Ste-Marie-Madeleine (Vézelay)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Basilika Sainte-Marie-Madeleine

Die Basilika Sainte-Marie-Madeleine ist eine romanische Kirche in Vézelay im Burgund. Sie trägt den Titel einer Basilica minor seit 1925.[1] Hügel und Kirche von Vézelay zählen seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Seit 1998 ist die Kirche auch als Teil des „Jakobsweg in Frankreich“-Weltkulturerbes ausgezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heutige Basilika Sainte-Marie-Madeleine ist nicht die erste Kirche an diesem Ort, zuvor stand hier eine karolingische Kirche. Abt Artaud ersetzte den karolingischen Chor durch einen romanischen, er wurde 1104 geweiht. Im Jahre 1120 wurde das karolingische Kirchenschiff durch einen Brand beschädigt. Daraufhin begann man mit der Errichtung des heutigen Hauptschiffs und seiner Fassade mit den drei figürlich gestalteten Portalen. Spätestens gegen 1140, vielleicht auch schon 1132 (für dieses Jahr ist die Weihe einer ecclesia peregrinorum in Anwesenheit des Papstes überliefert), waren die Arbeiten am Schiff und der Fassade beendet. Anschließend (1145–50) folgte die Vorhalle, der sog. Narthex, mit einer eigenen Fassade nach außen hin. Die heutige, monumentale und nach außen hin geschlossene Anlage ist dabei erst der zweite Plan, zuvor war eine offene und deutlich niedrigere Vorhalle geplant.[2] Die Abtei von Vézelay war ein wichtiges Zentrum der Christenheit. Sie war nicht nur Ziel einer blühenden Wallfahrt zum angeblichen Grab der Maria Magdalena, das man ab der Mitte des 12. Jahrhunderts hier verortete, sondern auch Ausgangspunkt von einer der vier wichtigsten Pilgerstraßen nach Santiago de Compostela. Die Stiftungen der Pilger sorgten für einen stetigen Fluss von Geld in die Kassen der Abtei, während die politische Unabhängigkeit von lokalen Autoritäten (dem Bischof von Autun, dem Graf von Nevers) ihre lokale Machtstellung sicherte. Die Relevanz der Abtei lässt sich daran ablesen, dass sie als Schauplatz zahlreicher Ereignisse von welthistorischer Bedeutung diente: 1146 etwa wurde in Vézelay der zweite Kreuzzug ausgerufen.[3]

„Kurz nach Fertigstellung des Langhauses erlebte Vézelay den Höhepunkt seiner Geschichte: Ostern 1146 ruft Bernhard von Clairvaux auf Geheiß Papst Eugens III. vor einer riesigen Menschenmenge, die die Kirche nicht fassen kann und sich daher auf dem Hang südlich der Kirche versammelt hat, im Beisein von König Ludwig VII., der Königin Eleonore von Aquitanien und der Großen des Reiches zum Zweiten Kreuzzug auf. Mehr als ein halbes Jahrhundert später, 1190, treffen sich in Vézelay die Könige Philippe-Auguste und Richard Löwenherz mit ihren Armeen zum Dritten Kreuzzug nach Palästina [...] Vézelay wird nicht nur Sammelort der Pilger, sondern auch der Ritter aus ganz Europa. 1166 flüchtet hier Thomas Becket vor der Verfolgung des englischen Königs, der hl. Franziskus gründet hier 1217 seine erste Niederlassung in Frankreich.“

Klaus Bußmann: Burgund, Köln 1977, S. 171

Nach erneutem Brand wurden 1185–1215 der Chor und das Querschiff in bereits frühgotischem Stil errichtet. Noch später (1260) folgten der Südwestturm (St. Michel) mit einer 15 m hohen hölzernen Spitze und die hochgotische Westfassade. Der Nordturm wurde nicht weiter aufgebaut. 1819 brannte die Turmspitze ab. Viollet-le-Duc restaurierte die stark baufällige Kirche ab 1840. Unter seiner Leitung wurde u. a. das äußere Westportal, das wahrscheinlich das Weltgericht mit einer Majestas Domini zeigte und in der französischen Revolution fast vollständig zerstört worden war, durch eine Neuschöpfung ersetzt.[3]

Die Kirche wurde 1993 vom Ortsbischof an die französischen Brüder- und Schwesterngemeinschaft Fraternité de Jérusalem zur Nutzung übergeben. Vézelay ist weltberühmt für die Kapitelle der Säulen, die biblische Geschichten veranschaulichen, sowie für das Hauptportal.

Hauptkirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelschiff von Sainte-Marie-Madeleine

Die Kirche Sainte Marie-Madeleine ist eine dreischiffige Basilika mit sehr lang gezogenem Langhaus (zehn schmalrechteckige Travéen), einem kaum auskragenden Querhaus und einem Umgangschor mit Kranzkapellen. Der Aufriss der Mittelschiffswand ist zweizonig, die einzelnen kreuzgratgewölbten Travéen werden von einem differenzierten System von Wandvorlagen voneinander geschieden. In Mittel- und Seitenschiff befinden sich zahlreiche aufwändig figürlich oder floral gestaltete Kapitelle.

Der Chor hingegen ist dreizonig aufgebaut, mit hohen, schmalen Arkaden, einem Triforium und großen spitzbogigen Obergadenfenstern ohne Maßwerk.

Krypta
Das Hauptportal der Vorkirche
Das rechte Nebenportal: Geburt und Anbetung esu

Das Langhaus von Vézelay nimmt mit seiner Baustruktur eine Sonderstellung in Burgund ein. Viele andere Kirchen Burgunds aus dieser Zeit (z. B. Paray-le-Monial, St. Lazare in Autun) sind in ihrem Baustil geprägt von der Kirche des mächtigen Klosters Cluny. Das cluniazensische Architektursystem zeigt einen dreiteiligen Wandaufbau (Arkaden, Triforium, Fenster) und die Verwendung des Spitzbogens in den Arkaden und im Tonnengewölbe. Demgegenüber wird in Vézelay nur der Rundbogen verwendet, der Wandaufbau ist zweigeschossig und das Langhaus ist mit einem Kreuzgratgewölbe überdeckt. Als Vorbild dieser Baustruktur gilt die Kirche in Anzy-le-Duc. Vergleichbar ist auch St. Lazare im benachbarten Avallon. Charakteristisch ist der farbige Wechsel der Steinschichten in den Gurtbögen. Dieses Merkmal war bereits 100 Jahre zuvor mit der um 1020 begonnenen Abteikirche Saint-Philibert in Tournus in die burgundische Architektur eingeführt worden.

Krypta[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Krypta befindet sich unter dem erhöhten Chor. Sie ist 19 m lang und 9,20 m breit. Sie besitzt ein Kreuzgratgewölbe, das auf zwölf Säulen unterschiedlicher Größe ruht. Die Krypta enthielt angebliche Reliquien der Maria Magdalena.

Das linke Nebenportal: Erscheinungen und Himmelfahrt Jesu

Vorhalle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Westen ist dem Bau ein ebenfalls dreischiffiger, drei Joche langer Narthex vorgelagert. Ihr verdanken die Tympana und die Kapitelle ihren hervorragenden Erhaltungszustand. Eine solche Vorhalle wurde u. a. als zusätzliche Station für die raumgreifenden Prozessionen des cluniazensischen Ritus genutzt.[4]

Das große Mittelportal (errichtet schon im Zusammenhang mit dem Kirchenschiff, zwischen 1120 und 1140)[2] stellt im Tympanon die Spende des Heiligen Geistes an die Apostel durch Christus dar, also das Pfingstereignis. Es ist zugleich Gründung der Kirche wie die Aussendung der Apostel zur Mission in aller Welt.[5] In den kastenartig gerahmten Feldern sind die Völker der Erde dargestellt, zu denen die Apostel das Evangelium bringen sollen. In den Medaillons der Archivolten sind die Tierkreiszeichen und Monatsarbeiten wiedergegeben. Die Nebenportale zeigen Anfang und Ende des irdischen Lebens Jesu: links Verkündigung, Geburt und Anbetung der Heiligen Drei Könige, rechts die Emmaus-Erscheinung und die Himmelfahrt.

Kapitelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kapitelle von Vézelay stammen aus der Zeit zwischen 1120 und 1140. Von den 99 Kapitellen im Kirchenschiff sind nur wenige im 19. Jahrhundert durch Kopien der Originale ersetzt worden. Leitthemen der Kapitelle von Vézelay sind die Darstellungen des Guten und des Bösen in vielfältigen Beispielen.

Die mystische Mühle (Detail)

Das berühmteste Kapitell in Vézelay ist Die mystische Mühle. Ein Mann im kurzen Gewand mit Schuhen an den Füßen schüttet Korn in eine Mühle, während ein barfüßiger anderer, bekleidet mit einer weißen Toga, das Mehl auffängt. In der ersten Gestalt muss man Moses sehen; im Korn, das er in die Mühle schüttet, das Gesetz des Alten Testamentes, das er von Gott am Berg Sinai erhalten hat. In der Mühle, die das Korn mahlt, wird symbolisch Christus dargestellt (das Rad ist mit einem Kreuz bezeichnet). In dem Menschen, der das Korn auffängt, wird der Apostel Paulus gezeigt, und im Mehl selbst das Gesetz des Neuen Bundes, die neue Gerechtigkeit. Das Gesetz des Moses enthielt zwar die Wahrheit, aber es war eine verborgene Wahrheit, so verborgen wie das Mehl im Korn. Erst durch das Opfer Christi am Kreuz ist es in dieses Mehl verwandelt worden, das man in sich aufnehmen kann, indem man es zu Brot weiterverarbeitet: und das ist das neue Gesetz des Evangeliums Jesu Christi, das der hl. Paulus durch Gottes Auftrag annahm, um es weiter zu verbreiten.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orgel wurde 1922 von dem Orgelbauer Reygaërt (Auxerre) erbaut; das Gehäuse wurde von dem Künstler Lebrun (Vézelay) geschaffen. Das rein mechanische Instrument hat 16 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Pedalregister sind Transmissionen.[6]

I Grand Orgue C–g3
Bourdon 16′
Montre 8′
Bourdon 8′
Salicional 8′
Prestant 4′
Doublette 2′
Fourniture
Trompette 8′
II Récit C–g3
Flûte traversière 8′
Viole de Gambe 8′
Voix céleste 8′
Flûte 4′
Trompette harmonique 8′
Basson/Hautbois 8′
Pédalier C–f1
Soubasse (aus G.O.) 16′
Basse (aus Récit) 8′

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstreiseführer

  • Klaus Bußmann: Burgund. DuMont, Köln 1988, ISBN 3-7701-0846-9. (DuMont Kunst-Reiseführer)
  • Thorsten Droste: Burgund. Kernland des europäischen Mittelalters. Hirmer, München 2001, ISBN 3-7774-8980-8.
  • Sibylle Lauth: Kunstdenkmäler in Burgund. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-14908-4.

Kunsthistorische Fachliteratur

  • Peter Diemer: Stil und Ikonographie der Kapitelle von Ste.-Madeleine, Vézelay. Dissertation. Heidelberg 1975.
  • Bernhard Rupprecht: Romanische Skulptur in Frankreich. Aufnahmen von Max und Albert Hirmer. 2. Auflage. Hirmer, München 1995, ISBN 3-7774-3750-6.
  • Francis Salet: La Madeleine de Vézelay. Étude iconographique de Jean Adhémar. Melun 1948.
  • Stéphane Büttner: La mise en œuvre de la façade et du grand portail de la nef de Vézelay. Nouvelles données archéologiques. In: Les Cahiers de Saint-Michel de Cuxa XLV, 2014. Le portail roman – XIe-XIIe siècles. Nouvelles approches, nouvelles perspectives. S. 145–156.
  • Marcel Angheben: Apocalypse XXI–XXII et l'iconographie du portail central de la nef de Vézelay. In: Cahiers de civilisation médiévale 41, 1998. S. 209–240.
  • Peter Diemer: Das Pfingstportal von Vézelay. Wege, Umwege und Abwege einer Diskussion. In: Jahrbuch des Zentralinstituts für Kunstgeschichte 1, 1985. S. 77–114.
  • Arnaud Timbert: Vézelay: le chevet de la Madeleine et le premier gothique bourguignon. Rennes 2009.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ste-Marie-Madeleine (Vézelay) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Basilique Sainte-Marie-Madeleine auf gcatholic.org
  2. a b Stéphane Büttner: La mise en œuvre de la façade et du grand portail de la nef de Vézelay. Nouvelles données archéologiques. In: Les Cahiers de Saint-Michel de Cuxa. Le portail roman – XIe-XIIe siècles. Nouvelles approches, nouvelles perspectives. Band XLV, 2014, S. 145–156, hier S. 146.
  3. a b Francis Salet: La Madeleine de Vézelay. Melun 1948, S. 33 f.
  4. Peter Diemer: Das Pfingstportal von Vézelay. Wege, Umwege und Abwege einer Diskussion. In: Jahrbuch des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Nr. 1, 1985, S. 77–114, hier S. 102 f.
  5. Marcel Angheben: Apocalypse XXI–XXII et l'iconographie du portail central de la nef de Vézelay. In: Cahiers de civilisation médiévale. Band 41, 1998, S. 209–240, hier S. 213 ff.
  6. Informationen zur Orgel (französisch)

Koordinaten: 47° 27′ 59″ N, 3° 44′ 55″ O