Stechäpfel

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Stechäpfel
Gemeiner Stechapfel (Datura stramonium)

Gemeiner Stechapfel (Datura stramonium)

Systematik
Kerneudikotyledonen
Asteriden
Euasteriden I
Ordnung: Nachtschattenartige (Solanales)
Familie: Nachtschattengewächse (Solanaceae)
Gattung: Stechäpfel
Wissenschaftlicher Name
Datura
L.

Die Stechäpfel (Datura) sind eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Die weltweit etwa 20 Arten sind alle stark giftig.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration aus Blanco des Indischen Stechapfel (Datura metel L.)
Habitus, Laubblätter und Blüten von Datura discolor
Frucht des Gemeinen Stechapfel (Datura stramonium)
Samen Großblütigen Stechapfel (Datura inoxia)
Samen des Gemeinen Stechapfel (Datura stramonium) unter dem Rasterelektronenmikroskop

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stechapfel-Arten sind einjährige oder kurzlebige ausdauernde, krautige Pflanzen, die Wuchshöhen von meist 0,5 bis 1,2 (0,2 bis 2) m erreichen. Die oberirdischen Pflanzenteile können unbehaart, behaart oder flaumig sein, wobei die Trichome in vielen verschiedenen Typen, beispielsweise aufrecht, niederliegend, nach oben oder unten gewandt, konisch, einfach, drüsig oder nicht-drüsig, vorkommen können. Oftmals ist die Behaarung an jungen Pflanzenteilen dicht bis sehr dicht, während sie an älteren Pflanzenteilen nachlässt oder sogar ganz verschwindet. Die dichotom verzweigenden Sprossachsen ist meist massiv, nur bei der Art Datura ceratocaula ist er hohl.[1]

Die Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die Blattstiele sind meist 5 bis 10 (2 bis 16) cm lang. Die einfachen Blattspreiten sind bei einer Länge von meist 8 bis 18 (5 bis 30) cm eiförmig bis eiförmig-lanzettlich mit meist ungleichmäßig bis fast gleichmäßig gestaltete Spreitenbasis und zugespitztem oberen Ende. Der Blattrand ist ganzrandig, zurückgebogen, stark oder auch leicht wellenförmig gezähnt bis gelappt.[1]

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blüten stehen in den Verzweigungen der Sprossachsen aufrecht oder schräg an, mit Längen von meist 7 bis 15 (5 bis 25) mm, relativ kurzen Blütenstielen.

Die zwittrigen Blüten sind fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Der zylindrische Kelch ist 2,5 bis 14 (16) mm lang und besitzt meist fünf, selten auch drei bis sechs Kelchlappen oder Kelchzähne, die dreieckig, gleich oder ungleich geformt und zugespitzt bis spitz sind. Die Länge der Kelchlappen oder -zähne liegt meist bei 6 bis 12 mm, kann aber auch 13 bis 35 mm betragen, gelegentlich ist die Trennung der Kelchzähne nicht klar auszumachen. Eine Art, Datura ceratocaula, besitzt einen auf einer Seite gespaltenen Kelch, so dass dieser einem einzelnen Hochblatt ähnelt. Nach der Blühphase fällt der Kelch ab, so dass nur an der Basis ein kreisförmiger Rest bestehen bleibt. Die sich in den Abendstunden öffnende Blütenkrone ist grob trichter- oder trompetenförmig, in Ausnahmefällen auch doppelt oder dreifach gefüllt. Sie ist einheitlich weiß, lavendelfarbig oder violett gefärbt. Je nach Art sind die Kronblätter 4 bis 6 (9,5) cm oder (8) 15 bis 21 cm lang. Der Rand der Kronblätter ist fünflappig. Bei einigen Arten treten sekundäre Kronlappen auf, sodass die Blüten einen zehnlappigen Eindruck machen.[1]

Die Staubblätter befinden sich für gewöhnlich in der Krone, die Staubfäden sind in der unteren Hälfte der Krone fixiert. Nur dort sind die Staubfäden mit Trichomen besetzt. Die linear-elliptischen Antheren kommen artabhängig in zwei verschiedenen Größen vor, zum einen 2 bis 5 mm, zum anderen 5 bis 12 (15) mm. Entlang der Aufplatzlinie der Antheren sind sehr lange fadenförmige Trichome zu finden. Der Fruchtknoten ist konisch geformt, zum Teil unterständig, durch die Ausbildung eines falschen Septums in der unteren Hälfte oft vierkammrig. Oft ist der Fruchtknoten mit unterschiedlich vielen kleinen, fleischigen Stacheln versehen, die sich gelegentlich in der Frucht vergrößern und versteifen. Die Narbe ist zweilappig, feucht und warzig.[1]

