Steinstücken

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Luftaufnahme von Steinstücken, 1989

Steinstücken ist eine Ortslage im südlichsten Teil des Berliner Ortsteils Wannsee (Bezirk Steglitz-Zehlendorf) und liegt mit rund 300 Einwohnern geografisch auf dem Babelsberg. Ihre Ausdehnung beträgt rund einen Kilometer in Ost-West-Richtung und etwa 300 Meter in Nord-Süd-Richtung. Bekannt geworden ist Steinstücken vor allem als die einzige permanent bewohnte unter den zehn West-Berliner Exklaven in den Jahren des Kalten Krieges. Die „Kanonenbahn“ verläuft durch Steinstücken und trennt das Gebiet in zwei Teile.

Ursprung der Exklave[Bearbeiten]

Die Exklave entstand, als Bauern des Dorfes Stolpe 1787 ein Stück Land außerhalb ihrer eigentlichen Gemeindegrenzen erwarben, auf dem sich im 19. Jahrhundert eine Kolonie bildete. Stolpe wurde später nach Wannsee eingemeindet. Der äußere Grenzverlauf von Stolpe und folglich die Exklavensituation Steinstückens blieben bestehen. Die preußische Landvermessung und Neuordnung aus den Jahren 1865 bis 1868 ordnete Grundstücke außerhalb des Wohnorts ihrer Besitzer steuerlich und rechtlich jener Gemeinde zu, in der der Eigentümer wohnte.[1] Bei der Bildung Groß-Berlins 1920 wurde so die Gemeindegrenze von Wannsee zur äußeren Stadtgrenze Berlins und Steinstücken wurde zur Berliner Exklave. Bis 1945 war dieser Umstand von untergeordneter Bedeutung, Exklaven zwischen Gemeinden sind nicht ungewöhnlich. Geografisch lag Steinstücken im inzwischen gewachsenen Potsdamer Vorort Neubabelsberg, das Alltagsleben war dorthin ausgerichtet – trotz der administrativen Zugehörigkeit zu Berlin.

Im Kalten Krieg[Bearbeiten]

Hubschrauberlandeplatz Steinstücken

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadtgrenze 1945 zur Zonengrenze, denn Steinstücken kam als Bestandteil des damaligen Bezirks Zehlendorf zum US-Sektor, während das umgebende Babelsberg zur sowjetischen Zone kam. Die Grenze blieb jedoch zunächst für Zivilisten passierbar.

Am 18. Oktober 1951 versuchte die DDR, die Exklave zu annektieren, stieß dabei allerdings auf den Widerstand der Bewohner. Nach dem Einschreiten der USA machte sie diesen Akt nach wenigen Tagen rückgängig.[2] Seitdem wurde Steinstücken durch eine Postenreihe abgeriegelt, sodass die Steinstückener Einwohner die umgebenden Ortsteile Neubabelsberg, Babelsberg und Potsdam nicht mehr frei betreten durften. Der einzig verbliebene Zugang nach West-Berlin verlief nun über einen Waldweg und zwei Grenzübergänge nach Kohlhasenbrück. Am 1. Juni 1952 verbot die DDR allen West-Berlinern das Betreten der DDR mit Ausnahme Ost-Berlins und begann mit der Errichtung erster Straßensperren an der Berliner Außengrenze, so auch an den Grenzen Steinstückens.

Seit dem Bau der Berliner Mauer 1961 wurde Steinstücken zunächst das Ziel zahlreicher Fluchtwilliger aus der DDR, weil in diesem Bereich nur „Spanische Reiter“ das Hindernis bildeten. Als auch mehr als 20 Grenzsoldaten der DDR an dieser Stelle in den Westen flohen, ließ die DDR-Regierung die Exklave durch eine gesonderte Mauer abriegeln und machte damit auch hier die Grenze nahezu unüberwindlich.

Nach einem Besuch von Lucius D. Clay per Hubschrauber am 21. September 1961 wurde ein ständiger US-Militärposten in der Exklave eingerichtet. Die dort stationierten Soldaten wurden regelmäßig per Hubschrauber eingeflogen, wofür extra ein Landeplatz angelegt wurde. Ein Hubschrauber-Denkmal auf dem Spielplatz erinnert heute daran.

Weitere Grenzbefestigungen, die Steinstücken vom Ortsteil Wannsee abtrennten, folgten 1963.[3]

Korridorlösung[Bearbeiten]

Bernhard-Beyer-Straße (Korridor); Blick nach Norden: beidseitig die Mauer; nach links: zur Stahnsdorfer Straße über die Bahnbrücke; 1987

Im Rahmen des Viermächteabkommens vom 3. September 1971 kam eine Lösung für Steinstücken in Sicht. Das Abkommen sah vor, dass „die Probleme der kleinen Enklaven einschließlich Steinstückens […] durch Gebietsaustausch gelöst werden“. Da jede Änderung der Stadtgrenze den Viermächtestatus der geteilten Stadt berührte, war diese Vorabvereinbarung notwendig. Ein gesondertes Abkommen zwischen West-Berlin und der DDR vom 20. Dezember 1971 regelte die Details des Austauschs.[4] Demnach trat die DDR einen 20 Meter breiten und rund einen Kilometer langen Gebietsstreifen zwischen Steinstücken und Kohlhasenbrück an West-Berlin ab. Damit war Steinstücken keine Exklave mehr, sondern an das „Festland“ West-Berlin angeschlossen. Vor dem Vollzug des Gebietsaustauschs 1972 wurde (noch auf DDR-Gebiet) durch diesen Streifen eine asphaltierte Straße (Bernhard-Beyer-Straße) gebaut, 1972 dann die Buslinie 18 (heute: 118) bis in den Ort verlängert. Da die Grenze auf beiden Seiten dieser Straße verlief, war sie beidseitig von der Mauer umgeben. Seitdem endete das abgeschlossene Leben der Exklave, ein Besucherstrom von Tagesausflüglern und Touristen war die Folge.

