Stephan Kohn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Stephan Kohn (* 1962) ist ein deutscher Politologe und Verwaltungswissenschaftler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stephan Kohn wurde 1962 geboren[1] und wuchs in Ahrensburg auf. Dort besuchte er das Abendgymnasium.

Weil Stephan Kohn, seine Freundin und drei seiner Brüder von seinem Stiefvater, einem lutherischen Pfarrer, sexuell missbraucht wurden, begann er sich ab 1985 gegen den Missbrauchstäter zu wehren, ging damit an die Öffentlichkeit und ließ die Geschichte 2010 von dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel veröffentlichen. Die Ahrensburger Opfer um Kohn gründeten nach 2010 eine Betroffeneninitiative und die Bischöfin Kirsten Fehrs ließ eine unabhängige Studie der Nordkirche erstellen, die 2014 in einem fast 500 Seiten starken Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis kam, dass der Ahrensburger Missbrauchsskandal um Kohns Stiefvater und dessen Co-Pfarrer kein Einzelfall gewesen ist, und weitere Missbrauchsfälle im kirchlichen Umfeld jahrelang vertuscht worden sind. Als Konsequenz des Missbrauchsfalls in Ahrensburg verabschiedete die Landessynode der Nordkirche in Travemünde ein Kirchengesetz zur Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt.[2][3] Die Bischöfin Maria Jepsen erklärte wegen dieses größten Missbrauchsskandals in der evangelischen Kirche ihren Rücktritt.[4][5][6][7][8]

Stephan Kohn ist verheiratet und hat drei Kinder.[9][10] Seit 1992 ist er Mitglied der SPD. Er gehört dem SPD-Ortsverein Lichtenrade-Marienfelde an.[11]

Beruflicher Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kohn studierte Politikwissenschaften und schloss das Studium mit dem Diplom ab.

Im Jahre 2004 kandidierte Kohn mit Unterstützung von Heide Simonis für das Amt des Bürgermeisters von Wedel, verlor allerdings mit 36,2 % gegen Niels Schmidt mit 50,1 %.[12][13]

Für den Kölner Fachverband Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement war er beteiligt an der Entwicklung des Neuen Steuerungsmodells für insbesondere die kommunale Verwaltung.[14]

Nachdem Martin Schulz im Februar 2018 als SPD-Parteivorsitzender zurückgetreten war, brachte sich Stephan Kohn als spontaner Kandidat für den SPD-Vorsitz ins Spiel und kritisierte Andrea Nahles scharf. Er schaffte es allerdings aus Mangel an Unterstützern nicht auf die Nominiertenliste.[15][16]

Kohn arbeitet als Oberregierungsrat für das Referat KM 4 des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat in der Abteilung Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz, das für den Schutz kritischer Infrastrukturen, wie Kraftwerke, Wasserwerke oder die medizinische Versorgung zuständig ist.[17] Im Mai 2020 wurde er vom Dienst freigestellt.

Bericht zum Corona-Krisenmanagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2020 sorgte ein von Kohn per E-Mail mit dem Betreff „Ergebnisse der internen Evaluation des Corona-Krisenmanagements“ an seinen Abteilungsleiter, an den Corona-Krisenstab, an das Kanzleramt und an alle deutschen Landesregierungen verschicktes Positionspapier für einen Skandal, nachdem es geleakt wurde.[18] Kohn hatte den angehängten 192-Seiten umfassenden Bericht „Coronakrise 2020 aus Sicht des Schutzes Kritischer Infrastrukturen“, worin er die Einschätzung der COVID-19-Pandemie und die Maßnahmen dagegen durch die Regierung scharf kritisiert, offenbar auf eigene Rechnung veröffentlicht, jedoch unter Verwendung der Insignien des BMI. Kohn wurde daraufhin suspendiert, sein Arbeitslaptop wurde konfisziert.[7][9] Seine wichtigsten drei Thesen hat Kohn in dem Dokument rot markiert und gefettet hervorgehoben: „Interne Analyse KM4 ergibt: gravierende Fehlleistungen des Krisenmanagements. Defizite im Regelungsrahmen. Coronakrise erweist sich wohl als Fehlalarm.“[18]

Das Innenministerium distanzierte sich von ihm und ein Sprecher warf ihm vor „weder einen Auftrag noch eine Autorisierung“ durch das Ministerium gehabt zu haben.[19] Das Ministerium bezeichnete Kohns Analyse als „kritische Privatmeinung“.[20] Unterstützung erhielt Kohn in einer Pressemitteilung von Ärzten und Wissenschaftlern, die ihn bei der Analyse beraten hatten[21] (u. a. Sucharit Bhakdi, Gunnar Heinsohn, Stefan Hockertz, Andreas Sönnichsen, Harald Walach[22]). Matthias Schrappe, emeritierter Professor für Innere Medizin und von 2007 bis 2011 stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung im Gesundheitswesen, konstatierte, dass „einige wenige Fakten“ in Kohns Analyse „durchaus zutreffend“ seien.[23]