Außer bei der Art Datura ceratocaula, die nicht aufspringende, weiche Beeren ausbildet, sind die Früchte aller Stechapfel-Arten eiförmige, elliptische oder kugelförmige vierkammrige Kapselfrüchte, die aufrecht oder zurückgebogen an der Pflanze stehen. Die Kapselfrüchte springen an zwei, selten an vier Klappen auf, die manchmal unregelmäßig angeordnet sind. Das Perikarp der Früchte ist meist schwach flaumartig behaart und mit bis zu 200 gleichförmigen, schlanken, mit bis zu 50 verschiedenartig geformten scharfen Stacheln, mit schwach behaarten Borsten oder zahlreichen stumpfen Höckerchen besetzt. Die Länge der Stacheln variiert zwischen 0,5 und 3,2 cm. In allen Arten steht der Frucht entgegengesetzt der kreisförmige, zurückgebogene Überrest des Kelches. In den Früchten befinden sich (25) 150 bis 300 (500) scheiben- bis nierenförmige Samen, mit einer Länge von meist 4 bis 5 (2,5 bis 6) mm. Sie sind schwarz, gelb oder braun, teilweise mit weißen oder gelblichen Elaiosomen versehen.[1]

Verbreitung, Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arten der Gattung Datura wachsen überall außer in polaren und subpolaren Klimazonen. Einige Arten stammen aus Asien, andere aus Amerika. Bei jetzt kosmopolitischen Arten, wie Datura stramonium, ist die ursprüngliche Herkunft unsicher. Der Gattungsname Datura kommt über das Portugiesische aus einer indischen Sprache, vgl. Hindi dhatūra. Der Name ist bereits im Sanskrit als dhattūra belegt.

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gattung enthielt früher auch die mittlerweile als eigene Gattung abgesetzten Engelstrompeten (Brugmansia). Aufgrund phylogenetischer Untersuchungen können die verbleibenden Arten in vier Sektionen geteilt werden:[2]

Gemeiner Stechapfel (Datura stramonium)
Frucht des Dornigen Stechapfel (Datura ferox)
Habitus, Laubblätter und Blüten von Datura wrightii

Nicht mit in dieser Untersuchung einbezogen und möglicherweise Synonyme der oben genannten Arten sind[3]:

  • Datura bernhardii C.E.Lundstr.
  • Datura kymatocarpa A.S.Barclay
  • Datura reburra A.S.Barclay

Die International Brugmansia & Datura Society, Inc. (IBADS/iBrugs)[4] ist die offizielle International Cultivar Registration Authority (ICRA) für die Gattung Datura. Diese Rolle wurde im Jahr 2002 von der International Society for Horticultural Sciences (ISHS) zuerst an die American Brugmansia And Datura Society (ABADS) übertragen. Im August 2010 wechselte ABADS offiziell ihren Namen in IBADS/iBrugs.

Kultur, Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In nativ-amerikanischen Kulturen haben diese Pflanzenarten sowohl zeremonielle als auch medizinische Bedeutung.

Stechäpfel werden seit Jahrtausenden als Heilkraut verwendet. Der Rauch getrockneter Blätter wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein zur Linderung von Asthma eingesetzt,[5] so beispielsweise auch prominent von Marcel Proust.[6] Die Mittel wurden als Räucherpulver oder in Form von Zigaretten aus dem getrockneten Kraut eingesetzt, die zur besseren Verbrennung mit Kaliumnitrat imprägniert wurden. Pharmakologisch wirksame Substanz war Atropin, das die Bronchialgefäße erweitert. Allerdings versagte die Wirkung bei längerer Anwendung häufig.[7]

