Stallmeister

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Stallmeister ist eine Berufsbezeichnung in der Pferdezucht und Pferdehaltung. Stallmeister gab es zum Beispiel an adligen Höfen, an den Universitäten [1] sowie in der Königlich-Preußischen Gestütsverwaltung. Auch heute wird die Bezeichnung in manchen Bereichen noch verwendet. Der Stallmeister trägt die Verantwortung für einen bestimmten Pferdebestand.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stallmeister (lat. agaso) war an mittelalterlichen und neuzeitlichen adligen Höfen einer der höchsten Hofbeamten, der für die Beaufsichtigung der herrschaftlichen Pferdeställe zuständig war. Ihm unterstanden die Stallknechte, Kutscher und Bereiter. Aus dem Rang des Stallmeisters entwickelte sich das wichtige Amt des Marschalls.

In der Neuzeit wurden verschiedene Stallmeisterfunktionen unterschieden: Am königlich preußischen Hof gehörte der Leiter des Marstalls zu den Oberhof-Chargen. Er führte die Dienstbezeichnung Oberstallmeister. Ihm unterstanden ein Vice-Oberstallmeister und mehrere Stallmeister.

Ein Landstallmeister war Leiter eines Zuchtgestütes (z. B. Hauptgestüt Trakehnen/Ostpreußen oder Hauptgestüt Graditz/Sachsen) bzw. eines Hengstdepots (z. B. Niedersächsisches Landgestüt Celle oder Nordrhein-Westfälisches Landgestüt Warendorf). Der Leiter der gesamten preußischen Pferdezucht und Dienstvorgesetzter aller Gestütsdirektoren und Landstallmeister war der Oberlandstallmeister, der unmittelbar dem preußischen Minister für Landwirtschaft unterstellt war. Diese Behörde wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs abgeschafft. Heute gilt der Titel Landstallmeister als Beamten-Dienstbezeichnung, sodass Leiter staatlicher Hengstdepots, die nicht im Angestelltenverhältnis stehen, lediglich als Leiter oder Direktor bezeichnet werden.

Im modernen Sprachgebrauch hat sich der Begriff gewandelt: In Gestüten, bei der Pferdezucht und in Rennställen (Trabrennen oder Galopprennen) hat der Stallmeister die Verantwortung für die Pferde, inklusive der Planung von Trainingszeiten und der Auswahl des Futters für die optimale Ernährung. Er hat zudem sicherzustellen, dass die Pferde beschlagen, geimpft und entwurmt sind sowie unter regelmäßiger tierärztlicher Behandlung stehen. Auch in einem Zirkus mit einem größeren Tierbestand ist der Stallmeister für das Wohl der Tiere verantwortlich.

Siehe auch: Magister equitum

Bedeutung im britischen Commonwealth[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wörtliche Übersetzung von Stallmeister ist equerry, ein Titel für einen persönlichen Assistenten eines Mitglieds der königlichen Familie.

Bekannte Stallmeister[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Guillem de Cabestaing, ein provençalischer Troubadour des 12. Jahrhunderts, war zunächst Stallmeister Margaridas, der Gemahlin Raimunds von Castel-Roussillon
  • George Chastelain, flandrischer Geschichtsschreiber, (1404–1474) Stallmeister von Herzog Philipp dem Guten von Burgund
  • Chevalier Saint-Antoine, erster Hofstallmeister in England von Jakob I.[2]
  • Maximilian Carl Theodor Graf Holnstein, Ehemann von Caroline von Holnstein, wurde unter Ludwig II. unter anderem Oberststallmeister des Marstalls München
  • Friedrich Freiherr von Spörcken, königlich hannoverscher Landstallmeister in Celle (1839–1866) mit enormem Einfluss auf die Hannoveraner Pferdezucht und die bauliche Entwicklung des Landgestüts Celle, trat aus Protest gegen die preußische Annexion Hannovers zurück
  • Gerd Lehmann, dienstältester Landstallmeister des Nordrhein-Westfälischen Landgestüts Warendorf (1966–1996), leitete die Umzüchtungsphase zum modernen Sportpferd in Westfalen ein.
  • Johann Friedrich Rosenzweig, (1716–1794) Universitätsstallmeister in Leipzig

Preußen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graf von Lindenau (1755–1842)
königlich-preußischer Oberstallmeister

siehe auch: Stallmeister und Landstallmeister des Hauptgestüts Trakehnen

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tafel zur Ehrung des Stallmeisters Antoine de Pluvinel am Standort der ehemaligen Grandes Écuries in Paris

siehe auch: Großstallmeister von Frankreich (Grand Écuyer de France)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christiane Gohl: Was der Stallmeister noch wusste. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-440-10107-X.
  • Übersicht über die k. u. k. Oberststallmeister, ursprünglich herausgegeben vom Oberstallmeisteramt 1883: [1]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Arnd Krüger: Die Professoren für Reitlehre. Die Anfänge der organisierten Wissenschaft vom Sport. In: Stadion. 12/13. 1986/87, S. 241–252.
  2. Reitkunst. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 13, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 710.
  3. Biographisches Lexikon aller Helden und Militairpersonen, welche sich in preußischen Diensten berühmt gemacht haben, Arnold Wever, Berlin, 1791, S. 10. online
  4. Rolf Straubel: Biographisches Handbuch der preußischen Verwaltungs- und Justizbeamten 1740–1806/15, Walter de Gruyter, 2009, S. 502. online.
  5. Neue Würzburger Zeitung, Nr. 213 vom 3. August 1841, Titelseite, Spalte 2. online
  6. Zeitung für den deutschen Adel, Helbig, 2. Jahrgang, 1. Semester 1841, S. 259/260. online.
  7. Manfred W. Graf: Die königlich-preußische Gestütsverwaltung, Verlag Thüringer Druckhaus, 2006, S. 211.
  8. Leopold Freiherr von Zedlitz: Neues preussisches Adels-Lexikon oder Genealogische und diplomatische Nachrichten, Gebr. Reichenbach, Leipzig, 1837, S. 127. online
  9. Gabriel René Mennessier de La Lance (General): Essai de Bibliographie Hippique, Band 2
  10. Joachim Graf von Lionne war der Sohn von Humbert de Lionne (um 1597–?) und Virginie Rabot d'Avrillac († 1665). Siehe: Hugues de Lionne, Ulysse Chevalier (Hrsg.): Lettres inédites de Hugues de Lionne, ministre des affaires étrangères sous Louis XIV, précédées d'une notice historique sur la famille de Lionne …, 1877, S. 55.online
  11. siehe Reiterporträt des Monsieur de Nestier Écuyer Ordinaire de la Grande Écurie du Roy
  12. Autichamp, 1) Jean Thérèse Louis de Beaumont. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 2, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 168.