Die Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann (CDU) hofft, dass Kohns Ideen ernsthaft geprüft werden, wirft Seehofer eine voreilige Ablehnung des Berichts vor und teilt die Grundprämisse des Papiers, wonach die Bedrohung durch das Coronavirus übertrieben wurde und meint, der Beamte Kohn habe nur seine Arbeit getan.[7]

Zum Fall Kohn will sich die SPD-Spitze nicht äußern. Eine Sprecherin der SPD betonte, dass „Verschwörungstheorien energisch entgegengetreten“ werde und dass sich die SPD von der „fälschlicherweise im Namen des Ministeriums verbreiteten Privatmeinung“ distanziere.[24]

Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm zu der Streitschrift Kohns Stellung und Innenminister Horst Seehofer gab bekannt, dass gegen Kohn ein Disziplinarverfahren geprüft werde.[25] In einer per Videokonferenz abgehaltenen Sitzung der Unionsabgeordneten wurde bekannt, dass gegen Stephan Kohn ein Disziplinarverfahren wegen unerlaubter Weitergabe von Informationen eingeleitet wurde.[26] Darüber hinaus erteilte ihm das Bundesinnenministerium ein Hausverbot.[27]

Einer Äußerung des Präsidenten der Bundesärztekammer Klaus Reinhardt zufolge, der in einem Focus-Bericht von Gabor Steingart zitiert wird, ist die Frage nach der Korrektheit der von Kohn genannten Zahlen und Zustände nicht beantwortbar, jedoch das „grundsätzliche Stellen“ der Frage nach den negativen Konsequenzen „angemessen“, da das im Namen der Maßnahmen Getane „erheblich“ sei.[28]

In einer von der AfD-Fraktion beantragten aktuellen Stunde im Bundestag wiesen die anderen Fraktionen die Bezeichnung Kohns als Whistleblower zurück.[29] Thorsten Frei von der CDU äußerte, dass Kohn „keinerlei Insiderkenntnisse“ besessen habe,[30] Christine Aschenberg-Dugnus von der FDP warf Kohn vor „basierend auf seinen eigenen Ideen ein neues Narrativ erstellt“ zu haben und kein Whistleblower, sondern ein „durchgeknallter Typ“ zu sein.[31] Armin-Paul Hampel von der AfD warf der Regierung mit Bezug auf Kohns Streitschrift vor, dass sie dem deutschen Volke seit Wochen „vorerzähle und vorlüge“ und forderte den Rücktritt von Horst Seehofer.[32] Doris Achelwilm von der Partei Die Linke betonte, dass es sich bei Kohn nicht um einen Whistleblower handle, da der Aufsatz kein Leak sei, nicht auf internen Quellen beruhe. Sie bezeichnet Kohn als  einen „Wichtigtuer“, der an „Verschwörungstheorien“ stricke.[33]

In einem Artikel in der Jüdischen Allgemeinen kritisiert Michael Wuliger Verschwörungstheorien zur COVID-19-Pandemie und erwähnt in diesem Zusammenhang Stephan Kohn als „angeblichen Whistleblower“, ohne inhaltlich auf dessen Analysebericht einzugehen. Er vermutet, dass bei Kohn wohl nicht mehr als der Name jüdisch sei, da er dies ansonsten publik gemacht hätte.[34]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Business TV – Potential und Perspektive für Kommunalverwaltungen, ISBN 3-89804-275-8, 1999.
  • Bürgerämter – eine Materialsammlung, ISBN 978-3-89804-274-1, 1999.
  • Coronakrise 2020 aus Sicht des Schutzes Kritischer Infrastrukturen., Version 2.0.1, 7. Mai 2020, PDF-Weblink.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jörg Frenzel: Aus Berlin als Bürgermeister nach Wedel?, Hamburger Abendblatt, 31. Oktober 2003.
  2. Evelyn Finger und Wolfgang Thielmann: Sexuelle Gewalt in der Kirche: Angst vor der Wahrheit. ZEIT-online 14. November 2018.
  3. Neues Missbrauchs-Präventionsgesetz: Kein Vertrauen in die Kirche. taz; Synode beschließt Präventionsgesetz. ndr.de 3. März 2018.
  4. Evangelische Kirche. Rücktritt einer . Juki Bischöfin: Ende der Stille. Tagesspiegel 17, Juli 2010.
  5. Missbrauchsskandal der ev. Kirche in Ahrensburg. NDR.de 10. Oktober 2010.
  6. Jürgen Dahlkamp, Ralf Hoppe: Die Küsse eines Hirten, in Spiegel, 12. Juli 2010.
  7. a b c Felix Bohr, Markus Feldenkirchen, Florian Gathmann, Julia Amalia Heyer, Valerie Höhne, Martin Knobbe, Dirk Kurbjuweit, Veit Medick, Ann-Katrin Müller, Christopher Piltz, Lydia Rosenfelder, Jonas Schaible, Christoph Schult, Christian Teevs, Severin Weiland, Wolf Wiedmann-Schmidt, Steffen Winter: Germany's Corona Divide Berlin Fears Populists Will Exploit Protest Movement, in: Spiegel, 15. Mai 2020.
  8. Evelyn Finger und Hanns-Bruno Kammertöns: Im Schutzraum des Schweigens: Jahrelang missbrauchte ein Pfarrer in Ahrensburg schutzbefohlene Jugendliche. Eine unheilige Allianz ließ ihn gewähren. Die Zeit 22. Juli 2010, S. 52.
  9. a b Stephan Kohn. Kandidierte für SPD-Vorsitz: Das ist der Autor des brisanten Corona-Papiers. focus.de 14. Mai 2020.
  10. Benjamin Reuter: Wie der angebliche Corona-Geheimreport im Innenministerium entstand, Tagesspiegel, 14. Mai 2020.
  11. Herzlichen Glückwunsch zur Wahl. SPD Lichtenrade – Marienfelde, 23. März 2018;..
  12. Jörg Frenzel: Wedel: Wenig Konkretes vom Bürgermeisterkandidaten, Hamburger Abendblatt, 8. Januar 2004.
  13. IV. Wahlen und politisches Leben: Wahlergebnisse. In: Informationen und Daten. Stadt Wedel, abgerufen am 7. Dezember 2018.
  14. Stephan Kohn, Referenten-Detailseite, protekt - konferenz für den schutz kritischer Infrastrukturen.
  15. Die Krönung hat geklappt – Das sagen ihre Gegner zur SPD-Chefin, watson.de, 22. April 2018.
  16. Stephan Kohn - Kandidierte für SPD-Vorsitz: Das ist der Autor des brisanten Corona-Papiers, Focus, 14. Mai 2020.
  17. Frank Lübberding: Krisenmanagement mit Bauchgefühl, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Mai 2020.
  18. a b Evelyn Finger und Holger Stark: Warum ein Beamter in der Corona-Krise den Aufstand wagt. Zeit-online 11. Mai 2020.
  19. Seehofer-Mitarbeiter nennt Virus „globalen Fehlalarm“ - Nun sind weitreichende Konsequenzen durchgesickert, Merkur, 13. Mai 2020.
  20. Hans-Jürgen Jakobs: Ewige oder gescheiterte Kanzlerin – Angela Merkel in den Parallelwelten, Handelsblatt, 14. Mai 2020.
  21. Julia Sextl: Mitarbeiter des BMI suspendiert Brisantes Corona-Papier: War das alles richtig so?, Abendzeitung, 13. Mai 2020.
  22. Gemeinsame Pressemitteilung der externen Experten des Corona-Papiers aus dem Bundesministerium des Innern, 11. Mai 2020.
  23. Antje Hildebrandt: Geleaktes Papier aus dem Bundesinnenministerium - „Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind nicht aussagekräftig“, Interview mit Matthias Schrappe in: Cicero, 14. Mai 2020.
  24. Georg Ismar, Benjamin Reuter: Autor des Corona-Papiers im BMI - So reagiert die SPD auf die Irrfahrt des Stephan Kohn, in: Tagesspiegel, 14. Mai 2020.
  25. Christoph Prantner: Corona-«Fehlalarm»: Eine ungefragt erstellte Analyse befeuert die Debatte über das deutsche Krisenmanagement, in: Neue Zürcher Zeitung, 14. Mai 2020.
  26. Seine Analysen enthalten brisante Details - Seehofer-Mitarbeiter nennt Virus „globalen Fehlalarm“, in: Merkur, Update 15. Mai 2020.
  27. Ricarda Breyton, Wiebke Hollersen, Manuel Bewarder: Das Referenten-Papier, das es nicht geben sollte, in: Die Welt, 16. Mai 2020.
  28. Gabor Steingart: BMI-Mitarbeiter kann man suspendieren, die unbequemen Fragen nicht, in: Focus, 14. Mai 2020.
  29. Fraktionen weisen AfD-Dar­stellung vom „Whistle­blower“ im BMI zurück, www.bundestag.de.
  30. Rede von Thorsten Frei, www.bundestag.de.
  31. Rede von Christine Aschenberg-Dugnus, www.bundestag.de.
  32. Rede von Armin-Paul Hampel, www.bundestag.de.
  33. Rede von Doris Achelwilm, www.bundestag.de.
  34. Michael Wuliger: Wie werde ich Verschwörungs-Jude?, in: Jüdische Allgemeine, 20. Mai 2020.