Besondere Schwierigkeiten bei der neuen Grenzziehung ergaben sich während der Verhandlungen für den Zugang des westlichen Teils des von einem tiefen Einschnitt der von Wannsee nach Süden führenden Bahnlinie zweigeteilten Steinstückens. Die einzige Brücke über die Bahn liegt am Nordrand Steinstückens und gehörte zur DDR. Sie stieß östlich an den von der DDR abgetretenen Korridor, der parallel zur Bahn von Kohlhasenbrück (West-Berlin) nach Steinstücken führte. Die DDR lehnte eine komplette Gebietsübertragung für die Brücke ab, da die darunter liegenden Gleise der Deutschen Reichsbahn gehörten. Die Brücke und der darüber befindliche Luftraum kamen zusammen mit einem Stück der Stahnsdorfer Straße (bis zur Einmündung der Teltower Straße) auf der Westseite zu West-Berlin, der Luftraum unter der Brücke mit dem darunter liegenden Erdboden verblieb bei der DDR. Diese Grenzziehung von 1972 ist auch heute noch zwischen den Ländern Berlin und Brandenburg gültig, hat aber kaum Bedeutung. Da auf dem Eisenbahngebiet grundsätzlich die Bundespolizei zuständig ist, gibt es auch keine Komplikationen zwischen Berlin und Brandenburg in der Polizeizuständigkeit auf der und um die Brücke.

Die Korridorlösung änderte bis zum Mauerfall nichts an der Unerreichbarkeit der Grundstücke in der Steinstraße (Süd-Rand), der Rote-Kreuz-Straße (West-Rand) und dem westlichen Teil der Stahnsdorfer Straße (Nord-Rand) von diesen Straßen aus. Die Mauer stieß unmittelbar an die Grundstücksgrenzen. Auch die Bürgersteige gehörten zur DDR. Bis 1990 waren die südlichen Grundstücke nur über Wegerechte im Malergarten und die westlichen und nördlichen Grundstücke nur über die Teltower Straße erreichbar. Auf den privaten Grundstücken der Steinstraße gab es einen asphaltierten Notweg. Der Anfang und kleine Reste davon sind noch nahe der Einmündung der Bernhard-Beyer-Straße in die Steinstraße zu erkennen.

Exklaven in der Umgebung[Bearbeiten]

In der Umgebung von Steinstücken gab es zwei weitere West-Berliner Exklaven auf DDR-Gebiet. Die Wüste Mark wurde von einem West-Berliner Bauern bewirtschaftet und kam 1988 in einem Gebietsaustausch zur DDR.[5][6] In Potsdam-Drewitz gehörte ein 3,64 Hektar großes Gebiet im Winkel südlich der Nuthestraße und der Bahnstrecke zu West-Berlin. Das Gebiet war ungenutzt und wurde 1972 an die DDR abgetreten.[5][7] Im Rahmen dieses Gebietsaustausches erhielt Steinstücken den Korridor nach West-Berlin.

Mauerfall[Bearbeiten]

Die Lage Steinstückens heute – teilweise umschlossen vom Gebiet Potsdams

Nach dem Fall der Mauer wurden ab dem Frühjahr 1990[8] die Grenzanlagen abgebaut. Das Leben hat sich seitdem in der Ortslage wieder normalisiert und nach Potsdam-Drewitz und Potsdam-Babelsberg ausgerichtet. Der ungewöhnliche Grenzverlauf nach dem Stand des Gebietsaustauschs von 1972 ist bis heute unverändert, nun allerdings nur noch als Landesgrenze zwischen Berlin und Brandenburg.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Landhaus Bejach

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ingo Krüger: Steinstücken Neubabelsberg Spaziergänge. Pharus-Plan, Berlin 2009, ISBN 978-3-86514-165-1.
  • Gabriele Leech-Anspach: Insel vor der Insel – Ein kleiner Ort im kalten Krieg Berlin-Steinstücken. 1990. Neuauflage: 2005, ISBN 3-930752-36-0.
  • Honore M. Catudal, Jr.: Steinstücken: A Study in Cold War Politics. Mit einem Vorwort von Lucius D. Clay. Vantage, New York 1971.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gebietstausch vor 25 Jahren Lenné-Dreieck: Meine Ecke, deine Ecke. In: Der Tagesspiegel, 22. April 2014
  2. Manchmal flattert der rote Adler über Steinstücken. In: Berliner Zeitung, 4. Mai 1996
  3. Ein Attentat auf Steinstücken? In: Die Zeit, 31. Mai 1963
  4. Vereinbarung zwischen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und dem Senat über die Regelung der Frage von Enklaven durch Gebietsaustausch
  5. a b Hoffnung für Steinstücken. In: Die Zeit Nr. 45/1971
  6. Christian Simon: Berlin Grotesk. Die Mauer im Absurden Alltag einer Millionenstadt. Christian Simon Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-936242-14-0, S. 56
  7. Christian Simon: Berlin Grotesk. Die Mauer im Absurden Alltag einer Millionenstadt. Christian Simon Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-936242-14-0, S. 57–58
  8. Mauerbesichtigung in Steinstücken 1. Mai 1990

52.38916666666713.130833333333Koordinaten: 52° 23′ N, 13° 8′ O