jahre Stadtsingechor zu Halle, Halle 2006 (Selbstverlag)
  • Konzertplan / Hallesche Philharmonie mit Robert-Franz-Singakademie und Stadtsingechor, Verlag Halle : Hallesche Philharmonie, 1976
  • Singt weiter, Jungs, singt weiter. 900 Jahre Stadtsingechor zu Halle, hrsg. von Cordula Timm-Hartmann mit Grußworten von Reiner Haseloff, Bernd Wiegand, Angela Genske, Thomas Müller-Bahlke und Josep Caballé-Domenech, 160 S., 1. Aufl., Verlag Janos Stekovics, 2016 978-3-89923-362-9

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stadtsingechor zu Halle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Franckesche Stiftungen: Stadtsingechor zu Halle | Franckesche Stiftungen. In: www.francke-halle.de. Abgerufen am 15. Juni 2016.