Neben der medizinischen Bedeutung wurde und wird Datura als Rauschmittel zur Bewusstseinsveränderung verwendet. Zuni-Priester benutzten die Pflanze, um die Geister der Ahnen zu kontaktieren oder die Identität von Dieben zu ermitteln. In den westlichen Industrienationen war die Verwendung vor allem in den 1970er Jahren bei jugendlichen Konsumenten zeitweise in Mode, dies wird vor allem auf die damals populären Werke von Carlos Castaneda zurückgeführt, in denen der Gebrauch erwähnt wird. Heute noch auftretende Vergiftungsfälle betreffen aber weitaus häufiger die verwandten Engelstrompeten (Brugmansia).[8]

In der westeuropäischen Volksmedizin ist der Stechapfel ohne Bedeutung. In Osteuropa und Westasien dagegen wird er trotz seiner Giftigkeit genutzt. In Russland legte man frische Blätter auf Brandwunden. An der Wolga versuchte man mit dem Rauch, der beim Verbrennen der Samen entsteht, Zahnschmerzen zu vertreiben.[9] Im europäischen Raum wurde die Pflanze auch mit der Flugsalbe in Verbindung gebracht. Nach Hexenprozessakten aus der Steiermark soll aus ihren Samen, vermischt mit Fett, eine Salbe bereitet worden sein, die das Gefühl erzeugt habe, man könne in Gestalt eines Vogels fliegen.[10] Plausibel werden diese Annahmen durch die halluzinogene Wirkung und die Erzeugung sexueller Träume durch die giftigen Inhaltsstoffe des Stechapfels.[9] Mit dem Ruf als Hexenpflanze verbunden ist möglicherweise auch die Vermutung,[10] dass die „Zigeuner“ den Stechapfel im 15. Jahrhundert aus Westasien nach Europa eingeführt oder verbreitet hätten.[9]

Da der Stechapfel als Aphrodisiakum gilt, wurde Datura in Europa, China und Peru Getränken wie Bier zugesetzt.

Im Aberglauben begegnet man dem Stechapfel gelegentlich unter dem Namen „Donnerkugel“ als gewitterabweisende Pflanze. Einem Brauch aus dem Vinschgau zufolge sollten besonders die an Mariä Himmelfahrt (15. August) im Kräuterwisch geweihten Stechapfelfrüchte diese Wirkung erzielen. Die „Zigeuner“ verwendeten den Stechapfel als Orakelpflanze.[9]

Heute werden Datura spp. wegen ihrer schönen Blüte hauptsächlich als Zierpflanzen verwendet. Von dieser Nutzung gehen öffentliche Stellen allerdings wegen der Giftigkeit der Pflanze zunehmend ab. Die Pflanze wird häufig mit den Engelstrompeten verwechselt.

Datura metel war der Hauptbestandteil bei der weltweit ersten Operation mit einem Narkotikum (Tsūsensan) durch Hanaoka Seishū.

Therapeutische Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Datura-Arten sind Giftpflanzen. Sie enthalten Alkaloide, im Wesentlichen Hyoscyamin (Atropin) und Scopolamin. Der (weiße) Stechapfel wird zur Gewinnung der Alkaloide benutzt. Er wird selten als Krampflöser bei Asthma bronchiale und Keuchhusten oder als auswurfförderndes Mittel bei Bronchitis eingesetzt, wobei bei der Anwendung stets zu beachten ist, dass die wissenschaftliche Medizin bei diesen Erkrankungen wirksamere und sicherere Medikamente zur Verfügung stellt.

Wirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Konsum des Stechapfels kann zu sehr ausgeprägten und kaum zu bewältigenden, echten Halluzinationen typischerweise bedrohlicher Natur führen (Horrortrip). Viele Konsumenten berichten, dass die Wirkung verglichen mit anderen Drogen äußerst unangenehm sei. Sie kann bei hohen Dosierungen mehrere Tage anhalten. Durch Bewusstseinstrübung und Kontrollverlust besteht dabei ein hohes Unfallrisiko.

Die therapeutische Breite der Datura ist äußerst schmal und Wirkstoffgehalt und Zusammensetzung schwanken sehr stark. Die Konzentration kann je nach Standort zwischen 0,2 % und 0,4 % und darüber liegen, und auch innerhalb einer einzelnen Pflanze noch stark schwanken. Dies macht eine genaue Dosierung auf Anhieb unmöglich. Ein Herantasten an die vorab gewünschte Dosierung wird dadurch erschwert, dass man sich durch die (echt) halluzinogene Wirkung seines Zustandes selbst nicht bewusst ist. Aufgrund der hohen Toxizität der Stoffe treten bereits bei niedriger Dosierung starke Vergiftungserscheinungen auf, deren man sich selbst ebenfalls nicht bewusst wird. Höhere Dosierungen enden nicht selten tödlich.

Die Pflanze ist in allen Teilen stark giftig, vor allem durch die Alkaloide Scopolamin und Hyoscyamin (vgl. Tollkirsche). Bei der Isolierung von (S)-Hyoscyamin aus der Pflanze bildet sich durch Racemisierung Atropin. Die letale Dosis liegt bei Scopolamin bei 50 mg, bereits niedrigere Dosen können den Tod durch Atemlähmung herbeiführen. Bei Kindern können schon 4 bis 5 g der Blütenblätter zum Tode führen.

Vergiftungssymptome und mögliche Folgen: rasender Puls, Hautrötung, Pupillenerweiterung, Muskelzuckungen, trockener Mund, Durst, Unruhe, Rededrang, Schluck- und Sprachstörungen, Schläfrigkeit und/oder Halluzinationen, Verwirrtheit, Seh- und Gleichgewichtsstörungen, Herzrhythmusstörungen und komatöse Zustände, Bewusstlosigkeit und Tod durch Atemlähmung.

Arzneimittelgesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arzneimittel, die Datura-Arten oder ihre Zubereitungen enthalten, sind in Deutschland verschreibungspflichtig (Stand 2016).[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrike und Hans-Georg Preissel: Engelstrompeten, Brugmansia und Datura. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 1997, ISBN 3-8001-6614-3.
  • Bert Marco Schuldes: Psychoaktive Pflanzen. Nachtschatten Verlag, ISBN 3-925817-64-6.
  • Horst Wirth: Die Tollkirsche und andere medizinisch angewandte Nachtschattengewächse., A. Ziemsen Verlag, Lutherstadt Wittenberg 1965.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Armando T. Hunziker: The Genera of Solanaceae. A.R.G. Gantner Verlag K.G., Ruggell, Liechtenstein 2001, ISBN 3-904144-77-4, S. 149–153.
  2. E. S. Mace, C. G. Gebhardt, R. N. Lester: AFLP analysis of genetic relationships in the tribe Datureae (Solanaceae). In: TAG Theoretical and Applied Genetics. Volume 99, Nummer 3-4, August 1999, S. 634–641. doi:10.1007/s001220051278
  3. a b c d e f g h Datura im Germplasm Resources Information Network (GRIN), USDA, ARS, National Genetic Resources Program. National Germplasm Resources Laboratory, Beltsville, Maryland. Abgerufen am 5. Dezember 2017.
  4. iBrugs Cultivar Registration Information.
  5. Hans Braun, Dietrich Frohne: Heilpflanzenlexikon: Wirkung, Verordnung, Selbstmedikation. 6. Auflage. Gustav Fischer, Stuttgart, Jena, New York 1994, ISBN 3-437-11551-0.
  6. Michael Maar: Chemie der Seele. Medizinisches zu Marcel Prousts Leidensgeschichte. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Oktober 1995, abgedruckt in: Wissenschaftsjahrbuch '96, S. 483–487.
  7. Rudolf Hänsel, Otto Sticher: Pharmakognosie - Phytopharmazie. Springer Verlag, 9. Auflage 2009. ISBN 978 3642009631. auf Seite 162.
  8. Jochen Gartz, Alexander Ochse: Naturdrogen und ihr Gebrauch. Nachtschatten Verlag, Solothurn 2012. ISBN 978 3037882245. Abschnitt 4.2.1 Der Stechapfel (Datura sp.)
  9. a b c d Manfred Bocksch: Heilpflanzen: Kennzeichen, Heilwirkung, Anwendung. BLV, München 1989, ISBN 3-405-13491-9, S. 82.
  10. a b Botanische Streifzüge auf dem Gebiet der Culturgeschichte. III. Die Pflanze als Zaubermittel. Wien 1859, S. 48 f. (Digitalisat bei Google Bücher, abgerufen am 15. April 2010).
  11. Anlage 1 zur Arzneimittelverschreibungsverordnung, Stand Oktober 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stechäpfel (Datura) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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