Stampflehm

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Aït-Ben-Haddou (Marokko) – Kasbah aus Stampflehm
Sanaa (Jemen) – Lehmarchitektur
Das Haus Hainallee 1 in Weilburg (1826–28) gilt als höchstes Pisé-Gebäude der Welt.

Der Stampflehmbau (oder „Pisé“ von frz. piser, span. pisar = stampfen) ist eine massive Lehmbau-Art und unterscheidet sich somit grundsätzlich vom Bauen mit luftgetrockneten Lehmziegeln.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bauen mit Stampflehm ist seit der Vorzeit belegt. Bereits vor der Römerzeit wurde die Technik in den Berberregionen Nordafrikas, auf der Arabischen Halbinsel sowie im Vorderen Orient angewandt, wo sie – wenn auch immer seltener werdend – auch heute noch in ländlichen Gebieten gebräuchlich ist. Auch in weiten Teilen Europas wurde bis ins Mittelalter hinein mit Stampflehm gebaut; in der Neuzeit geriet das Bauen mit Lehm jedoch allmählich überall in Europa in Vergessenheit – gebrannte Ziegelsteine ersetzten die älteren Lehmmauern. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Technik in Form des „Lehmpisé-Baus“ wieder aufgenommen.

Speziell in Thüringen und Sachsen entwickelte sich die Lehmwellerbauweise, bei der der Lehm nicht in die Schalung gestampft wird, sondern sich aufgrund des höheren Strohanteils unmittelbar zu einer Wand aufschichten lässt, die später glatt abgestochen wird.

Verarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stampflehmmauer

Je nach Region werden ca. 10–40 cm hohe Schichten (nicht höher, da sonst keine gute Verdichtung mehr möglich ist) erdfeuchten Lehms mit einer Rohdichte von 1700 bis 2200 kg/m³ zwischen eine druckfeste Schalung geschüttet und mit Stampfgeräten verdichtet. Gegenüber traditionellen Techniken reduziert maschinelles Stampfen den Zeit- und Arbeitsaufwand. Nach Fertigstellung kann sofort ausgeschalt werden, da es keine Abbindezeit wie beim Beton gibt. Das Betreten eines gerade ausgeschalten Satzes sollte aber zunächst vermieden werden.

Bei einer oben im Tragwerk des Gebäudes fixierten Stampflehmwand darf das Verhältnis von Höhe/Tiefe (h/t) den Wert 12 nicht übersteigen. Eine freistehende Wand muss deutlich breiter sein.

Vor- und Nachteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das in der Natur häufig vorkommende Gemisch aus Lehm, Sand und Schotter eignet sich für den Stampflehmbau am besten. Dieser Baustoff lässt sich also umweltschonend, weil ohne hohen zusätzlichen Einsatz von Primärenergie herstellen. Im Gegensatz zu anderen Baustoffen wie zementgebundenem Beton, gebrannten oder gedampften Kunststeinen oder Stahl hinterlässt ein Lehmziegelbau keine Rückstände.

Zudem ist Lehm hygroskopisch, also (Luft-)Feuchtigkeit aufnehmend und abgebend, und wirkt somit wie offenporiges Holz und andere (weitgehend) naturbelassene Baustoffe gesundheitsförderlich regulierend auf das Raumklima. Darüber hinaus emittiert Lehm keine allergenen oder anderweitig gesundheitsschädlichen synthetischen Stoffe.

Bei einem Abriss oder Umbau des Gebäudes lässt sich der Baustoff auf einfachste Weise lagern bis er wieder mit Wasser angemischt und erneut verwendet oder der Landschaft, der er entnommen wurde, wieder übergeben wird.

Auch die Wärmedämmwerte von Lehm sind vorzeigbar und können, wie in früheren Jahrhunderten bereits üblich, durch Beimengung von Stroh oder Holzwolle, -häckseln, -spänen, Sägemehl, Blähton, Blähschiefer, Perlite und ähnlichen leichten Füllstoffen noch deutlich gesteigert werden. Eine solide Stampflehmwand erreicht den F90-Standard, kann aber bei einer Brandbekämpfung durch den Hochdruckwasserstrahl der Feuerwehr abgetragen werden.

Lehm ist weniger beständig gegen Durchfeuchtung, sowie Druck-, Zug- und Biegespannungen als Bauteile aus Stahl oder Beton, was Bauentwürfen mit filigranen oder auskragenden Bauteilen Grenzen setzt. Ansonsten ist Lehm ein statisch hinreichend fester, preisgünstiger Baustoff.

Oberflächenstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehm gibt es in verschiedenen Tönungen. Durch Zugabe von Erdpigmenten kann die Wand eingefärbt werden.

Die Oberflächenstruktur wird bei unverputztem Stampflehm natürlich auch durch die Zuschläge und die Verarbeitung beeinflusst. In der Regel ist damit zu rechnen, dass die durch die lagenweise Einbringung des Lehmgemischs in die Schalung entstehenden Absätze später als Linien sichtbar sind.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Salomo Sachs: Anleitung zur Erdbau-Kunst (Pisé-Bau). Verlag der Buchhandlung Friederich Amelang, Berlin 1825 (Digitalisat)
  • Richard Niemeyer: Der Lehmbau und seine praktische Anwendung. Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe aus dem Jahre 1946. Ökobuch Verlag, Staufen bei Freiburg 1982, ISBN 3-922964-10-9.
  • Martin Rauch: Rammed Earth = Lehm und Architektur. Birkhäuser, Basel u. a. 2001, ISBN 3-7643-6461-0.
  • Günter zur Nieden, Christof Ziegert: Neue Lehm-Häuser international. Projektbeispiele, Konstruktionen, Details. Bauwerk, Berlin 2002, ISBN 3-934369-11-1.
  • Silke Krüger: Stampflehm. Renaissance einer alten Technik. Manudom-Verlag, Aachen 2004, ISBN 3-9807245-1-4.
  • Peter Walker, Rowland Keable, Joe Martin, Vasilios Maniatidis: Rammed Earth. Design and construction guidelines. BRE Bookshop, Watford 2005, ISBN 1-86081-734-3, (Pub. no. EP 62).
  • Ulrich Röhlen, Franz Volhard: Lehmbau Regeln. Begriffe - Baustoffe - Bauteile. 3. überarbeitete Auflage. Verlag Vieweg + Teubner, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-8348-0189-0, (Praxis).
  • Ulrich Röhlen, Christof Ziegert: Lehmbau-Praxis. Planung und Ausführung. Bauwerk, Berlin 2010, ISBN 978-3-89932-125-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stampflehm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien