Stammlager Neubrandenburg/Fünfeichen

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Russische Repatriierungslager in Mecklenburg (Oktober 1945)

Das Stammlager Neubrandenburg im heutigen Stadtgebietsteil Fünfeichen von Neubrandenburg wurde als Stammlager (Stalag) II A des Wehrkreises II, Stettin, 1939 als Kriegsgefangenenlager der deutschen Wehrmacht errichtet und bestand bis 1945. Danach wurde es bis Anfang 1949 von der sowjetischen Besatzungsmacht als Speziallager Nr. 9 genutzt.

Stammlager (Stalag) II A[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1938 erwarb die Wehrmacht von Olga Jürgens, geb. Freifrau von Maltzahn, das Gut Fünfeichen am südlichen Rand der Stadtfeldmark von Neubrandenburg. Danach wurde hier ein Truppenübungsplatz angelegt, das Gut aber zunächst weiter betrieben.[1] Noch im selben Jahr begannen die Arbeiten zum Bau einer Kasernenanlage, in der während des Krieges ein Panzerausbildungstruppenteil stationiert wurde.

Auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes nördlich des Gutes entstand nach Kriegsbeginn das erste Kriegsgefangenenlager im Wehrkreis II (daher die Bezeichnung A), in welchem ab dem 12. September 1939 die ersten polnischen Kriegsgefangenen eintrafen. Die größten Gruppen stellten die französischen, polnischen und sowjetischen Kriegsgefangenen.[2] Im Jahre 1941 erweiterte die Wehrmacht im Südteil das Lager, um sowjetische Kriegsgefangene aus den Kesselschlachten unterbringen zu können. Die ersten sowjetischen Gefangenen trafen im Stalag II A Neubrandenburg Ende September 1941 aus dem Stalag X D (310) Wietzendorf ein. Es folgten Transporte aus dem Stalag Chelm (319) und dem Stalag II G Groß Born (323). Bis Ende Oktober wurden ca. 15 000 gefangene Rotarmisten nach Neubrandenburg transportiert. Die meisten von ihnen waren in schlechter Verfassung und hatten Sommeruniformen an. Die Tagesration bestand 1941 aus etwa 200 g Brot und dünner Suppe ohne Fett und Fleisch.[3] Nach der Ankunft wurde für jeden Kriegsgefangenen die Personalakte I mit persönlichen Daten angelegt. Auf der Rückseite vermerkte man außerdem Aufenthalte in Arbeitskommandos, Verlegung in andere Lager, Lazarettbehandlungen und Strafen. Jeder Kriegsgefangene erhielt eine Erkennungsmarke mit einer Registriernummer, die auf der Personalkarte ebenfalls notiert wurde. Nach dem Kriege wurden die Personalunterlagen der Gefangenen gemäß der Genfer Konvention in die Sowjetunion gebracht und lagern in Podolsk im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation. [4] Im Oktober 1941 führte die Gestapo Stettin nach dem Einsatzbefehl Nr. 9 vom 21. Juli 1941 [5] im Stalag II A Neubrandenburg Aussonderungen unter den angekommenen sowjetischen Gefangenen durch. Sie betrafen Juden, Partei- und Staatsfunktionäre, Polit-Kommissare der Roten Armee und fanatische Kommunisten. Mindestens 75 Personen wurden in das KZ Sachsenhausen transportiert und dort ermordet. [6]

Insgesamt gab es 35 Kriegsgefangenenbaracken. Im März 1943 war das Lager mit rund 10.400 Kriegsgefangenen belegt, später wuchs aufgrund von Evakuierungen anderer Lager die Zahl auf ca. 15.000.

Befreit wurden die Kriegsgefangenen am 28. April 1945 durch sowjetische Panzerverbände.[7] Insgesamt durchliefen etwa 70.000 Kriegsgefangene das Lager. Laut Angaben der Gedenkstätte verstarben im Lager ungefähr 6000 sowjetische Kriegsgefangene und etwa 500 Kriegsgefangene der westlichen Alliierten.[8]

NKWD-Lager Nr. 9 Fünfeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1945 bis 1948 internierte die sowjetische Besatzungsmacht über 15.000 Personen auf dem Gelände, mindestens 4900 von ihnen kamen ums Leben.

Gedenkstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 1992 begann mit der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft die Aufarbeitung in Neubrandenburg. Im darauf folgenden Jahr wurde am ehemaligen Lagereingang ein Denkmal errichtet. Im Jahre 1999 wurden 59 Bronzetafeln eingeweiht. Sie tragen die Namen der 5169 deutschen Toten des NKWD-Lagers Fünfeichen. Zum 60. Jahrestag der Schließung des Speziallagers Nr. 9 wurde im April 2008 eine ursprünglich in der Neubrandenburger Marienkirche verwendete Stahlglocke im Eingangsbereich der Gedenkstätte geweiht. Neben dem Mahn- und Gedenkgelände befindet sich heute eine Kaserne der deutschen Bundeswehr.

Panorama der Gedenkstätte

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tobias Baumann: Das Speziallager Nr. 9 Fünfeichen. In: Sergej Mironenko u. a. (Hrsg.): Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950. Band 1: Alexander von Plato (Hrsg.): Studien und Berichte. Akademie Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-05-002531-X, S. 426–444. (nicht eingesehen).
  • Ingrid Friedlein (Red.): Die Opfer von Fünfeichen. 2 Bände (Bd. 1: Erlebnisberichte Betroffener und Angehöriger. Bd. 2: Namensliste der Verstorbenen.). Herausgegeben vom Sprecherrat der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. Stock und Stein, Schwerin 1996, ISBN 3-910179-99-1.
  • Dieter Krüger: „…Doch sie liebten das Leben“. Gefangenenlager in Neubrandenburg 1939–1945. Regionalmuseum Neubrandenburg, Güstrow 1990 (Schriftenreihe des Regionalmuseums Neubrandenburg 21, ZDB-ID 1194958-2).
  • Natalja Jeske: Gefangen im Krieg. Sowjetische Kriegsgefangene in Mecklenburg-Vorpommern 1941 - 1945. Regionalmuseum Neubrandenburg, Neubrandenburg 2015 (Schriftreihe des Regionalmuseum Nr. 44 ISBN 978-3-939779-24-7)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sabine Bock: Herrschaftliche Wohnhäuser auf den Gütern und Domänen in Mecklenburg-Strelitz. Architektur und Geschichte. Band 1. (= Beiträge zur Architekturgeschichte und Denkmalpflege, 7.1–3). Thomas Helms Verlag Schwerin 2008, ISBN 978-3-935749-05-3, S. 243.
  2. Natalja Jeske: Gefangen im Krieg. 2015, S. 7.
  3. Natalja Jeske: Gefangen im Krieg. 2015, S. 9.
  4. Natalja Jeske: Gefangen im Krieg. 2015, S. 16.
  5. Bundesarchiv Berlin.
  6. Natalja Jeske: Gefangen im Krieg. 2015, S. 18.
  7. Neubrandenburg Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen (Memento vom 22. Februar 2012 im Internet Archive). (PDF; 5 KB)
  8. Flyer der Gedenkstätte Fünfeichen (PDF; 1,1 MB), abgerufen am 28. Januar 2013

Koordinaten: 53° 31′ 31″ N, 13° 17′ 33″ O